Kann Russland bequem sitzen? © Jiao Haiyang/China.org.cn

Russland oder USA: Wer destabilisiert denn mehr?

Oskar Lafontaine / 16. Jul 2017 - Das Gefährlichste sind Lügen, die oft genug wiederholt, deshalb vertraut und so zur Wahrheit werden. Medien sollten dagegen halten.

upg. Der Linkspolitiker Oskar Lafontaine («Die Linke») interpretiert die Auseinandersetzungen zwischen den USA und Russland aus einer Sicht, über welche grosse Medien in der Schweiz wenig informieren. Aus diesem Grund stellen wir sie hier zur Debatte.

An welchen Grenzen Truppen stationiert sind

Dass Trump ein notorischer Lügner ist, wissen wir mittlerweile. Damit steht er nicht allein. Man könnte pauschal sagen, in der Aussenpolitik tummeln sich auf der ganzen Welt notorische Lügner. Jetzt wirft Trump Russland «destabilisierendes Verhalten» vor. Ein Blick auf die Landkarte würde genügen, um ihn der Lächerlichkeit preiszugeben: US-Truppen stehen an der russischen Grenze, nicht russische an den US-Grenzen zu Kanada oder zu Mexiko.

Amerikanische Raketenbasen wurden in Rumänien aufgebaut und nächstes Jahr ist eine in Polen einsetzbar. Von russischen Raketen auf Kuba ist nichts bekannt. Sie wurden einst auf Kuba stationiert, weil die USA vorher in der Türkei Raketen stationiert hatte. Aber Raketen in unmittelbarer Nähe der USA? Kennedy war fest entschlossen, einen (Atom-)Krieg zu führen, wenn die Russen nicht nachgegeben hätten. Man stelle sich vor, Putin würde jetzt genauso reagieren.

Als Kronzeugen für die destabilisierende US-Politik gegenüber Russland kann man zwei Politiker benennen, deren Autorität in der westlichen Staatengemeinschaft unangefochten ist:

  • Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt sagte «Für den Frieden der Welt geht von Russland heute viel weniger Gefahr aus als etwa von Amerika.»
  • Und der Grandseigneur der US-Aussenpolitik George Kennan nannte die Ost-Erweiterung der Nato den «verhängnisvollsten Fehler der amerikanischen Politik in der gesamten Ära nach dem Kalten Krieg».

Die Destabilisierung der Ukraine war erklärtes Ziel der berüchtigten Hardliner in den US-Thinktanks, um nach dem Plan des ehemaligen Sicherheitsberaters Zbigniew Brzezinski den eurasischen Kontinent zu beherrschen.

Das Erstaunliche ist nur, dass die Lügenpropaganda der US-Aussenpolitik quasi von allen westlichen Medien – von einigen lobenswerten Ausnahmen abgesehen, ich empfehle immer die nachdenkseiten – ununterbrochen wiederholt wird. Nach dem Motto: Eine Lüge, die oft genug wiederholt wird, wird vertraut und so zur Wahrheit. Es ist sehr wichtig, in den sozialen Medien – solange sie noch nicht weiter durch Algorithmen verfälscht werden – diese Lügen zu entlarven und so den Boden für eine vernunftgestützte friedliche Aussenpolitik zu bereiten.

Von der anderen Seite kann man Michail Gorbatschow zitieren, dem gerade Deutschland viel zu verdanken hat:

  • «Von einem Kalten Krieg geht die Nato zu den Vorbereitungen für einen heissen Krieg über. Sie sprechen nur über Verteidigung, aber im Grunde treffen sie Vorbereitungen für Angriffshandlungen.»

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Oskar Lafontaines Beitrag erschien auf nachdenkseiten.de.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Oskar Lafontaine war bis 1999 kurze Zeit SPD-Finanzminister in Berlin. Von 2005 bis 2009 war er mit Gregor Gysi Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion im Deutschen Bundestag, von 2007 bis 2010 neben Lothar Bisky Parteivorsitzender der neugebildeten Partei Die Linke. Heute ist der Linkspolitiker Oppositionsführer im Saarländischen Parlament.

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11 Meinungen

Auch die Schweizer-Presse wird immer oberflächlicher und USA-lastiger. Es wird nichts mehr hinterfragt was vom US-Geheimdienst verbreitet wird. Es ist dem Text von Lafontaine also nichts mehr beizufügen.
Bernhard Ramp, am 16. Juli 2017 um 14:39 Uhr
Schade nur, dass Beiträge wie dieser vornehmlich von Leuten gelesen werden, die sich dessen ohnehin bewusst sind.
Jacqueline Zwahlen-Stucki, am 17. Juli 2017 um 01:15 Uhr
Ja tatsächlich! Und in der Ost-Ukraine sind sogar Soldaten stationiert! Rein privat, ohne Uniform, einfach so in ihrer Freizeit!
Die sind wohl alle auch aus der USA, oder?
Ach ja, und die Krim. Halb so schlimm, gehört ja eigentlich zu Russland, das muss man verstehen. Was soll das Geschrei?
Christian von Burg, am 17. Juli 2017 um 13:32 Uhr
Am Russlandfeindbild wird nicht nur in Schweizer Medien unentwegt gezimmert. Es gibt in kaum welchen grossen Medien realistische Berichterstattung zu Russland.
Gorbatschow hatte offenbar «ja» gesagt zur deutschen Wiedervereinigung. Dabei blieb es aber nicht. Denn dann wurde die EU und NATO in rasantem Tempo nach Osten erweitert, weiter, immer weiter, jetzt steht die NATO an den Grenzen Russlands. Soll Russland dem cool einfach zuschauen?

Die NATO und EU tut tatsächlich alles dafür, sich auch die Ukraine noch einzuverleiben. Dann ist Russland vollständig umzingelt, und wenn es sich nicht die Krim, welche Chruschtschov 1954 innerhalb der Sowjetunion an die Ukrainer 'verschenkt' hatte, wieder zurückgeholt hätte, stünde demnächst die NATO auf der Krim neben der russischen Schwarzmeerflotte! Wie soll sich Russland dann verteidigen? Aber das ist wohl der Zweck der Übung: der Westen würde sich gerne die russischen Ressourcen einverleiben.
Ich hatte Brzezinskis Schachbretttheorie zur Strategie der amerikanischen Allein- und Vorherrschaft auf dem Planeten Erde 1999 gelesen, zwei Jahre vor 9/11. So überrascht wie jederman war ich also nicht, als die Twintowers zusammenkrachten. Danach hat sich die ganze Welt hinter das gute Amerika geschart. Und dieses hat dann einen Regime-Change nach dem andern durchgeführt oder versucht durchzuführen. Amerika hat seit der Ausrottung der Indianer nichts als Eroberungs- und Zerstörungskriege geführt.
Ruth Obrist, am 17. Juli 2017 um 14:08 Uhr
Wirtschaftlich, demgraphisch, militärisch ist die NATO Russland weit überlegen. Aber Atomsprengköpfe haben die Russen und die Amerikaner gleich viele. Bei einem vom Westen provozierten Krieg mit Russland würden Russland und Europa atomar zerstört. Amerika aber nicht, es ist weit weg.
Wir sind die meisten etwas naiv und blauäugig in Bezug auf NATO, EU, USA.
Ruth Obrist, am 17. Juli 2017 um 14:10 Uhr
Ja liebe Russlandversteher, dass ist wirklich dumm gelaufen für Russland. Ich meine es nicht ironisch: Ich kann Russland schon verstehen.
Aber das ist der Lauf der Geschichte. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Die ehemaligen russischen Satelliten wollen fast alle weg aus dem russischen Orbit oder sind es schon. Und das mit gutem Grund. Die Strahlkraft unseres Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells hat sich als stärker erwiesen. Wer will es ihnen verwehren? Möchtet Ihr in den russischen «Commonwealth"? Wohl kaum.
Die Stiefelpolitik der Sowjetunion (Ungarn, Tschechei,.....) ist in den Oststaaten unvergessen. Und das die Krim «Heim ins Reich» geholt wurde, hat das Vergessen nicht gerade befördert, Chruschtschov hin oder her. Sie wollen zur EU und zur NATO, mehr als verständlich. Wie wollt Ihr Satten und Beschützten diesen Staaten dieses Recht verwehren? Ist dies nicht ein wenig dünkelhaft?
Weltpolitisch ist die gegenwärtige Aufgabe zu verhindern, dass die in Russland heute existierende «Weimarer Befindlichkeit» zu Kurzschlusshandlungen führt. Insofern ist Russland stärker einzubinden, statt wegzustossen. Da geb ich Euch recht.
Christian von Burg, am 17. Juli 2017 um 14:43 Uhr
Das ist Kalte-Krieg-Denken aus dem letzten Jahrhundert bringt keine Lösungen. Es geht nicht um die Macht, es geht um die russische Bevölkerung, die im letzten Weltkrieg leiden musste wie kein anderes Volk und jetzt wieder unter den Sanktionen. In der Ostukraine leben Millionen Russen, auf der Krim sind es über 50%. Die Grenzen wurden immer irgendwie willkürlich gezogen.
Bernhard Ramp, am 17. Juli 2017 um 14:58 Uhr
@ Christian von Burg: Ich möchte auf einige Punkte eingehen, die Sie in Ihrem Kommentar nennen:

(1) Was wollen Sie mit dem Substantiv «Russlandversteher» eigentlich zum Ausdruck bringen? Ich möchte sowohl die US-amerikanische Sicht als auch die russische Sicht der Dinge verstehen, und mir anschliessend eine eigene Meinung bilden. Was soll daran für einen aufgeklärten Menschen verkehrt sein?

(2) Sie sagen «Die Strahlkraft unseres Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells hat sich als stärker erwiesen.» Dies ist korrekt. Nun ist es aber so, dass gerade unser Wirtschaftsmodell auch seine Schattenseiten hat. Gestern wurde auf SRF Online ein Artikel publiziert, den ich hier erwähnen möchte. Es geht um die Artenvielfalt im Tierreich. Dieses ist nämlich akut bedroht. Die Problematik hat mehrere Ursachen. Eine dieser Ursachen liegt darin, dass nahezu alle «westlich-orientierten» Unternehmen von einer grenzenlosen Gewinnoptimierung träumen, und dabei die Natur gnadenlos ausbeuten. Dieses Verständnis von Wirtschaft führt über mehrere Zwischenschritte zu Lebensraumverlust für die Tiere, Umweltverschmutzung und zum Klimawandel. Es ist gut möglich, dass diese Form des Wirtschaftens in Ihren Augen «strahlt». Die tiefer gehende Frage ist aber: Wie lange wird dieses Wirtschaftsmodell noch strahlen? Diese Frage ist durchaus erlaubt, denn: Nichts strahlt ewig, dass wissen auch Sie, Herr von Burg.


Mit besten Grüssen

Jonas Ammann
Jonas Ammann, am 17. Juli 2017 um 18:21 Uhr
Russland- oder Putinversteher hat sich etabliert als Begriff für diejenigen, die bereit sind, Russland seine völkerrechtswidrigen Aktivitäten in der Ukraine durchgehen zu lassen, da man die Beweggründe Russlands eben verstehen müsse. In modernen Rechtsstaaten und deren Umgang miteinander gibt es keine Regeln ausser dem (Völker)recht. Auch kein Recht auf Zusammenführung von auf verschiedene Nationen verteilten Ethnien oder Religionsgemeinschaften. Würde man dies zulassen, so würde in der Welt das nackte Chaos ausbrechen, gibt es doch überall Ethnien oder Religionsgemeinschaften in der Diaspora. Man kann die Beweggründe Russlands zwar nachvollziehen, darf sie aber nicht gutheissen. Gleiches gilt für die USA, die bezüglich Einhaltung des Völkerrechts auch keine reine Weste haben.
Das Thema von Herrn Ammann ist sicher berechtigt, hat aber wohl kaum etwas mit dem vorliegenden Thema zu tun. Umweltverschmutzung und deren Folgen ist ein Problem das in Russland mindestens so grassiert wie im Westen.
Christian von Burg, am 17. Juli 2017 um 20:54 Uhr
"Russland- oder Putinversteher». Es gibt auch NATO- und USA-Versteher. Sie sind zahlreicher als die andern. Aber man hat sie bis jetzt nicht so beim Namen genannt.
Ruth Obrist, am 17. Juli 2017 um 23:12 Uhr
BITTE BETRACHTEN SIE DIESEN MEINUNGSAUSTAUSCH ALS ABGESCHLOSSEN. MIT VIELEM DANK FÜR IHRE TEILNAHME. IM NAMEN DER REDAKTION
Urs P. Gasche, am 18. Juli 2017 um 09:04 Uhr

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