Türkische Soldaten im Einsatz in der Nähe von Afrin © TRT

Türkische Soldaten im Einsatz in der Nähe von Afrin

Kurden: Chronologie eines wiederholten Verrats

Amalia van Gent / 28. Jan 2018 - Die nordsyrischen Kurden rufen Damaskus zum Beistand auf – und gestehen damit gleichzeitig ihre politische Niederlage ein.

Sechs Tage liess die türkische Armee ihre Luftwaffe die nordsyrische Region Afrin gnadenlos bombardieren und ihre Panzer das Gebiet beschiessen. Sechs Tage lang dauerte auch der erbitterte Widerstand der attackierten Kurden in Afrin. Am späten Donnerstagabend haben sie den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad um Hilfe gebeten. «Wir rufen den syrischen Staat auf, seinen Verpflichtungen nachzukommen und die Armee zu entsenden, um die Grenze mit der Türkei gegen Angriffe der türkischen Besatzer zu schützen», hiess es in einer auf der Internetseite der lokalen Verwaltung veröffentlichten Erklärung. Damaskus stehe in der Pflicht, «Afrin zu verteidigen», erklärte kurz danach auch das führende Mitglied des Exekutivrats von Afrin, Othman al-Scheich Issa, der Presse. Afrin sei ein «untrennbarer Teil Syriens», sagte er. «Jeder Angriff auf Afrin ist ein Angriff auf die Souveränität des syrischen Staates.»

Obwohl der türkische Vormarsch in Nordsyrien kaum voran kommt und bereits viele Opfer gefordert hat, kommt für die Kurden Afrins ihr Hilfe-Aufruf an Damaskus einem Zugeständnis ihrer Niederlage gleich. Seit 2012 kontrollierten die Milizen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) diese Provinz. Weil sich die Kurden nie offen gegen das Regime von Assad gestellt haben, blieb Afrin all die Jahre des Kriegs auch verschont. Augenzeugen berichteten von einer gut funktionierenden Wirtschaft sowie Verwaltung im Gebiet, von offenen Schulen und Universitäten, von einem Ort, wo auch Flüchtlinge aus anderen Teilen des Landes Schutz fanden. Die Kurden träumten indes, das westliche Afrin mit den zwei östlich des biblischen Flusses Euphrat gelegenen, hauptsächich von Kurden bewohnten Provinzen Kobane und Dschezire in einem einheitlichen autonomen Gebiet «Rodschava» zu vereinigen. Der Hilfe-Aufruf an Damaskus setzt diesem Traum nun ein abruptes Ende. Hat die türkische Invasion in Nordsyrien ihr Haupt-Ziel, nämlich einen autonomen, kurdischen Korridor entlang der türkischen Grenzen mit allen Mitteln zu verhindern, damit bereits schon erreicht?

Moskaus umstrittene Rolle

Die syrischen Kurden führen die dramatische Wende in Afrin weniger auf die Türkei als viel mehr auf Russland zurück. Nicht nur, weil das gesamte Grenzgebiet um Afrin seit Jahren unter russischer Konrolle steht und ohne das grüne Licht aus Moskau keine türkische F-16 den syrischen Luftraum hätte benützen können. Die Russen hätten die Kurden vor ein Ultimatum gestellt, erklärte das hochrangige Mitglied der kurdischen Verwaltung in Afrin Aldar Khalil der Presse. «Die syrischen kurdischen Kräfte müssten entweder ihre Positionen den Truppen al-Assads friedlich übergeben oder mit einer Invasion der Türkei rechnen. Sie haben sich entschieden zu bleiben. Und so folgte der türkische Aufmarsch auf Afrin». Mehrere führende Kurden Syriens haben inzwischen Ähnliches berichtet und jenes lähmende Gefühl unter Kurden, einmal mehr in ihrer Geschichte verraten zu werden, damit gestärkt.

Zwei «türkisch-russische Deals» seien der türkischen Invasion vorausgegangen, berichtet auch der ehemalige türkische Aussenminister Yasar Yakis im Internetportal Ahval. Der «erste Deal betraf das Ultimatum an die Kurden Afrins». Moskau habe das grüne Licht für die türkische Operation gegen die aufmüpfigen Kurden erteilt und habe gar «seine Militärpolizei aus Afrins Zentrum abgezogen, um mögliche Unfälle auszuschliessen». Der zweite ginge um die Stadt Idlib. Nach dem Fall von Aleppo waren Tausende, unterschiedlichen islamistischen Bewegungen nahestehende Oppositionelle und ihre Familien nach Idlib gezogen. Nun soll sich Ankara als Gegenleistung für Moskaus grünes Licht bereit erklärt haben, die offenbar bevorstehenden Operationen der syrischen Armee gegen Idlib stillschweigend hinzunehmen, nach dem Motto «Afrin gegen Idlib». Afrin und Idlib wären damit zwei wertvolle Geschenke an al-Assad, der seine Macht erstmals nach 2011 wieder in einem grossen Teil des Landes hergestellt sieht. Die Strategie Russlands in Syrien, die von Kriegsbeginn an den Machterhalt al-Assads vorgesehen hatte, ginge damit auf.

Trauerspiel ohne Ende

Unklar ist hingegen, inwieweit die Türkei innerhalb des syrischen Territoriums noch zu gehen bereit ist. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zeigte sich auch am Freitag siegessicher und kündigte selbstherrlich an, mit der türkischen Armee «Afrin von Terroristen zu reinigen» und nach Afrin die Operationen gegen die Stadt Manbidsch und gleich auch auf das Gebiet östlich des biblischen Flusses Euphrat bis zur irakischen Grenze fortzusetzen. Das ist ausgerechnet das Siedlunggebiet der syrischen Kurden. Eigentlich hätte Erdogan das gesamte syrische Grenzgebiet zur Türkei «kurdenfrei» gewünscht, betrachtet er das im Nahen Osten weit verteilte Volk der Kurden doch als eine vermeitlich existenzielle Gefahr für sein Land.

In Manbidsch und östlich davon leben aber nicht nur die kurdische Bevölkerung und die Kämpfer der YPG, sondern auch amerikanische Truppen. Amerikanische Truppen und die kurdischen Milizen der YPG haben nach 2014 erfolgreich gegen den Islamischen Staat (IS) gekämpft, haben gemeinsam den IS vom syrischen Territorium weitestgehend vertrieben, zuletzt auch von der IS-Hochburg Raqqa. Haben nun auch die syrischen Kurden für den Westen ihre «Pflicht» erfüllt und dürfen fallengelassen werden?

Die Politik der westlichen Länder in Bezug auf die türkische Invasion in Syrien ist ein Trauerspiel ohne Ende. Zum Beispiel die Politik der USA: Das Pentagon hat Ankara zwar davor gewarnt, die in Manbidsch stationierten amerikanischen Truppen anzugreifen. Von ihren bislang so geschätzten kurdischen Alliierten war aber nirgends die Rede. «Die Türkei ist unser Alliierte und wir werden mit ihr zusammenarbeiten», erklärte ein Pressesprecher des Pentagons. Vergessen ist, dass die Türkei jahrelang kein sonderliches Interesse an einer Niederlage der islamistischen IS gezeigt hatte. Die Amerikaner hätten klargestellt, dass sie nicht bereit seien, für die Kurden gegen die Türkei zu kämpfen, kommentierte die New York Times. Das US-Aussenministerium ging – sehr zum Wohlwollen Ankaras – gar einen Schritt weiter und übernahm den Wortlaut der türkischen Regierung. Die Türkei sei «zum Kampf gegen die PKK übergegangen», erklärte die Pressesprecherin Heather Nauert. Die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) kämpft seit 1984 um eine Autonomie der Kurden in der Türkei und wird von den USA und der EU als Terrororganisation anerkannt. Damit wurden kurzerhand auch die syrischen Kurden zu Terroristen erklärt. Eine ganze Woche lang schwieg die NATO darüber, dass ihr Mitglied Türkei sich in einem Alleingang über jedes Völkerrecht hinwegsetzte. Dann zeigte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg Verständnis für den türkischen Schritt: Jedes Land habe das «Recht auf Selbstverteidigung und kein anderes Land hat soviel unter Terrorismus gelitten wie die Türkei».

Rückenstärkung für Erdogan

«Verrat» zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Kurden in den letzten 100 Jahren. Das haben vor einem Jahr bereits die irakischen Kurden schmerzhaft erfahren müssen: Als sie nach der Niederlage der Dschihadisten im Irak im Oktober 2017 ein Referendum zu ihrer Unabhängigkeit durchführten, marschierten die irakischen Truppen mit Hilfe der iranischen Revolutionsgardisten in Kirkuk und zahlreichen anderen Städten ein und vertrieben die Kurden. Die westlichen Alliierten liessen es stillschweigend geschehen. Der Fall von Kirkuk hinterliess im Nordirak eine kurdische Bevölkerung, die noch völlig desorientiert und desillusioniert ist von ihrer Führung, aber auch vom Westen, der seine moralischen Werte nur wahlweise umgesetzt wissen will. Sollen nun auch die syrischen Kurden dieselbe Erfahrung durchmachen? Vieles hängt vom Widerstand der Kurden und von der Dauer der türkischen Operation ab.

Erdogan dürfte sich vorläufig so stark fühlen wie in den letzten Monaten zuvor selten. Die Operation in Afrin, zynischerweise auch «Operation Olivenzweig» genannt, hat ihn als furchtlosen Kriegsherrn gezeigt und innenpolitisch gestärkt. Mittlerweile scheint die Türkei eine anti-kurdische Hysterie erfasst zu haben. «Wir unterstützen diese Operation voll und ganz», deklarierte der sozialdemokratische Oppositionspolitiker Kilicdaroglu. Er bete für Militär und Vaterland, ergänzte sein Stellvertreter, CHP-Sprecher Bülent Tezcan. «Unsere Gebete sind mit unserer ruhmreichen Armee und unseren heldenhaften Soldaten in Afrin», schrieb Meral Aksener, die Vorsitzende der neu gegründeten, rechtspopulistischen Iyi-Partei. Aksener hatte ihre Partei gegründet, um bei den Präsidentenwahlen als Gegenkandidatin zu Erdogan aufzutreten. Imame beten in den Moscheen um den Sieg der türkischen Armee und die Patriachen der christlichen Minderheiten in ihren Kirchen um die Niederlage der «Terroristen».

So lässt die Regierungspartei ohne grossen zivilen Widerstand erneut jede kritische Stimme unterdrücken. «Jeder, der sich gegen die Afrin-Operation der Türkei stellt, unterstützt die Terroristen», erklärte Aussenminister Mevlüt Cavusoglu. Nur wenige Bürger sind darüber empört, dass Antikriegsdemonstrationen verboten oder von der Polizei gewaltsam aufgelöst und Journalisten, Aktivisten und Politiker festgenommen werden. Nachdem die kurdische Menschenrechtlerin Nurcan Baysal auf Twitter die Afrin-Offensive verurteilte, stürmten Polizisten um Mitternacht in ihre Wohnung und führten sie vor den Augen ihrer Kinder ab. Sie blieb trotz wiederholten Schikanen der Sicherheitskräfte in ihrer Heimat im kurdischen Südosten der Türkei Diyarbakir. Wie sie in einem Interview erklärte, wollte sie ihren Kindern mit ihrer Haltung zeigen, dass es wert ist, für Frieden und für die Würde der Menschen zu kämpfen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier Türkei: Innen- und Aussenpolitik
Zur Analyse der US-amerikanischen Zeitung «The Nation» (englisch)

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2 Meinungen

Wahrlich «ein Trauerspiel ohne Ende». Vielen Dank, Amalia van Gent, für diesen Artikel.
Adrian Knoepfli, am 28. Januar 2018 um 13:23 Uhr
Russland hat mit verschiedenen „Playern“ der Region bis kurz vor Beginn der Operation „Olivenzweig“ verhandelt. Das Angebot an die Kurden bzw. an die YPG war: Akzeptiert eine Teil-Autonomie, übergebt die Ölquellen der Kontrolle der SAA, kommt nach Sochi und nehmt teil an den Friedensgesprächen.

Die YPG hat das abgelehnt. Und stattdessen auf was gehofft? Auf Royava als eigenen Staat und die Ölquellen Syriens behalten zu können? Darauf hat die YPG völkerrechtlich (und imho auch moralisch) kein Anrecht. Auf Schutz vor der Türkei durch die USA? was einen Konflikt zwischen zwei NATO-Staaten bedeutet hätte. Sehr naiv.

Syrien und Russland wollen die US-Truppen raus haben aus Syrien und einen direkten Konflikt mit eben diesen nach Möglichkeit vermeiden. Wenn Erdogans Olivenzweig das partiell erledigt, dann kommt das Assad und Erdogan gelegen.

Assad hat vor kurz kurzem gesagt, dass wer mit den USA in Syrien zusammenarbeitet, als Verräter betrachtet wird. Nachvollziehbar.

YPG hat die üble Lage, in der sie sich gerade befindet, mindestens teilweise selber verschuldet. Oben erwähntes Angebot steht noch meines Wissens, aber die Bedingungen für die YPG haben sich eher nicht verbessert in der Zwischenzeit.

Die YPG hat sich gründlich verzockt.
Christoph Meier, am 28. Januar 2018 um 21:53 Uhr

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