Casper Selg, Radio-Korrespondent in Berlin © SRF

Casper Selg, Radio-Korrespondent in Berlin

Deutschland und die Schweiz

Christian Müller / 02. Jul 2015 - Ein kluger Beobachter geht in Pension. Radio-Korrespondent Casper Selg hat sich mit einer scharfsinnigen Analyse verabschiedet.

Radio-Hörer kennen ihn: Casper Selg war in den letzten Jahren Korrespondent in Berlin, war früher aber auch Korrespondent in den USA und arbeitete in der Redaktion des Echos der Zeit als Moderator.

Am Dienstagabend, 30. Juni 2015, war er im Echo nochmals zu hören. Zu einem gerade jetzt äusserst wichtigen Thema: zur Beziehung der Schweiz zu Deutschland und zur Beziehung Deutschlands zur Schweiz. Das müsste sich, im Hinblick auf die durch die Masseneinwanderungsinitiative nötig gewordenen Verhandlungen der Schweiz mit der EU, eigentlich jeder zu Gemüte führen.

Wer sich Casper Selgs scharfsinnige Analyse gerne anhört, clicke hier auf Echo der Zeit.

Wer lieber liest, bitte:

«Deutschland ist uns Deutsch-Schweizern nah. Geografisch. Kulturell. Wirtschaftlich.

Deutschland ist aber erheblich weiter weg, als man denkt.

Deutschland steht eigentlich vor gleichen Fragen wie wir.

Umweltprobleme, Energiewende, Währungsfragen.

Aber Deutschland geht mit alledem völlig anders um als die Schweiz.

Deutschland ist beispielsweise überzeugt, dass es eindeutig zu klein sei, um in 30 oder 50 Jahren für sich allein bestehen zu können. Die zehn mal kleinere Schweiz scheint da kein Problem zu sehen.

Deutsche Politiker von links bis fast rechts aussen sehen keine Alternative zur EU. Zu einem Europa, in welchem die Grenzen aufgegangen sind, ein grosser Politik- und Wirtschaftsraum entstanden ist.

Weil man – politisch gesehen – nur so die grauenhaften Kriege verhindern könne, welche den Kontinent in regelmässigen Abständen verwüstet haben. Der zentrale Satz in den Reden des ehemaligen Frontsoldaten Helmut Schmidt lautet immer wieder: «70 Jahre Frieden, 70 Jahre Frieden in Europa. Das hat es noch nie gegeben. Und das ist alle Mühen wert.»

Vor allem aber steht die deutsche Politik zur EU, weil man – wirtschaftlich – nur so werde bestehen können in Zukunft. Wenn Zentren wie China, Indien, Brasilien und andere noch erheblich grösser und mächtiger sein werden.

In der Schweiz sind solche Überlegungen bei sehr vielen kein Thema. Man ist umgekehrt überzeugt, dass der Zusammenschluss der Europäer mehr Probleme schaffe, als er löse. Dass man seine Identität nur in der Abgrenzung erhalten könne.

Angela Merkel betont – gleich wie linke und rechte deutschen Politiker – immer wieder, dass unsere Werte, Demokratie, Meinungsfreiheit, unabhängige Justiz, Religionsfreiheit, Schutz der Umwelt, in 50 Jahren Minderheitsanliegen sein werden in einer Welt, in welcher Länder mit völlig anderen Vorstellungen den Ton mitangeben werden. China, Russland, Indien, arabische Länder. Allein deswegen, sagt Merkel immer wieder, sei der Zusammenschluss, die Wertegemeinschaft der Europäer unabdingbar.

Deutschlands Bild von sich und seiner Umwelt unterscheidet sich sehr stark von dem der Schweiz. Das muss die Schweiz wissen, wenn sie mit Deutschland redet.

Kürzlich hat eine Schweizer Parlamentarierdelegation Berlin besucht. Ein führender Berner Politiker sprach davon, dass man Deutschland sehr wohl dazu bewegen könnte, bei der Personenfreizügigkeit nachzugeben. Schliesslich sei die Schweiz einer der wichtigsten Handelspartner. Die Deutschen würden nicht auf uns verzichten können.

Wer so argumentiert, überschätzt zum einen das Gewicht der Schweiz in der deutschen Diskussion. Wenn Deutschland sich Sorgen wegen Handelsvolumen macht, dann eher wegen Märkten wie den USA, China, Südostasien, Russland. Er verkennt aber vor allem die deutsche Sicht auf Europa und auf die kommenden Zeiten.

Deutschland will in einem geeinten und solidarischen Europa leben. Da ist die Vorstellung ziemlich gewagt, dass man ausgerechnet eine Säule dieses Europa schwächen wollte, die Freizügigkeit, und dies zugunsten eines kleinen aber sehr reichen Landes, das bei diesem solidarischen Europa nicht mitmacht.

Deutsche Menschen haben sehr wohl Respekt vor der Schweiz. Und ihrer Haltung. Man mag das kleine, schmucke, saubere Nachbarland mit den guten Löhnen, mit den pünktlichen Zügen, ohne das Bankgeheimnis. Auch wenn sich viele die Reise dahin nicht mehr leisten können. Und auch wenn man diese Schweiz nicht wirklich versteht. Kaum ein Deutscher, eine Deutsche weiss Bescheid über dieses eigenartige System, in welchem irgendwie auch die Opposition in der Regierung sitzt. In welchem die Bundespräsidentin jedesmal wieder anders heisst und in dem die stärkste Partei Parolen skandiert, welche in Deutschland als rechtsradikal verstanden werden.

In der Schweiz ist mehr anders als die meisten Deutschen glauben.

Und in Deutschland ist wesentlich mehr erheblich anders als viele Schweizer meinen.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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3 Meinungen

Selg sieht wohl richtig, dass Deutschland sich schon im siebenjährigen Krieg, im deutschfranzösischen Krieg, im 1. und 2. Weltkrieg als zu klein ansah, seine Probleme für sich selber und die Menschheit nutzbringend zu lösen und deshalb zur Genesung Europas und der Welt Bedarf nach Vergrösserung andeutete. Von einem möglichst grossen Deutschland kann Europa offenbar nur profitieren. Nimmt mich wunder, was Varoufakis dazu sagen würde.

Solche Probleme wie Deutschland sollte man haben! Hauptmerkmal eines freien Landes ist es nun mal, bei der Frage, wer hier einreisen darf, noch was zu sagen zu haben, was für die USA, nach deren «Liberalen» sich Selg zu orientieren pflegte, immer selbstverständlich war. Diese Meinung könnte sich auch in Deutschland in den nächsten 20 Jahren wieder durchsetzen. Die wichtigste Aufgabe einer Regierung ist, Schaden vom Land abzuwenden und den verfassungsmässigen Willen des Volkes umzusetzen. Gerne hofft man, dass die Schweiz in Sachen CO 2-Ausstoss langfristig besser dasteht als Deutschland.
Pirmin Meier, am 03. Juli 2015 um 13:15 Uhr
Sollte dieses lange Zitat tatsächlich das Gedankengut des Deutschland-Verstehers Casper Selg widerspiegeln, bin ich nicht unglücklich, dass selbiger sich endlich verabschiedet. Wir leben nicht mehr in den 1960er Jahren. Deutschland ist auf dem linksgrünen Holzweg.
Die EU-Hydra dürfen wir nicht als Lösung suchen. Als verlängerter Arm der USA/NATO macht sie mehr kaputt, als es an Friedensleistung je erbracht hat. Die erbärmlichen, von niemandem wirklich gewählten EU-Abgeordneten spielen sich als Lenker der Weltpolitik auf und skandieren gegen jemanden, den wir als Freund betrachten sollten; Putin sollten wir endlich als wichtigen Handelspartner ins Boot holen. Eine EU ohne ihn ist undenkbar. Seine starken Verbindungen zur Restwelt scheinen sich noch nicht bis Berlin und Brüssel rumgesprochen zu haben. Angela Merkel hat mit Putin wohl noch eine alte Rechnung offen.

Die Schweiz muss sich weiterhin mit der gesamten Welt wirtschaftlich schlau verbinden. Dabei ist es ganz nützlich, Nichtmitglied des sterbenden EU-Kolosses zu sein. Wenn ich unsere sieben Bundesräte vor meinem geistigen Auge vorbeidefilieren lasse, erkenne ich keinen einzigen, welcher diese Weitsicht hat.
Die Alternative zur EU ist nicht der Alleingang, sondern das selbstbewusste Auftreten gegenüber unseren Geschäftspartnern in Europa, speziell Deutschland; und zwar auf Augenhöhe. Da uns dies die EU erst verspricht, wenn wir ihr den Mitgliederbeitrag zahlen, spricht für deren Arroganz und Selbstüberschätzung.
Renato Stiefenhofer, am 05. Juli 2015 um 18:48 Uhr
Bei der Würdigung der Qualität eines Journalisten und Publizisten sind seine «Netto"-Meinungen weniger wichtig als das Ethos der Aufbereitung von Informationen. Als Seög anfing, war zum Beispiel bei DRS durchaus «links» angesagt, was nicht nur dem «Hofer"-Club auffiel. Im Unterschied etwa zu Selg, dem ebenfalls bekennenden Reagan-Kritiker, bezeichnete der spätere Berlin-Korrespondent Fritz H. Dinkelmann den US-Präsidenten noch als «Arschloch», allerdings nicht im «Echo der Zeit» und schon vor seiner Anstellung. Das war damals durchaus eine Qualifikation. Dieser Wortschatz wurde zwar später dann, in anderem Zusammenhang, auch von einem späteren FDP-Präsidenten gebraucht, der aber im Gegensatz zu Dinkelmann weder Bücher schrieb noch solche liest noch als Journalist qualifiziert ist.

Caspar Selg verdient für seine Lebensleistung Respekt. Dass einer als gut gilt, sollte nicht bloss von seinen Meinungen abhängig gemacht werden.
Pirmin Meier, am 05. Juli 2015 um 19:21 Uhr

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