Biodiversität © Beatrix Mühlethaler

Von den vielfältigen Wiesen sind nur noch Restbestände übrig.

Die Politik schaut dem Artensterben untätig zu

Beatrix Mühlethaler / 21. Jul 2017 - Der Bund beklagt den Schwund der Biodiversität. Aber seinen Aktionsplan gegen das Artensterben lässt er in der Schublade.

Die Eidgenossenschaft ist Spitze im Monitoring: Vier Überwachungsprogramme erlauben es, den Niedergang natürlicher Lebensräume sowie ihrer Flora und Fauna zu erfassen. Der aktuellste Befund, veröffentlicht am 19. Juli, ist nicht wirklich neu, sondern schreibt frühere Feststellungen fort: «Zahlreiche einst verbreitete natürliche Lebensräume wie Trockenwiesen und Feuchtgebiete sind nur noch als Restflächen vorhanden. Ihre Fragmentierung und Isolierung erhöht das Risiko, dass von ihnen abhängige Arten aussterben.» Immer häufiger würden Pflanzen und Tiere, die keine besonderen Ansprüche stellen, an den Platz spezialisierter Arten treten und sich auf deren Kosten ausbreiten, klagt das federführende Bundesamt für Umwelt weiter. Typisch dafür ist der Löwenzahn, der auf Kosten der früher verbreiteten Magerwiesenpflanzen alle Wiesen im Mittelland erobert hat. Den Boden bereitet haben ihm die Bauern mit ihrem intensiven Düngeraustrag.

Einmal mehr lautet die Diagnose, die Natur stehe von allen Seiten unter Druck, insbesondere durch Siedlungsausweitung, Infrastrukturausbau und intensive Landwirtschaft. Dazu kommen invasive Arten aus aller Welt, Mikroverunreinigungen durch chemische Stoffe und ein sich wandelndes Klima.

Zustände beklagen, aber nichts ändern

Monitoring und Diagnose sind wichtig, wenden aber allein noch nichts zum Besseren. Doch wenn es dann ums Handeln ginge, steht die Schweiz nicht mehr an der Spitze, sondern am Schwanz. Wie verantwortungslos die schweizerische Politik mit ihren Naturschätzen umgeht, hat Infosperber im Februar dieses Jahres mit dem Beitrag «Die Natur steckt im Würgegriff der Ignoranten» dargestellt: Unter anderem verschleppt der Bund seit Jahren einen Aktionsplan, welcher der beschlossenen Biodiversitätsstrategie Taten zu Gunsten unserer Naturräume folgen lassen sollte.

Im Communiqué des Bundesamts für Umwelt heisst es zu diesem Punkt nur vage: «Als nächsten Schritt der Umsetzung der Biodiversitätsstrategie wird der Bundesrat voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte den Aktionsplan beraten und weitere Schritte beschliessen.» Voraussichtlich noch 2017; dabei hatte Bundesrätin Doris Leuthard diesen Aktionsplan auf 2014 versprochen! Dieses Jahr wäre ein Zwischenbericht fällig gewesen, wie weit man die Ziele der Biodiversitätsstrategie umgesetzt hat.

Diesen Zwischenbericht haben die Umweltorganisationen jetzt erstellt und zwei Tage vor dem Alarmruf des Bundes vorgelegt. Praktisch nichts sei geschehen, seit der Bundesrat vor fünf Jahren mit der «Strategie Biodiversität» klare Ziele verabschiedet habe, monieren Birdlife Schweiz, Pro Natura und WWF Schweiz. Von den 18 strategischen Zielen könne nur ein einziges bis 2020 möglicherweise erfüllt werden, nämlich im Bereich der Waldbewirtschaftung. Nur bei 14 der 120 Teilziele habe man genug getan, um sie zu erreichen, beispielsweise für die Naturverjüngung im Wald, für Ökoflächen in der Landwirtschaft und gegen invasive Arten.

Andere Länder schützen besser

Dieser Schlendrian versetzt die Schweiz im internationalen Vergleich in die Schlussränge. Viele andere Staaten haben mehr getan, um die internationale Konvention zur Förderung der Biodiversität umzusetzen, insbesondere was Schutzgebiete anbelangt. «Die Schweiz wird das einzige Land Europas sein, das bis 2020 das internationale Schutzgebietsziel der Biodiversitätskonvention nicht erreicht», melden die Umweltorganisationen. Die Schweiz zählt prozentual am wenigsten geschützte Areale. Besorgniserregend ist aber auch, dass deren Naturwert ständig sinkt. In 80 Prozent der Hochmoore und 30 Prozent der Flachmoore bestehe grosser Handlungsbedarf, schreiben die Umweltorganisationen.

Auch der Bundesrat weiss, was mit dem Verlust der Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten auf dem Spiel steht: Jedenfalls liess er die Öffentlichkeit im Februar 2015 wissen: «Dieser Rückgang gefährdet die Stabilität der Ökosysteme, die uns mit sauberem Wasser, Nahrung und zahlreichen weiteren überlebenswichtigen und wirtschaftlich zentralen Leistungen und Ressourcen versorgen und zudem Schutz vor Naturkatastrophen bieten.» Trotzdem hat er bisher lediglich einen kleinen Schritt getan, indem er 2016 die finanziellen Mittel für den Biotopschutz erhöhte. So bleibt das vorzügliche Monitoring wohl auch weiterhin eine Chronik des Niedergangs.

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9 Meinungen

Die Schweizer lieben die Landschaft, nicht die Natur. Eine schöne Landschaft muss grün sein, die Artenzusammensetzung ist den meisten Leuten egal.
PIerluigi Ballabeni, am 21. Juli 2017 um 12:01 Uhr
Genau, Hauptsache grün, es spielt keine Rolle, was damit gemeint ist. Eine überdüngte Fettwiese, völlig artenarm, genügt den meisten. Eben: weil grün. Gilt auch für die Nahumgebung vieler hochverdichteter neuer Quartiere: Rasensteppen, aber grün.
Henri Leuzinger, am 21. Juli 2017 um 13:50 Uhr
Ist das erstaunlich bei dieser Landwirtschaftspolitik? Was mir noch mehr Sorge bereitet ist die schleichende Vergiftung des Wassers. Nestle und die Mineralwasserhändler wird es freuen. Wo sind den jetzt die Grünen Parteien? Sie zählen wohl immer noch Parkplätze in der Stadt, statt sich mit der Umwelt zu befassen. Kein Grund zur Beunruhigung, der Bundesrat wird wieder gewählt werden und die Bauern werden wieder mehr Subventionen bekommen.
Bernhard Ramp, am 21. Juli 2017 um 14:39 Uhr
Es ist ja nicht nur der Bund. Auch die Kantone und Gemeinden, Landbesitzer, Landwirte, Gärtner und letztenendes wir alle sind aufgerufen, mehr auf die Biodiversität zu achten. Leider sind die Vorteile für die meisten Leute diffus und «Naturnähe» ausser vielleicht während den Ferien in den Bergen, widerspricht dem üblichen Geschmack nach «saubern» Oberflächen und Rändern, nach Ebenen und Geraden, nach homogen erscheinenden Baustoffen wie Stahl und Beton.

Ich streite mich gerade mit einer Gemeinde deswegen: der Siedlungsrand hat möglichst gerade zu sein, obwohl unregelmässige Ränder und naturnahe «Inseln» mehr Gelegenheit für Biodiversität im Kleinen bietet.

Am meisten beitragen können jedoch KonsumentInnen, die konsequent «bio» kaufen, und wenn's nicht hat, «IP», da beim letzteren weniger gegiftet wird, und beim Biolandbau, viel weniger.
Theo Schmidt, am 21. Juli 2017 um 15:52 Uhr
Bundesverfassung


Verfassung sollte man einhalten,
Auch wenn Intressen Meinung spalten,
Denn was in der Verfassung steht,
Über Privatintressen geht.

Doch was wir heute so erleben,
Ist nicht gemeinsames Bestreben.
Zuerst da kommen Interessen
Und die Verfassung geht vergessen.

An erster Stelle ernst genommen,
Da müsste Öko-Balance kommen
Und auch ans Wohl des Volks gedacht,
Statt Kursgewinne, dass es kracht.

Ja der Gewinn ist schlecht erworben;
Viel’ Arten sind schon ausgestorben.

Man kann es leider nicht verzeihen,
Parteien nur nach Wachstum schreien.
Wie könnte es denn nur gelingen,
Vom Wachstumswahn sie abzubringen?

Es ist bezüglich der Verfassung
Das Wichtigste in Unterlassung;
Denn ohne ’s Öko-Gleichgewicht
Ist stets Zusammenbruch in Sicht.

Markus Zimmermann-Scheifele
6047 Kastanienbaum, 29. 9. 2007
Markus Zimmermann, am 21. Juli 2017 um 16:07 Uhr
der Beitrag zu den Menschenrechten könnte genau so gut mit dem Artensterben verknüpft werden - zeigt sich das Vorgehen der vergangenen 25 Jahre genau gleich. Zudem sind es keineswegs »nur die Bauern« die ihren Beitrag dazu leisten. Solange im Handel Giftstoffe gekauft werden können, die, in Wahrheit auszubringen, verboten sind, zeigt sich die schizophrene Konstellation zwischen dem Schutz der privatwirtschaftlichen Interessen und die Notwendigkeit des Schutzes von Leben.

Es gleicht einer Paradoxie dem Endverbraucher die ganze Verantwortung zu überlassen, während die Privatwirtschaft mit dem Wunsch nach Freiwilligkeit hofiert wird. Wenn schon Experten Mühe bekunden die ganze Reihe ständig wachsender Giftstoffe zu analysieren, wie sollte denn bitte der normale Endverbraucher dies schaffen. So wird die Haltung der Entscheidungsträger unglaubwürdig und Selbige wundern sich, wenn die Haltung der Endverbraucher nicht wunschgemäss verläuft.

Der erste Kommentar bringt es wunderbar zum Ausdruck. Auch dafür sei gedankt, sowie für den Beitrag der den Nerv der Zeit gut trifft.
Barbara Vögeli, am 23. Juli 2017 um 09:41 Uhr
respektive der Kommentar mit der Bundesverfassung!
Barbara Vögeli, am 23. Juli 2017 um 09:42 Uhr
Es ist unsere Wachstumsgesellschaft mit ihrem ständigen Mehrverbrauch an Ressourcen aller Art (Energie, Rohstoffe, Kulturland, etc.), welche die Biodiversität in ihrem Fundament gefährdet. Was nützen Optimierungen in Teilbereichen, wenn bei Interessenabwägungen für grosse, für die Biodiversität relevante Entscheidungen (z. B. Personenfreizügigkeit, Bauzonenerweiterungen, Infrastrukturprojekte, Steuersystem) die Interessen der Biodiversität den wirtschaftlichen Interessen ständig unterliegen? Was nützen die Investitionen in ein stets feineres Monitoring zur Biodiversität, wenn wir von vornherein wissen, dass uns das Wirtschafts- und das Bevölkerungswachstum daran hindern, unsere Biodiversitätsziele zu erreichen? Wenn die Strategie „Biodiversität Schweiz“ nicht fundamental Einfluss nehmen kann auf unseren Ressourcenverbrauch, wird sie eine reine „Pflästerlipolitik“ bleiben wie die Raumplanungspolitik.
Alex Schneider, am 24. Juli 2017 um 06:19 Uhr
Es sind auch die Hobbygärtner und Liegenschaftsverwaltungen mitschuldig. Gegen jedes kleine Unkräutchen und jeden kleinen Schädling wird mit der Chemiekeule eingedroschen. Dröhnende Rasenmäher und Laubbläser halten den Bünzlirasen clean.
Früher hatte man noch öfter Schrebergärten vor dem Haus, wo man auch etwas ernten konnte. Heute importiert man Früchte & Gemüse aus Ländern mit tausenden km Entfernung während die Erde vor dem Haus ungenutzt bleibt und nur noch für «schön» ist. Und macht Rechnereien wegen CO2 und Klimaerwärmung während man die einfachsten Massnahmen übersieht.
Edgar Huber, am 24. Juli 2017 um 21:15 Uhr

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