Nein zu unerträglichem Journalismus

Christian Müller © aw
Christian Müller / 19. Nov 2020 - Kaum zu fassen: Patrik Müller, Chefredaktor der CH Media-Zeitungen, behauptet, die KVI schade den Ärmsten.

Man reibt sich die Augen und überlegt, ob man ganz wach ist:

«NEIN ZU UNERTRÄGLICHEM MORAL-IMPERIALISMUS.
Die Initiative schadet den Ärmsten.»

Das ist die Headline über einem Kommentar von Patrik Müller, seines Zeichens Chefredaktor der CH Media-Zeitungen, also der Aargauer Zeitung, der Luzerner Zeitung, des St. Galler Tagblatts und etlicher anderer Regionalzeitungen.

Moral-Imperialismus! Ein neues Schlagwort, um Leute, die auch an die Armen und Ärmsten denken, lächerlich zu machen. So wie schon das Schlagwort «Gutmenschen» angewendet wird, um Mitmenschen, die nicht nur an sich selbst denken, der Lächerlichkeit preiszugeben. Eine raffinierte Methode, die eigene wirtschaftliche Rücksichtslosigkeit und die eigene Bewunderung der Reichen und Reichsten zu kaschieren.

Patrik Müller wörtlich:«Zwei grosse Bevölkerungsgruppen können sich mit ihr (der Konzernverantwortungsinitiative) identifizieren: Wohlhabende, getrieben vom schlechten Gewissen, dass es ihnen so gut geht und anderen so schlecht. Und Wohlmeinende, getrieben von einem missionarischen Eifer wie früher die Kirche. Diesmal soll die Welt nicht am Christentum genesen, sondern am Schweiztum. Unsere Regeln überall. Einklagbar bei uns. Das ist unerträglicher, übergriffiger Moral-Imperialismus.»

Patrik Müller ist bekannt für seine meist doppelseitigen Interviews mit der obersten Prominenz: mit Bundesräten, exBundesräten, Grossbank-CEOs, Konzern-Chefs oder auch Literatur-Päpsten. Oder er geht ans WEF in Davos, um – zum Beispiel im Jahr 2019 – zu vermelden, dass UBS-Chef Sergio Ermotti am WEF nur ein einziges Interview gegeben hat: ihm, Patrik Müller. Damit hebt er sich selbst in diese Kategorie der Promis – meint er wenigstens. Dass er auch über eine ordentliche Allgemeinbildung verfügt, ist zu zeigen ihm allerdings noch nicht gelungen. So etwa bezeichnete er die Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 als «Wende» im Zweiten Weltkrieg. Von Geschichte keine Ahnung.

Vielleicht liest Patrik Müller mal in Wikipedia nach, welchen internationalen Leistungsausweis Dick Marty, einer der Initianten der Konzernverantwortungsinitiative, vorzuweisen hat. Der ehemalige Tessiner FDP-Ständerat ist einer der wenigen Politiker, die immer noch rundum Vertrauen verdienen.

PS: Es sei hier nicht verschwiegen, dass neben dem Kommentar von Patrik Müller auch ein gleichlanger Kommentar von Roman Schenkel stand, dem Stellvertretenden Chefredaktor der CH Media-Zeitungen. Leider argumentierte aber auch er nur mit den Auswirkungen der KVI auf die Wirtschaft. Wörtlich: «Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sollten die Initiative als Chance für den Wirtschaftsstandort sehen. Es ist die Möglichkeit, ihn aktiv für die Zukunft aufzustellen – statt nur stets passiv den tiefsten legalen Standards anzupassen.» Kein Wort dazu, dass es der Konzernverantwortungsinitiative auch tatsächlich darum geht, die Ausbeutung der Menschen in den Entwicklungsländern zu stoppen. Schade.

(Patrik Müllers unsäglicher Kommentar kann unten angeklickt und gelesen werden.)

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Das «Echo der Zeit» macht zur Konzerninitiative Recherchen vor Ort. Das ist seriöser Journalismus. Ein Beispiel aus Indien, hier anklicken.

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Keine.

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Patrik Müller zur Konzernverantwortungsinitiative

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13 Meinungen

Herr Müller ist schon seit Jahren einer jener verhaltensauffälligen Journalisten, wie sie im Reich der Wanner-Medien herangezüchtet und als fünfte Kolonne in die Interessen der Mächtigen oder zumindest jener, die sich dafür halten, eingebettet werden. Darum habe ich mein früheres Zeitungsabonnement schon ebenso lange in einen Unterstützungsbeitrag an Infosperber umgewandelt. www.freystefan.ch
Stefan Frey, am 19. November 2020 um 11:53 Uhr
Ich nenne das 'Auftrags-Journalismus'. Patrik Müller muss sich bei 'den Bürgerlichen' die Sporen abverdienten.
- Er ist bereits recht weit auf seinem Weg an die Spitze ...
- Nur: Ich kann solche Leute nicht anerkennen für ihr Tun.
Konrad Staudacher, am 19. November 2020 um 12:28 Uhr
Patrik Müller, Chefredaktor der CH Media-Zeitungen hat die Initiative nicht verstanden. Auch bei Annahme der Initiative müssen Betroffene oder deren Vertreter Beweise vorlegen und klagen. Dann müssen die Beklagten Stellung nehmen. Wahrscheinlich wurde der Kommentar von Müller bei Glencore redigiert. Leute wie Müller sind die Lautsprecher der Kolonialisten von heute! Aber erstaunt bei Vertreter CH Media nicht wirklich. Wollen in der Schweiz an die Honigtöpfe der Steuerzahler um weiterhin ihren Unsinn verbreiten zu können.
Victor Brunner, am 19. November 2020 um 12:48 Uhr
Ich schäme mich zutiefst für jene, welche die Konzernverantwortungs-Initiative nicht bejahen.

Der Grundsatz ist ganz einfach & einprägsam: Was in der Schweiz nicht zugelassen ist, soll von in der Schweiz ansässigen Unternehmen auch im Ausland nicht praktiziert werden dürfen.

Es gibt nur wenige, die von einem Nein profitieren würden, nämlich die Superreichen und Eliten. Diese finanzieren mit vielen Millionen die Nein-Kampagnen.

Firmen, die die Vorgaben der Initiative nicht einhalten können resp. wollen, dürfen durchwegs ihren Sitz ins Ausland verlegen. Früher oder später schaden sie nämlich sonst unserem Schweizer Image (Bodenständigkeit, usw.) und damit der Volkswirtschaft.

Zusätzlich müsste im Grundsatz per sofort verlangt werden, dass auf Produkten und Dienstleistungen in gleich grossen Buchstaben wie der Produktname deklariert werden muss: kann unter Ausbeutung von Kindern (Kinderarbeit) und Umwelt-Schädigung hergestellt worden sein.

Dieses Vorgehen kennt man auch bei Landwirtschaftsprodukten, z.B. «aus in der Schweiz nicht zugelassener Käfighaltung».

Dann schauen wir, wie lange solche Unternehmen brauchen, bis sie ihr Tun & Handeln angepasst haben - das wird subito der Fall sein.
Marco Zürcher, am 19. November 2020 um 13:23 Uhr
In der Schweiz kann man vor Abstimmungen den Leuten immer Angst machen, das ist Usus.
Ein Ja zur Konzernverantwortungsinitiative ist wichtig.
Denn wir brauchen keine Konzerne und keine Hochfinanz, die Alles privatisieren wollen, die Umwelt- und Gewässerschutz sowie Menschenrechte nicht respektieren und für Kinderarbeit, Armut, Ausbeutung, Elend und Flüchtlinge verantwortlich sind.
Eliane Studer
Eliane Studer, am 19. November 2020 um 13:35 Uhr
Patrik Müller hat absolut recht. Dieses moralintriefende Verhalten einiger Gutmenschen, die uns allen eintrichtern wollen, wie schlecht wir doch im Grund genommen sind und wegen der kolonialen Vergangenheit Europas unbedingt ein schlechtes Gewissen haben müssen, ist unerträglich. Schlimm ist es aber, weil wir mit der KVI damit ganz klar Neokolonialismus der übelsten Sorte betreiben. Diese Länder sollen also nicht in der Lage sein, die Rechtsansprüche ihrer Bürger durchzusetzen? Man fragt sich, wann sie eigentlich unabhängig sein werden und wollen.

Kurze Rekapitulation: Die südafrikanische Regierung hatte 2002 die Apartheidklagen gegen zwanzig Banken und Unternehmen in den USA zuerst selbst abgelehnt und dann doch vorgebracht. Nach einem Umweg über den Supreme Court (Klage abgelehnt) liess 2014 die Richterin eines Bezirksgerichts die Klage gegen IBM und Ford fallen, da die Kläger den signifikanten Zusammenhang zwischen den Vorwürfen der Verbrechen in Südafrika und der Abhaltung des Gerichtsverfahrens in den USA nicht ausreichend erbringen konnten.
2012 einigten sich die Kläger mit General Motors in einem aussergerichtlichen Vergleich zu Entschädigungszahlungen!
2016 lehnte der US Supreme Court die Berufung der Kläger ab. Der Supreme Court stellte fest dass die Verbindung zwischen den Handlungen von IBM und Ford in den USA zu den Menschenrechtsverstössen in Südafrika in der Vergangenheit nicht bestand.
Und wie soll nun ein Schweizer Gericht ähnliche Urteile fällen können?
Vogler Robert, am 19. November 2020 um 15:20 Uhr
Warum sollte Patrick Müller seine Meinung nicht publizieren? Im Zusammenhang mit dieser Initiative werden – wie immer – von Gegnern und Befürworten jeweils völlig gegensätzliche Szenarien bezüglich ihrer Auswirkung ins Feld geführt. Recht haben meistens beide Seiten nur in Ansätzen. Aber das weiss man frühestens nach ein paar Jahren. Und der Transparenz zuliebe: Ich habe nein gestimmt.
Ueli Custer, am 19. November 2020 um 16:17 Uhr
Alles andere als redlich,

dieser Text von Patrik Müller, der weder ein Journalistischer noch ein Kommentar ist. Wenn auch wenig deutlich überschrieben, es ist bloss eine 'Meinung'.
Bleibt die Frage, aus welcher Gemeinschaft oder neudeutsch Blase ?
Könnte es die Rechtslibertäre sein, die von Kapitalgewaltigen Konzernen finanziert wird ?
Die direkten u. indirekten Kapital-Investionen der Konzerne aus der Schweiz und auch die aus anderen Nationen, schaden den meisten Armen viel mehr als sie den wenigen Armen im Neokolonialismus nützen.
Es ist eh eine Wortverdrehung von der «Freien Rede» oder «Redefreiheit» zur «Freien Meinung».
Die «Rede» sollte in der athenischen Volksversammlung nur dann frei geäussert werden dürfen, wenn sie 'redlich' war.
( Stichwort «Parrhesia» )
» Fürchtet euch nicht » und stimmt gegen den Moral-Imperialismus, dass alles gut ist und allen Armen aus der Not hilft, was Kapitalgewaltige Konzerne tun. Ausserdem wird die Initiative bei Annahme von den Libertären bei der Umsetzung bis zur Unkenntlichkeit verändert, wie die MEI.
Es wird aber deutlich, dass das Vertrauen in diese Mächte zunehmend schwindet.
Ludwig Pirkl, am 19. November 2020 um 16:29 Uhr
Es ist bemühend, relativ intelligente Leute wie BR Keller-Sutter im Sandkasten der economiesuisse nach Argumenten zu wühlen. Wer dieser Patrick Müller ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich war damals wohl in Afrika - ohne TV und Internet.

Klar ist, dass wir alles Interesse haben, eine neue Bergier-Kommission zu vermeiden und nicht noch weitere Argumente zu einer weiteren Konfrontation aufzuhäufen. Die Distanzierung von der Sklaverei unserer Vorfahren - Escher, de Pury ... - hat uns nicht vom Generalverdacht der Verbandelung mit moderneren Formen der Ausbeutung vulnerabler Gesellschaften befreit. Ein Grossteil des CH-Erfolges der letzten Jahre ist mit dem Handel von Blut-Diamanten und Blut-Gold, wohl auch Blut-Koltan usw. verbunden.

Es ist an der Zeit die Schweiz auf den «moral high-ground» zu hissen.
Josef Hunkeler, am 19. November 2020 um 20:11 Uhr
lieber christian, gerne lese ich deine artikel, wie jener «unerträglicher journalismus» von patrick müller. natürlich hat er es überspitzt geschrieben, aber glaubst du nicht, dass diese «kvi"-initiative eher die schweiz schadet, also «am ast sägen auf dem man sitzt», dass das unternehmen den verschuldensbeweis zu leisten hat, obwohl der art.101a e-bv «verantwortung von unternehmen» alles sagt? ich frage nur... es grüsst dich freundlich, gonzalo.
Gonzalo Garcia, am 19. November 2020 um 21:32 Uhr
Gegenüber Herr Patrik Müller schrieb ich zwei kritische Kommentare zu seinem Artikel. Kurz darauf wurde die Kommentarmöglichkeit gestrichen. Erlebe ich als massive Zensur.
Ruedi Basler, am 20. November 2020 um 12:03 Uhr
Vor vielen Jahren herrschten in der Schweiz ähnliche Zustände wie heute in Entwicklungsländer.Kein Mensch will in der Schweiz wieder solche Zustände. Für die KOVI Gegnerschaft spielt das heute in Entwicklungsländer keine Rolle, sie akzeptieren solches. Welche Schande.
Ruedi Basler, am 20. November 2020 um 12:04 Uhr
Ich habe Patrik Müller nach seinem unsäglichen Contra-Standpunkt ein Mail geschrieben. Seine Antwort gipfelte in der Behauptung, «ich war schon immer auf der Seite der Schwachen. Die sind die Leidtragenden. Der Justizapparat und die Anwälte profitieren.» Dürrenmatt hat die Schweizer Seele mit drastischen Stücken seziert. Heute zeigt sich: die heutige Realität überbietet in manchen Bereichen seine verrücktesten Fantasien.
Felix Sachs, am 23. November 2020 um 16:14 Uhr

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