War zu erwarten, schade – ist aber ein gelungener Anfang

Christian Müller © aw
Christian Müller / 10. Jun 2018 - Nur 25 Prozent der an der Abstimmung teilnehmenden Schweizer und Schweizerinnen haben der Vollgeld-Initiative zugestimmt.

Der 10. Juni 2018 wird nicht in die Geschichtsbücher eingehen. Die Vollgeld-Initiative teilt das Schicksal von andern Volksbegehren: Zu oft schon wurden vernünftige, mutige Initiativen von gesellschaftspolitisch interessierten Leuten vom Souverän bachabgeschickt. Und wenn alle Parteien eine Empfehlung für ein Nein herausgeben, ist so eine Volksabstimmung eh gelaufen.

Oder werden sich Historiker vielleicht doch einmal an den 10. Juni 2018 erinnern? Wenn – angenommen zum Beispiel im Jahr 2026 – die nächste grosse Blase platzt und eine internationale Finanzkrise auch unsere Schweizer Wirtschaft wieder durchschüttelt, werden vielleicht doch der eine Journalist, die andere Kommentatorin – auch international, zum Beispiel in der Financial Times – ihre Leserinnen und Leser daran erinnern, dass hier, in der kleinen Schweiz, im Jahr 2018, eine Chance für einen Anfang einer Finanzsystem-Reform vom Souverän nicht gepackt wurde – rückblickend «leider».

Und wenn – angenommen zum Beispiel im Jahr 2036 – dann tatsächlich das Finanzsystem weltweit geändert wird, weil man eine so katastrophale Finanzkrise wie jene von 2026/29 für die Zukunft endlich ernsthaft verhindern will, dann steht vielleicht doch einmal in einem Geschichtsbuch: «Die Finanzkrise 2008/09 war desaströs. Hunderttausende haben dabei ihr Eigenheim verloren, Millionen von Handwerks- und anderen Kleinbetrieben gingen pleite. Nur die Grossbanken und andere gigantische Finanzinstitute wurden – auf Staatskosten zulasten der Steuerzahler – gerettet. Trotzdem hat man am Finanzsystem nur herumgeflickt, da und dort ein Pflästerchen angebracht, ein paar Tropfen Tranquilizer verteilt. Das einzige, was man aus der Finanzkrise 2008/09 echt gelernt hat, war: Gerät eine Grossbank wie damals Lehman Brothers in Turbulenzen, dann darf man sie nicht untergehen lassen, weil sonst der Domino-Effekt andere Banken und schliesslich auch die ganze Wirtschaft mit in die Tiefe reisst. – Jetzt aber, zehn Jahre nach dem Ausbruch der noch viel schlimmeren Finanzkrise 2026/29, ist man sich einig: Pflästerchen-Politik ist keine Lösung, das Finanzsystem muss geändert werden. Schade nur, dass ein mutiger Vorschlag in der Schweiz im Jahr 2018 aufgrund der negativen Empfehlungen des Finanzministers, der politischen Parteien und der Geldinstitute – inklusive Nationalbank! – damals vom schlecht beratenen Souverän abgelehnt worden ist. Es hätte die Geburtsstunde echter Systemänderungen werden und uns die katastrophale Krise 2026/29 ersparen können.»

Und wie geht es mir selbst, heute Abend, am 10. Juni 2018?

Ich werde heute Abend trotzdem eine Flasche Wein öffnen. Zuzuschauen, wie selbst eine SP treuherzig dem Geld-Regiment der Banken folgt, macht keinen Spass. Zuzuschauen, wie sich die Schweiz mit allen Mitteln gegen einen Beitritt zur EU wehrt und es vorzieht, zwar alles EU-konform zu regeln, selber aber in statu nascendi nicht am Tisch zu sitzen und mitzureden, macht keinen Spass. Und zuzuschauen, wie sie, die Schweiz, einmal als Nicht-Mitglied der EU und als direkte Demokratie tatsächlich die Chance hätte, international vorauszugehen, einen Schritt in die richtige Richtung zu gehen, aus lauter Angst vor der eigenen Courage diese Chance aber doch fahren lässt, macht erst recht keinen Spass.

Warum dann trotzdem heute Abend eine Flasche Wein? Erstens, und wie immer beim Öffnen einer Flasche Wein, aus Dankbarkeit dafür, dass ich in einer Zeit leben durfte, in der es hier in Westeuropa – der EU sei Dank – 70 Jahre lang keinen Krieg gab. Die Historiker wissen es: Das ist keine Selbstverständlichkeit! Zweitens: Aus Freude darüber, dass es auch heute junge Leute gibt, die nicht nur ans nächste Party-Wochenende denken, sondern sich um unsere gemeinsame Zukunft kümmern und sich für das gemeinsame Wohl unserer Gesellschaft einsetzen. Mein Kompliment! Und drittens schliesslich, weil die Vollgeld-Initiative trotz nur 25 Prozent Zustimmung vielleicht doch eine Langzeitwirkung hat: Das Thema ist auf dem Tisch, und es wird nicht so schnell wieder verschwinden, weder in der Schweiz noch international. Es darf nicht sein, dass die Finanz-Industrie, historisch entstanden als Dienstleistung an einer sich positiv entwickelnden Realwirtschaft, heute der dominierende Wirtschaftssektor ist – zum reinen Selbstzweck ihrer Repräsentanten: man denke an das Millionengehalt des Nationalbank-Präsidenten oder an die Multimillionengehälter der Grossbank-Bosse. Geld als neuer Gott ist keine gute Alternative.

Vielleicht, so sagt es mir mein unverbesserlicher Optimismus, gerät der 10. Juni 2018 doch noch zum Anfang einer neuen, positiven Entwicklung. Ich hoffe es.

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3 Meinungen

Mich hat v. a. die Stellungnahme von Rudolf Strahm skeptisch gestimmt. Via Ausland wäre die Vollgeldinitiative leicht ad absurdum zu führen gewesen. Vielleicht braucht es für globale Krisen auch globale Lösungen. Wie um Gottes Willen machen wir die UNO zu einer globalen Regulatorin?
Peter Oertel, am 11. Juni 2018 um 12:51 Uhr
Die Flasche Wein würde ich auch gern öffnen, sehe aber in der EU wenig Anlass dazu.
Ja, wir hatten 70 Jahre lang keinen Krieg in Westeuropa. Verdienst der EU? Die EU führt ihre «blutigen» Kriege mittlerweile mehr oder weniger NATO-maskiert dort, wo es keine West-Europäer gibt, dagegen aber deren Interessen: z. B. in Jugoslawien und weltweit dort, wo reiche Ressourcen unter dem Boden armer, chancenloser und nach wie vor kolonialisierter Menschen liegen, die noch nicht mal als Verbraucher ernstgenommen werden.
In der EU selbst wird eine neue «unblutige» Kriegsvariante gepflegt, die ebenfalls Tod und Verzweiflung mit sich bringt, Beispiel Griechenland. Das trickreich aber keineswegs demokratisch zustande gekommene Brüsseler Zwangssystem verfügt souverän über die Europäer. Es fürchtet aber ihr zunehmendes Erwachen: Alle EU-Armeen trainieren für den Ernstfall den Häuserkampf unter europäischen Umständen - Militär statt Polizei. Die soziale Ungleichheit nimmt zu, gerade auch in den Führungsländern. Auch das gehört zur EU-Bilanz.
Ich hoffe inständig, dass die Schweiz keine weiteren Zugeständnisse an die EU und deren utilitaristische «Reformen» macht und die forcierte bildungsseitige und kulturelle Entkernung auf Distanz hält. Die Schweiz hat eine große Tradition zu verlieren, was man nicht von allen EU-Staaten sagen kann.
Wolf Gauer / dt. Journalist / São Paulo
Wolf Gauer, am 11. Juni 2018 um 19:31 Uhr
Ein Irreführender Anfang und Sie verbreiten falsche Hoffnungen, weil Sie nicht akzeptieren wollen, dass Sie keine vernünftige Loesun anbieten können.

Wie Prof. Mausfeld in seinen Referaten zeigt, dass wir in einer Scheindemokratie leben, da die eigentlichen Machtinhaber nicht abgewählt werden können und in der Regel nicht einmal sichtbar sind. Das klingt nach Verschwörungstheorie, ist aber eine sachliche Präsentation der Ergebnisse allgemein anerkannter, in Fachzeitschriften publizierter Forschung.

„Wir haben auf der einen Seite eine Atomisierung der Bevölkerung, die natürlich keine gesellschaftliche Kraft mehr hat. Auf der anderen Seite finden wir eine zunehmende Vernetzung der Besitzenden.“

„Es entstanden gigantische Machtstrukturen. Diese gigantischen Machtstrukturen sind demokratisch nicht legitimiert und sie sind durch keinen Prozess der Wahl mehr abwählbar. Die wichtigsten Machtstrukturen unserer Gesellschaft sind dem Wähler gar nicht mehr zugänglich."

InfoSperber, (IS) ausser sich mal ernst überlegen zu müssen
1: sich neu zu branden und Framen, IS ist einfach so etwas von ungünstig.. IS als Hauptlogo!
2: Mal verstehen, dass das was Mausfeld sagt, absolut ist, und in den Resultat der Vollgeld Initiative deutlich widerspiegelt (!). Wenn etwas absolut ist, kann man es nicht durch Abwarten oder Hoffen ändern, sondern man sollte forschen, suchen, nach Ideen, die das Unerwartete leisten könnten, denn Aufklärung ist eben nicht genug.
Andrea Tosi, am 12. Juni 2018 um 09:59 Uhr

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