SVP-Blocher und Teleblocher-Moderator Ackeret: «Also das ist ja unglaublich.» © -

SVP-Blocher und Teleblocher-Moderator Ackeret: «Also das ist ja unglaublich.»

Blocher provoziert Grüne und FDP mit Nazi-Vergleich

Kurt Marti / 19. Jul 2019 - Der Klimawandel erhitzt die SVP-Köpfe: Rösti zitiert aus dem Nazi-Vokabular und Blocher macht einen grotesken Nazi-Vergleich.

Die Klima-Demos sind in aller Munde und die grüne Welle rollt. Im Herbst sind die nationalen Wahlen und der SVP drohen massive Verluste. Auch weil immer weniger Flüchtlinge in die Schweiz kommen. Das bringt die SVP-Spitze ins Rudern. Die grösste Partei der Schweiz ist im Alarmzustand.

Letzte Woche machte die Aargauer Zeitung den Missgriff des SVP-Präsidenten Albert Rösti ins Nazi-Vokabular publik. Mit der Zitierung des Begriffs «Systempresse» aus einem Artikel, der zuvor auf dem Internetportal Inside Paradeplatz erschienen war, machte er seinem Ärger über die Schweizer Medien Luft, die «seit Monaten nur noch über das Klima berichten» würden.

«Immer aufpassen, wenn etwas zulegt»

Auch Christoph Blocher ärgert sich auf Teleblocher vom 31. Mai 2019 auf seine Weise: «Wir müssen jetzt mal schauen, was da bei den Grünen abläuft, bei dieser Klimadiskussion. Also das ist ja unglaublich.» Teleblocher-Moderator Matthias Ackeret liefert ihm das Stichwort: «Aber sie legen zu.»

Und dann lässt SVP-Blocher los: «Ja, natürlich. Darum muss man aufpassen, wenn man zulegt. Schauen wir mal die Geschichte an, wer wo überall zugelegt hat. Eine russische Revolution wäre damals nicht zustande gekommen, wenn nicht ein Grossteil der Bevölkerung dahintergestanden wäre, hinter dieser Irrlehre. Der Nationalsozialismus, der hat auch eine ganz starke Gruppierung hinter sich gewusst. Nicht die Mehrheit, aber… Und darum muss man immer aufpassen, wenn etwas zulegt, dass man nicht auf diese Seite geht. Also das, was jetzt die Freisinnigen machen und sagen, jetzt müssen wir auch für das Klima sein.»

Teleblocher-Moderator Ackeret ging über Blochers Nazi-Vergleich ohne kritische Gegenfrage hinweg. Vor allem die Frage, die sich hier geradezu aufdrängt, stellte er nicht: Wendet Blocher diesen Nazi-Vergleich auch für die SVP an, die ja seit 1995 massiv zugelegt hat?

«Gegen die schwindende Aufmerksamkeit»

Balthasar Glättli, der Fraktionspräsident der Grünen, findet den Nazi-Vergleich «einfach daneben». Blocher versuche «einmal mehr mit Nazi-Vergleichen gegen die schwindende Aufmerksamkeit anzukämpfen». Und Glättli verweist auf einen Satz von Herbert Winter, dem Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. Dieser hatte vor drei Jahren in einem Kommentar im Tagesanzeiger zu Blochers damaligem Nazi-Vergleich, die SVP-Mitglieder seien «die neuen Juden», gesagt: «Nazi-Vergleiche sagen mehr aus über den Vergleichenden als über das Verglichene.»

FDP-Kommunikationschef Martin Stucki bezeichnet Blochers Nazi-Vergleich als «despektierliche Äusserung und sinnlose Provokation», auf die man «schon aus Respekt gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus nicht eingehen» werde. Nazi-Vergleiche seien «immer deplatziert». Die Gräueltaten der Nazis seien «mit nichts zu vergleichen».

Die SVP kann die Anfrage «leider nicht beantworten»

Infosperber wollte von der SVP Schweiz wissen, was sie von Blochers Äusserungen hält und ob es sie stören würde, wenn jemand das Zulegen der SVP seit 1995 mit dem Zulegen des Nationalsozialismus vergleichen würde?

Man könne die Anfrage von Infosperber «leider nicht beantworten», erklärt SVP-Mediensprecherin Andrea Sommer. Und: «Wenn Sie mehr zu Herrn Blochers Aussagen auf Teleblocher wissen wollen, dann fragen Sie am besten direkt bei Herrn Blocher nach.» Eine entsprechende Anfrage von Infosperber liess Blocher seit Dienstag unbeantwortet.

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11 Meinungen

Das ist ein schwacher Artikel. Der Begriff Nazi wird inflationär verramscht, beliebig ausgebaut und als Wunderwaffe gegen die eigene Angst eingesetzt. Dieser Mainstream- Hickhack löst keine der anstehenden grossen Aufgaben. Beispiele: Die sich abzeichnende Infrastrukturkrise..... Wieder herstellen des Vertrauens in die Class Politics...... Die Sozialwerke den demographischen Veränderungen anpassen.... Die Nationalstaatliche Unabhängigkeit verteidigen und festigen.... „sozialisieren“ der Grosskonzerne.... Reduktion der Erdbevölkerung indem die Entwicklungshilfe weitgehend von der Familienplanung und Grundschulbildung flankiert wird..... usw. usf. Ich gebe zu bedenken, wer gegen die Reduktion der Erdbevölkerung ist, ist eine urbane Träumerin oder Träumer.... und in Sachen Ressourcen- und Umweltschutz nicht glaubwürdig. Es gib viel zu tun, packen wir es an.... aber die tatsächlich delikaten Sachen zuerst. Verzerrte Evangelien wiederzukäuen bedeutet Stagnation oder gar Rückschritt. Zur Info: Meine Worte gründen auf radikalliberalem Gedankengut.
Peter Geissmann, am 19. Juli 2019 um 13:13 Uhr
TeleBlocher ist eine der peinlichsten Sendungen die in der Schweiz zu empfangen sind. Da fabuliert Blocher, händewindend, über die Welt und die Schweiz und gibt seine Rezepte preis. die man schon lange kennt und nicht zukunftstauglich sind. eben Blocher SVP-Rezepte! Das wirklich peinliche an der Sendung ist aber der «Journalist» Matthias Ackeret. Der sitzt neben Blocher liefert genehme Stichworte, hackt genehm nach, wo Widerspruch angebracht wäre wie beim Nazi-Vergleich schweigt er ergeben! Er ist nicht Hofnarr, er ist Hofkriecher!
Victor Brunner, am 20. Juli 2019 um 09:31 Uhr
Es ist zu befürchten, dass wir uns ob der Herrliberger Bewegung nach dem Wahltag im Oktober noch tüchtig die Augen reiben werden. Ohne übertrieben im Kaffeesatz lesen zu wollen, ist davon auszugehen, dass deren Verluste - wenn überhaupt - nur sehr gering ausfallen werden. Denn es gibt in unserer ausser Rand und Band geratenen hedonistischen Gesellschaft einen festen Sockel jener, welche die durch die Klimadiskussion (endlich) in den Fokus geratenen nötigen Veränderungen fürchten, sondern auch jene, die aus kurzfristigen Eigeninteressen alles beim Alten bleiben lassen wollen. Die Herrliberger holen mit ihrer Klimastrategie genau dieses Drittel ab. Den Rest für die Sicherung der rechten Mehrheit besorgen die Freisinnigen mit ihrer vordergründig 'vernünftigen' Klimastrategie. Hollywood hat dafür das Genre des 'bad cop - good cop' erfunden. «Der Abgang - Bericht aus einer nahen Zeit» (Verlag Twentysix) beschreibt dies in Form eines satirischen Romans. Man sollte das Buch noch vor den Wahlen lesen und weiterempfehlen.
Stefan Frey, am 20. Juli 2019 um 09:49 Uhr
@stefan frei:
Sie haben gerade den beweis geliefert für die richtigkeit der svp-klimathesen. Sie schreiben «die durch die klimadiskussion endlich in den fokus geratenen veränderungen». Offenbar geht es ihnen nicht primär um das klima. Sondern die klimadiskussion soll helfen, endlich die gesellschaft umzubauen. Voila, punktgenau was die svp sagt. Ziel ist weltverbesserung, so etwa «zurück zur natur» (rousseau), und das klimathema ist mittel zum zweck.
Christian von Burg, am 21. Juli 2019 um 08:04 Uhr
Herr Christian von Burg. Glauben Sie allen Ernstes, der ausser Rand und Band geratene und von einer zuynischen neoliberalen Ideologie untermauerte Produktions- und Konsummodus sei nochmals 60 Jahre lang aufrechtzuerhalten? Und die hedonistische Lebensweise jener 20 Prozent der Menschheit, die meint es sich leisten zu können, sei auf die restlichen 80 Prozent zu übertragen? Vor 50 Jahren hat der Club of Rome Alarm geschlagen, kaum jemand wollte es hören. Jetzt ist (ein weiteres - vielleicht letztes - Mal dank der neuen Klimabewegung, denn es gab sie schon in den 70ern) die Stunde gekommen, um endlich umzusetzen, was man ein halbes Jahrhundert verdrängt hat: die fundamentale Aenderung unseres Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells mit dem Ziel, unseren Planeten auch für mehr als nur widerstandsfähige Insekten und Bakterien belebbar zu erhalten. Ob die Herrliberger Bewegung davor warnt und jeden noch so vorsichtigen Mahner diffamiert, ist ohne Belang, bestenfalls eine historische Fussnote.
Stefan Frey, am 22. Juli 2019 um 12:01 Uhr
Ich lese «Irrlehre» und denke sofort an Blocher.
Paul Jud, am 22. Juli 2019 um 13:49 Uhr
Kurt Marti, Sie schreiben über einen Artikel des Journalisten Henry Habegger, der in der Aargauer Zeitung dem SVP-Präsidenten Albert Rösti vorwirft, er hätte sich mit dem Begriff «Systempresse» ins Nazi-Vokabular begeben. Das ist falsch, und Habegger ist eher bekannt für seine Abneigung gegen die SVP als für seine Kenntnisse der Sprache des Dritten Reiches. Im Referenzwerk „LTI“ (Lingua Tertii Imperii) des deutschen jüdischen Philologen Victor Klemperer findet sich der Begriff „Systempresse» im Sinne eines Schimpfwortes nicht. Dagegen erwähnt Klemperer, dass die Nazis in den Dreissigerjahren den Begriff „das System“ zum Schlechtmachen der Weimarer Republik verwendeten.
Natürlich dürfen Henry Habegger und auch Sie gegen die SVP sein. Die Demokratie lebt schliesslich vom Wettbewerb. Ich denke aber, dass es unterste Schublade ist, bei der Kritik an der SVP dauernd die Nazi-Keule hervor zu holen. Und zudem begehen Sie damit den fatalen Fehler, die Gräueltaten der Nazizeit zu relativieren.
Hans Geiger, am 22. Juli 2019 um 17:31 Uhr
Sehr geehrter Herr Geiger, im Buch «Vokabular des Nationalsozialismus» (S. 599) von Cornelia Schmitz-Berning steht: «Zu System ‘verächtlich für Weimarer Republik’ gebildete Komposita: Systembeamter, Systembonze, Systemdeutschland, Systempartei, Systempolitiker, SYSTEMPRESSE, Systemregierung, Systemstaat, Systemzeit.»
Kurt Marti, am 22. Juli 2019 um 19:00 Uhr
Was ist ein Nazi-Vokabular? Und was ein Nazi-Vergleich?
Das Wort wird inflationär verwendet.
Ruth Obrist, am 23. Juli 2019 um 12:03 Uhr
an Stefan Frey: In jedem Wirtschaftssystem gibt es die Reichen und Erfolgreichen und der Rest. Ihre 20% zu 80% dürften im Uebrigen stimmen. Global gesehen gehört die Schweiz zu den 20% - noch. Aber vielleicht ist es Ihr Ziel die Schweiz per Gesetz dahin zu verändern, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung in wenigen Jahrzehnten zu den 80% zählen darf. Nun ja, das internationale Mitleid werden wir dafür gratis bekommen. Eine Leistung ist dies jedoch nicht.
Raymond Frech, am 23. Juli 2019 um 22:25 Uhr
@Raymond Frech
Natürlich wird es in jeder Gesellschaft Erfolgreichere und Erfolglosere geben. Auch in der Schweiz sind die reichsten 20% wesentlich reicher als die übrigen 80%. Aber es gibt kein Gesetz, das verlangt, dass es letzteren dreckig gehen muss. Vielmehr ist es ein gutes Mass für die Funktionstüchtigkeit eines Staates, wie gut die unteren 20% leben.
Daniel Heierli, am 24. Juli 2019 um 17:10 Uhr

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