Wer Bevölkerungsexplosion sagt, meint oft das Wachstum vor der eigenen Türe: Bauboom in Zürich-West © Christof Moser

Wer Bevölkerungsexplosion sagt, meint oft das Wachstum vor der eigenen Türe: Bauboom in Zürich-West

Demografieszenarien zwischen Horror und Entwarnung

Jürg Müller-Muralt / 19. Okt 2014 - Die Weltbevölkerung wächst, das ist unbestritten. Uneins sind Experten, wie stark das Wachstum ist und wie lange es noch andauert.

Wer sich mit der Bevölkerungsentwicklung in den kommenden Jahrzehnten beschäftigt, bewegt sich auf dünnem Eis. Das zeigen allein schon zwei Aussagen der letzten Wochen. «In einigen Jahrzehnten wird sich die Zahl der Menschen auf dem Raumschiff Erde stabilisieren», sagte der grüne Nationalrat Balthasar Glättli jüngst im Gewerkschaftsblatt «syndicom» (Oktober 2014). Glättli kämpft, auch mit seinem Buch «Die unheimlichen Ökologen», gegen die Ecopop-Initiative. Uno-Experten legten im September ganz andere Zahlen vor: Mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit werde die heutige Weltbevölkerung von 7,2 Milliarden Menschen bis Ende des Jahrhunderts weiter anwachsen, und zwar auf eine Anzahl zwischen 9,6 bis 12,3 Milliarden. Damit werden die Zahlen gegenüber früheren Berechnungen deutlich angehoben, neueren Methoden der Wahrscheinlichkeitsrechnung sei Dank.

Kritik an Uno-Statistiken

Die Uno-Berechnungen wurden auch in Schweizer Medien verbreitet. Ecopop hat sie unter dem Titel «Uno erwartet Weltbevölkerungsexplosion» selbstverständlich in ihre Abstimmungskampagne integriert. Kaum etwas hat man jedoch darüber gelesen, dass sowohl die Zahlen wie auch die Methode der Vereinten Nationen von namhaften anderen Demographen bestritten werden. Der Leiter des Weltbevölkerungsprogramms am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA), Wolfgang Lutz, wirft der Uno auf «Spiegel Online» vor, sie wende «ein blindes statistisches Verfahren mit vielen methodischen Fragezeichen» an. Lutz bemängelt, dass die Uno-Prognose lediglich Daten aus der Vergangenheit in die Zukunft fortschreibt.

Die IIASA hat ebenfalls im September eigene Prognosen publiziert. Im Gegensatz zu jenen der Uno zeigen die Zahlen der IIASA einen Anstieg der Weltbevölkerung auf 9,2 Milliarden bis 2050, eine Spitze von 9,4 Milliarden ungefähr 2070 und eine langsame Abnahme auf 9 Milliarden Menschen bis zum Ende des Jahrhunderts als wahrscheinlichste Variante. Die IIASA-Berechnungen basieren auf über 550 weltweiten Expertengutachten, die ihrerseits einem Peer-Review-Verfahren unterzogen wurden, einer Zweitmeinung unabhängiger Gutachter. Die Uno dagegen wende dieses Verfahren nicht mehr an und sei auf ein rein statistisches Verfahren der Fortschreibung ausgewichen.

Bildung als zentraler Faktor

Die Uno-Prognose wie auch jene der IIASA betrachten die Bildung als zentralen Faktor zur Senkung der Geburtenrate. Nur ist dieser Faktor bei der Uno-Studie gar nicht eingebaut worden. IIASA dagegen berücksichtigt die Entwicklung des Bildungsstandes und gewichtet das Bildungsniveau zusätzlich nach Alter und Geschlecht.

Gezeigt wird dieses Verfahren am Beispiel Nigeria. Während die Uno diesem afrikanischen Land eine Bevölkerungsentwicklung von 160 Millionen Menschen (2010) auf 914 Millionen für das Jahr 2100 prognostiziert, kommt die IIASA-Studie auf nur 576 Millionen bis zum Ende des Jahrhunderts. Der Grund: Nigeria hat in den letzten Jahren signifikante Fortschritte bei der Schulbildung der Mädchen gemacht. Heute haben bereits 50 Prozent der nigerianischen Frauen in der Altersstufe zwischen 20 und 24 die Sekundarstufe durchlaufen, während es in der Altersstufe 40 bis 44 erst 25 Prozent sind. Weil besser gebildete Frauen konstant tiefere Fruchtbarkeitsraten (Anzahl Kinder pro Frau) aufwiesen, sei mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Geburtenrate bei zunehmender Schulbildung abnehme: «Wer diesen wichtigen Strukturwandel nicht berücksichtigt, kommt automatisch zu einem höheren Bevölkerungswachstum.»

Nur keine Panik: Kinderzahl bleibt konstant

Mit manchen gängigen Vorstellungen rund um die Bevölkerungsentwicklung räumt auch der schwedische Medizinprofessor, Statistiker und Demograph Hans Rosling auf. In einem BBC-Beitrag mit dem Titel «Don’t panic: The Facts about population» erklärt Rosling, dass die Anzahl der Kinder weltweit nicht mehr wachse und konstant bleibe. Seine Argumentationskette: Vor 50 Jahren betrug die weltweite durchschnittliche Fruchtbarkeitsrate fünf Kinder. Diese wichtigste Kennziffer der Demographie ist in der Zwischenzeit global auf 2,5 gefallen. Sie fiel und fällt dort deutlich, wo der Bildungsgrad der Frauen gestiegen, die extreme Armut gesunken, der Zugang zu Verhütungsmitteln besser geworden und die Kindersterblichkeit zurückgegangen sei.

Die demographischen Konsequenzen seien verblüffend. In den vergangenen zehn Jahren sei die Anzahl der Kinder bis 14 Jahre konstant bei rund zwei Milliarden stehengeblieben. Auch die Uno-Bevölkerungsexperten gingen davon aus, dass es bis Ende des Jahrhunderts so bleiben werde. Man habe also den so genannten Peak Child erreicht. Das Bevölkerungswachstum dauere noch an, bis diese Peak-Child-Generation erwachsen und alt geworden sei; bis dann müsse man zwar noch mit einem Zuwachs an erwachsenen und alten Personen von drei bis vier Milliarden rechnen. Aber in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts schwäche sich das Bevölkerungswachstum markant ab.

Wer in Fragen der Bevölkerungspolitik mitreden will, sollte die Videos von Hans Rosling ansehen, schon allein deshalb, weil es kaum eine lebendigere und witzigere Statistikpräsentation gibt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Schweizer Bevölkerung wächst auch ohne Zuwanderung (auf InfoSperber)

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7 Meinungen

In der Tat, Rosling Videos sind sehr anschaulich, hier ein Link dazu

http://www.youtube.com/watch?v=fTznEIZRkLg

Es lohnt sich die anzuschauen !
Frau Carmey Bruderer, am 20. Oktober 2014 um 13:56 Uhr
Ich hab's auch gesehen, sehr beeindruckend, besonders wenn er zeigt, dass normale und selbst gebildete Menschen sich bei vielen quantitativen Menschheitsfragen komplett irren.

Ich nehme ihm auch ab, dass sich die Bevölkerung wahrscheinlich in absehbarer Zeit stabilisiert und nicht «explodiert». Aber bis dann dauert es noch und es ist die Frage, ob die schwindenden Ressourcen nicht schon vorher Krisen ungeahnten Ausmasses auslösen.

Hier noch ein Link zu einer Kritik:
http://mahb.stanford.edu/blog/a-confused-statistician/

Auf jeden Fall sind Rosling's Angaben keinen Grund nachzulassen bei Bestrebungen, so schnell wie möglich massiv weniger Ressourcen als heute zu verbrauchen, denn gemäss dem «Fussabdruck"-Konzept ist die Welt im Verhältnis zum Konsum schon heute stark überbevölkert, und momentan nimmt der Konsum zu, nicht ab. Die Biosphäre enthält verschiedene Puffer, die eine Konsum-Schuld zulassen, aber wir wissen zu wenig, um uns noch mehr solcher Schulden leisten zu können, ohne einen «Crash» zu risikieren.
Theo Schmidt, am 20. Oktober 2014 um 14:50 Uhr
Und wie wäre es, wenn man schon jetzt die Geburtenkontrolle aktiv einsetzen und die Frauen und Männer informieren würde? Es wurde von grüner Seite behauotet, das sei Kolonialismus. Und was ist denn das, wenn wir wie in Lampedusa bei den Asylsuchenden einfach nur zuschauen, wie undendlich verwahrlost - äusserlich wie emotional - viele Kinder aufwachsen müssen und unsere superklugen Besserwisser sind lediglich Zuschauer, ohne helfend einzugreifen. In Bolivien, 1994 als Mithelfer und Spender für den Aufbau eines Gesundheitszentrums habe ich erfahren, wie dankbar Frauen sind, wenn man ihnen die Spirale gibt. So einfach, eine Spirale nach dem zweiten Kind einbauen und es sind dann am Schluss höchstens drei bis vier Kinder, aber nicht deren acht, die hungern und zuschauen müssen, wie der betrunkene Vater die Mutter tagtäglich zusammenschlägt und vergewaltigt. Das sollen sich die vielen Schönschreiberlinge à la Glättli und Co. mal hinter ihre Ohren schreiben. Ich weiss, wovon ich rede. Deshalb befürworte ich mit Freude die Ecopop-Initiative, auch als sonst links-Denkender- links von der verbürgerlichten SP.
Hans Roggwiler, am 20. Oktober 2014 um 19:10 Uhr
Don't panic von Hans Rosling ist etwas vom Besten was ich in den letzten Jahren zu Fragen der Bevölkerungsentwicklung gesehen habe. Offensichtlich sind wir in Bevölkerungs-Fragen sehr schlecht und einseitig informiert - dies zeigen seine Umfragen.
Die Zusammenhänge von Bildung, Einkommen, Kindersterblichkeit und Lebenserwartung zeigen eindrücklich, wie Schlagworte und vermeintlich einfache Lösungen, v.a. auch ECOPOP, ins Offside führen können. Es ist Zeit, dass wir die positiven weltweiten Fakten bei der Bevölkerungsentwicklung wahrnehmen und uns von unserem schweizerischen Pharisäer-Hochsitz herunterbegeben. Unsere Hauptaufgaben liegen bei uns selber, in der Schweiz: weltverträglicher Lebensstil und Offenheit gegenüber der Welt. Grenzen abdichten und Geburtenkontrolle bei den Ärmsten zeugt von einer extrem egozentrischen und panikgesteuerten Weltanschauung.
Heini Glauser, am 21. Oktober 2014 um 10:26 Uhr
Einfach bemühend, immer und überall das selbe. Sobald unangenehme Fakten auftauchen und zur Debatte stehen, kommen die intellektuellen Wegschauer, Verniedlicher, Bagatellisierer.

Genau so schaut unsere Wetl doch aus: sie ist, wie sie ist, eine andere gibt es derzeit nicht und präzise und kluge Analysen liegen vor. Unzählige, meist stupide Behauptungen auch. Die Fakten sind oftmals unerträglich erschreckend. Und was machen unsere Stubenhockergelehrten?

Sie verniedlichen, wollen den ganzen Dreck nicht wahrhaben und schreiben weitere Bücher darüber, dass alles nicht so schlimm sei und es dann doch noch gut komen werde. Warum? Um ihr Seelenheil zu bewahren, ihre geschrummpfte kogintive Dissonanztoleranz nicht als grosses Leiden zu erleben .

Wie wäre es mit einer Generaton von Leuten, die Probleme lösen möchten, Ungerechtigkeiten fundamental angehen, die anpacken, einmal in ein solches Land des Elendes reisen und mithelfen. Aexgüsi, ich weiss, wovon ich rede. Deshalb auch diese ungeduldige, hässige Reaktion auf obiges Elaborat. Ich bleibe dabei: Wer tatenlos von der warmen Stube aus zuschaut, ohne aktiv einzugreifen, wenn Kinder lieblos und im Elend aufwachsen, ist ein übler Kinderseelenmörder.
Hans Roggwiler, am 21. Oktober 2014 um 11:58 Uhr
Demographie muss eine schwierige Wissenschaft sein. So gibt es gemäss dem «Mittleren Bevölkerungs-Szenario» des BFS selektive Wachstumsraten für einheimische Bevölkerungsgruppen, welche nota bene schon da sind und nicht neu vom Himmel fallen können.

So wächst gemässs BFS im Kanton FR die Generation_2013 «Schweizer 30-34 Jahre» offenbar in 10 Jahren um sage und schreibe 14.6%, während die jetzt 20-jährigen in 10 Jahren nur 2.9% zahlreicher sein sollen. Immerhin geht auch das BFS davon aus, dass die heute über 55-Jahre alten in 10 Jahren zum Teil weggestorben sein werden. Von den heute über 80-jährigen sollen sogar über die Hälfte 2013 nicht mehr dabei sein.

Ob diese exotischen Unterschiede der Wachstumsraten auf der Hypothese selektiver Einbürgerung oder selektiver Zuwanderung aus anderen Kantonen beruhen ist mir leider nicht bekannt.

Bei der Generation der heute 30-jährigen soll übrigens die internationale Zuwanderung praktisch abgeschlossen sein, bei den etwas jüngeren, werden aber (implizit) Zuwachraten von über 40% postuliert.

Von wegen genauer Wissenschaft ....
Josef Hunkeler, am 21. Oktober 2014 um 12:08 Uhr
Herr Roggwiler,
nehmen Sie sich doch 50 Minuten Zeit und schauen Sie den BBC-Beitrag mit dem Titel «Don’t panic: The Facts about population», s. Link im Text. Da zeigt Rosling auf faszinierende Weise reale Fakten und Tatsachen. Rosling ist alles andere als ein Stubenhockergelehrter oder Kinderseelenmörder.
Heini Glauser, am 21. Oktober 2014 um 12:12 Uhr

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