«Die Ukraine muss von den Juden gereinigt werden»: Olena Teliha, «romantische Nationalistin» © UA
Prominente Strassen zu Ehren von Stepan Bandera und Olena Teliha (gross) © here
Prominente Strassen zu Ehren von Stepan Bandera und Olena Teliha © here
Olena Telihas Aufruf zur «Reinigung» der Ukraine von Juden © UkSl
Olena Teliha-Gedenkmünze der ukrainischen Nationalbank 2003 © Wikipedia

Die Ukraine verschweigt eigene Holocaust-Beteiligung

Christian Müller / 22. Aug 2019 - Netanyahu besucht die Ukraine, in der Präsident und Premier ebenfalls Juden sind. Den Holocaust schreiben sie nur den Nazis zu.

Wer die Ukraine beobachtet, weiss es: Zurzeit wird die eigene Geschichte umgeschrieben. Die Ukrainer waren immer nur «Opfer», und die Nationalisten, auch jene mit viel Blut an den Händen, werden heute als Helden im Kampf gegen Russland gefeiert.

So war der Besuch von Israels Premier Benjamin Netanyahu in Kiev vier Wochen vor den Wahlen in Israel besonders beobachtenswert.

Der Besuch begann mit einem – gelinde gesagt – «Fauxpas»: Junge Ukrainer in ukrainischer Tracht empfingen Benjamin Netanyahu und seine Frau Sara gleich am Fuss der mobilen Treppe, auf der die beiden aus dem Flugzeug stiegen – mit dem ältesten Symbol für Gastfreundschaft: mit Brot und Salz. Netanyahu brach sich ein Stück Brot ab und steckte es in den Mund, dann brach er ein zweites Stück ab und gab es seiner Frau. Diese sah es kurz an und schmiss es dann einfach weg. Ein Verstoss gegen alle guten Sitten der Gastfreundschaft – und der Diplomatie. Aber wir lassen das jetzt lieber. (Netanyahu versuchte dann später in einer Rede, das Problem mit Humor zu lösen: Es sei immer gut, wenn sowas passiere, jetzt werde über seinen Besuch hier in Kiev wenigstens berichtet. Ohne diesen «Skandal» dagegen würde sich niemand für seinen Besuch interessieren.)

Zum Thema:

Wenn Netanyahu irgendwo zu Besuch geht, wo im Rahmen des Holocaust Juden ermordet wurden, ist es seine diplomatische Pflicht, die Holocaust-Erinnerungsstätten zu besuchen. So auch in Kiev, wo in der Schlucht Babyn Jar im September 1941 innerhalb weniger Tage über 30'000 Juden ermordet wurden – eines der schlimmsten Massaker im Zweiten Weltkrieg. Und natürlich mit keinem Wort erwähnt wurde, dass da auch Ukrainer und Ukrainerinnen mit den Nazis zusammengearbeitet haben. Die Formulierung heisst dann meistens «die Nazis und ihre Kollaborateure». Selenskyj verzichtete in seiner Rede sogar auf den Zusatz «und ihre Kollaborateure». Als ob es keine Ukrainer gegeben hätte, die bei der Ermordung der Juden geholfen haben.

Olena Teliha, Judenhasserin, heute hoch geehrt

Ein Beispiel: Olena Teliha war eine begnadete Dichterin, Leiterin des ukrainischen Schriftstellerverbandes, Herausgeberin einer Literaturzeitschrift und Redaktorin der Zeitung Ukrayins'ke Slovo. Und, vor allem, sie war eine glühende Nationalistin und Judenhasserin. 1939 war sie der Organisation OUN beigetreten, die sich im und auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg an der Ermordung von Tausenden von Juden beteiligte.

Kurz nach dem Massaker von Babyn Jar im September 1941 machte Olena Teliha in ihrer Zeitung darauf aufmerksam, dass noch immer Juden in Kiev lebten, die sich für teures Geld falsche Papiere beschafft hätten und unter falschem Namen hier ein verstecktes Leben führten. Die ukrainischen Leute müssten nun so schnell wie möglich diese Leute, die weder in der Ukraine noch sonst wo ein Existenzrecht hätten, anzeigen und dafür sorgen, dass das Land, die Dörfer und die wunderschönen Landschaften, «von den Partisanen, Juden und roten Kommissaren gereinigt» werde. Man merke: «gereinigt» werde!

Olena Teliha: Die Ukraine muss so schnell als möglich von den Juden gereinigt werden. (Ausschnitt aus Ukrayins'ke Slovo)

Was aber macht die Ukraine mit Leuten wie Stepan Bandera, der eng mit den Nazi-Schergen zusammengearbeitet hatte und leitendes Mitglied der OUN war (siehe dazu den Kommentar auf Infosperber), oder eben mit Olena Teliha? Heute werden sie als Nationalhelden verehrt. Es werden zu ihrer Ehre Denkmäler aufgestellt und es werden Strassen auf ihre Namen umgetauft. So auch in Kiev, wo zwei wichtige Strassen auf die Namen von Stepan Bandera und Olena Teliha umbenannt worden sind.

Stadtplan von Kiev: Zwei der wichtigsten Strassen in der ukrainischen Hauptstadt tragen die Namen von Stepan Bandera und Olena Teliha. Zur Vergrösserung des Plans hier anklicken.

Judenhass wird in der heutigen Ukraine nicht nur geduldet, die prominentesten Judenschlächter und Judenhasser werden sogar öffentlich verherrlicht. Zur Verherrlichung von Olena Teliha hat die ukrainische Nationalbank im Jahr 2003 sogar eine eigene Gedenkmünze herausgegeben:

Dass Olena Teliha ein paar Monate nach dem Massaker von Babyn Jar von der Gestapo ebenfalls erschossen wurde, weil Hitler schliesslich keinen unabhängigen ukrainischen Staat entstehen lassen wollte, kommt den heutigen Geschichtsklitterern natürlich sehr gelegen: Die Ukraine war nur Opfer, nicht auch Täter. Auch Olena Teliha war als «romantische Nationalistin» nur ein Opfer der Nazis.

Es geht um Stimmen und um Geld

Doch all das war am Treffen Netanyahu / Selenskyj natürlich kein Thema. Selenskyj bat in einer Rede Israel darum, die Hungersnot Holodomor 1932/33 als durch die Sowjets verübten Genozid zu anerkennen. Vor allem aber ging es um eines: um Business. Ein bestehender Freihandelsvertrag soll erweitert und die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Ukraine mit Israel soll intensiviert werden. Netanyahu braucht bei den kommenden Wahlen die Stimmen der nach Israel ausgewanderten Ukrainer und Selenskyj muss die in ihn gesetzten Hoffnungen auf bessere Zeiten warmhalten. Ein wirtschaftlicher Aufschwung des Landes ist in weiter Ferne.

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  • Siehe dazu insbesondere

    «THE JEWISH CHRONICLE» vom 9. März 2017 (englisch) und

    «THE JEWISH CHRONICLE» vom 22. Januar 2019 (englisch)

  • und siehe dazu auch «Osteuropa erinnert ungern an den Holocaust» auf Infosperber.

  • Ausserdem interessant: «The greatest enemy of the people is the Jew»

  • Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

    Zum Autor. Es gibt keine Interessenkollisionen.

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    3 Meinungen

    Auch wenn der Beitrag zweifelsfrei seine Berechtigung hatte geschrieben zu werden, fällt es mir gerade schwer daran etwas Konstruktives zu entdecken. Möglicherweise weil mir bewusst ist, dass die Schweiz während der damaligen Zeit, auch kaum mit Ruhm bekleckert hatte. In mir sind noch immer die Erzählungen meines Grossvaters in Erinnerung, der an der Grenze flüchtende Menschen abweisen und zusehen musste, wie Selbige von ihren Verfolgern getötet wurden. Natürlich passiert es auch hin und wieder, dass sie eben mal «mussten» und so dem Geschehen den Rücken kehren und die flüchtenden Menschen «übersahen» als sie an ihnen vorbei rannten.
    Ich habe den Schmerz in seinen Augen gesehen, als er davon sprach und erlebt, wie letztendlich dieser Schmerz seinen Körper zerstört hatte.

    Ängste trugen schon immer Ängste nach sich, sowie jede Form von Gewalt, das Leiden.

    Auch die Schweiz hatte eine «Täterrolle» inne gehabt....
    Barbara Vögeli, am 23. August 2019 um 18:19 Uhr
    Dies ist ein Artikel der durch unkorrekter Wiedergabe falsche Meinungen schaffen möchte. Solche Artikel sollten man nur online stellen wenn erkennbar ist, dass nur Behauptungen aufgestellt werden. Angeblicher Fotonachweis: «Olena Teliha: Die Ukraine muss so schnell als möglich von den Juden gereinigt werden. » Da steht sinngemäß was ganz anderes drin !!! Hier wird getäuscht über Gegebenheiten. Hier muss man sich fragen, welche Interessen vertritt der Autor? Oder ist die Seite selbst nicht seriös!? Auch Bandera im diesem Artikel einfach mit zu nennen, vermittelt einen Eindruck welcher nicht den Tatsachen wiederspiegelt. Da er ja so ein großer Natzi war, liegt er ja auch auf dem Zentral Friedhof in Münchner mit großem Denkmal. Müssen wohl dann noch andere Natzis dort begraben sein, oder was!? Wie lachhaft macht solch ein Artikel alleine durch solch eine Tatsache! Für wie dumm will der Autor die Leute verkaufen!
    Robert Puh, am 23. August 2019 um 18:47 Uhr
    Was Herr Müller aufzeigt ist das grosse Problem der ehemaligen Ostblockstaaten. Alle litten gewaltig unter der NS-Herrschaft aber die Judenverfolgung durch die SS konnte nur mit der Hilfe der einheimischen Bevölkerung so 'deutsch perfekt' stattfinden. Tragisch aber eben wahr! Aufgearbeitet hat meines Wissens diese Mithilfe am Holocaust keiner dieser Staaten, leider. Die Ukraine ist dafür ein Beispiel. Natürlich kann die ganze, vertiefte, vielschichtige ukrainische Geschichte 1918 - 1945 hier nicht beschrieben werden, ist dem Schreiben aber einigermassen bekannt.
    Was man auch viel vergisst, ja, es gab viele Funktionäre jüdischen Glaubens bei den Kommunisten aber warum wohl? Es war der 'Glaube' an den besseren Menschen und damit auch das Ende der immer wiederkehrenden Progrome welche viele Juden bewegte bei den Kommunisten mitzumachen. Wie dies alles endete, auch bekannt. Die jüdischen komm.Funktionäre wiederum schürten bei der Bevölkerung den Hass auf die jüdischen Mitbürger. Ein weiterer Teufelskreis. Die jetzige wirtschaftlich-, innen- und aussenpolitische Lage der Ukraine ist schlichtweg tragisch. Ein Spielball der Mächte.
    Mario Bernasconi, am 24. August 2019 um 21:39 Uhr

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