Magersucht Models Gender © vitreOus (Lizenz: CC BY-NC-SA-3.0)

Bulimie: Das «tägliche Brot» als perfekter Handlungsort zur Bestrafung des eigenen Körpers

Die Macht der Magermodels

Regula Stämpfli / 15. Apr 2015 - In Frankreich soll das «Werben mit magersüchtigen Models strafbar werden» («Spiegel»). Aber rettet das die Menschen vor der Mode?

Red. Regula Stämpfli ist Doktorin der Geschichte, Philosophin, Politologin, Autorin und Dozentin.

«Um eine schöne Frau zu sein, muss man nicht quasi verschwinden» meinte Oliver Véran (französischer Abgeordneter, Rapporteur zur Gesundheitsreform, PS) erstaunlich dramatisch. Er ahnte keineswegs, wie falsch er lag. Denn: Um schön zu sein, müssen Menschen grundsätzlich als Menschen verschwinden. Als Sozialist setzte Oliver Véran statt auf grundlegende Änderungen auf lächerliche materielle Vorschläge, um die epidemischen Essstörungen im Westen zu bekämpfen.

Bussen und Gefängnis gegen «falschen» BMI

Deshalb stimmte das französische Abgeordnetenhaus denn auch einem Gesetz zu, das in Italien und Spanien schon nichts genützt hat: Magermodels sollen verboten werden, respektive den Modehäusern, die solche anstellen, drohen bei «falschem BMI» Geld- und Gefängnisstrafen. Auch wenn das Gesetz, das übrigens zuerst noch vom französischen Senat genehmigt werden muss, angenommen werden sollte; die Wirkung wird gering sein. Denn die Blaupause für extreme Ideale harmonisiert perfekt mit den Idealen und Menschenbildern in unserer Gesellschaft. Hätten Italien, Spanien und Frankreich es wirklich ernst gemeint mit den Magermodels, so müssten sie lediglich das Mindestalter für Models auf 21 oder 25 Jahre heraufsetzen...et voilà.

Essstörungen sind lebensbedrohliche Krankheitsformen, deren Ursachen vielfältig sind, aber immer in die Richtung des herrschenden Frauen- und Menschenbildes deuten. Wer Essstörungen mit dem Körper bekämpfen will, verordnet auch dem Papst beim Thema «Kindsmissbrauch in der katholischen Kirche» ein paar Vaterunser. Scham, Selbsthass, Körperekel sind nicht Ausdruck fehlender Kilos, sondern Manifestationen gesellschaftlicher und individueller Disziplinierungsstrategien.

Ordnung, Disziplin, Härte gegen sich selber, Fleiss, Selbstkontrolle sind «Tugenden», die unsere Gesellschaft vordergründig mit Erfolg belohnt. Wer sich ständig anpasst und keine Fehler – und als Frau schon gar keine Lust, es sei denn wohleinstudierte – erlaubt, steht unter gewaltigem inneren Druck. Je grösser dieser wird, umso einfacher der Rückgriff auf Überlebensmuster. Das «tägliche Brot» eignet sich unter solchen Umständen perfekt zum Handlungsort. Entscheidend ist die Bestrafung des eigenen Körpers und damit des eigenen Ausdrucks, des eigenen Seins.

Der optimierte Mensch

Schon in den 1970er Jahren beschrieb John Murray Cuddihy mit «Tortur der Zivilisation» (Ordeal of Civility: Freud, Marx, Levi-Strauss and the Jewish struggle with Modernity, N.y. 1974) was die protestantische Ethik, die kapitalistische Wirtschaftsform mit Massstäben in Menschen anrichtet, deren innere Natur völlig fremd auf dieses Joch der Unterdrückung reagiert. Die Moderne ist gekennzeichnet durch Kontrolle, Optimierung, einen Code der höflichen Nicht-Einmischung und der Verpflichtung zur Nicht-Emotionalität. Was folgt daraus? Unpersönlich sollen die Menschen sein. Empfinden Menschen Scham, dann sind sie selber schuld. Fühlen sie sich fremd, dann können sie sich einfach nicht benehmen.

Was heutzutage an Weiblichkeitsvorstellungen und an Frauenbildern zur identitätsstiftenden Wirklichkeit zur Auswahl steht, hat mit «Frau-Sein» nichts mehr zu tun. Im Westen herrschen die Kleiderbügel-Mädchen, die gesichtslosen Botoxfrauen ab 30, deren Eier irgendwo in einem Kühllager verstaut sind. In sogenannten Entwicklungsländern sind Frauen Abfallware, Leihmütter, Textilsklavinnen oder werden für den Porno- und Prostitutionsmarkt «freigegeben». Das ist das herrschende Mimikry der Zeit – und nicht falsche BMI-Angaben!

Früher normierten Könige, Fürsten und Tyrannen die Gesellschaft bis auf Essens-, Sex- und Kleidungsvorschriften. Heutzutage sitzen diese im eigenen Körper. Als ich mit «Lieber ich als perfekt» einen kleinen Schritt zur Lockerung und gegen die totalitäre Anpassung gerade im deutschsprachigen Raum propagierte, schlugen mir teilweise Aggressionen entgegen, von denen ich mich bis heute erhole. Offensichtlich will kein Mensch unperfekt sein. Früher galten Wilde als unzivilisiert. Die neuen Wilden sind heutzutage die Dicken, die Nicht-Kontrollierten, die Weichen, kurz, die, die einen an die eigene Schwäche, die Menschsein auf vielen Ebenen mit sich bringt, erinnern.

Wer dem Ideal nicht entspricht, wird entsorgt

So ist der böse Wunsch, dass sich die Welt der unerfreulichen Menschen, die Schwäche zeigen, irgendwie «entsorgen» sollte, überall schon spürbar...nicht zuletzt an den Universitäten und in den Chefredaktionen grosser Medienunternehmen.

Entweder wir verzichten nun endlich auf diese krankhaft peniblen Vorstellungen von Ordnung, Zwang, Fleiss, Disziplin, Kontrolle, Distanz, Sicherheit, Planbarkeit oder wir landen in einer Welt, die sich früher oder später aller Menschen, die nicht den Idealen entsprechend «zivilisiert» und angepasst funktionieren, entledigt. Und um zum Schluss nur noch schnell auf Frankreich zurückzukommen: Einmal mehr haben die französischen Sozialisten die historische Chance verpasst, wirklich etwas an Herrschaft und Wirtschaftsform zu verändern.

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Dieser Text ist am 8. April 2015 auf «news.ch» erschienen.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Models in Frankreich: 55 Kilo bei 1.75 Meter – mindestens («Spiegel»)

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4 Meinungen

Dieser Beitrag von R. Stämpfli scheint mir trotz scharfer Konturierung frei zu sein von feministischen Übertreibungen und auf der Höhe ihrer analytischen Begabung jenseits kommentatorischer Effekthascherei. Da die katholische Kirche sowie Königshöfe und Potentaten als frühere Massstab-Diktate erwähnt sind, erlaube ich mir eine kulturhistorische Präzisierung, näher ausgeführt in meinen 3 Essays im Katalog der laufenden Ausstellung «Mystik am Bodensee» in Überlingen. Die Exzesse freiwilligen Hungerns im Mittelalter wurden nicht zum Beispiel von Päpsten u. Prälaten befohlen, sondern von den bedeutendsten damaligen Mystikerinnen freiwillig praktiziert, jedoch mit klarer Absicht der Erzeugung von Aufmerksamkeit. Mystikerinnen wie Katharina Benincasa von Siena und Elisabeth Achler von Waldsee sowie noch andere wollten mit totalem Nahrungsentzug, oft verbunden mit Schlafentzug, Einfluss auf den Papst bzw. die Konstanzer Papstwahl gewinnen. Elisabeth Achler, die gute Beth, hungerte nicht nur zur Zeit des Konstanzer Konzils, man sagte, sie schlafe nicht und sie war Katharina duch Wundmale ausgezeichnet. Das Phänomen extremen Fastens als Signal der Vollkommenheit war in mittelalterlichen Klöstern verbreitet. Für Frauen eine Möglichkeit der Demonstration göttlicher Erwählung, was dann doch einigen Einfluss, sozusagen «Mitsprache», bei der Männerwelt ermöglichte. Im Unterschied zum Fasten der Models war mit dieser extremen Existenz noch eine politische Absicht der Frauen mitverbunden.
Pirmin Meier, am 15. April 2015 um 12:43 Uhr
Korr. Es muss heissen: Sie war w i e Katharina von Siena nebst dem Nahrungsentzug auch noch durch Wundmale ausgezeichnet.
Pirmin Meier, am 15. April 2015 um 12:46 Uhr
Lieber Pirmin Meier,

Ich denke doch, dass Mystik im Mittelalter generell DAS ideologische Feld war, das auch Frauen offen stand - inklusive «Führungsfunktionen». Dazu Gründung (Stifterinnen) und Betrieb von Frauenklöstern. Dafür musste man sich nicht notwendigerweise aushungern. Oder? Natürlich respektiere ich «Hungerstreiks» wenn politisch nichts anderes half.

MfG
Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 16. April 2015 um 09:50 Uhr
Lieber Werner T. Meyer. Es gab bedeutende Mystikerinnen, wie etwa Margarethe Ebner, die leider völlig einflusslos blieben, wenngleich in Sachen Aufzeichnungen faszinierend. Um Einfluss zu gewinnen, mussten Zeichen göttlicher Erwählung vorhanden sein, bei Katharina von Siena, die sich übrigens auch kirchenkritisch geäussert und die Korruption sehr breit anprangerte, gehörten nun mal die Wundmale Jesu (nach Vorbild von Franz von Assisi) und das Wunderfasten als Zeichen göttlicher Erwählung dazu. Sonst wäre sie nur eines von 17 Kindern eines Färbers von Siena gewesen. Bei ihren Aufzeichnungen schwitzte sie auch Blut, was ebenfalls vom Analphabeten Muhammand überliefert ist. Katharina lernte immerhin mit der Zeit noch lesen und schreiben, was Muhammad und Klaus von Flüe als in ihrem Kreis hochanerkannte Männer nicht nötig hatten. Wie auch immer, für die Erwählung und damit für Respekt bei der Männerwelt brauchte es gewisse Zeichen, die glaubwürdig zu vermitteln waren. Auch Jeanne d'Arc war auf Zeichen göttlicher Erwählung, sogenannten Stimmen usw., angewiesen, wobei gerade bei dieser mystischen Frau die Interpretation Hexe oder Heilige völlig offen war. Eine Frage der Perspektive, wobei immerhin auch Hexen Macht zugetraut wurde. Die Meinung, dass der Mensch das Klima bzw. das Wetter beeinflusse, ist eine Errungenschaft der Hexenprozesse.


herzlich Ihr Pirmin Meier
Pirmin Meier, am 16. April 2015 um 11:38 Uhr

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