Reproduktionsmedizin © www.web.de/dpa/Bildfunk

Anlass zum breiten Nachdenken beim Thema «Kindermachen»

Weshalb Journalisten ihre Jobs verlieren

Regula Stämpfli / 21. Apr 2015 - Empörung über eine 65-Jährige, die Vierlinge erwartet. Aber keine Grundsatzkritik an der Kommerzialisierung von Menschenfleisch.

Red. Regula Stämpfli ist Doktorin der Geschichte, Philosophin, Politologin, Autorin und Dozentin.

Die öffentliche Empörung ist gross: Eine 65-Jährige ist schwanger. Sie ist mit Vierlingen «gesegnet» und will sie alle auch austragen. Die Mutter von 13 Kindern im Alter von 9-44 Jahren ist «guter Hoffnung». Klischees dominieren die Medienberichte, die Talkshows sowieso, und da sind Journalisten dann erstaunt, weshalb sie sich vielleicht bald für einen Job bei Uber bewerben müssen?

Meldung, Expertenmeinung, Schlagzeile. So funktionieren Medienhypes. Voraussetzung dabei ist, dass die Meldung mit irgendwelchen körperlichen Funktionen des Menschen zu tun hat (Sex, Essen, Kotzen, Scheissen), allenfalls eine Kontroverse beinhaltet («hat sie wirklich Schlampe geschrieben?») und es einen Experten («die neue Mitte ist sehr ausgewogen») gibt, der sich nicht schämt, auf falsche Fragen Idiotisches ins Mikrofon zu rülpsen. Die Schlagzeilen sind dann noch das Lustigste dabei: Hier zolle ich allen Kollegen hohe Anerkennung. Das können sie wirklich: Komplexe Sachverhalte total zu reduzieren.

Woher stammen eigentlich die menschlichen Fleischanteile?

Weshalb dieser grosse Ärger über die Berichterstattung zu einer 65-jährigen Schwangeren? «Selbst Forpflanzungsmediziner nennen dies eine absolute Katastrophe», diese Schwangerschaft sei ein «Experiment am Leben». «Kann man einer so alten und alleinerziehenden Frau überhaupt noch erlauben, vier Kinder aufzuziehen?» Zudem: «Hätte sie deutsche Gesetze nicht mehrfach überschritten, dann wäre sie gar nie schwanger geworden.» Und und und.

Klischees, Makulatur, Null-Dialoggehalt. Dabei wäre die 65-jährige Schwangere ein guter Anlass, mal über Wochen hinweg bezüglich Menschenfleischmarkt national und global zu recherchieren. Woher stammen eigentlich die menschlichen Fleischanteile (Ei, Samen, Leih-Gebärmütter etc.) und weshalb diese erstaunlichen geografischen Muster? Welches sind die entscheidenden Akteure in der Reproduktionstechnologie (Ärzte, Forschungsfonds, Pharmalobby etc.) Wie hängen Fortschritte in der Veterinärmedizin mit der Humanbiologie zusammen? Gibt es Ähnlichkeiten in der Industrialisierung von Tieren mit derjenigen der Menschen? Hier würden die Berichte über die Biologie hinaus in die Politik und auf bestehende Machtverhältnisse verweisen.

Es gibt kaum Statistiken, kaum Forschungsberichte, kaum internationale Dialoge über den «Menschen auf Bestellung»®. Es gibt keinen einzigen Journalisten, der im Zusammenhang mit der 65-Jährigen beispielsweise auf die seit über 34 Jahren fortschreitende Kommerzialisierung von Menschenfleisch hinweisen und recherchieren würde. Es gibt weltweit über 5 Millionen Retortenbabies, aber kaum Studien, wie sich diese psychisch, physisch und sonstwie entwickeln. Was bedeutet es für die Demokratie, wenn allein schon in der Herstellung künftiger Bürger und Bürgerinnen zwar ab und an noch mit Liebe, aber vor allem mit Chemie&Finanzen geplant wird?

Nachdenken übers «Kindermachen» in der medialen Schnellfutterfabrik

Fragen, Debatten, Grundpositionen, die alle nach grossen Recherchen und öffentlichen Dialogen rufen. Es gäbe genügend kluge Menschen, die man so zusammenführen könnte, die weiter denken als das, was sich die staatlichen Forschungsfonds unter dem enormen Druck der biomedizinischen Lobby, der «Fachjournalisten», der Bioethiker bei «Fachkonferenzen» leisten. Aber nichts passiert. Die wenigen Kommentatorinnen, die zum Thema «Kinder machen» mehr Gedanken wagen als nur bis zum Alter oder über die geschlechtliche Zusammensetzung von Eltern, werden marginalisiert, teilweise von der betreffenden Industrie massiv unter Druck gesetzt. Sie werden gerne auch von links, vernünftig und aufklärerisch, als «Fortschrittsfeinde» mundtot gemacht oder in der religiösen Ecke entsorgt.

Also: Die deutsche 65-jährige Vierlingsschwangere böte Anlass zum breiten Nachdenken im Thema «Kindermachen». Das Zeitungsabonnement würde sich dann auch lohnen, wenn – ähnlich wie bei Swissleaks oder Luxemburgleaks – über Wochen und Tage hinweg ein Thema besser recherchiert würde. Von den mit öffentlich-rechtlichen Geldern finanzierten Medien ganz zu schweigen.

Dies wird aber kaum passieren. Zu sehr ist der gegenwärtige Journalismus in Tagesaktualität, in kommerziellem Druck, in einer Schnellfutterfabrik gefangen. Was uns zum Ausgangsthema bringt, weshalb Journalisten sich mehr und mehr in prekären Anstellungsverhältnissen befinden. Die Fülle an spannenden Themen wäre da. Es ist mir unverständlich, weshalb sie aber selbst unter noch existierenden guten Recherchebedingungen meist in einer völligen Leere enden.

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Dieser Text ist am 16. April 2015 auf news.ch erschienen.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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5 Meinungen

Im Prinzip soll jeder Mensch entscheiden dürfen, was für ihn gut ist. Wenn er dazu fremde Hilfe benötigt, sollen diejenigen, welche diese Hilfe trotz hohem gesellschaftlichem Risiko zur Verfügung stellen, das Risiko voll mittragen. Wer mit seinem Verhalten wissentlich ein hohes Schadenrisiko eingeht, soll auch dafür aufkommen!
Jürg Schiffer, am 21. April 2015 um 11:54 Uhr
Ich gratuliere Ihnen zu diesem Artikel! Die Frage bleibt, warum genau es auch scheinbar die Masse nicht (mehr) interessiert, fundierte Recherchen zu erhalten. Alles muss schnell sein, der Imbiss, die News-Häppchen, die Echtzeitberichterstattung (von den Toten im Mittelmeer). Eigentlich ist das doch eine Weiterentwicklung eines Voyeurismus. Nur warum? Was fehlt uns denn, dass wir Fastfood - kulinarisch wie intelektuell - suchen, nicht aber Wahrheit, Hintergrund, Ethik? Das würde ich gerne besser verstehen.
Silva Keberle, am 21. April 2015 um 12:02 Uhr
@Schiffer,
verstehe ich Sie richtig? - «jeder soll entscheiden dürfen, was für ihn gut ist» - dies beinhaltet auch das Gutheissen der Entscheidung von Kriminellen, andere zu schädigen oder aus dem Weg zu schaffen....»...wenn es dem Subjekt gut tut».
Wenn es der obersten Mafia gut tut, einen Krieg anzuzetteln, beispielsweise einen gegen den Terrorismus, dann sollen die Leute auch drei Wolkenkratzer sprengen dürfen. Ich hoffe, Sie meinen in ihrem «Prinzip» nicht das, was Sie geschrieben haben.
Bei allem was wir tun oder lassen sind auch andere Mitglieder der Menschen-Familie betroffen.
Urs Lachenmeier, am 21. April 2015 um 14:38 Uhr
@Lachenmeier
Verstümmeln Sie für Ihre Kritik nicht meinen ersten Satz und lesen Sie den ganzen Beitrag im Zusammenhang mit dem Thema des Artikels. Im vorliegenden Fall die Ärzte, in Ihrer grosszügigen Verallgemeinerung des Themas auch die Waffen- oder Sprengstoffhersteller, bei krummen Geschäften auch die Banken etc. sollen mitverantwortlich sein und für Schäden aufkommen.
Jürg Schiffer, am 22. April 2015 um 11:44 Uhr
@Schiffer
Ich habe Ihren ganzen Beitrag gelesen, wörtlich genommen und darüber nachgedacht. Den Versuch wörtlich exakt zu interpretieren können Sie vielleicht als pedantisch bezeichnen, aber bitte nicht mit «verstümmeln» umschreiben.
In andern Worten dieselbe Kritik, auf dass Sie diese möglicherweise annehmen können:
Wenn Sie tatsächlich vertreten, jeder solle (nur) zu seinem Vorteil entscheiden dürfen, dann lassen Sie - mindesten in dieser Formulierung - die mitbetroffenen Menschen ausser Acht.
Ich hoffe, dies sei nur ein Formulierungsfehler und nicht etwa fehlende Empathie.
Urs Lachenmeier, am 22. April 2015 um 13:49 Uhr

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