Michael Grupe, CEO der Crypto AG, hat 1992 in der Rundschau gelogen. © SRF

Crypto AG: Schweiz unter einer Decke mit der CIA

Monique Ryser / 12. Feb 2020 - Längst hätte der Bund untersuchen und eingreifen können. Welche Bundesräte und Geheimdienstler bewusst schwiegen, ist noch unklar.

Verteidigungsministerin Viola Amherd hatte den Skandal kryptisch bereits angekündigt: Mitte Januar sagte sie gegenüber Schülern, sie telefoniere eigentlich fast nur mit dem iPhone und nicht mit dem gesicherten Bundesrats-Handy. Recht hat sie – zumindest bis vor wenigen Jahren stammten die verschlüsselten Handys von der Crypto AG in Steinhausen ZG. Diese Firma steht seit den Enthüllungen der Washington Post, des ZDF und SRF seit gestern im Mittelpunkt des wohl grössten Geheimdienstskandals. Besitzer der Firma waren nämlich die US-Geheimdienstorganisation CIA und der deutsche Bundesnachrichtendienst BND. Sie hatten die Verschlüsselungsgeräte der Crypto AG so manipuliert, dass sie in Echtzeit jede Übermittlung lesen konnten. Die Geheimdienste hatten sich die Firma mit Sitz in Zug mit einer verdeckten Operation unter den Nagel gerissen, weil die Schweiz als neutrales Land Vertrauen genoss und die manipulierten Geräte in die ganz Welt liefern konnte.

******************************************************************

Bereits 2015 hat Frank Garbely das, was heute bekannt ist, auf Infosperber öffentlich gemacht:

******************************************************************

Vom guten Ruf der Schweiz profitiert

Die Schweizer Behörden hätten schon längst hinschauen können. Von offizieller Seite wird nun behauptet, man habe nichts gewusst. Doch die Crypto AG stand mehrfach im Verdacht, mit Geheimdiensten zusammenzuarbeiten, namentlich auch dem US-Auslandgeheimdienst NSA. Im Jahr 2000 war in einem vom Europaparlament debattierten Bericht detailliert aufgeführt, dass die Crypto AG ihre Geräte manipuliert. Ein Bericht darüber erschien damals im «Blick». Die Debatte fand in Zusammenhang mit dem europäischen Überwachungsschirm Echelon statt. «Von 1940 an hat die National Security Agency NSA kryptografische Systeme aus Europa gehackt. Die wichtigste Zielscheibe der NSA war die prominente Schweizer Firma Crypto AG, die sich nach dem 2. Weltkrieg eine starke Position bei Chiffriersystemen gemacht hat», stand im Bericht. Und weiter: «Viele Regierungen würden Systemen von Grossmächten nicht trauen. Eine Schweizer Firma aus diesem Bereich hingegen profitiert von der Schweizer Neutralität und dem Bild der Integrität.» Der Autor, Duncan Campbell, der das Echelon-System publik gemacht hatte, erklärt genau, wie die US- und britischen Geheimdienste die Kodierung verfälschten, damit sie sicher wirkten, in Wahrheit aber in Echtzeit gelesen werden konnten.

Bisher gründlichster Bericht über die Operation Rubikon:

«Gute Dienste»

Das war nicht der erste Hinweis, den die Schweizer Behörden bekamen, dass bei der Crypto AG etwas faul sei: 1992 wurde der Schweizer Hans Bühler, ein Verkäufer in Diensten der Crypto AG, im Iran festgehalten. Nach neun Monaten kommt er frei, gegen die Zahlung von einer Million Franken Lösegeld. Bezahlt, wie wir heute wissen, vom BND. Die Lösegeldzahlung war damals ein grosses Thema und es scheint äusserst unwahrscheinlich, dass die Schweizer Diplomaten, die sich um die Freilasssung von Bühler bemüht hatten, nichts von den Hintergründen wussten. Zudem wurde Bühler kurz nach der Freilassung von der Crypto AG entlassen und mit einer Zahlung zum Schweigen gebracht. Er hatte, wie jetzt bekannt ist, nichts von den Machenschaften gewusst und hatte begonnen, sich gegenüber den Medien kritisch zu äussern.

Nicht der Direktor des Nachrichtendienstes des Bundes NDB, Jean-Philippe Gaudin, nahm in der SRF-Sendung «10vor10» Stellung zum grössten Spionagefall seit langer Zeit, sondern Vizedirektor Jürg Bühler. Dieser behauptete, der NDB habe in den Neunzigerjahren keine Belege dafür gefunden, dass die CIA an der Crypto AG beteiligt sei. Zur Aufklärung verlangt Balthasar Glättli, Fraktionschef der Grünen, eine Parlamentarische Untersuchungskommission PUK. Auch für FDP-Präsidentin Petra Gössi ist eine PUK «eine ernsthafte Option».

Die offizielle Schweiz anderseits nimmt seit der Besetzung der US-Botschaft im Iran 1979 die Mittlerrolle zwischen Iran und der USA ein. Während also Schweizer Diplomaten sogenannt «gute Dienste» ausführen hatte die Schweizer Firma Crypto AG den Iranern gehackte Chiffriergeräte verkauft. Und nicht nur dem Iran – rund 130 Länder vetrtauten der «Schweizer Technologie». Welchen Schaden die Affäre auf die Schweiz und ihre Glaubwürdigkeit anrichten wird, kann erst erahnt werden.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

12 Meinungen

Der Ausrüster für militärische Chiffriergeräte für die Schweizerarmee war seit den 60-er Jahren die Gretag, einst gegründet von Dr. Gretener, einem Pionier der Nachrichtenverschlüsselung. Zusammen mit dem damaligen Bundesamt für Übermittlung und Spezialisten im Generalstab, war die Schweiz mit Crypto und Gretag führend auf diesem Spezialgebiet der Nachrichtentechnik. Mit der Übernahme der Crypto AG durch Siemens, der zweiten Spezialistin für Kryptologie, wurde das einst gute Vertrauensverhältnis der beiden Konkurrenten abgekühlt. Zu Recht wie wir jetzt erfahren.
Gretag hat u.a. die österreichische Bundeswehr und auch die israelische Armee mit Chiffriergeräten ausgerüstet, die nach 10-jähriger Sperrfrist, von der damaligen Gruppe für Rüstungsdienste, freigegeben wurde. Zu hoffen ist, dass bei Gretag nicht auch noch Leichen im Keller gefunden werden.
Walter Schenk, am 12. Februar 2020 um 12:29 Uhr
Aber bitte sehr. Das mit der Crypto ist doch ein alter Hut und seit mindestens 20 Jahren bekannt. Wieso das gerade jetzt wieder hochgekocht wird ist mir nicht klar.
Vital Burger, am 12. Februar 2020 um 12:49 Uhr
Natürlich hat die Crypto-AG mit der CIA zusammengearbeitet und der Schweizer Nachrichtendienst (NDB) schützend die Hand darüber gehalten. Das war schon 1973 so, als Nixon und Kissinger zusammen den Putsch gegen Salvador Allende in Chile ins Szene setzten. Das Folterregime des Augusto Pinochet forderte Zehntausende von Folteropfern. Man schätzt, dass dabei gegen 30'000 Menschen das Leben verloren. Wer in unserem Lande etwas gegen diese Schreckensherrschaft unternahm, Demos veranstaltete, Presseartikel und Leserbriefe schrieb, wurde fichiert. Der NDB war immer dabei, er hat offensichtlich politisch «unzuverlässige» Menschen dem Pentagon gemeldet. Als unzuverlässig galt, wer politisch irgendwie links stand, in einer Gewerkschaft organisiert oder Mitglied der SP, der POCH, später der Grünen war. 1989 flogen die Fichenjäger auf, 1990 die P-26, diese klandestine Körperschaft, die als Geheimarmee in unserem Land ihr Unwesen trieb, engste Beziehungen mit ihren «Schwesterogansiationen» in den Ländern westseits des sog. «Eisernen Vorhangs» pflegte und so in verheerende Terroranschläge – 1980 Bahnhof Bologna und Oktoberfestwiese, 1985 Brabent/Belgien - mit insgesamt weit über 100 Todesopfern verwickelt war.
Doch nach 1990 ging es in gleichem Stil munter weiter. Die Affäre Dino Bellasi in den späten 190ern, die mit der Absetzung des Geheimdienstchefs Divisionär Peter Regel endete, war nur die Spitze des Eisberges. Bellasi trainierte in Andermatt eine geheime bewaffnete Einheit.
Peter Beutler, am 12. Februar 2020 um 13:00 Uhr
Hoffentlich erkennt die Welt, was «Neutrale» Schweiz bedeutet. Die Schweiz sollte im ureigensten Interesse gegenteilig nichtneutral sein, das heisst, Bündnis mit Russland, weil ich beide als Leidensgenossen gegenüber den USA sehe.
Wolfgang Reuss, am 12. Februar 2020 um 19:16 Uhr
Gebot des Tages ist jetzt natürlich, dass schnellstens ein Vertuschungs-Kommission ins Leben gerufen wird. Entscheidend ist, dass nichts an die Öffentlichkeit gelangt, was noch zu verheimlichen ist. Die Herren von FDP und SVP-Rechtaussen-Heer werden es richten. Die Schweiz war noch nie neutral, das war und ist ein Werbegag, ihr Geheimdienst hat schon immer mit der CIA gekungelt.
Hanspeter Gysin, am 12. Februar 2020 um 21:32 Uhr
Es ist die aufgabe der geheimdienste, möglichst effizient an informationen zu kommen. Dies ist hier beispielhaft gelungen - chapeau!
Zu klären ist, ob recht verletzt wurde. Nationales oder völkerrecht. Wenn nicht, ist alles ok. die political correctness erfordert ein bisschen empörung, dann kehrt wieder ruhe ein.
@hr. Beutler: die p26 war keine organisation die «ein unwesen trieb» oder in terroranschläge verwickelt war, wie sie insinuieren. Sie bereitete sich auf den widerstand in einer besetzten schweiz vor. Wie die geschichte lehrt ein sehr verdankenswertes unterfangen.
Christian von Burg, am 12. Februar 2020 um 23:09 Uhr
Im Kontext der Zeit betrachtet, kann ich dies alles sogar als Humanist nachvollziehen. Es ist einfach sehr traurig, dass stets Zeiten sind, in denen Menschen gegeneinander stehen. Was hindert uns denn eigentlich daran, eine Epoche einzuleiten, in der es weder Chiffriergeräte, noch NdB, noch CIA, noch BND, noch sonst welche obskuren Organisationen braucht?
Marc Fischer, am 13. Februar 2020 um 05:29 Uhr
Falls es noch eines Beleges bedarf, die US mögen «Hintertürchen» in verschlüsselten Kommunikationsgeräten. Snowdon hat das Resultat der Arbeit der NSA zur Genüge dokumentiert.

Daher ist es schon fast makaber, wenn jetzt die USA gegen Huawei als möglichem Spion jammert. Wenn Huawei «möglicherweise» eine Sihcherheitslücke enthält, darf man davon ausgehen, dass amerikanische Geräte mit Sicherheit über solche Hintertürchen verfügen.

Die CH-Logik ist wohl wie immer, wir kaufen US mit dem entsprechenden eingebautem Kucku-EI, wenigstens solange es mehr kostet und entsprechende Margen und Gegengeschäfte auch für die lokalen Entscheidträger ermöglicht.

Neutralität muss doch was wunderschönes sein... Oder wie sagte Mani Matter : si wörde d'Freiheit gwönne, wenn sie däwäg zgwönne wär.
Josef Hunkeler, am 13. Februar 2020 um 10:51 Uhr
Herr Christian von Burg. Ihr Statement verstehe ich als Hommage an den chilenischen Juntadiktaor Pinochet an. (In meinem Eintrag erinnere ich an seinen Putsch gegen Allende 1973). Sie wären längst nicht der einzige, der diesem Massenmörder Sympathie abgewinnen kann. Damit mögen Sie sich an die Seite des ehemaligen deutschen BND-Geheimdienstchefs stellen, der gestern in der Rundschau ausgesagt hatte: «Die manipulierten Chiffriermaschinen haben viel zu unserer Sicherheit beigetragen.» Der erste BND-Boss war übrigens Reinhard Gehlen, ein ehemaliger Generalmajor des Dritten Reichs. Ihr Zitat: «Sie [die P-26] bereitete sich auf den widerstand in einer besetzten schweiz vor. Wie die geschichte lehrt ein sehr verdankenswertes unterfangen.» Der Kalte Krieg endete 1988 mit dem Abkommen Reagan-Gorbatschow. Als die P-26 1990 aufflog, war sie immer noch im Aufbau begriffen. Damals war für die P-26-Verschwörer der Feind im Innern - eben, die sog. Linken, Grünen, Gewerkschafter, Lehrer, Schriftsteller...
Peter Beutler, am 13. Februar 2020 um 11:29 Uhr
Offensichtlich ist das Schweizer Fernsehen für einmal seiner Informationspflicht nachgekommen.
Es wird wohl sein, wie Hanspeter Gysin schreibt: Es werden Vertuschungskomissionen gebildet die mit Pseudo-Aktivitäten die Bevölkerung beruhigen und es werden Akten «nicht mehr auffindbar» sein bis die Medien wieder andere Probleme aufgreifen. Es glaubt wohl niemand, dass die verschworene Kumpanei der Politiker willens ist, ihren eigenen Sumpf auszutrocknen.
Bernhard Ramp, am 13. Februar 2020 um 23:35 Uhr
Sie machen es sich zu einfach, herr beutler. Ihre unterstellungen, ich sei ein sympathisant von pinochet, sind haltlos. Mit der moralkeule andere disqualifizieren zu wollen mag in ihren kreisen üblich sein. In meinen nicht.
Von der p26 haben sie offensichtlich keine ahnung. Ich kenne leute die dort mitgewirkt haben. Ich weiss, was die ausbildungsinhalte und aktivitäten waren. In keinster weise die verfolgung von linken und unbequemen. Ich denke, sie sollten sich aus anderen quellen informieren als aus der verschwörungsszene.
Im übrigen ist es ziemlich naiv zu glauben, nach dem mauerfall habe keine notwendigkeit für sicherheitsrelevante aktivitäten mehr bestanden.
Christian von Burg, am 14. Februar 2020 um 10:33 Uhr
Eine Beitrag aus der Solothurnerzeitung, in dem sehr nachvollziehbar die P-26 mit dem Fichenskandal verwoben wird. Der NDB, der über die Crypto-AG genau Bescheid wusste, hatte massgebend die P-26 aufgebaut und kontrolliert.
https://www.solothurnerzeitung.ch/solothurn/kanton-solothurn/auch-im-kanton-solothurn-gehoerte-gesinnungsschnueffelei-mit-zum-auftrag-135540014
«Eine Frau und ein Mann, die in einem «toten Briefkasten» nicht Staatsgeheimnisse, sondern bloss Liebesbriefe hinterlegt hatten; ein Italiener, der das Pech hatte, sein Auto vor dem Haus einer «linken» Wohngemeinschaft abgestellt zu haben; ein Ärztepaar, das mit «Poch»-Sympathisanten befreundet war; Bürgerinnen und Bürger, die «oft in Alternativ-Restaurants anzutreffen» waren; die 1.-Mai-Redner samt ihren Themen ... Sie alle hatten eines gemeinsam: Sie wurden in den Jahren des ausklingenden Kalten Krieges von Solothurner Staatsschützern bespitzelt und in Fichen und Archiven registriert."
Im Geheimdienstroman DER BUNKER VON GSTAAD (Emons) wird auf die Geschichte der P-26 und dem NDB Bezug genommen. Die jüngsten Ereignisse um die Crypto-AG passen haargenau auf dieses Buch.
Der Autor vom Krimi DER BUNKER VON GSTAAD.
Peter Beutler, am 15. Februar 2020 um 14:12 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.