Der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu: Beziehung zur USA «an einem sehr kritischen Punkt» © Tasnim News Agency/Wikimedia Commons/CC BY-4.0

Der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu: Beziehung zur USA «an einem sehr kritischen Punkt»

Türkei und USA auf gefährlichem Kollisionskurs

Amalia van Gent / 13. Feb 2018 - Der Kurden-Konflikt verschärft die Spannungen zwischen den USA und der Türkei. Die Türkei droht mit dem Abbruch der Beziehungen.

Und «auf einmal sind wir also Feinde!», wunderte sich Sedat Ergin, der erfahrene Journalist der konservativen Zeitung Hürriyet über die jüngste Eskalation im türkisch-amerikanischen Verhältnis. Seit 1952 ist die Türkei Mitglied des von den USA angeführten NATO-Bündnisses. Seit vergangenem Wochenende berichten aber regierungsnahe und oppositionelle Zeitungen einstimmig von einer dramatischen Zuspitzung der bilateralen Beziehungen. Die Beziehungen zwischen beiden Bündnispartnern befänden sich «in einer schizophrenen und gefährlichen Spirale, die das Potenzial hat, einen Dominoeffekt im Nahen Osten und jenseits davon auszulösen», kommentierte der sonst eher zurückhaltende Chefredaktor der oppositionellen Hürriyet, Murat Yetkin. Der Leitartikel der Erdogan-treuen Sabah stellte nüchtern fest, der türkisch-amerikanische Konflikt drohe «the point of no return» zu erreichen, seit amerikanische «Generäle die Aussenpolitik der USA als Geisel genommen haben».

Klare Unterstützung für die Kurden

Die heftigen Reaktionen aus Ankara nehmen Bezug auf den Besuch von zwei hochrangigen US-Offizieren im nordsyrischen Städtchen Manbidsch am 7. Februar. Der Oberkommandant der amerikanischen Truppen in Syrien und im Irak, General Paul Funk, lobte im Beisein der kurdischen Peshmerga der YPG deren Schlüsselrolle bei der Befreiung der IS-Hochburg Raqqa, bezeichnete sie gar als «Helden».

Der zweite Besucher aus den USA, der Kommandant der amerikanischen Sondertruppen im Irak und Syrien, General Jamie Jafford, unterstrich in militärischem Jargon: Man wolle keinerlei Zweifel aufkommen lassen, dass sich die Amerikaner und ihre Verbündeten im Fall eines Angriffs heftig verteidigen würden. Die USA und ihre Alliierten seien «stolz auf ihre Positionen». Es wäre sinnvoll, wenn «alle dies in Betracht» zögen.

Nie zuvor hatten hochrangige US-Offiziere im Hinblick auf den Syrien-Krieg so unmissverständlich ihre Unterstützung für die nordsyrischen Kurden geäussert. Dass sie in Manbidsch von Journalisten der New York Times, von CNN-International und der Associated Press begleitet wurden, zeigt auch wie wichtig es für das Pentagon ist, dass die Weltöffentlichkeit weiss, dass die US-Truppen nach wie vor hinter den Kurden in Syrien stehen.

US-Truppen bleiben in Nordsyrien

Türkische Politiker wollen einen Unterschied ausmachen zwischen dem Pentagon, das angeblich eine inzwischen klar pro-kurdische Position habe und dem US-Aussenministerium, das sich für eine Annäherung an Ankara einsetze. Dies dürfte allerdings eine Illusion sein. US-Aussenminister Rex Tillerson hat Mitte Januar die «neue» Strategie seiner Regierung für den Nahen Osten öffentlich verkündet. Diese sieht eine amerikanische Einflusssphäre im Nordsyrien vor, die sich von Manbidsch im Westen bis zur nordirakischen Grenze erstreckt und die eine Präsenz der amerikanischen Truppen für eine vorerst unbestimmte Zeit garantiert. Die US-Truppen würden sich aus Syrien nicht zurückziehen, erklärte Tillerson, erstens um eine Wiedererstarken der Dschihadisten in der Region zu verhindern und zweitens um Irans Einfluss in der Levante einzudämmen.

Die Eindämmung des iranischen Einflusses in Syrien ist aus Sicht Washingtons für die Sicherheit Israels offenbar besonders wichtig. So zeichnet sich in den USA allmählich ein Umdenken ab. Die Kräfte, die eine Unterstützung für die säkulären Kurden Nordsyriens fordern, scheinen an Gewicht zu gewinnen.

Beziehungen «an einem sehr kritischen Punkt»

Seit der Verkündung der neuen US-Strategie wurde Manbidsch zu einer Art Kristallisationspunkt, der aus unterschiedlichen Gründen schwer belasteten türkisch-amerikanischen Beziehungen. Manbidsch, eine kleine Stadt westlich des biblischen Stroms Euphrat, war von den IS-Dschihadisten besetzt, bis sie 2017 von den kurdischen YPG-Kämpfern vertrieben wurden. Seitdem fordert die Türkei von den USA den Abzug der kurdischen YPG-Miliz aus Manbidsch, die Ankara als «Terroristen» verunglimpft.

Immer wieder versprechen amerikanische Politiker Ankara, die YPG zum Rückzug zu zwingen. «Mr. Obama hat uns nicht die Wahrheit gesagt und genauso jetzt auch Trump», empörte sich letzte Woche der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. «Statt die YPG zu einem Rückzug aus Manbidsch zu bewegen, sagen sie uns, ‹kommt nicht nach Manbidsch.› – Wir werden aber nach Manbidsch kommen.»

Seit der Verkündung der neuen US-Strategie droht der türkische Präsident wiederholt, die YPG-Kurden mit Waffengewalt aus Manbidsch und aus dem Gebiet bis zur irakischen Grenze zu vertreiben. Die Türkei werde «einen Terrorkorridor» direkt an ihrer Grenze niemals hinnehmen, verspricht er seiner Nation immer wieder.

Steuern die Türkei und die USA in Syrien auf Kollisionskurs? Die Beziehungen zwischen den USA und der Türkei seien «an einem ganz kritischen Punkt» angelangt, bestätigte am Montag der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu. «Entweder werden sie jetzt in Ordnung gebracht oder es kommt zu einem endgültigen Abbruch.»

Türkische Offensive vereint Kurden weltweit

Die türkische Armee hat bislang jede Konfrontation innerhalb der amerikanischen Einflusssphäre in Syrien östlich von Manbidsch vorsichtig gemieden. Die türkische Militäroffensive richtet sich seit dem 20. Januar gegen die kurdische Provinz Afrin im syrischen Westen, wo sich keine US-Truppen aufhalten.

Schon drei Wochen dauert die türkische Operation in Afrin. Die Bombardements der türkischen F-16, die wahllos Dörfer, Brücken, Schulen und antike Stätten zerstören sowie das Schweigen der internationalen Gemeinschaft haben indes die Kurden im Nahen Osten und in Europa in Aufruhr gebracht. Aus Solidarität zu den Kurden in Afrin zogen im Nordirak Tausende Kurden in Erbil und Suleimaniye auf die Strassen. In heftigen Debatten zogen sie auch Vergleiche zwischen dem Schweigen der internationalen Gemeinschaft, als im Oktober 2017 das «kurdische Kirkuk» fiel und dem Schweigen von heute. Aus Protest gegen die türkische Operation in Syrien, die zynischerweise «Operation Olivenzweig» heisst, begannen gestern Montag Hunderte Kurden ihren Marsch von Lausanne nach Genf. Aufgebracht sind die Kurden der Türkei, die wegen eines strikten Verbots der Regierung selber nicht demonstrieren dürfen.

Auch wenn Afrin fallen sollte, werde die Türkei diese Provinz nicht halten können, sagte der kurdische Politiker Dengir Mir Mehmet Firat dem Internetportal Ahval. «Afrin wird das Vietnam der Türkei». Dengir Mir Mehmet Firat war früher der Vize-Vorsitzende der regierenden AKP-Partei.

Für einen Grossteil der kurdischen Diaspora mutet Afrin ähnlich an wie das Trauma von Halabdscha, als 1988 der damalige irakische Herrscher Saddam Hussein massiv chemische Waffen gegen die kurdische Bevölkerung seines Landes einsetzen liess oder wie das nordsyrische Kobani, das 2014 von den damals so selbstsicheren Dschihadisten monatelang belagert wurde.

So besingt der kurdische Barde Silvan Perwer aus Diyarbakir den Krieg von nebenan mit einem neuen Lied: «Es gibt Trauer in meinem Land und die Welt weiss nichts davon. Der Preis für die Freiheit ist Blut.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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