Glücklich geschieden und stolz darauf!

Gret Haller © Andreas Zimmermann
Gret Haller / 27. Feb 2012 - Der Zivilstand «geschieden» könnte bald passé sein. Eine entsprechende Interpellation stösst beim Bundesrat auf offene Türen.

Red. Nationalrat Antonio Hodgers, 36, Fraktionschef der Grünen, schlägt in einer Interpellation vor, dass der Status «geschieden» durch den Status «ledig» ersetzt wird. Geschiedene würden sich manchmal fragen, ob ihr Status ihnen Nachteile bringt, wenn sie sich für eine Wohnung bewerben oder einen Versicherungsantrag stellen. Bisher gibt es die Zivilstände verheiratet (44 Prozent der Erwachsenen), ledig (43), geschieden (8) oder verwitwet (5). Die rund 600'000 geschiedenen Personen leben allein, im Konkubinat, haben Kinder oder keine Kinder. Letzte Woche hat der Bundesrat Hodgers geantwortet, er erkenne «Handlungsbedarf» und werde eine «Anpassung der aktuellen Zivilstandsbezeichnungen überprüfen».

Jetzt werden Stimmen der Geschiedenen laut, die gegen eine Abschaffung des «Geschiedenen»-Standes protestieren. Unter ihnen Gret Haller, 64. Sie war sieben Jahre Jahre lang Scheidungsanwältin, hat sich als Nationalrätin für eine vom Zivilstand unabhängige AHV eingesetzt und sich in den letzten fünf Jahren an der Goethe-Universität in Frankfurt mit Rechtsphilosophie beschäftigt. Im Sommer erscheint ihr neues Buch «Menschenrechte ohne Demokratie?».

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Man traute den eigenen Augen und Ohren nicht: Über Tagespresse und Radio erfuhr man, der Bundesrat äussere sich positiv zu einem Vorschlag aus dem Parlament, geschiedene Personen seinen künftig als «ledig» zu bezeichnen. Hat sich der Bundesrat damit der Meinung angeschlossen, man müsse sich für den Zivilstand «geschieden» künftig schämen?

Da haben nun also emanzipatorisch gesinnte Leute über Jahrzehnte für ein passables Scheidungsrecht gekämpft - auch wenn der Vatikan immer noch seine liebe Mühe hat damit. Dann kämpfte eine ganze Generation von Frauen und emanzipatorisch gesinnten Männern mit Erfolg gegen zivilstandsbedingte Benachteiligungen in der Sozialversicherung. Im Steuerrecht ist die Frage auch heute noch nicht befriedigend gelöst. Aber etwas Wichtiges ist durch all diese Auseinandersetzungen erreicht worden: Niemand mehr gilt aufgrund seines Zivilstandes als minderwertig, eine grosse Errungenschaft punkto Menschenwürde. Offenbar schlägt das Pendel nun um Jahrzehnte zurück. Und offenbar kann man einen solchen Rückschlag auch durch eine zu wenig durchdachte Interpellation im Parlament herbeireden.

Einen solchen Vorschlag würde man vom Lager der Konservativen erwarten

Alle die genannten Neuerungen mussten gegen den harten Widerstand jener Konservativen durchgesetzt werden, welche ihre Vorstellungen von «gut, schlecht und böse» aufrechterhalten wollten: Ledig bleiben sei nicht so gut, Heiraten sei gut, Verwitwen sei traurig, aber Scheiden, das sei abgrundtief schlecht, wenn nicht gar böse. Käme der Vorstoss aus dem Lager der Konservativen, so wäre man mit diesen Grundlagen vertraut. Nun aber scheint das Ansinnen seinen Ursprung im Reich mangelnder Grundlagenkenntnis und historischer Uninformiertheit zu haben.

Wie lange ging es doch, bis endlich das «Fräulein» verschwand, der diskriminierende Diminutiv als Bezeichnung für jene vermeintlich unerwachsenen oder «halben» Frauen, von denen erwartet wurde, dass sie verzweifelt den Weg vor den Traualtar der Zivilstandsbeamten suchen sollten. Noch ist der Begriff nicht ganz verschwunden, da werden flugs 300’000 neue Fräuleins produziert: Der Interpellant hat nämlich vorgerechnet, dass es 600’000 Geschiedene gebe, die er zu «Ledigen» machen will - notabene mindestens die Hälfte davon Frauen. Der Vergleich soll lediglich sinngemäss aufzeigen, wes Geistes Kind das Vorhaben letztlich ist, auch wenn der Interpellant dies möglicherweise gar nicht realisiert hat.

Persönliche Identität und Würde

«Geschieden Sein» kann einen wichtigen Bestandteil der persönlichen Identität ausmachen, vor allem wenn eine Scheidung mit emanzipatorischen Schritten verbunden war, was oft unvermeidlich ist. Eine solche Stärkung der Persönlichkeit verliert sich auch bei Wiederverheiratung nicht. Und für diese Erfahrung soll man sich nun wieder schämen müssen? Oder ist das vielleicht nur der Anfang einer zunehmenden Moralisierung, die mit einer «Schwächung des Politischen» einhergeht, wie es Daniel Binswanger im Magazin Nr.8 vom 25.2.12 beschreibt?

Identität hat auch mit Würde zu tun, mit dem, was einen Menschen nach seinem eigenen Willen ausmacht. Wer jemandem einen Teil seiner Identität wegnehmen will, tangiert dessen Würde. Wenn Musliminnen weisgemacht wird, der Islam sei eine minderwertige Religion, greifen sie verständlicherweise zum Kopftuch, weil sie sich diesen Teil ihrer Identität nicht wegnehmen lassen wollen – übrigens tun sie das mit dem von ihnen gewünschten Erfolg.

Der Herabwürdigung eines Zivilstandes – auch wenn sie nur herbeigeredet ist - begegnet man am besten mit einem stolzen «Nein, so nicht!».

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keine

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