Die Seligsprechung Johannes' Paul II. als Programm

Christian Müller / 23. Apr 2011 - Papst Benedikt XVI. wird seinen Vorgänger am kommenden 1. Mai seligsprechen. Die regelwidrige Eile lässt aufhorchen.

In seiner Predigt zum Gründonnerstag, also rechtzeitig zu Ostern, hat Benedikt XVI. den im Jahr 2005 verstorbenen Papst Johannes Paul II. als «leuchtendes Glaubensvorbild» bezeichnet, und bereits in einer Woche, am Sonntag 1. Mai, wird er ihn seligsprechen. Diese Eile ist unüblich und soweit überschaubar sogar erstmalig, denn der Seligsprechungsprozess kann nach den Regeln der Römisch-Katholischen Kirche erst fünf Jahre nach dem Tod eines «Kandidaten» beginnen. Warum denn nur diese Eile?

Als unmittelbarer Anlass für die Seligsprechung Papst Johannes' Pauls II. wird die Heilung der französischen Ordensfrau Marie Simon-Pierre von der Parkinson-Krankheit angegeben. Wäre dies der einzige und wirkliche Grund der Seligsprechung, hätte das Verfahren nicht auf päpstliche Anweisung hin beschleunigt werden müssen. Beobachter der Katholischen Kirche können diesen Schritt Benedikts XVI. deshalb nur in einem Sinn verstehen: als kirchliches Programm. Denn Papst Johannes Paul II. alias Karol Wojtyla von Polen steht nicht nur für den Vielgereisten, den «eiligen Vater», wie er oft genannt wurde, der sich mit seinen zahlreichen persönlichen Auftritten vor Hunderttausenden von Gläubigen in fast allen grossen Arenen der Welt die gruppendynamische Zustimmung und Bejubelung holte. Papst Johannes Paul II. steht auch für den kirchen- und sozialpolitischen Schwenker weg vom Kurs von Papst Johannes XXIII., der eine Öffnung und Erneuerung der Katholischen Kirche gefordert, angestrebt und auch tatkräftig initiiert hatte, und hin zu einem erzkonservativen, frauen- und lustfeindlichen, durch und durch doktrinären Kurs der Festigung und Erstarrung kirchlicher Dogmen und Gebräuche.

Die Wahl Wojtylas als einmalige Chance der amerikanischen «Kommunisten-Fresser»

Seit 1523, als ein Nachfolger für den verstorbenen Flamen Papst Hadrian VI. gewählt werden musste, wurden 455 Jahre lang nur italienische Kardinäle zu Päpsten gewählt. 1978 aber gab eine persönliche Rivalität zwischen den beiden Kronfavoriten, dem Erzbischof von Genua, Giuseppe Siri, und dem Erzbischof von Florenz, Giovanni Bellini, dem Wahlgremium wieder die Chance, einen Nicht-Italiener zum neuen Papst zu wählen. In dieser Konstellation war Karol Wojtyla, der Erzbischof von Krakau in Polen, eine besonders sichere Position im Abwehrkampf gegen den Kirchen-Feind Nr. 1: gegen den Kommunismus. Mit Hilfe der zwölf Vertreter im Wahlgremium aus Nordamerika und bei nur noch 26 Vertretern aus Italien wurde Wojtyla denn auch im 8. Wahlgang gewählt.

Die wichtigsten Punkte der Kehrtwende

Was aber waren neben den weltweiten und erfolgreichen Popularitäts-Kampagnen die wichtigsten Entscheidungen und Verlautbarungen Johannes' Paul II. ?

o Das von Papst Johannes XXIII. einberufene II. Vatikanische Konzil 1962-1965, das unter dem Titel der Erneuerung (Instauratio) stand, wurde bewusst der Vergessenheit übergeben.

o In Lateinamerika, dem bevölkerungsmässig wichtigsten Einflussgebiet der Römisch-Katholischen Kirche, wurden die Vertreter der Befreiungstheologie um Dom Helder Camara, Leonardo Boff, Aloisio Lorscheider u.a., die begonnen hatten, die Kirche auf einen sozialverantwortlichen Kurs zugunsten der Armen und Benachteiligten zu steuern, konsequent entmachtet, in bedeutungslose Bistümer versetzt und konsequent durch konservative, Rom-treue Bischöfe und Erzbischöfe ersetzt.

o Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbruch – auch aus medizinisch indizierten Gründen – wurden gezielt als Sünde gebranntmarkt und bekämpft.

o Vor- und ausserehelicher Geschlechtsverkehr wurde erneut als «Unzucht» deklariert.

o Die rechtliche Möglichkeit der Ehescheidung wurde geziehlt bekämpft. Kirchlich kann der Papst auch heute noch eine Ehe nur für ungültig erklären, wenn die Ehe «nicht vollzogen» worden ist, d.h. wenn es auch medizinisch (durch genaue Untersuchung des Hymens) bewiesen ist, dass die Frau ihre Jungfräulichkeit noch nicht verloren hat.

o Die Anerkennung der Homosexualität und die Gleichberechtigung der Homosexuellen wurden strikte bekämpft.

o In seinem persönlichem Schreiben MULIERIS DIGNITATEM wurde die in der Bibel festgeschriebene Minderwertigkeit der Frau gegenüber dem Mann bestätigt.

o In seinem apostolischen Schreiben ORDINATIO SACERDOTALIS wurde das Verbot der Priesterweihe für Frauen auf die Höhe eines unfehlbaren und unwiderrufbaren Dogmas erhoben. Dass Christus nur Männer zu Aposteln berufen habe, habe er frei und unabhängig entschieden, der Entscheid beruhe «nicht auf soziologischen oder kulturellen Motiven der damaligen Zeit».

o Wie weit Johannes Paul II. auch für die Verstrickungen der Vatikanischen Finanzverwaltung und der zugehörigen Banco Ambrosiano jener Zeit mit der italienischen Unterwelt verantwortlich gemacht werden kann, ist umstritten. Vielleicht war Johannes Paul II. in diesem Punkt auch einfach desinteressiert und liess «seine» zuständigen Leute gewähren.

Dass Papst Johannes Paul II. nun ausgerechnet am 1. Mai, am internationalen Tag der Arbeit, seliggesprochen werden soll, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Das Datum kann aber auch anders interpretiert werden: Papst Johannes Paul II. hat – in seinem Sinne – durchaus ganze Arbeit geleistet.

Vom Einpauker zum Verherrlicher

Vieles aus dem Lebenswerk von Papst Johannes Paul II. war vom damaligen deutschen Kurien-Kardinal Joseph Ratzinger vorgegeben worden. Der gleiche Mann, zwischenzeitlich Papst Benedikt XVI., festigt seine Thesen und Ansichten nun durch die Seligsprechung jenes Mannes, der sie vorher von ihm übernommen und bis 2005 propagiert hat. Und – wie könnte es anders sein – Joseph Ratzinger geht auch als Papst Benedikt XVI. diesen Weg konsequent weiter. Bereits hat er auch wieder die lateinische Messe eingeführt, bei der die Priester sich statt der landesüblichen wieder der lateinischen Sprache bedienen und den Gläubigen auch wieder den Rücken zukehren.

Wie ist es mit der Kritik?

Natürlich, zu diesen kirchlichen Vorgängen gibt es auch kritische Stimmen. Nur: Extra ecclesiam salus non est - Ausserhalb der Römisch-Katholischen Kirche gibt es kein Heil. Dieser Grundsatz wurde schon in der Allgemeinen Kirchenversammlung zu Florenz (1438–1445) als Dogma festgeschrieben: «Die heilige römische Kirche, durch das Wort unseres Herrn und Erlösers gegründet, glaubt fest, bekennt und verkündet, dass niemand ausserhalb der katholischen Kirche — weder Heide noch Jude noch Ungläubiger oder ein von der Einheit Getrennter — des ewigen Lebens teilhaftig wird, vielmehr dem ewigen Feuer verfällt, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist, wenn er sich nicht vor dem Tod der (Römisch-Katholischen) Kirche anschliesst.»

Was soll sich da die Kurie um Kritik von aussen kümmern? Extra ecclesiam salus non est.

***

Eine – gewollt kritische – Monografie über Leben und Lebenswerk von Papst Johannes Paul II. ist schon in seinem Todesjahr erschienen: Hubertus Mynarek; Der polnische Papst. Bilanz eines Pontifikats. Freiburg im Preisgau 2005. 191. S.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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Eine Meinung

Dieser Artiker kritisiert hart, und das ist auch gut so!
Nur sollte die Lehre und die Dogmatik der römischen Kirche vollständiger dargelegt werden, dann könnte die Kritik besser und fruchtbarer aufgenommen werden, es gibt unsäglich viel «sowohl-als-auch".
- Nach römischer Doktrin ist die höchste Instanz des Menschen sein eigenes Gewissen
Und das Gewissen ist der verborgenste Kern und das Heiligtum des Menschen, in dem er allein ist mit Gott, dessen Stimme in seinem Innersten widerhallt» (Weltkatechismus 1776) und (1782) Der Mensch hat das Recht, in Freiheit seinem Gewissen entsprechend zu handeln, und sich dadurch persönlich sittlich zu entscheiden. „Er darf also nicht gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln. Er darf aber auch nicht daran gehindert werden, gemäß seinem Gewissen zu handeln, besonders im Bereiche der Religion".
Natürlich widerspricht die Unterdrückung der Befreiungs-Theologie diesem Grundsatz.
Es muss aber auch ergänzt werden, dass der polnische Papst nicht nur die kommunistisch-stalinistisch-kollektivistisch-dialektisch-materialistische Doktrin abgelehnt hatte sondern auch die kapitalistisch-materialistische Doktrin ebenso.
Der Begriff «katholisch» hat gewiss auch seine wichtigen Nuancen, die kaum verstanden werden, (kein Wunder, da alles so absolutistisch formuliert wird....)
Die «römisch-katholische» Kirche ist nicht dasselbe wie die «katholische» Kirche! Letztere ist die Erfüllung und die «römische» ist «nur» ein Teil davon. Das Glaubensbekenntnis erwähnt nicht die römisch-katholische Kirche sondern die katholische (umfassende) Kirche. Getreu dem konziliären (offiziellen) Erkenntnis, es gebe verschiedene Wege zum Heil!
Leider wird dies zu wenig erkannt und zwar von Anhängern wie von Kritikern.
Immerhin, dass Woityla den «versammelten Weltreligionen» bekannte, er könne sich vorstellen, es gäbe das römische Pontifikat nicht mehr.... verdient Beachtung und vertiefte Betrachtung.
Urs Lachenmeier, am 24. April 2011 um 21:07 Uhr

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