UNO-Vermittler Geir O. Pedersen überwacht die Sitzung des Verfassungsausschusses in Genf © UN Photo/Laura Jarriel

UNO-Vermittler Geir O. Pedersen überwacht die Sitzung des Verfassungsausschusses in Genf

Neustart der Syrienverhandlungen in Genf

Andreas Zumach, Genf / 31. Okt 2019 - In Genf nimmt der Ausschuss zur Erarbeitung einer neuen Verfassung für Syrien seine Arbeit auf.

Achteinhalb Jahre nach Beginn des syrischen Bürgerkrieges im März 2011 sind VertreterInnen der Regierung Assad und einer Koalition diverser Oppositionsgruppen und Rebellenmilizen am Mittwoch erstmals in einem Raum zusammengekommen: Mit einer Eröffnungszeremonie im historischen Ratssaal des Genfer UNO-Gebäudes nahm der Ausschuss zur Ausarbeitung einer neuen syrischen Verfassung seine Arbeit auf. Dem Ausschuss gehören je 50 VertreterInnen der Regierung, der Oppositionskoalition sowie der syrischen Zivilgesellschaft an. Der Ausschuss soll in den nächsten Tagen noch im Plenum tagen und dann in kleinerem Rahmen mit je 15 VertreterInnen der drei Gruppen die eigentlichen Verhandlungen beginnen. Beschlüsse sollen wenn möglich im Konsens getroffen werden, bedürfen aber mindestens der Zustimmung von 75 Prozent der Ausschussmitglieder. Damit hat jede der drei Gruppen eine Sperrminorität.

Die Einigung auf die 150 Namen und auf die Verfahrensregeln ist die erste Verständigung überhaupt, die die syrischen Konfliktparteien seit 2011 erzielt haben. Sie erfolgte in mühsamen Verhandlungen der letzten zwölf Monate unter Federführung des norwegischen Diplomaten Geir O. Pedersen. Pedersen, der bereits Anfang der 90er Jahre als Vermittler an den Verhandlungen über das Oslo-Abkommen zwischen Israel und den PalästinenserInnen beteiligt war, ist der inzwischen vierte Syrienbeauftragte der UNO seit 2012 nach Ex-Generalsekretär Kofi Annan, dem Algerier Lakmar Brahimi und dem Schweden Staffan di Mistura.

Ein säkulares, multiethnisches und demokratisches Syrien

Die Genfer UNO-Verhandlungen über eine Beendigung des Syrienkrieges und eine politische Konfliktlösung begannen bereits Ende Januar 2016. Basis ist die einstimmig verabschiedete Resolution 2254 des UNO-Sicherheitsrates vom Dezember 2015. Die Resolution proklamiert als Ziel ein säkulares, multiethnisches und demokratisches Syrien auf dem gesamten bisherigen Staatsgebiet und bestimmt als wichtigste Umsetzungsschritte einen landesweiten Waffenstillstand, die Bildung einer Übergangsregierung sowie die Ausarbeitung einer neuen Verfassung. Nach deren Annahme sollen in einer Volksabstimmung von der UNO überwachte Parlaments- und Präsidentschaftswahlen stattfinden. Doch alle neun Genfer Verhandlungsrunden bis September 2017 blieben ergebnislos. Die Delegation der Regierung Assad verweigerte bis zuletzt direkte Gespräche mit der Oppositionsdelegation oder auch nur den gemeinsamen Aufenthalt in einem Verhandlungssaal des Genfer UNO-Gebäudes. Eine zumindest teilweise sowie zeitliche befristete Waffenruhe wurde erst in Verhandlungen zwischen Russland, der Türkei und Iran in der kasachischen Hauptstadt Astana vereinbart. In der Provinz Idlib dauert der Krieg aber an. Die Bildung einer Übergangsregierung wurde von der Delegation der Regierung Assad strikt abgelehnt.

UNO-Vermittler Pedersen konnte durchsetzen, dass wenigstens knapp 30 Prozent der 150 Mitglieder des Verfassungsausschusses Frauen sind. Auch die syrischen Kurden sind vertreten. Die Türkei verhinderte mit ihrem Veto allerdings eine Beteiligung der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), zu denen die von Ankara als «Terroristen» eingestuften und militärisch bekämpften kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) gehören.

«Die Tatsache, dass Sie bereit sind, einen Dialog zu starten, ist ein starkes Signal der Hoffnung für Syrer überall», erklärte UNO-Vermittler Pedersen bei der Eröffnungssitzung am Mittwoch. Auch die beiden Co-Vorsitzenden des Verfassungsausschusses, Ahmad Kuzbari für die Regierung Assad und Hadi Albahra für die Opposition, gaben sich verhalten optimistisch, dass der neue Ausschuss einen Beitrag für einen politischen Neustart für Syrien leisten könne.

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Russland drängt die syrische Regierung unter Assad zu Zugeständnissen bei diesen Verhandlungen. Es liegt im Interesse Putins, dass der militärische Erfolg in Syrien, der sich durch das russische Eingreifen ab 2015 ergeben hat, in eine geregelte Nachkriegsordnung unter Federführung der UNO für dieses Land übergeht. Das würde dann eine Wiederaufbauhilfe des Westens nach Kriegsende für das zerstörte Syrien leichter möglich machen. Jedoch glaube ich, dass Assad in einer Wahl wieder als Präsident erneut bestätigt wird. Das wäre dann wiederum ein Hindernis für westliche Wiederaufbauhilfe.
Bernd Moser, am 31. Oktober 2019 um 13:35 Uhr

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