Christlicher Schutz für die Reichen

Jürg Müller-Muralt © cc
Jürg Müller-Muralt / 31. Jul 2013 - Die Erbschaftssteuerinitiative verstösst gegen grundlegende christliche Werte, findet ein Berner SVP-Politiker.

Der Berner SVP-Nationalrat Hansruedi Wandfluh macht sich Sorgen um «das christliche Gedankengut der Eigentumsgarantie». Schliesslich heisse es im zehnten Gebot: «Du sollst nicht begehren nach dem Hause deines Nachbarn (…), noch nach irgendetwas, was dein Nächster hat.» Da der Eigentumsschutz eine wesentliche Komponente unseres Erfolgsmodells sei, fände es der theologisierende Politiker in einer Kolumne des «Berner Oberländers» schade, «wenn wir die christlichen Werte der Neid- und Missgunstgesellschaft opfern würden». Er hebt deshalb den rhetorischen Mahnfinger und fordert, «das zehnte Gebot auch für die Wohlhabenden dieses Landes nicht zu ritzen!» Ausgerechnet dies fordere jedoch «eine Partei, welcher die zehn Gebote eigentlich nicht fremd sein sollten, mit ihrer Erbschafts- und Schenkungssteuerinitiative».

Die Reichen und der liebe Gott

Nach dieser stringenten theologischen Argumentationskette steht die Evangelische Volkspartei (EVP), auf die hier gezielt wird, natürlich mit abgesägten Hosen da. Die EVP ist, zusammen mit Linksparteien, Trägerin des Volksbegehrens. Dabei wollte die christliche Kleinpartei wahrscheinlich den Wohlhabenden nur zu Hilfe eilen und sie ein ganz klein wenig von dem sie belastenden Reichtum befreien. Denn die Reichen haben wegen ihres Reichtums bekanntlich ihre liebe Mühe, in den Himmel zu kommen. Und zwei Herren, dem Geld und dem lieben Gott, können sie auch nicht dienen. Wie sagte doch Jesus Christus? «Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.» Und: «Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.»

Wie auch immer dieser innerchristliche Disput ausgehen mag: Nationalrat Wandfluh hat ein eindrückliches Beispiel von Instrumentalisierung und Dehnbarkeit religiöser Leitsätze geliefert.

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8 Meinungen

Dass die Wegbesteuerung des grossen Teils eines Vermögens, wie es in gewissen Ländern vorkommt, vor allem solchen, die nicht mit Geld umgehen können, moralisch nicht besser sein muss als die berüchtigten Arisierungen vor 80 Jahren kann man sehen oder auch nicht sehen; wer bestohlen oder enterbt wird, das kann man auch bei Machiavelli nachlesen, hat ein sehr starkes Bewusstsein davon, einen Diebstahl erlitten zu haben.
Pirmin Meier, am 31. Juli 2013 um 11:40 Uhr
Ob Herr Wandfluh Christlich denkt oder laizistisch ist dasselbe. Wir Linken müssen jedoch unterscheiden lernen, zwischen produktiver Wirtschaft und der Lotterie an der Börse oder auch dem Gewinn durch Landbesitz. Das eine sollten wir stärken, für das Andere sozial nützliche Alternativen entwicklen. Die vorgesehene Erbschftssteuer belastet aus der Sicht der Produktiven Unternehmer ihre Unternehmungen zu stark.
Auch wegen der Bürokratie verzichten viele Erben auf die Übernahme von Betrieben, und leben lieber von der Rente oder einem unproduktiven Job. Ich schätze, dass dies ein wesentlicher Faktor für Arbeitsplatzabbau ist.
Peter Tschanz, Lenzburg
Peter Tschanz, am 31. Juli 2013 um 13:03 Uhr
Mich erstaunt, wie humorlos die bisherigen Reaktionen auf den augenzwinkernden (aber bibelfesten) Kommentar zur ziemlich eigennützigen (aber in christlichem Tarnanzug daher kommenden) Argumentation eines SVP-Politikers gegen die Erschaftssteuer sind. Darüber hinaus geschmacklos ist der Vergleich mit dem rassistisch kriminellen Arisierungsdiebstahl der Nazis im Dritten Reich. Erbschaftssteuern gibt es weltweit und zwar fast überall viel höhere als die kritisierte Initiative fordert. Fast nur die Schweiz meint darauf verzichten zu müssen und die Kantone haben sie laufend reduziert oder gar abgeschafft. Deshalb klaffen die Vermögen in unserem Land stets mehr auseinander, d.h. die Reichen werden immer reicher und den Habenichtsen geht es schlechter. Die Initiative lässt einen grossen Freibetrag, womit «normale» Erbschaften unter 2 Millionen ausgenommen bleiben. Die Gegner sollten also entsprechend verhältnismässig argumentieren. Erbschaften sind wie eine Lotterie rein arbeitsloses Einkommen, eine Steuer somit sehr legitimiert und gerecht.
Rolf Zimmermann, am 31. Juli 2013 um 14:47 Uhr
Die Bemerkung von Jesus an den reichen Jüngling war, z.B. nach Kierkegaard, ein Beweis für den Humor des Sprechers, sicher aber nicht eine Ermächtigung an das römische Reich, den damaligen Souverän, betr. eine allgemeine Enteignung. Sinn für makabren Humor zeigte Machiavelli, als er in seinem Lehrbuch der Politik klar machte, dass einer konsequente Enteignungspolitik am vorteilhaftesten die Ermordung der Enteigneten voranginge, weil, wer enteignet sei, zu den gefährlichsten politischen Oppositionellen gehöre. Er stellte fest, dass die Trauer über den Tod der Eltern etwa nach einem Jahr verblasse, die Wut aber über die Enterbung ein Leben lang anhalte. Das war psychologisch sicher richtig.

Selbstverständlich war nicht nur die Enteignung reicher Juden Diebstahl, sondern auch andere Enteignungen erarbeiteter Vermögen im Millionenbereich; auch die kommunistischen Verbrechen sind Menschheitsverbrechen; viel Humor zeigt die Verwechslung der Familienexistenz mit einem Lottogewinn. Nach dieser Logik könnte nicht nur der Rechtsanspruch auf alle Vermögen erhoben werden, auch der Rechtsanspruch auf das Wegnehmen der Kinder, weil alles, was einem bleibt, als Geschenk des Pharao oder des Leviathan oder des Staates anzunehmen ist.

Interessant ist, dass auch Humoristen, Kabarettisten und übrigens sogar Bert Brecht den Humor verloren haben, wenn es ums eigene Geld ging und dass Erbschaftsprobleme tatsächlich schon viele Familien auseinandergebracht haben. Massvolle Erhöhungen von Erbschaftssteuern scheinen mir bei jenen Staaten diskutierbar, die ihre Schulden auf Null gebracht haben. Auch müsste mal unter dem Gesichtspunkt der Ethik diskutiert werden, was es eigentlich heisst, dass man in den Industriestaaten zunehmende Millionen von Gratisbürgern zu unterhalten hat.
Pirmin Meier, am 31. Juli 2013 um 15:39 Uhr
Das ist noch mehr als Instrumentalisierung und Dehnbarkeit religiöser Leitsätze. Das ist massiver Missbrauch.
Kommt noch dazu, dass die Zehn Gebote aus dem AT sind. Jesus Christus hat das Gebot der Liebe auf die Welt gebracht, das die Möglichkeit gibt, die Zehn Gebote nach und nach durch dieses Gebot zu ersetzen.
Allerdings will der heutige Materialismus nichts davon wissen, weil dieses Gebot der Liebe diesen obsolet machen würden. Das muss mit allen Mitteln verhindert werden.
Im NT geht es irgendwo auch um die Bezahlung der Steuern. Da fragten die Jünger ob sie die Steuern entrichten sollten. Da sagte Jesus: «Wer ist auf der Münze abgebildet.» Die Jünger antworteten: «Der Kaiser.» Da sagte ihnen Jesus: «Dann gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.
Wahres Christentum, wie man es im NT nachlesen kann, was das wirklich ist, verträgt sich ganz und gar nicht mit der heutigen Welt.
Der Satz aus dem NT, dass man nicht zwei Herren dienen kann, dass man sich entscheiden muss zwischen Jesus Christus und dem Mammon hat eine tiefe Wahrheit.
Wer es wirkich begriffen hat, teilt seinen Reichtum mit den Armen. Das kann materieller Reichtum sein oder innerer Reichtum.
Maya Eldorado, am 31. Juli 2013 um 19:39 Uhr
Er hiess Joshua, und nicht Jesus. Jesus kommt von Jes Zeus und heisst eigentlich Heil Zeus. Joshua lebte in etwa so wie ein marxistischer Kommunist leben würde, einfach ohne Planwirtschat und liberaler, ohne Diktator und mit Privatbesitz. Wer sagt, dass es Reich und Arm gebe sei Gottgewollt, spukt auf die historische Wahrheit von Joshua Christus. Gerechtigkeit und Wahrheit sind der Boden, auf dem Kooperation und Nächstenliebe wachsen kann. Gerechtigkeit heisst, dass jeder Mensch dieselben Chancen haben kann, seine Bedürfnisse zu erfüllen wie jeder andere auch. Dort wo es Reich und Arm gibt, ist dies nicht möglich. Alle Löhne der Welt gerecht geteilt durch alle Lohnempfänger inklusive Invalide und Rentner würde jedem einen Lohn von 13'600 Euro einbringen. In den Führungsspitzen der Kirchen gibt es Kräfte welche die Macht des Reichtums nicht loslassen können, sie sind dem Reichtum verfallen, und dem damit verbundenen Machtgefühl. Sie folgen und dienen nicht Joshua Christus, sie verraten ihn jeden Tag. Die einzigen welche bis in die Führungsspitze hinauf konsequent das Leben was Joshua auf dem Berg predigte, sind die Befreiungstheologen welche von der kath. Kirche noch heute verfolgt werden. Der momentane Papst hat sogar in Südamerika vor Jahren 2 Befreiungstheologen an das damalige Regime verraten. Sie wurden verhaftet, eventuell sogar zu Tode gefoltert, man weiss es nicht genau. Die Prophetie ist sich in einem weitgehend einig: Das Böse wird aus dem Vatikan neu in die Welt kommen, als reichste Firma der Welt, kooperierend mit dem Geheimdienst der Usa. Der Vatikan kooperiert mit den Multimilliardären, und spielt den Helfer der Armen, welche sie zuvor selber erzeugt haben. Der Vatikan betrügt seine eigene Basis der Gläubigen, welche viel gutes tun an der Basis. Es werden immer mehr Beweise und Tatsachen bekannt welche dies alles verifizieren. Der Untergang der Wasserprediger die selber Wein trinken ist so gut wie sicher. Der Untergang des Vatikans und des Opus Dei ist besiegelt, wenn sie nicht vorher einsichtig werden, die Zustände ändern und ihr ehemaliges Verhalten aufrichtig bedauern. Es reichte schon dass sie sich an den Knäblein vergriffen haben, und es dann noch zu leugnen versuchten. Pfui Teufel, zum kotzen was dieser Grosskonzern getan hat und noch tut.
Beatus Gubler, am 01. August 2013 um 09:13 Uhr
Diese sehr kontroverse Diskussion zeigt deutlich, wie gross der Interpretationsspielraum der Bibel gerade in der Frage des privaten Eigentums ist. Das Gleichnis vom Kamel und dem Nadelör z.B. steht kontrovers dem zehnten Gebot gegenüber. Je nach Einstellung und Interessenlage wird die eine oder die andere Seite höher gewichtet. Jede Seite beansprucht selbstverständlich die absolute Wahrheit für sich - schliesslich handelt es sich um das Wort Gottes....
In der Geschichte der katholischen und anderer christlicher Kirchen wurde meist der Schutz des privaten Eigentums höher gewichtet als das Gebot zur Nächstenliebe und damit Sklaverei, Ausbeutung und Unterdrückung legitimiert. Die auf diese Weise göttlich legitimierten Macht- und Besitzverhältnisse sind nach meiner Meinung ein wesentlicher Grund für den ausserordentlichen historischen Erfolg des Christentums. Die Äusserungen des Herrn Wandfluh sind in dieser Tradition zu verstehen.
Christoph Nikolaus, am 01. August 2013 um 12:37 Uhr
Danke, gut differenziert. Aber es ändert noch nichts daran, dass jeden Tag 15'000 und mehr Kinder verhungern, obwohl die Mehrheit in dieser Welt Christen, oder in die Irre geführte Christen sind. Die Bergpredigt des neuen Testamentes spricht eine klare Sprache: Alle Menschen müssen die gleichen Chancen erhalten, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Alles andere sind Interpretationen, Verzerrungen, auch um eigene starke Gefühle von sich fern zu halten. Vor 10'000 Jahren in der Ursippe hatten entweder alle Hunger, oder keiner. So muss es wieder werden, der Graben zwischen der Schöpfung und dem Menschen kann sonst nichtgeschlossen werden. Denn die Gerechtigkeit ist ein Bedürfnis eines jeden Menschen. Privates Eigentum und Raffgier auf Kosten Dritter sind 2 klar unterscheidbare Tatsachen. Gerechtigkeit heisst, dass es nicht sein darf, das 4% der Weltbevölkerung 97% des Weltkapitales in den Händen halten. Die 10 Gebote müssen nicht gewichtet werden, sondern einfach umgesetzt so wie diese sind. Wie wir das machen können, kann man lernen, zum Beispiel mit dem Buch «Die gewaltfreie Kommunikation» von Marshall Rosenberg. Wer dieses Seminar, oder das Buch gewissenhaft studiert hat, wird bemerken, dass er die Sprache spricht, welche Joshua gesprochen hat, und dass diese Werte funktionieren, auf der ganzen Welt in hunderten von Non-Violence Projekten. Letztendlich werden die Werte, deutlich bei der Bergpredigt von Joshua vermittelt, siegreich sein, ohne Zweifel. Die Frage ist nur, wie lange es noch verzögert wird von denjenigen, welche sich anmassen, die Welt zu beherrschen über das missbrauchte Kapital. Wer zuschaut, ohne etwas zu unternehmen das es besser wird, ist mitverantwortlich an dem unermesslichen Leid auf dieser Welt, welches von den jeweiligen politischen und Religiösen Systemen erzeugt und/oder begünstigt wird mit einer laschen Gesetz und/oder Gebotgebung. Alle die, welche etwas tun könnten, um die kommenden Werte wie Gerechtigkeit und Wahrheit Joshuas zu fördern, und es nicht tun, oder es mit faulen Kompromissen tun, was werden diese Menschen sagen wenn sie vielleicht nach dem Tod vor tausenden von Kindern stehen, welche auch wegen ihrem unterlassen verhungert sind? Ich war dort, ich habe Menschen in den Strassen Manilas 1984 sterben sehen, daneben die Kinder welche «Mama» immer wieder wiederholten. Es gibt nur eines was solches in Zukunft unmöglich macht. Die Werte Gerechtigkeit, Wahrheit, Mitgefühl , Schutz, Sicherheit, Geborgenheit, Gemeinschaft, und gelebte Nächstenliebe, die Werte Joshuas von der Bergpredigt. Danke und Gruss Beatus Gubler Projekte www.streetwork.ch Basel, Arbeit für soziale Gerechtigkeit, Gewalt und Drogenprävention.
Beatus Gubler, am 01. August 2013 um 20:44 Uhr

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