Ein Teil der US-Tomahawk-Raketen wurden vom US-Zerstörer USS Ross abgefeuert © US Marine

Ein Teil der US-Tomahawk-Raketen wurden vom US-Zerstörer USS Ross abgefeuert

Seymour M. Hersh: Es gab keinen Giftgas-Angriff

Helmut Scheben / 08. Jul 2017 - Der bekannte US-amerikanische Journalist Seymour Hersh hat beste Kontakte zu den Geheimdiensten und weiss mehr, als er wissen darf.

Einer der renommiertesten Investigativ-Journalisten der USA, Seymour Hersh, kommt zu dem Ergebnis, dass bei dem Angriff am 4. April 2017 im syrischen Khan Sheikoun kein Giftgas verschossen wurde. Unmittelbar nach einem Luftangriff Syriens auf Dschihadisten hatte US-Präsident Donald Trump behauptet, die syrische Luftwaffe habe chemische Waffen eingesetzt und dabei mehr als 80 Zivilisten getötet, darunter Frauen und Kinder.

Sowohl die Regierung in Damaskus als auch ihre russischen Verbündeten haben die Vorwürfe als propagandistische Falschinformation zurückgewiesen. Auch hochrangige ehemalige US-Geheimdienstleute haben starke Zweifel am Wahrheitsgehalt der Darstellung Trumps angemeldet. Die führenden Schweizer Medien ignorieren dies beharrlich und folgen routinemässig der in Washington verbreiteten Erzählung. Infosperber hat darüber ausführlich berichtet.

Seymour Hersh erhielt 1970 den Pulitzer-Preis, nachdem er das Massaker von My Lai aufgedeckt hatte, bei dem US-Soldaten in Vietnam 504 Zivilisten ermordet hatten. Die Armee versuchte zunächst, My Lai und zahlreiche ähnliche Verbrechen zu verheimlichen, und die grosse amerikanische Presse war Monate lang nicht bereit, den Bericht von Seymour Hersh zu publizieren. Seiner Beharrlichkeit war es zu verdanken, dass die Kriegsverbrechen schliesslich ans Licht der Öffentlichkeit kamen und die Unterstützung für den Krieg in Vietnam nachliess.

Hersh verfügt über solide Kontakte zu Whistleblowern in Washington und in den amerikanischen Geheimdiensten, seine Recherchen haben sich im nachhinein grösstenteils als zuverlässig erwiesen. Vom Einsatz der CIA beim Pinochet-Putsch in Chile über die israelische Atombombe bis hin zur Folterpraxis in Abu Ghraib hat Hersh unbequeme Wahrheiten aufgedeckt und sich damit nicht nur bei den Falken in Washington, sondern auch im Establishment der Ostküsten-Demokraten äusserst unbeliebt gemacht. Zeitungen wie die New York Times, bei denen er früher gearbeitet hat, drucken ihn nicht mehr.

Seit er nach 9/11 begonnen hat, die Politik der USA und ihrer NATO-Verbündeten im Nahen und Mittleren Osten kritisch unter die Lupe zu nehmen, stösst er zunehmend auf Ablehnung der Leitmedien und ist teilweise mit hasserfüllten Versuchen konfrontiert, ihn menschlich und professionell zu diskreditieren.

Bereits nach der ersten grösseren Sarin-Attacke 2013 im syrischen Ghouta kam Hersh zu dem Schluss, dass nicht das Assad-Regime dafür verantwortlich war, sondern die syrischen Aufständischen, die ein militärisches Eingreifen der USA provozieren wollten.

In Bezug auf den angeblichen Angriff mit Chemiewaffen am vergangenen 4. April legt Hersh erneut schwer zu widerlegende Argumente und Zeugenaussagen vor, die das von den grossen westlichen Medien verbreitete Narrativ als Fiktion entlarven. Hier zu Seymour Hersh's Artikel im Original (englisch).

Und hier ein paar Ausschnitte aus Hersh's Artikel, auf deutsch:

«Am frühen Morgen des 6. April 2017 befahl der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump, einen Angriff mit Tomahawk-Raketen auf den syrischen Luftwaffen-Stützpunkt Shayrat. Dies, wie er sagte, als Vergeltung für den tödlichen Angriff mit Einsatz von Nervengas zwei Tage zuvor auf die von Rebellen gehaltene Stadt Khan Sheikhoun durch Truppen der syrischen Regierung. Trump erteilte den Befehl zum Angriff, obwohl er aus Kreisen des Geheimdienstes gewarnt worden war, dass es keine Beweise gibt, dass die Syrer chemische Waffen eingesetzt haben.

Das zur Verfügung stehende Informationsmaterial machte klar, dass die Syrer am 4. April eine Zusammenkunft der Dschihadisten angegriffen haben, wobei sie sich einer russisch gesteuerten Bombe mit konventionellem Explosivstoff bedient haben. Detailinformationen, inklusive zum Stellenwert des ins Auge gefassten Ziels, sind schon Tage zuvor von den Russen an die Amerikaner und allierte andere Militär-Vertreter in Doha übermittelt worden, wo die Luftwaffeneinsätze der Amerikaner, der Allierten, der Syrer und der Russen nach Möglichkeit koordiniert werden.

Etliche US-amerikanische Militär- und Geheimdienst-Beamte waren echt besorgt ob des Beschlusses des Präsidenten, die unsichere Beweislage einfach zu ignorieren. 'Das macht überhaupt keinen Sinn', sagte ein hochstehender Beamter zu seinen Kollegen, als er vom Beschluss des Präsidenten hörte, jetzt einen Bombenangriff zu starten. 'Wir WISSEN, dass da kein Angriff mit chemischen Waffen stattgefunden hat. Die Russen sind wütend. Zu behaupten, wir hätten die besten Erkenntnisse und kennten die Wahrheit – ich fürchte, es war einerlei, ob wir nun Clinton oder Trump gewählt haben... '

Bereits Stunden nach dem Bombenabwurf am 4. April wurden die Medien zugedeckt mit Fotos und Videos aus Khan Sheikhoun. Bilder von toten und sterbenden Opfern, die angeblich unter den Auswirkungen des Nervengas-Einsatzes litten, wurden von lokalen Aktivisten in die Sozialen Medien geladen, auch von den White Helmets, einer Erste-Hilfe-Gruppe, deren Nähe zur syrischen Opposition bekannt ist.

Die Herkunft der Photos war nicht klar und keine internationalen Beobachter konnten vor Ort recherchieren, aber die unmittelbare, weltweit verbreitete Vermutung war, dass dies ein absichtlicher Einsatz des Nervengiftes Sarin war, befohlen durch Syriens Präsident Bashar Assad. Trump unterstützte diese Vermutung, indem er innerhalb weniger Stunden nach dem Angriff eine Stellungnahme abgab mit der Behauptung, Assads abscheuliche Aktionen seien die Folge von Obamas Schwäche und zögerlicher Haltung nach dem letzten Einsatz chemischer Waffen durch Syrien.»

In der Folge beschreibt Seymour Hersh ausführlich und sehr detailliert, was in Khan Sheikhoun abgelaufen war: ein Angriff der syrisch-russischen Seite auf ein Meeting von höchsten IS-Führungsleuten, und dies nach genauer vorheriger Information des US-Geheimdienstes durch die Russen, um zusätzliche Komplikationen nach diesem Angriff zu vermeiden. Hersh beruft sich dabei auf direkt erhaltene Informationen von einem hohen Geheimdienst-Angehörigen:

«Russische und syrische Geheimdienstleute, die ihre militärischen Operationen direkt mit den amerikanischen Kommandos absprechen, machten klar, dass der bevorstehende Angriff auf Khan Sheikhoun wegen dem hohen Rang der anvisierten IS-Leute ein spezieller Angriff sein würde.»

Der amerikanische Geheimdienst wusste auch, so Hersh, dass in dem anvisierten Gebäude, wo das Meeting stattfinden würde, Lebensmittel, Munition, Gas, aber auch diverse Düngemittel und andere chemische Produkte lagerten. Nur, das alles interessierte Trump wenig. Hersh wörtlich: «Trump, ein regelmässiger Konsument der TV-News-Sendungen, sagte, während Jordaniens König Abdullah mit ihm im Oval Office sass, das, was jetzt geschehen sei, sei 'schrecklich, schrecklich' und 'ein fürchterlicher Angriff auf die Menschheit'. Danach befragt, ob er seine Politik gegenüber Assad nun ändern werde, sagte Trump: 'Sie werden sehen.' Und an der Medienkonferenz mit Abdullah sagte er: 'Wenn du unschuldige Kinder umbringst, unschuldige Babies, Babies, kleine Babies, und dies mit tödlichem Giftgas, dann überschreitet das sogar mehrere Linien jenseits der roten Linie. Dieser Angriff gestern auf Kinder hat eine grosse Wirkung auf mich, eine grosse Wirkung … Es ist sehr wohl möglich, dass sich meine Ansichten gegenüber Syrien und Assad dadurch stark verändert haben.'»

Und, so Hersh: «Innerhalb weniger Stunden, nachdem er die Fotos gesehen hatte, gab Trump dem nationalen Verteidigungsapparat die Anweisung, einen Vergeltungsschlag vorzubereiten. Er tat dies, gemäss dem Informanten aus dem Geheimdienst, ohne vorher mit irgend jemandem darüber gesprochen zu haben.»

Alle Versuche, Trump zu überzeugen, dass kein Angriff mit Nervengas stattgefunden habe, waren, so Hersh aufgrund seines Informanten, vergeblich.

Hersh kommt dann auf ein Meeting Trumps mit einigen Beratern in seinem Sitz Mar-a-Lago in Florida zu sprechen. Dort sei zwar das Militär mit dem Verteidigungsminister, dem Ex-General James Mattis, vertreten gewesen, aber es war kein Chef des Geheimdienstes anwesend.

«Nach dem Meeting, mit den Tomahawks auf ihrem Flug, hielt Trump von seinem Sitz Mar-a-Lago aus eine Rede an die Nation. Darin beschuldigte er Assad, Nervengas eingesetzt zu haben, um 'das Leben von hilflosen Männern, Frauen und Kindern auszulöschen. Es war ein langsamer und brutaler Tod für so viele. Kein Kind Gottes sollte je wieder unter einem solchen Horror leiden müssen.'»

Hersh wörtlich: «Die nächsten paar Tage waren Trumps erfolgreichste, seit er Präsident war. Amerika stellte sich geschlossen hinter seinen Oberbefehlshaber, wie es das in Kriegszeiten immer tut. Trump, der sich zu Zeiten seiner Wahlkampagne gerne als jenen darstellte, der mit Assad Frieden schliessen würde, hat Syrien elf Wochen nach seinem Einsitz im Weissen Haus bombardiert und wurde dafür von den Republikanern, den Demokraten und auch von den Medien bejubelt. Ein sehr prominenter TV-Moderator, Brian Williams vom Sender MSNBC, brauchte sogar das Wort 'schön' (beautiful) bei der Beschreibung der Bilder der von den Zerstörern der US-Marine abgefeuerten Tomahawk-Raketen. Und Fareed Zakaria sagte auf CNN: 'Ich denke, jetzt ist Donald Trump der amerikanische Präsident geworden.' Von den hundert meistgelesenen Zeitungen in den USA publizierten deren 39 redaktionelle Kommentare, in denen Trumps Bomben ausdrücklich gutgeheissen wurden, darunter auch die New York Times, die Washington Post und das Wall Street Journal

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Zu Seymour Hersch's Artikel im Original (englisch)
Seymour M. Hersh: Red Line

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

7 Meinungen

Guten Tag meine Damen und Herren,
ich möchte Ihnen eine kleine Spende zukommen lassen, aber ich komme ins Schleudern
bei der Ausführung. Hole es nach, wenn mein Sohn kommt,der kennt sich besser aus damit. Schönes Wochenende Grüße aus Hamburg Werner Kämtner
Werner Kämtner, am 08. Juli 2017 um 12:56 Uhr
Übrigens gab es gerade im deutschen Nachrichten Magazin der Spiegel einen Artikel, in dem Seymor Hersh vorgeworfen wird, Fakten zu verdrehen.

Wie die Fakten aber aus sehen, zeigt die mangelnde Absprache der deutschen Presse !

http://www.spiegel.de/politik/ausland/giftgasangriff-in-syrien-eine-luege-und-viele-ungereimtheiten-a-1141982.html
"Augenzeugen berichten, der Angriff habe sich gegen 6.30 Uhr Ortszeit ereignet."

http://faktenfinder.tagesschau.de/ausland/giftgaseinsatz-chan-scheichun-101.html
"Das Ziel in Chan Scheichun wurde am Morgen des 4. Aprils um 6.55 Uhr getroffen."

https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article163639682/Was-geschah-wirklich-in-Chan-Scheichun.html
"Wann die vier Raketen der SU 22 auf Chan Scheikun abgefeuert wurden, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Einige Bewohner sprechen von 6.30 Uhr, andere haben den Angriff um 8.21 Uhr auf Twitter gemeldet."

http://www.huffingtonpost.de/kassem-eid/giftgasattacke-ghouta-syrien-uberlebt_b_15918008.html
"Es ist etwa 5 Uhr morgens, als die Alarmsirenen mich aus dem Schlaf reißen. Sekunden später erschüttern Raketeneinschläge die Erde.
Ich kann nicht mehr atmen. Meine Brust steht in Flammen, jeder Teil meines Körpers droht vor Schmerz zu bersten. Ich schlage mir auf die Brust, hart, wieder und wieder, bis ich nach mehreren Versuchen endlich wieder einen Atemzug tun kann. Es brennt in der Lunge, es tut höllisch weh.
Ich schreie: «Aufwachen! Gasattacke!""
Dieter Gabriel, am 08. Juli 2017 um 18:46 Uhr
Was Trump wollte, wahrscheinlich etwas vom Druck nehmen, unter dem er aktuell steht.
Man muss sich die Folgen des Vergeltungssschlages ansehen !

59 Marschflugkörper wurden abgeschossen.
Ein nicht unwesentlicher Teil der Marschflugkörper landete irgendwo in der Pampa.
Der Flugplatz wurde unmittelbar weiter genutzt.
Republikaner wie John McCain und Lindey Graham lobten nach dem Angriff Trump.
Die kritisieren Trump sonst sehr oft.

Treffend schreibt Tagespiegel:
http://www.tagesspiegel.de/politik/trumps-vergeltungsschlag-in-syrien-droht-eine-eskalation-des-krieges/19631892.html

"Präsident Trump habe lediglich zeigen wollen, dass er eingreife, wenn ein Politiker wie Assad „die Linie überschreitet“. Laut Tillerson will Washington nicht versuchen, Assad mit militärischen Mitteln zu stürzen. Die Frage der Ablösung des syrischen Präsidenten müsse die Friedenskonferenz für Syrien in Genf beantworten. «
Dieter Gabriel, am 08. Juli 2017 um 22:25 Uhr
siehe auch im gleichen Artikel

"Putins Sprecher bestätigte, dass Russland vor dem Angriff informiert worden sei. Auf die Frage, ob Moskau bewusst entschieden habe, die amerikanischen Marschflugkörper nicht abzufangen, sagte er: „Kein Kommentar.“ Russland hat in Syrien ein Luftabwehrsystem mit Raketen vom Typ S 300 und S 400 aufgebaut. «
Dieter Gabriel, am 08. Juli 2017 um 22:27 Uhr
Trump Lügner und Verdreher
Ich war von anfang an skeptisch gegen die version trumps. Nach meinem verständnis glaubte ich von anfang an eher Assad und nie der US Version. Die scheint sich nun zu bestätigen. Man muss nur etwas über Geschichte und ges.Verstand und v.a. kritusches Denken haben. Von den Medien der USA und auch unseren halte ich eh nicht viel. Manipulation pur von A - Z. Auch bei Irak wurden bis anhin KEINE sog. Massenvernichtungswaffen gefunden. Amerika zettelt auf der ganzen Welt nur kriege an und gewinnt eh keinen. Und wur noch doferen Europäer (mind die medien) rebndn denen nich immer nach und glauben/vertrauen ddnen nach wie vir blind. Was daraus geworden ist erleben nun zur Zeit (flüchtlinge usw!).wie lange schauen unsere dofen regierubgen /medien noch zu?
Selbstverschuldung nenne ich das. Nun wurde seitens usa noch ein deal mit saudiarabien und schon gehen die auf katar los. Was passiert hier künftig? Die antwort kann sich wohl jeder selber erdenken
Ernst Küng, am 08. Juli 2017 um 22:44 Uhr
Herr Küng, was den Lügner betrifft, da empfehle ich die Ausführungen von Oskar Lafontaine, auf nachdenkseiten !

http://www.nachdenkseiten.de/?p=39076

"Dass Trump ein notorischer Lügner ist, wissen wir mittlerweile. Damit steht er nicht allein. Man könnte pauschal sagen, in der Außenpolitik tummeln sich auf der ganzen Welt notorische Lügner. «

Der Aussage ist nichts hinzuzufügen.
Dieter Gabriel, am 08. Juli 2017 um 22:48 Uhr
@d.gabriel

Besten Dank für Ihren Hinweis. Ist ein echt interessanter Artikel dem ich voll beistimme
Ernst Küng, am 08. Juli 2017 um 23:19 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung unter Ihrem richtigen Namen zu äussern. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Achtung: Die Länge der Einträge ist beschränkt und wir erlauben nicht, zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander zu platzieren. Unnötig herabsetzende Formulierungen ändern oder löschen wir ohne Korrespondenz.