Artenschutz hinter Gitter und Sicherheitsglas

Tobias Tscherrig © Tscherrig
Tobias Tscherrig / 22. Jul 2019 - Besuch im Basler Zoo: Menschen bestaunen seltene Tierarten, die sie durch ihr rücksichtsloses Verhalten beinahe ausgerottet haben.

Hitzewelle, die Sonne knallt vom Himmel, der Schweiss rinnt. Die Erwachsenen der Abenteuer-Gruppe wünschen sich ins kühle Wohnzimmer zurück, wo nicht nur die Temperaturen milder, sondern auch der Weg zu erfrischenden Getränken kürzer ist.

Alles Gestöhne und Gejammere hilft nichts: Wir haben es den Kindern versprochen. Nun sitzen wir in einem klimatisierten Zugabteil und sind auf dem Weg nach Basel. Zielort: der Zolli.

Ein typischer Tag im Leben von Eltern, die mit ihrem Nachwuchs während der Ferienzeit die Welt erkunden: Staunen in Kinderaugen zaubern, den Kleinen das Gefühl geben, Entdecker zu sein.

Die Gedanken der Erwachsenen drehen sich um Sonnencreme, Kopfbedeckungen, um den Wasseranteil im Körper ihrer Kinder. Und um die Klimaanlage, deren wohltuende Frische sie bald verlassen müssen. Den Kindern ist es egal. Sie tollen umher, sind in ihr Spiel vertieft. Seit einer der Knirpse herausgefunden hat, dass der Mensch vom Affen abstammt, sind sie nicht mehr zu halten. Sie klettern durch den Spielwaggon der SBB, springen, hüpfen und geben Grunzlaute von sich. Der Kontrolleur kontrolliert die Fahrscheine und rümpft die Nase.

Gönn dir was!

Der Eintrittspreis in den Zoo ist rasch bezahlt, die paar Franken kümmern niemanden. Es reicht sogar noch für ein Eis und diverse kalte Getränke, die ein bekannter Grosskonzern in einer seiner Fabrikhallen hergestellt hat. Immerhin gehören wir alle zu den reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung, da kann man sich gelegentlich etwas gönnen. Zwar gibt es Luft nach oben, niemand von uns ist Teil der 85 Menschen, die zusammen über denselben Reichtum verfügen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

Aber ich schweife ab. Schliesslich wollen wir den Zoo nicht kaufen, wir wollen ihn besuchen. Normale Erdenbürger auf Entdeckungsreise. Eine Mutter hat ihr Kind besonders lieb, sie kauft ihm zusätzlich ein Plüschtier, das vielleicht mit vielen anderen in einer Ecke verstauben wird.

Die übrigen Erwachsenen beruhigen ihre Kinder, die nun ebenfalls ihr Interesse an den Souvenirs geltend machen. Lautstark und eindringlich. Erst die Pinguine, die hinter einer Glasscheibe in Reih und Glied aufmarschieren, überzeugen die Knirpse davon, dass Tiere aus Fleisch und Blut interessanter als plüschige sind.

Wo die Welt noch in Ordnung ist

Der Rundgang durch den Zoo ist eindrücklich und unterhaltsam: ein Gepard, der sich in der Sonne räkelt; gähnende Löwen, die vor einem blutigen Ziegenfuss posieren; Seelöwen, die bei der Fütterung Kunststücke zeigen. Wildhunde reiben ihre Genitalien an einem Strauch; Affen flitzen durch Gehege und Gorillas pressen ihre beeindruckenden Handballen gegen Glasscheiben.

Die Kinder staunen, die Erwachsenen auch. Dann meldet sich irgendwann der Hunger, andere Tiere müssen her: Paniertes Schnitzel, Hamburgerfleisch und Grillwaren haben Hochkonjunktur, dazu gibt es Pommes frites und Gemüse. Kaffee und Kuchen zum Nachtisch, dann beginnt die Safari von Neuem.

Fische, Aale und Rochen schweben in Aquarien; Haie liegen auf kiesigem Untergrund; Schildkröten blicken teilnahmslos. Vögel aller Art zwitschern und flattern; Giraffen recken ihre Hälse. Sie haben Nachwuchs bekommen, so wie auch die Kudus. Deshalb sollten die Besucherinnen und Besucher eigentlich leise sein. Funktioniert nicht, die entsprechenden Schilder werden gekonnt ignoriert. Der Kunde ist schliesslich König.

Nur der doofe Bär lässt sich nicht blicken. Aber was solls, Wildtiere sind wild, sie halten sich auch in freier Wildbahn nicht an die Gesetze der Menschen. Besser klappt es mit den Elefanten und den Flusspferden: Die sind ziemlich imposant und können sich deswegen auch nicht verstecken. Im Übrigen reicht es, wenn sie einfach dastehen, so interessant sind sie.

So geht es weiter und weiter. Die Kinder werden nicht müde, ihre kleinen Stupsnasen an Glasscheiben plattzudrücken und ihre Händchen zwischen Gitterstäbe zu stecken. Die Erwachsenen trotten brav hinterher und ergeben sich in ihr Schicksal. So geht das stundenlang. Tierart um Tierart präsentieren sich neugierigen Augen, die Wunder der Natur im Kombiangebot.

Warum die Welt nicht in Ordnung ist

Einzig die Hinweisplaketten, die an jedem Gehege, Aquarium oder Käfig angebracht wurden, um die Besucher über Eigenart und Besonderheit der Tiere zu informieren, trüben den Bummel durch die Vielfalt der Tierwelt.

Ein Auszug: «Wildtierbestand lokal gefährdet»; «Wildtierbestand durch Lebensraumzerstörung und Jagd bedroht»; «Wildtierbestand durch Zerstörung des Regenwalds stark bedroht»; «Wildtierbestand durch Lebensraumzerstörung und Wilderei stark bedroht»; «Wildtierbestand stark bedroht, lebt nur noch in kleinen Reservaten»; «Wildtierbestand durch Jagd und Lebensraumverlust bedroht»; «Wildtierbestand infolge Lebensraumzerstörung gefährdet»; «Wildtierbestand stark gefährdet».

«Wildtierbestand durch Veränderung des Lebensraumes gefährdet»; «Lebt nur noch in Schutzgebieten»; «Wildtierbestand weltweit geschützt, vom Aussterben bedroht»; «Wildtierbestand unbekannt, Wildtiere in Westeuropa bis auf Restbestände ausgerottet»; «Bestand steht kurz vor akuter Gefährdung durch Zerstörung der Lebensräume»; «Durch Biotopzerstörung gefährdet»; «Wildtierbestand stark bedroht, ca. 3200 Tiere. Ihr Vorkommen ist auf Reservate beschränkt»; «Nahrungsgrundlage durch Umweltgifte bedroht»; «Wildtierbestand durch Jagd und Fang bedroht bis stark bedroht».

Auf den Plaketten sind jeweils die Feinde der bedrohten Tierarten angegeben. Neben ihren natürlichen Feinden steht da jeweils: «Mensch»; «Mensch»; «Mensch»; «Mensch» ...

«Warum ist das so?»

Die meisten dieser Menschen, die Hauptverursacher des Artensterbens, laufen achtlos an den Plaketten vorbei. Einige Kinder aus unserer Gruppe können lesen. Und sie fragen nach. Sie wollen wissen, weshalb der Mensch so böse ist. Warum er die Tiere sterben lässt und ob es auf der Welt bald keine Tiere mehr gibt. Ein Vater antwortet: «Macht euch keine Sorgen, so schlimm ist das nicht. Es ist logisch, dass im Zoo nur bedrohte Tierarten gezeigt werden.»

Später nehme ich ihn zur Seite und erzählte ihm von der einen Million Tierarten, die aktuell vom Aussterben bedroht sind. Und warum die menschliche Zivilisation, also der Mensch, schuld daran ist. Von den drei Vierteln aller Landflächen und den zwei Dritteln der Ozeane, die bereits entscheidend durch den Menschen verändert wurden. Von der rücksichtslosen Ausbeutung von Tieren und Natur. Von industrieller Landwirtschaft, industriellem Fischfang und dem grossflächigen Anbau von Monokulturen.

Vom massenhaften Gebrauch von Pestiziden. Von den invasiven Arten, die, vom Menschen verbreitet, einheimische Tier- und Pflanzenarten bedrohen. Von der Umweltverschmutzung und dem menschengemachten Klimawandel. Und dass der Rückgang der Biodiversität irgendwann auch die Menschheit bedrohen wird. Eine Tatsache, die die Menschen in den ärmeren Regionen der Welt bereits heute zu spüren bekommen.

Er zuckt mit den Schultern und sieht dabei ein bisschen aus wie der Bison im Gehege hinter ihm, der stoisch auf einem Grashalm kaut, sich umdreht und den Zuschauern sein haariges Hinterteil präsentiert.

Vielleicht steht irgendwann eine Vitrine im Zoo Basel: «Homo sapiens, lateinisch für 'vernünftiger Mensch'. Ausgestorben. Natürliche Feinde: Homo sapiens.» Die Frage ist, ob noch jemand da sein wird, der sich diese Vitrine ansieht.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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Während der Lektüre dieses Artikels kam mir dieser Film in den Sinn: MAMMOTH von Grant Slater https://vimeo.com/207624364

In der abgelegenen russischen Arktis versuchen der alternder Wissenschaftler Sergey Zimov und sein Sohn, die Eiszeit nachzubilden. Sie nennen ihr Experiment Pleistozänpark - ein perfektes Zuhause für Wollmammuts, die durch moderne Genetik wiederbelebt wurden. Aber die Mammuts sind nur ein Mittel zu einem größeren Zweck: die Entschärfung einer im Permafrost eingefrorenen Kohlenstoff-Zeitbombe, um die Auswirkungen der globalen Erwärmung zu verlangsamen.
Christoph Heinen, am 30. Juli 2019 um 13:38 Uhr

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