Die Überfischung ist eine Hauptursache für den alarmierenden Zustand der Meere. © zdf heute-journaö

Die Überfischung ist eine Hauptursache für den alarmierenden Zustand der Meere.

Der Zustand der Meere: Alarmierend

Red. / 24. Jun 2011 - Forscher warnen vor Massensterben im Ozean. Die Belastungen der Meere sind zu gross.

Überfischung, Versäuerung, Klimaerwärmung, fehlender Sauerstoffgehalt, Verschmutzung – das ist der kombinierte Stress für die Meere der Erde. Das Ergebnis: Es droht ein grosses Massensterben vieler Arten von Lebewesen. Eine Massenvernichtung vom Ausmass des grossen Aussterbens, das in prähistorischer Zeit fünfmal gefunden werden konnte. Das konstatiert eine Gruppe von Wissenschaftern aus sechs Ländern, die sich im «International Programme on the State of the Ocean IPSO» zusammengeschlossen haben. Sie haben in diesen Tagen einen Vorbericht veröffentlicht; der grosse Abschlussbericht soll 2012 erscheinen.

Sechs Hauptursachen. Klimawandel an erster Stelle

Bis zu 90 Prozent mancher Fischarten, die für die kommerzielle Fischerei – sprich: die Ernährung der Menschen – von Interesse sind, sind bereits «abgefischt». Ganze Lebensräume sind bedroht. Ökosysteme, die während Millionen Jahren gewachsen sind, geraten aus dem Gleichgewicht. Das sind nur einige Schlagworte über die Feststellungen der IPSO-Wissenschafter.

In verschiedenen Fallstudien haben die Forscher sechs Hauptursachen für diese Entwicklung festgestellt. Der wichtigste Stressfaktor für die Gesundheit der Meere ist auch in ihren Augen klar und eindeutig der Klimawandel. Zwei Belastungen stehen im Vordergrund: Die steigenden Wassertemperaturen und die «Versäuerung» der Meere, denn: ein Drittel des CO2-Ausstosses wird nicht in der Luft sondern im Wasser gebunden. «Hätten wir die Macht und die Mittel, würden wir uns einzig und allein um diese Bedrohung kümmern,» heisst es auf der IPSO-Website. Die Verringerung von CO2-Emissionen ist vordringlich.

Industrialisierte Überfischung

Nach dem Klimawandel ist die Überfischung die wichtigste Bedrohung für die Gesundheit der Meere. Die herrschenden Fischereimethoden haben verheerende Folgen, allein schon durch die schiere Menge. Die Fischereiflotten Europas, Amerikas, Asiens (China, Japan) ziehen jede Stunde 9 – 10'000 Tonnen Fisch aus dem Ozean; das ist tödlich für den Fischbestand. Und die Fischereimethoden schädigen oder zerstören zunehmend alle anderen Lebewesen in der See, von den Vögeln bis zu den Korallen. Ökologische Fischereiregeln und –methoden sind dringend erforderlich.

Zerstörung der Lebensräume

Die Zerstörung der Lebensräume ist ein weiterer fundamentaler Eingriff. Das geschieht durch Methoden wie die berüchtigte Schleppnetztechnik, die den Meeresgrund aufreisst und Korallen und andere Lebewesen und den Boden selber mitreisst. Es geschieht aber auch durch die Veränderung der Wasserqualität unter dem Einfluss der Menschen. Mehr Meeresreservate sind notwendig, sagen die Forscher.

Öl- und Gasförderung mit giftigen Folgen

Die Methoden von Öl- und Gasförderung beschädigen den Meeresgrund. Sie setzen Kohlenwasserstoffe frei und andere Giftstoffe, nicht zu reden vom Ausfluss von Öl selber und von giftigem Bohrschlamm. Die neuen Pläne der Mineralölkonzerne, selbst in grosse Meerestiefen vorzudringen, bedrohen ganz direkt Lebensräume von seltenen oder gar einzigartigen Lebenswesen – über die wir zum Teil noch (fast) gar nichts wissen. Diese Lebensräume müssen mit Reservaten geschützt werden.

Massenhafte Verschmutzung

Die gewaltige Abfallproduktion, die in den Meeren endet, führt zu einer alles durchdringenden Verschmutzung. Sie stammt hauptsächlich von der Industrie, von der Landwirtschaft und von Haushalten, die ihre Abwässer oder ihre Abfälle im Wasser «entsorgen», sei es direkt ins Meer, sei es indirekt über Flüsse. Durch übermässige Sauerstoffzufuhr und andere organische Stoffe entstehen eigentliche «Todeszonen» oder «Algenplantagen», die anderes Leben vergiften. Und die Meeresströmungen treiben die gewaltige Menge von Plastikabfällen zu eigentlichen «Plastikinseln» in den Meeren zusammen.

Verbreitung «exotischer» Lebewesen

Schliesslich verbreiten wir nicht nur auf dem Land sondern auch in den Meeren gebietsfremde Lebewesen, die bestehende Ökosysteme stören oder zerstören können. Das kann bewusst geschehen oder leichtfertig, etwa wenn Schiffe das Wasser, das sie als Ballast aufgenommen haben, in anderen Meeresregionen wieder ablassen. Die Lebewesen in den Meeren haben sich in stetigen Wechselbeziehungen während Millionen von Jahren gemeinsam entwickelt, und diese Bio-Systeme werden durch importierte Fremdlinge grundlegend verändert – mit tödlichen Folgen für manche Arten.

Die Meere: Lebensgrundlage der Menschheit

Die renommierte Ozeanforscherin Sylvia Earle, zurzeit «Explorer in Residence» von «National Geographic», früher leitende Wissenschafterin bei der «US National Oceanic and Atmospheric Administration», macht darauf aufmerksam, dass die Meere nicht nur als Energie- und Nahrungsmittelreserve wichtig sind. Für Öl müssen wir zwar immer tiefer bohren und für Ernährung schon immer tiefer fischen – und das ist schon teuer und bedrohlich genug.

Entscheidend ist aber die Zerstörung des gesamten Ökosystems der Meere, von dem das Leben der Menschheit abhängt. Vom Wasser, das über den Meeren verdunstet und in den Kreislauf geht. Und von der Luft: Photosynthetische Organismen im Meer geben den grössten Teil des Sauerstoffs ab, von dem wir leben, und sie binden grosse Mengen von CO2, das heisst: sie garantieren das Gleichgewicht der Chemie der Erde.

«Mit jedem Tropfen Wasser, jedem Atemzug...»

«Mit jedem Atemzug, den wir machen, jedem Tropfen Wasser, den wir trinken, sind wir mit dem Meer verbunden», schreibt Sylvia Earle. Es geht auch aber nicht nur um das Ende der ausbeuterischen Fischerei. Wir haben bisher nur etwa fünf Prozent des Ozeans erforscht, sprich: wir wissen, wie wir die Meere ausbeuten können, aber wir wissen noch nicht einmal, was darin alles lebt. Und vor allem sind die Meere unsere Lebensgrundlage. «Wir sollten», sagt Earle, »für das Meer Sorge tragen, als ob unser Leben davon abhängt. Das tut es nämlich.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

International Programm on the State of the Ocean - IPSO
Massensterben in den Ozeanen befürchtet. ZDF heute-journal, 22.06.2011
Oceans on brink of catastrophe. The ndependent über den IPSO-Bericht. Mit weiteren Berichten und Links.
Sylvia Earle. If the sea is in trouble, we are all in trouble. In: The Independent

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Eine Meinung

Gute Zusammenfassung der Situation, danke!
Ich verlink das gern bei fair-fish.
Billo Heinzpeter Studer, am 28. Juni 2011 um 00:34 Uhr

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