Pflegepersonal im Dauerstress - nicht nur während einer Krise. © Pixabay (Darko Stojanovic)

Pflegepersonal im Dauerstress - nicht nur während einer Krise.

Pflegefachleute: Arbeiten ohne Murren, trotz Gefährdung

Monique Ryser / 08. Mär 2020 - Noch ist der Höhepunkt der Coronavirus-Pandemie nicht erreicht, schon werden die Masken knapp. Mittendrin: die Pflegenden.

Zehn Prozent der am neuen Coronavirus infizierten* Menschen in Italien waren Personen aus dem Gesundheitssystem. Das sagt Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK. «Absolute Priorität hat für uns der Schutz des Personals an der Front», erklärte sie Ende letzter Woche. Auch der Arbeitsmediziner Klaus Stadtmüller betont, dass es besonders wichtig sei, das medizinische Personal zu schützen, damit es nicht selbst infiziert wird. Am Samstag wurde aber bekannt: Das Nationale Zentrum für Infektionsprävention hat die Schutzempfehlungen für medizinisches Personal ein zweites Mal gesenkt, da die Schutzmasken knapp werden. Das berichtete der «TagesAnzeiger». Und die «NZZ am Sonntag» meldet gar, dass ein Lastwagen mit Schutzmasken an der Grenze blockiert sei, da Deutschland einen Ausfuhrstopp verfügt habe.

Die Schweiz hat den Höhepunkt der Epidemie noch nicht erreicht und es ist nicht klar, wie lange die besondere Gesundheitslage andauert. Klar ist hingegen, dass das Pflegepersonal bereits jetzt Überstunden leistet, Freitage aussetzt und Zusatzstunden bewältigen muss. «Unser oberstes Ziel ist, zu helfen und das zu tun, was nötig ist. Wir sind Berufsleute mit hohen moralischen Werten», formuliert es Yvonne Ribi. Jetzt, da mit der Strategie des Bundes vor allem Ältere und bereits mit Vorerkrankungen belastete geschützt werden sollen, rücken auch die Spitex-Angestellten in den Fokus. Auch mit den Quarantäne-Vorschriten zu Hause wird es nötig sein, vermehrt die Spitex in Anspruch zu nehmen. Claudine Bumbacher, Geschäftsführerin von Spitex Bern betont: «Unsere Kundinnen und Kunden gehören zu den Verletzlichsten und Hygienemassnahmen sind essentiell. Wir sind bereit, unsere Aufgaben gemäss des Pandemieplans auszuführen. Ich bin beeindruckt von der Ruhe und Professionalität der Pflegenden in dieser Krise. Chapeau!», so die Verantwortliche von 350 Pflege-Mitarbeitenden.

Ohne ausländisches Personal geht gar nichts, Grenzschliessungen wären unmöglich

Die Krise wirft ein Schlaglicht auf einen Berufsstand, der auch in normalen Lagen oft an den Anschlag kommt: Seit Jahren weisen die Verantwortlichen darauf hin, dass in der Schweiz zu wenig Pflegende ausgebildet werden. Ohne Personal aus dem Ausland würde das Schweizer Gesundheitssystem nicht funktionieren: Vor allem an diplomierten Pflegefachfrauen und -männern herrscht Mangel. Über 30 Prozent der Angestellten in Pflegeberufen haben einen ausländischen Pass. Davon sind laut dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium (Obsan) rund 10 Prozent Grenzgänger und Grenzgängerinnen. Die Bedeutung dieser Zahl wird aber erst klar, wenn die Personalstruktur in Grenzkantonen wie Tessin, Basel, Wallis oder dem Genferseegebiet angeschaut wird: In einzelnen Abteilungen von Spitälern beträgt dort der Ausländeranteil bis zu 80 Prozent, wie Roswitha Koch vom SBK erklärt. In einzelnen Spitälern beträgt der Anteil gesamthaft über 60 Prozent. Zudem: Der Stellenmarkt ist völlig ausgetrocknet, zurzeit wird für rund 6000 Stellen das nötige Personal gesucht. Und das ist keine Ausnahme, sondern courant normal.

Eigener Berufsstand

Das Jahr 2020 ist – schon fast Ironie des Schicksals – von der WHO zum Year of the Nurse ausgerufen worden. Anlass dafür ist der 200. Geburtstag von Florence Nightingale, nach deren Name noch heute ein Spital in London benannt ist. Sie war die Begründerin der Professionalisierung der Krankenpflege und positionierte die Pflege als eigenständigen Berufsstand neben den ärztlichen Berufen. Das war ein Paradigmenwechsel, der auch heute noch nachwirkt: Es geht darum, ob die Pflegeberufe nur für «care» (Betreuung, Fürsorge) zuständig sind oder eben auch für «cure», also das medizinische Behandeln am Bett des Patienten. Im Gegensatz zum Stand der Ärzte und Ärztinnen ist aber das Berufsverständnis der Pflegenden viel mehr noch vom «Dienen» beeinflusst, weshalb sie weniger laut und weniger kämpferisch auftreten. Und deshalb oft nicht gehört werden.

Weitere 65'000 Berufsleute bis 2030 nötig

Diplomiertes Pflegepersonal hat heute einen Abschluss einer Fachhochschule oder einer Höheren Fachschule und ist bestens ausgebildet. Mit der Pflegeinitiative des SBK, die zurzeit vom Parlament behandelt wird, soll der Pflegeberuf weiter aufgewertet werden, sodass Diplomierte spezifische Pflegeleistungen auch selber anordnen und abrechnen können. Ebenso wichtig sind aber auch die Forderungen nach einer Ausbildungsoffensive, um in der Schweiz genügend Nachwuchs zu rekrutieren. Und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, damit die Leute im Beruf bleiben. Ein Szenario des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums Obsan hat errechnet, dass bis ins Jahr 2030 zusätzliche 65’000 Berufsleute für die Pflege nötig sind. Ohne schon heute Massnahmen zu ergreifen, kann dieser Bedarf unmöglich gedeckt werden. Das Parlament werkelt zurzeit an einem Gegenvorschlag, der aber immer mehr abgeschwächt wird. Wie wichtig qualifizierte Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger sind, hat eine Auswertung von Studien des Bundesamtes für Statistik ergeben: Je höher der Anteil an diplomiertem Pflegefachpersonal, umso tiefer ist das Sterberisiko für die Patientinnen und Patienten und umso schneller können sie das Spital wieder verlassen, so das klare Fazit. Damit können allein in den Akutspitälern pro Jahr 357 Millionen Franken gespart werden.

*Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels, am 8. März, wurde aus Italien gemeldet, dass zehn Prozent der Verstorbenen Mitglieder des medizinischen Personals seien. In Italien werden in der Zwischenzeit die infizierten Pflegenden und medizinisch Tätigen statistisch erfasst. Zurzeit sind das rund zehn Prozent. Genaue Zahlen über Infektionen und Verstorbene unter den Pflegenden fehlen aber, weltweit und auch in der Schweiz. Wie Gesundheitsminister Alain Berset am 25. März erklärte, müssten diese Zahlen aber so schnell wie möglich erhoben werden.

Insgesamt sind rund 120’000 Menschen im ganzen Bereich der Pflege beschäftigt. Diese teilen sich folgendermassen auf (gerundete Zahlen):


Spitäler
46’000 mit Diplom Pflegefachfrau/-mann
14’000 Fachangestellte Gesundheit
5’800 andere (u.a. Pflegehelferinnen/-helfer SRK
Pflegeheime
15’000 mit Diplom Pflegefachfrau/-mann
20’000 Fachangestellte Gesundheit
14’000 andere (u.a. Pflegehelferinnen/-helfer SRK
Spitex
7’700 mit Diplom Pflegefachfrau/-mann
5’500 Fachangestellte Gesundheit
4’100 andere (u.a. Pflegehelferinnen/-helfer SRK
Quelle: SBK

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4 Meinungen

Die Masken werden nicht nur knapp, sie sind meistens gar nicht vorhanden. Da hat das BAG oder des Bundesamtes für wirtschaftliche Landesversorgung BWL, das die Güter für den Notvorrat zusammenstellt, arg geschlampt. Gemäss Influenza-Pandemieplan Schweiz des BAG, der 2004 erstmals erstellt und 2018 aufdatiert wurde, sollte jede Person im Notvorrat 50 Hygienemasken besitzen. Nur weiss das wohl niemand. Und nun besitzen wenige bis niemand solche Masken, worauf dann die Behörden verlauten lassen, dass solche Masken ja eigentlich auch nicht viel nützen. Dies, um ja keine Panik zu schüren. Aber warum sind sie denn im Pandemieplan und wozu ist ein solcher gut? Damit wir ihn haben und sagen können: Gut haben wir darüber gesprochen und ihn erstellt?
Christian Bernhart, am 08. März 2020 um 12:46 Uhr
Jetzt relativiert sich die Wichtigkeit von Berufsleuten. Konnten bisher die Finanzfachleute und die Unternehmer ihre Ansprüche in unendliche Höhen schrauben, Steuererleichterungen für sich beanspruchen, finanzielle Unterstützungen von einem Staat einstreichen, den sie am liebsten so klein sähen, dass man ihn kaum mehr sieht, wird wegen eines Virus klar, wo eine verantwortungsvolle Politik auch hinschauen sollte. Wenn sie Jahre lang einer Rendite geilen Wirtschaft Gedanken verloren nachhechelt, sie ihre Position über alles stellt, dann fehlen eben schon nach der ersten Woche der Pandemie Schutzmasken und die Desinfektionsflüssigkeit geht schon vorher aus. Medikamente fehlten schon lange vor dem Virus. Das Bundesamt für Gesundheit hat auch da jahrelang geschlafen. Eben weil die Politik die Interventionsmöglichkeiten zur Herstellung von Medikamenten gestrichen hat in der Meinung, der Markt werde es regeln. Berufe, die nicht unmittelbar Cash produzierten, wurden in den letzten 20 Jahren vor allem belächelt, was dazu führte, dass das Gesundheitssystem krank ist, die Lehrerinnen burnouten, die AHV keine fähigen Sanierer findet und das Klima kippt. Gesellschaftlich und physikalisch.
Ruedi Beglinger, am 08. März 2020 um 14:36 Uhr
Natürlich würde unser Gesundheitssystem kollabieren, wenn jetzt plötzlich alle ausländischen Fachkräfte wegfallen würden. Die hohe Abhängigkeit von diesen zeigt aber vor allem eine tieferliegende Misere auf. Das Gesundheitswesen (mit Ausnahme der Stellen für Ärzte in den Fachbereichen mit hohen Verdienstmöglichkeiten) ist als Arbeitgeber zu wenig attraktiv. Deshalb entscheiden sich zu wenig Einheimische für diese Berufe. Aber so lange die Arbeitgeber problemlos Arbeitskräfte aus dem ganzen EU-Raum rekrutieren können, ist ihnen das egal, und sie sind nicht gezwungen, irgend etwas zu ändern. Für italienische Verhältnisse ist ein Lohn von 3000 Franken schon ziemlich stattlich, da stellt man keine grossen Ansprüche mehr.
Für mich zeigt die Corona-Krise überdeutlich, dass der Markt nicht alles richtet. Der «Markt» denkt vielleicht ein paar Wochen in die Zukunft, menschliche Werte sind ihm genauso fremd wie strategische Überlegungen.
Daniel Heierli, am 11. März 2020 um 12:18 Uhr
Die Arbeit im Fachbereich Gesundheit ist schlecht bezahlt. Jetzt kommt noch die grosse gesundheitliche Gefährdung der Menschen in Pflegeberufen dazu.
Mein Vorschlag: Sofort allen Mitarbeitenden im Gesundheitssektor, die im Tieflohnsektor arbeiten und der Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind, eine Gefahrenzulage von Fr. 100.- pro Arbeitstag ausrichten. Diese Menschen, die direkt und nahe mit Kranken und Alten (evtl. Angesteckten) zusammen sind, sind von allen Arbeitenden am stärksten gefährdet angesteckt zu werden. Nach der Coronakrise sollte dann über neue Lohnstrukturen nachgedacht werden.
Heinrich Trudel, am 20. März 2020 um 12:11 Uhr

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