Die verschiedenen Regionen der Ukraine © gk

Russland–Ukraine: Und willst du nicht mein Bruder sein …

Daniel Goldstein / 03. Aug 2018 - Das Buch eines Schweizer Historikers hilft die Asymmetrie verstehen, die den russisch-ukrainischen Konflikt so vertrackt macht.

Wer in der Tiefe verstehen will, was zwischen der Ukraine und Russland derzeit abläuft, erhält mit dieser handlichen, aber detailreichen Studie wertvolle Grundlagen und eine fundierte Einschätzung. Der Autor Andreas Kappeler ist als emeritierter Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien ein Kenner der Materie, den beide Seiten gewürdigt haben: mit einem russischen Ehrendoktorat und einer ukrainischen Akademiemitgliedschaft.

Das Buch bietet eine magistrale Übersicht über das kulturelle und staatliche Entstehen der beiden Nationen seit dem Mittelalter, eng miteinander verflochten und doch auf unterschiedlichen Wegen. Es beleuchtet auch die wechselseitige Wahrnehmung und kommt zum Schluss: «Russland und die Russen haben seit dem 18. Jahrhundert die Ukraine und die Ukrainer nicht als gleichberechtigte Partner anerkannt. Der grössere Bruder liebt seinen kleineren Bruder, der schön singt und tanzt, doch bevormundet er ihn und zwingt ihm seinen Willen und seine Sprache auf.» Unter den Ukrainern mit ihrer je nach Landesgegend stark unterschiedlichen Geschichte wiederum ist zwar die Brüderschaft einigermassen unbestritten, die Bereitschaft zur Einreihung bzw. zum Widerstand aber sehr unterschiedlich ausgeprägt. Auch die Sowjetzeit änderte kaum etwas an diesen Grundmustern. Sie bilden denn auch den Hintergrund zu den heutigen Auseinandersetzungen.

Brennpunkt Krim-Annexion

Das Schlüsselereignis dazu ist für Kappeler die russische Annexion der Krim von 2014, der in Kiew der «Euro-Majdan» vorangegangen war, die Massenproteste gegen den zunehmend autoritären Präsidenten Janukowitsch, der von der unterschriftsreifen Assoziierung mit der EU abrückte. Die Organisatoren des Protests bezeichnet der Autor als «Männer und Frauen aus der Zivilgesellschaft, die von der Mehrheit der Bevölkerung in Kiew und anderen Städten aktiv unterstützt wurden. Ihnen schlossen sich kleine Gruppen militanter Nationalisten an, die in den bewaffneten Auseinandersetzungen auf dem Majdan (und später im Donbass) eine nicht unwichtige Rolle spielten.» Zwar unterstützten ausländische NGO den «Aufbau einer Zivilgesellschaft», indes: «Der Vorwurf einer zielgerichteten Planung und Durchführung des Euro-Majdan durch die USA und die EU gehört aber ins Reich der Verschwörungstheorien.»

Mit diesen Einschätzungen entkräftet Kappeler zwei der Argumente des russischen Präsidenten fürs Eingreifen in der Krim und deren «Aufnahme» in den russischen Staatsverband: Für Putin gaben beim Umsturz und danach «Nationalisten, Neo-Nazis, Russenhasser und Antisemiten» den Ton an, und «in der Ukraine überschritten die westlichen Partner die rote Linie». Auch die angebliche Notwendigkeit, die Russen in der Ukraine zu schützen, und die historische Zugehörigkeit der Krim zu Russland lässt Kappeler nicht als valable Gründe für den «Bruch des Völkerrechts und mehrerer internationaler Abkommen» gelten, auch nicht das «fragwürdige» Referendum auf der Krim.

Demütigung und Angst

Hingegen anerkennt er: «Das postimperiale Trauma, das als Demütigung empfundene Verhalten des Westens und das Bestreben, Russland wieder die ihm zustehende Rolle als Grossmacht zurückzugewinnen, sind ein wichtiger Faktor zur Erklärung von Putins expansiver Politik.» Aber auch hier relativiert der Autor: Zwar räumt er ein, dass «der Westen im Umgang mit Russland nicht immer Fingerspitzengefühl walten liess», aber er weist darauf hin, dass die Initiative zur Osterweiterung von Nato und EU von den betroffenen Staaten ausging.

Für Kappeler reichen Putins Argumente nicht aus, um dessen Verhalten gegenüber der Ukraine zu erklären. So zieht er eine weitere, «ausschlaggebende» Motivation bei: «Ein Erfolg der Revolution im Nachbarland Ukraine konnte der russischen Opposition als Vorbild dienen. Deshalb galt es um jeden Preis zu verhindern, dass sich die Ukraine als ein den europäischen Werten verpflichteter demokratischer Staat etablierte und stabilisierte.» Beweisen lässt sich so etwas kaum; der Autor begnügt sich stattdessen mit einem historischen Erfahrungssatz: «Für Autokraten wie Putin hat die Erhaltung der eigenen Macht Priorität.»

Der Schlüssel zur Veränderung liegt, als Fazit des Buchs, in Moskau: «Ein normales gutnachbarliches Verhältnis wird nur dann hergestellt werden, wenn Russland sich aus der Ukraine zurückzieht, seine paternalistische Haltung aufgibt und die Ukrainer als eigenständige gleichberechtigte Partner anerkennt, wenn es also seine Rolle als grosser Bruder aufgibt.»

Andreas Kappeler: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C.H.Beck, München 2017. 267 Seiten, ca. Fr. 20.–

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Rezensent hat sich als Auslandredaktor und Reporter mit dem Gebiet befasst.

Weiterführende Informationen

Verlagsanzeige «Ungleiche Brüder»
Wissenschaftliche Osteuropa-Analysen
Zum Infosperber-Dossier «Ukraine zwischen Ost und West»
Ist die Ukraine wirklich eine Nation?

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7 Meinungen

Kappelers Sichtweise scheinen hier einige Punkte zu ignorieren oder zumindest unvollständig darzustellen – ob mit Absicht oder unbewusst, sei mal dahingestellt.

So zum Beispiel der Satz: «Zwar unterstützten ausländische NGO den «Aufbau einer Zivilgesellschaft», indes: «Der Vorwurf einer zielgerichteten Planung und Durchführung des Euro-Majdan durch die USA und die EU gehört aber ins Reich der Verschwörungstheorien.»"
Dem informierten Leser stellt sich hier die Frage, wohin denn die 5 Milliarden USD, welche die USA gemäss mehrfacher Aussagen von Victoria Nuland für eine «wohlhabende und demokratische Ukraine» investiert haben, denn genau geflossen sind.

Ebenfalls «vergisst» Kappeler (oder der Infosperber?) zu erwähnen, dass die Regierung Poroschenko die notwendige Zweidrittelmehrheit im Parlament nie erreicht hat und es daher nicht ganz falsch ist, bei dessen Regierungsübernahme von einem Putsch zu sprechen.
Thomas Müller, am 03. August 2018 um 11:15 Uhr
Hey Guten Tag,

Leider muss ich den Herrn Andreas Kappeler seiner
Meinung nicht folgen.
Es genügt sich mal diesen Link : an zusehen.
http;//www.infowars.com/soros-admits-responsibility-
for-co von (2014 )
lesenswert. MfG Werner Kämtner
Werner Kämtner, am 03. August 2018 um 12:33 Uhr
Ich möchte hier ein paar Gedanken eines Russischen Freundes zum Besten geben der Putin gegenüber sehr kritisch eingestellt ist und diesen desshalb noch nie in seinem Leben gewählt hat.
Zwei Dinge jedoch rechnet er ihm hoch an.

Erstens er hat den Krieg von Jelzin in der Republik Tschetschenien beendet. Wenn auch mit fragwürdigen KGB Methoden, als ehemaliger Chef dieser Truppe wusste er wer zu beseitigen war und wer einzusetzen, damit hat er den sinnlosen Tod von tausenden unerfahrenen, schlecht Ausgebildeten meist 18-20 Jährigen Soldaten beendet.

Zweitens er hat mit der Anektion der Krim einen weiteren Krieg verhindert bei dem, ohne jeden Zweifel, erneut jede Menge Söhne Russischer Eltern gestorben wären. Denn es wäre der Russischen Armee gar keine andere Möglichkeit geblieben als die dortigen, für sie sehr wichtigen, Militäranlagen zu verteidigen. Rundum die Krim sterben Menschen, die Leute auf der Krim sind in Sicherheit.

Soviel zu seinen Worten. Meiner Meinung nach eine nachvollziehbare Haltung.
Für mich kommt noch hinzu: Die in Aussichtstellung einer Natomitgliedschaft, Europaasozationsabkommen (mit einem der korruptesten Länder in Europa?), der Besuch des Deutschen Aussenministers auf dem Maidan, die finazielle Unterstützung der «Bürgerbewegung» aus dem wilden Westen uvm. kann man auch ohne Stellung zu beziehen, sagen wir mal, als Einmischung von bestimmten Interessengruppen verstehen. Das hat doch nichts mit einer Verschwörungstheorie zu tun.
Alex Bötschi, am 03. August 2018 um 17:08 Uhr
Die Aussage über großen und kleinen Bruder, erinnert mich an das Verhältnis USA zu Deutschland.

Der damals amtierende Innenminister Deutschlands Dr. Schäuble sagte, «Deutschland war seit 1945, zu keinem Zeitpunkt souverän !"


Um die geostrategischen Interessen zu Verstehen, sehe ich «Die Einzige Weltmacht», vom ehemaligen strategischen Berater verschiedener US Präsidenten Zbigniew Brzezinski, als sehr hilfreich.

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_einzige_Weltmacht:_Amerikas_Strategie_der_Vorherrschaft

"Im Gegensatz zu den früheren eurasischen Imperien sei die Macht der Vereinigten Staaten erstmals weltbeherrschend, wobei Eurasien erstmals von einer außereurasischen Macht dominiert werde: „Der gesamte (eurasische) Kontinent ist von amerikanischen Vasallen und tributpflichtigen Staaten übersät, von denen einige allzu gern noch fester an Washington gebunden wären.“ «

und

"Die Ukraine hat eine besondere Bedeutung im Spiel der Kräfte, trägt sie doch nach Brzezinski „durch ihre bloße Existenz“ zur Umwandlung Russlands bei.

„Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr. Es kann trotzdem nach einem imperialen Status streben, würde aber dann ein vorwiegend asiatisches Reich werden, das aller Wahrscheinlichkeit nach in lähmende Konflikte mit den aufbegehrenden Staaten Zentralasiens hineingezogen würde, die den Verlust ihrer erst kürzlich erlangten Eigenstaatlichkeit nicht hinnehmen und von den anderen islamischen Staaten im Süden Unterstützung erhalten würden.“"
Dieter Gabriel, am 03. August 2018 um 17:27 Uhr
Ich verstehe diese Darstellung von Daniel Goldstein oben echt nicht: Er unterschlägt Match-entscheindende Fakten ohne Wimpernzucken.
- Thomas Müller sagt es oben klar + deutlich: In der neueren Geschichte der Ukraine (ab ca. 2013) geht es um eine gross angelegte Einmischung der USA in die inneren Angelegenheiten der Ukraine mit richtig viel Geld (US-Budget von Unterstaatssekretärin Nuland von USD 5.0 Mia. für den Maidan-Umsturz, nicht der Russen (bei ihnen geht das mehr als 200 Jahre zurück, war grausam + schrecklich für die Ukrainer). Was aber suchten die USA ab 2013 in der Ukraine (auf europäischem Territorium) anderes, als eine Machtverschiebung im Einflussbereich Russlands?
- Bei der Rücknahme der Krim heim nach Russland geht es Völker-rechtlich nicht um eine 'Annexion', sondern um eine Abstimmung, welche zur Trennung von der Ukraine führte. Spielregeln sind Spielregeln, solange wir 'Demokratie' so definieren, wie wir das derzeit tun ...
- In der Ost-Ukraine bekämpften sich bis Mitte 2017 nicht 'die Ukrainische Armee' + 'russische Söldner', sondern 'Söldner-Truppen der ukrainischen Oligarchen, finanziert von den USA' + 'russische Söldner'. Es gab bis dann keine kämpfende 'ukrainische Armee'. Seither rüsten die US-Amerikaner die Ukraine militärisch aus, sodass sie in der Ost-Ukraine kämpfen können ...

Ich finde es zentral wichtig, nicht die einen Märchen mit anderen Märchen zu ersetzen. Sonst ärgere ich mich, Herr Goldstein ...
Konrad Staudacher, am 05. August 2018 um 09:43 Uhr
Es ist eine Buchbesprechung, Herr Staudacher.
Daniel Goldstein, am 05. August 2018 um 12:10 Uhr
Es ist eine Buchbesprechung, Herr Goldstein, aber Sie scheinen die Argumentation Kappelers zu übernehmen, wenn Sie schreiben, dass Kappelers «Einschätzung» Putins Argumente zur Intervention in der Krim «entkräfte».

Meine Einschätzung ist, dass Kappeler die fragwürdigen Argumente der westlichen Expansionisten unkritisch übernimmt, vor allem auch, wenn er die - eindeutig neonazistisch - angehauchte «Revolution» als Vorbild für Russland anpreist.

Fakt ist, dass beginnend mit Khodorkovsky's gescheitertem Umsturzversuch in 2003 die USA aktiv bestrebt sind Putin wegzuputschen. Dass dieser sich wehrt, ist nicht überraschend, und sollte nicht mit heuchlerischen Anspielungen auf «liberale Werte» verurteilt werden. Russland kennt «liberale Werte» durchaus aus der Yeltsin Zeit. Es sind keine guten Erinnerungen.
Matthias Vogelsanger, am 08. August 2018 um 09:57 Uhr

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