Jean-René Fournier über Ecône-Messen: «Nur christliche Barmherzigkeit und Nächstenliebe» © Parlament

Jean-René Fournier über Ecône-Messen: «Nur christliche Barmherzigkeit und Nächstenliebe»

Ein Anhänger der Piusbrüder auf dem Stöckli-Thron

Kurt Marti / 29. Nov 2018 - Jean-René Fournier, der neue Ständeratspräsident, ist mehr als der CVP-Politiker, der einen Wolf in seinem Büro aufstellen liess.

Seit Montag wird der Ständerat vom Walliser CVP-Ständerat Jean-René Fournier präsidiert, dessen Bekanntheit in der Schweiz vor allem daher rührt, dass er widerrechtlich einen Wolf abschiessen und anschliessend ausgestopft in seinem Büro aufstellen liess.

Etwas weniger bekannt ist, dass Fournier auch ein eifriger Messgänger und Anhänger der erzkatholischen Piusbruderschaft ist, welche mit der Aufklärung, dem weltanschaulich neutralen Staat und der Religionsfreiheit auf Kriegsfuss steht.

Gegründet wurde die ultrakonservative Piusbruderschaft 1970 in Ecône im Unterwallis von Erzbischof Marcel Lefebvre (siehe Kasten unten), der offen mit blutigen Diktatoren wie Franco und Pinochet, aber auch mit Jean-Marie Le Pen, dem Chef des Front National, sympathisierte, und der in einem Brief an Papst Johannes Paul II. die Juden, Kommunisten und Freimauer als «Feinde der Kirche» bezeichnete.

Heute tummeln sich im Umfeld der Piusbrüder auch Vertreter der extremen Rechten und der SVP. Es ist ein religiös-politisches Biotop, in dem der frühere SVP-Staatsrat Oskar Freysinger, seine Berater Slobodan Despot und Piero San Giorgio, der SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor und der Weinhändler Dominique Giroud aufblühten und provozierten.

Mehr als Nächstenliebe und schöne Gesänge

Der Ecône-Anhänger Fournier hingegen gibt sich gerne ahnungslos und schildert die Piusbruderschaft als Hort der unpolitischen Gesänge und der christlichen Nächstenliebe. Vom «Nouvelliste» im Jahr 2005 gefragt, ob die rechtsextremen Tendenzen mit der Botschaft des Evangeliums und dessen Sorge für die Schwächeren kompatibel seien, antwortete der damalige Walliser Staatsrat Jean-René Fournier: «Seit ich diese Messen (der Piusbruderschaft; Anm. d. Red.) besuche, habe ich dort nur von christlicher Barmherzigkeit, von Nächstenliebe und der Treue zum Glauben unserer Vorfahren sprechen gehört.»

Doch Fourniers Sympathien für die Piusbrüder gehen weit über die proklamierte Nächstenliebe und die Vorliebe für schöne Gesänge hinaus und harmonieren perfekt mit der stockkonservativen Piusbrüder-Moral, vorzugsweise im Bereich der Sexualmoral: In einem Interview mit «Le Matin» (2004) sprach sich Fournier gegen den Gebrauch von Kondomen, gegen den vorehelichen Geschlechtsverkehr, gegen die Frauenpriesterschaft und für die Beibehaltung des Zölibats aus. Auch in der Abtreibungsfrage liegt er auf der radikalen Ecône-Linie.

Fournier misst mit zwei Ellen

Ein Dorn im Auge sind Fournier die muslimischen Prediger, wenn er ebenfalls im «Le Matin»-Interview festhält:

«Wenn in Sitten ein Prediger die Schweiz und das Wallis als Land von Abtrünnigen und Ungläubigen attackiert, dann sage ich stopp. Wir dürfen ein solches Verhalten nicht im Namen der Toleranz akzeptieren. Wir müssen diesen Leuten sagen, dass ihr Platz nicht bei uns ist.»

Doch Fournier misst mit zwei Ellen, denn die Prediger der Piusbrüder sind gelinde gesagt um kein Haar besser. Zum Beispiel für den Distriktoberen Henry Wuilloud ist «die Lehre des Islam von einer betrüblichen, erschreckenden und deprimierenden Armut». In dasselbe Kapitel geht die Lefebvresche Abqualifizierung der Juden als «Feinde der Kirche». Und auf der Internetseite der Piusbrüder ist gar von der «Hoffnung» auf eine «weltweite Niederwerfung der Gottlosen» die Rede, «die mit ihren Irrlehren den Glauben und die Kirche bekämpfen».

Doch damit nicht genug: Die Piusbrüder predigen den christlichen Kreuzug gegen das «Sodom und Gomorra» der heutigen Zeit, sie huldigen dem wissenschaftsfeindlichen Kreationismus und ihre Schulen widersprechen den Kriterien des Bundesgerichts. Das Menschenrecht der Religionsfreiheit lehnen sie ebenso ab wie den säkularen Staat. Stattdessen sind sie der Ansicht, allein «die wahre Religion» habe «ein Recht darauf, die Unterstützung des Staates zu geniessen». Im Klartext: Des katholischen Gottesstaates.

Wenn Fournier die muslimischen Prediger ausweisen will, weil sie die SchweizerInnen als «Ungläubige» bezeichnen, dann stellt sich die Frage, mit welchen Konsequenzen dann die Piusbrüdern rechnen müssten. Auf jeden Fall hätte die Schweiz gemäss Fourniers Maxime die Piusbrüder längst ausweisen müssen beziehungsweise hätte ihnen gar nicht erst die Niederlassung in Ecône bewilligen dürfen.

Geburtshelfer war ein Sympathisant von Hitler und Mussolini

ktm. 1970 wurde Erzbischof Marcel Lefebvre im Wallis von den fundamentalistischen, antikonziliären Katholiken mit offenen Armen empfangen. Das Terrain hatten zuvor erzkatholische CVP-Politiker intensiv vorbereitet. Als Geburtshelfer der Piusbruderschaft trat dabei die Verbindung «Una Voce Helvetica» auf, die 1965 gegründet wurde. Als Gründungspräsident trat der artistokratische Westschweizer Schriftsteller Gonzague de Reynold auf, der von einer klerikalfaschistischen Diktatur christlicher Prägung träumte und mit den Diktatoren Hitler, Mussolini und Salazar sympathisierte.

Am 22. Februar 1966 prangte auf der Frontseite des «Nouvelliste» ein Artikel mit dem Titel «Cri d‘alarme» («Warnruf»), der von Reynold unterzeichnet war und der zum Widerstand gegen die modernistischen Strömungen der katholischen Kirche, insbesondere das 2. Vatikanische Konzil, aufrief. Mitglied von «Una Voce Helvetica» war unter anderem auch James Schwarzenbach, der mit seinen «Überfremdungs»-Initiativen das Schweizer Volk aufwühlte.

Vier Jahre nach dem «Una Voce»-Aufruf liess sich Lefebvre mit seinen Piusbrüdern in Ecône nieder. Dabei konnte er auf die finanzielle und politische Hilfe namhafter CVP-Politiker zählen, beispielsweise des damaligen CVP-Staatsrats und späteren CVP-Ständerats Guy Genoud und des Walliser CVP-Bundesrats Roger Bonvin. Hinzu gesellten sich auch zahlreiche Magistraten, insbesondere aus der Justiz, allen voran Staatsanwalt Roger Lovey.

Literatur: Die unheimlichen Patrioten, Limmat Verlag, 5. Auflage 1984 (vergriffen)

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keine

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Toleranz gegenüber Fundamentalisten?
Kommt der Gewerbeverband vom Regen in die Traufe?

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4 Meinungen

In der Schweiz herrscht Glaubensfreiheit. Zum Thema selber habe ich vor 30 Jahren in der Studie «Fundamentalismus - eine neue Bedrohung?» einiges darzulegen versucht, dabei den katholischen Integrismus sowie den protestantischen Fundamentalismus mit dem Islam verglichen und vor Panik gewarnt. Das Verhältnis zwischen Schöpfung und Evolution hat in der katholischen Kirche meines Erachtens der Jesuit Teilhard de Chardin, in der Schweiz vermittelt durch den Luzerner Josef Vital Kopp, noch auf einem relativ hohen Reflexionsgrad vermittelt. Mit Bischof Lefebvre führte ich vor etwa 42 Jahren mal ein Interview. Gefährlichkeit für die Demokratie in der Schweiz konnte ich nicht ausmachen, bin aber im Hinblick auf Forschungen, die Geschichte der christlichen Missionen in Afrika betreffend, nicht unglücklich, ihn mal gesprochen zu haben. Was Schweizer Muslime betrifft, auch nicht gerade von der gemässigten Sorte, führte ich mit Ahmed Huber faire und informative Gespräche, weil er über den Iran und über Saddam Hussein, sogar auch über zum Islam bekehrte Nazis, einfach mehr wusste als andere. Die Darstellung hier von Kurt Marti ist aus meiner Sicht feindbildbestimmt; es gibt bekanntlich kein einheitliches Weltbild der Aufklärung, zu welcher, wie es Rousseau vielleicht am besten gemacht hat, auch die Kritik an der Aufklärung gehört. Der katholische Flügel dieser Kritik bestand in Frankreich zum Beispiel aus Jos. de Maistre, Louis de Bonald und selbst einem Christlichsozialen wie Lamennais.
Pirmin Meier, am 29. November 2018 um 13:32 Uhr
Eine Säkularisierungsinitiative wäre doch mal was. Dazu Säkularisierung 2.0, weg vom Totalitarismus des globalen Finanzkapitals. Für freiheitlich aufgeklärt denkende Menschen hat jeglicher Fundamentalismus eine Grosse Schnittmenge mit Fanatismus. Fanatismus jeglicher Couleur ist Irrglaube. Aber der Mensch irrt eben seit Jahrtausenden durch die Weltgeschichte, das gehört zu ihm, wie die Luft zum atmen. Nach wie vor sind wir mit unserer Existenz überfordert und fliehen in Glaubenssysteme. Enspannen wir uns doch einfach damit und geniessen das Innehalten in der kalten Jahreszeit... doch halt, da müssten wir uns evtl. kritisch mit uns selbst auseinandersetzen, erkennen wie sehr unsere westlichen Denkmodelle auf Selbstüberschätzung basieren... Hilfe, hilfe ich brauche Orientierung, wo bitte gehts zu den Pius-Brüdern? Vielleicht darf ich dann auch Mal in Bern im Tollhaus wichtig tun und das Volk bezahlt mir eine schöne Rente, damit ich am Weihnachtsmarkt glühweinselig meine gestohlenen Dollars in den Geldkreislauf pumpe? Gute Session allen und immer schön den Humor behalten gell :-) Danke für den guten Artikel, Kurt Marti!
Stefan Rey, am 03. Dezember 2018 um 06:06 Uhr
Danke Kurt Marti! Ja, eine Säkularisierungsinitiative tut Not! Zeit, dass man diesem Herr Ständerat beibringt, dass er unserer Verfassung verpflichtet ist. Sie garantiert Glaubensfreiheit und Trennung von Kirche und Staat. Leider in der Schweiz teilweise noch in Kantonskompetenz.
Ja, Glaubensfreiheit durch Dick und Dünn, Pirmin Meier, aber eben auch Trennung von Kirche und Staat.
Es gibt kein Gottesrecht, das über dem säkularen Recht steht. Es darf auch keine Landeskirchen mehr geben, ganz gleich welcher Couleur.
Walter Schenk, am 06. Dezember 2018 um 12:05 Uhr
@Lieber Walter Schenk. Wissen Sie, wer im Februar 1975 im Verfassungsrat des Kantons Aargau die vollständige Trennung von Kirche und Staat, auch das Ende des Kirchensteuerprivilegs, damals mit einer Art «Kirchenpapier» beantragt hat, im Tages-Anzeiger sogar als «brillant» gelobt? Es war derjenige, den Sie am Tag St. Niklaus angesprochen haben. Ein katholischer Geistlicher empfahl mir damals «Moskau einfach». Ich bin bei dieser Auffassung geblieben, wiewohl sie heute zum Teil auch von konservativen Katholiken, die sich in der Landeskirche ihrerseits nicht mehr zu Hause fühlen, geteilt wird. Für mich hat eine katholische oder auch im besten Sinn radikalprotestantische Überzeugung, etwa in der Art von Karl Barth, nichts mit dem im 19. Jahrhundert errichteten System der Landeskirchen zu tun.
Pirmin Meier, am 09. Dezember 2018 um 22:10 Uhr

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