Avaaz behauptet zu wissen, dass Trump macht, was Putin will © Avaaz

Avaaz behauptet zu wissen, dass Trump macht, was Putin will

Avaaz: Wenn Simplifizierung zu falschen Schlüssen führt

Christian Müller / 26. Jul 2018 - Die 50-Mio-Mitglieder-Organisation Avaaz behauptet, mehr über Donald Trump zu wissen als andere – und liegt damit klar daneben.

Avaaz: Wer kennt die weltweit aktive Organisation nicht, die sich für die Einhaltung der Menschenrechte und gegen die Zerstörung der Natur und für den Schutz gefährdeter Tierarten einsetzt? Sie sammelt via Internet weltweit die Zustimmung ihrer Mitglieder zu Aktionen: meistens öffentliche Aufrufe an die zuständigen Behörden, um etwas Geplantes, etwas Zerstörerisches, zu verhindern.

Da ging es etwa um die Klima-Politik von Donald Trump – mit dem Beispiel des durch das Wegschmelzen des Arktis-Eises gefährdeten Eisbären (September 2012). Oder gegen die Vergiftung des Amazonas durch tödliche Chemikalien des Öl-Konzerns Chevron (Mai 2018). Oder um den Schutz der afrikanischen Elefanten (Oktober 2017). Oder um den Schutz und die Unterstützung der Rohingya in Myanmar (September 2017). Oder um die Erhaltung der Meinungsfreiheit in der Türkei (Juli 2017). Oder um den Schutz der Meere vor dem Plastik-Müll (Mai 2017). Lauter gute Themen, bei denen man ohne grosse Bedenken seinen Namen unter die Aktion setzen konnte – zum Zeichen des Einverständnisses. Oder auch das eine oder andere Mal ein paar Dollar an die Kosten der weltweiten Aktionen beigetragen hat. Was nützt es, wenn ich selber dafür bin, dass die Delfine international geschützt werden, aber selbst nichts dazu beitragen kann? Avaaz kann dagegen etwas tun, wenn die Organisation Millionen von namentlichen Unterstützern vorweisen kann.

Die 2007 in New York gegründete Organisation Avaaz.org zählt – nach eigenen Angaben – mittlerweile über 47 Millionen Mitglieder – oder sagen wir besser Sympathisanten oder eben Teilnehmer an ihren Aktionen. Eine gewaltige Zahl! Und Wikipedia vermeldet, dass die Organisation anfänglich auch von Superreichen, etwa von George Soros, unterstützt worden sei, dass mittlerweile zur Erhaltung der Unabhängigkeit aber Spenden über 5000 Dollar nicht erlaubt seien. Ein guter Grundsatz, wenn er denn zutrifft.

Und jetzt das!

Die letzte Aktion von Avaaz lässt nun allerdings etliche Fragezeichen aufleuchten. Avaaz will aufgrund mehrerer Berichte verschiedener Medien wissen, dass Donald Trump wegen seinen dubiosen Immobilien- und Finanzgeschäften mit Banken und reichen Investoren aus Russland genau das tut, was Putin ihm vorgibt. Wörtlich in der Headline der neusten Kampagne: «Jetzt ist es klar: Donald Trump macht, was Putin ihm sagt.»

Diese Kampagne ist aus zwei Gründen äusserst problematisch. Erstens ist es das erste Mal, dass sich Avaaz aktiv in die – gegenwärtig recht bedrohliche – Geopolitik der Grossmächte einmischt – und dies klar einseitig, um nicht zu sagen: einäugig. Ist das in Anbetracht der vielen gezielten, sinnvollen und unterstützungswürdigen bisherigen Aktionen der Organisation eine gute Idee? Zweitens – und wichtiger – ist diese These der totalen Abhängigkeit Donald Trumps von Wladimir Putin eine so drastische Simplifizierung der in Wirklichkeit äusserst komplexen Situation, dass sie am Schluss ganz einfach falsch ist.

Trump tut, was Putin ihm vorgibt?

  • Trump hat in den USA der ursprünglich mitgetragenen Pariser Klimapolitik bye-bye gesagt und etliche umweltgefährdende Projekte, die von Obama noch gestoppt worden waren, wieder freigegeben – klar zugunsten der Öl- und Fracking-Industrie. Das aber ist ebenso klar gegen die Interessen von Putin, denn dadurch verlieren die Öl- und Gasvorräte Russlands ihrerseits an Marktwert und Russland an Wirtschaftskraft.

  • Trump fordert die Mitgliedsländer der NATO auf, mindestens 2 Prozent des BIP für den Ausbau und die Verstärkung der eigenen Streitkräfte zu investieren. Davon profitiert vor allem die westliche Rüstungsindustrie. Und wo und wie ist die NATO im Einsatz oder in Einsatzbbereitschaft? In Europa im Osten gegen Russland und im Nahen und Mittleren Osten ebenfalls gegen Russland. Was hat Putin für ein Interesse an einer gestärkten NATO, wo er wirtschaftlich bei der Aufrüstung doch gar nie mithalten kann? Trump tut, was Putin ihm sagt?

  • Trump liefert – als Geschenk! – Waffen an die Ukraine, damit die ukrainischen Streitkräfte im Kampf gegen die von Russland unterstützten Separatisten im Donbass militärisch stärker werden. Und bereits gibt es gemeinsame Militärmanöver von ukrainischen und US-amerikanischen Streitkräften. Ist das im Interesse Putins?

  • Trump tut alles, um den Iran zu schwächen oder gar zu zerstören – vor allem auf Wunsch von Israel, aber auch mit Applaus von Seite Saudi-Arabiens. Trump ist auf Distanz zu einem Vertrag mit Iran gegangen, gemäss dem Iran keine Anreicherung radioaktiven Materials mehr zur Produktion von Atomwaffen betreiben darf, und er hat neue Sanktionen gegen den Iran angekündigt. Und er hat allen Unternehmen mit Bestrafung gedroht, sollten sie sich an die Sanktionen der USA gegen den Iran nicht halten. Der Iran aber ist in Syrien, zusammen mit Russland, auf der Seite von Staatspräsident Baschar al-Assad engagiert. Russland, mit einer Militärbasis mit Zugang zum Mittelmeer im Süden Syriens, ist sehr daran interessiert, dass im Nahen und Mittleren Osten keine absolute USA-Dominanz vorherrscht. Dass die von Trump – vor allem auf Betreiben Netanjahus – betriebene Politik gegen den Iran von Putin vorgegeben ist, entbehrt jeder Logik und ist absurd. Trump tut da mit Sicherheit nicht, was Putin ihm sagt.

Was ist die Motivation der neuen Avaaz-Kampagne?

Dass Avaaz Trump kritisiert, ist absolut nachvollziehbar. Allein schon Trumps Politik gegen alle Umweltschutz-Gesetze oder auch seine herzlose Politik der Familien-Trennung bei den Immigranten sind Grund genug, ihn zu kritisieren und die Welt aufzufordern, sich gegen ihn zu stellen. Aber warum die Behauptung, er tue das alles auf Anweisung von Putin?

Man kann nur spekulieren. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die in den USA verbreitete, vor allem auch von der damaligen Aussenministerin Hillary Clinton geförderte Russophobie nun auch Avaaz erreicht hat – und zwar in einem Ausmass, das eben zu unsachlichen und absolut unhaltbaren Behauptungen führen kann. Ebenso denkbar ist aber auch eine erneute Intervention von George Soros, der bei den Wahlen lautstark für Hillary Clinton votiert und sich klar gegen Donald Trump gestellt hatte. George Soros mischelt auch in der Ukraine aktiv mit – und dies mit viel, mit sehr viel Geld, wie schon im Jahr 2014 bei den Auseinandersetzungen auf dem Maidan in Kiev.

Es wäre ausserordentlich schade, wenn eine Organisation wie Avaaz, die sich bisher weitestgehend unabhängig von geopolitischen Auseinandersetzungen sowohl für die Einhaltung der Menschenrechte als auch für den Schutz der Natur eingesetzt hat, sich jetzt geopolitisch instrumentalisieren liesse. Die Organisation würde an Glaubwürdigkeit massiv einbüssen – und wer wollte ihre Aktionen dann noch mitunterschreiben?

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Zum Autor. Es gibt keine Interessenkollisionen.

Weiterführende Informationen

Die NachDenkSeiten zur neusten Avaaz-Kampagne

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7 Meinungen

Danke infosperber! Es bleibt einiges offen: Zum Beispiel: Die früheren Finanzgeschäfte von Trump mit russischen Oligarchen und auch die Frauengeschichten, alles heisse Luft? Wenn sie stimmen, ist Putin schlau genug, sie subtil auszunützen. Oder: Die Avaaz-Kampagnen; was haben sie bisher bewirkt und wer steckt wirklich dahinter? Soros? Dann hätte Avaaz klar gelogen! Avaaz solle sich nach infosperber in die dubiosen Spielchen des US-Präsidenten nicht einmischen? Alles, nur nicht «politische Auseinandersetzungen», letztlich die Ursache für alle Missstände! Gegen Klimawandel ja, aber deren Leugner lässt man in Ruhe, das sind ja «politische Auseinandersetzungen» bei denen Avaaz sich die Hände nicht schmutzig machen soll? Hoffentlich kommt es bei infosperber nicht so weit!
Walter Schenk, am 26. Juli 2018 um 12:14 Uhr
Völlig einverstanden, dass auch 50 Mio. Behauptungen am Ende Behauptungen bleiben.

Wer die internationale Nachrichten zu den finanziellen Engpässen beim Trump-Imperium in der 2. Jahreshälfte 2016 genauer verfolgte, der fragt sich allerdings schon, wie abhängig sich Trump vom russischen Geld machte. Einige Indizien:
- Die US-Banken verweigertem ihm neues Geld.
- Die Deutsche Bank gewährte ihm ganze USD 300 Mio.
- Trump investierte in der Region Moskau.

Wie überlebte Trump seine letzte finanzielle Krise, ausser mit russischem Geld?
Konrad Staudacher, am 26. Juli 2018 um 14:21 Uhr
Wer bringt den das Avaaz mit George Soros in Verbindung ?

https://de.wikipedia.org/wiki/Avaaz
"In der Startphase erhielt Avaaz Zuschüsse von Organisationen, wie Res Publica, MoveOn.org,[12] George Soros' Open Society Foundations[13] und der nordamerikanischen Dienstleistungsgewerkschaft SEIU. «

Zuschüsse von MoveOn.org also
https://de.wikipedia.org/wiki/MoveOn.org
"Der Finanzmagnat George Soros und seine Frau spendeten 1,46 Millionen US-Dollar für MoveOn.org. Peter B. Lewis, Chef der Progressive Corporation, gab 500.000 US-Dollar."

und

"Seit 2000 unterstützt MoveOn ausgewählte Kandidaten im Präsidentschaftswahlkampf, vornehmlich solche der Demokratischen Partei."

Aber auch
https://de.wikipedia.org/wiki/Open_Society_Foundations
"Die Open Society Foundations (OSF), ehemals Open Society Institute (OSI), sind eine Gruppe von Stiftungen des amerikanischen Milliardärs George Soros, die nach eigenen Angaben den Gedanken der Offenen Gesellschaft durch Unterstützung von Initiativen der Zivilgesellschaft vertreten und politische Aktivitäten finanzieren, insbesondere in Mittel- und Osteuropa. Die Organisation gilt als eine der größten Unternehmensstiftungen der Vereinigten Staaten."

siehe auch
https://linkezeitung.de/2016/04/21/us-imperiale-arbeitsteilung-soroswhistleblower-avaaz-macht-den-boehmermann/
Dieter Gabriel, am 26. Juli 2018 um 17:58 Uhr
Christian Müller gehört Dank für diesen Artikel. AVAAZ ist eine «seltsame» Truppe, die jeden zufällig mal eine einzelne Aktion unterstützende Person, gleich als «Mitstreiter» von 47 Millionen und dies offenbar bei ALLEN ihrer Themen ansieht. Auch ich werde seit einer einzigen Petition, einfach als AVAAZ-Mitstreiter gelistet!

Vieles ist m.E. blauäugig, einseitig, blind, naiv bis «religiös» und offenbar sind die Meisten dort nur nützliche Idioten für Leute, die lieber im Hintergrund bleiben, egal ob die Soros heißen oder anders.

Sollte es hier unter den Infosperber-Lesern noch jemand geben, der «Wikipedia» für eine per se, wahre und neutrale Quelle hält, der erlaube mir darüber herzhaft zu lachen. Wikipedia und AVAAZ sind nur verschiedene Formen gleichartiger Interessen.

Bei AVAAZ wird man irgendwann nicht länger ignorieren können, daß diese undurchschaubare Gruppierung, die demokratisch gewählten, legitimierten und souveränen Regierungen der CH in Bern und der BRD in Berlin, wie auch sonstwo, diskret umwandeln wollen in eine Art unsouveräner gehorsame Adlatentruppe, die von «oben» (egal ob namentlich als «Klima-Weltregierung», UN-Abkommen usw.) die Grundvorgaben für die jeweilige nationale Politik bekommt und umsetzt. Was der schweizer oder deutsche Wähler will, das ist denen bei AVAAZ völlig egal.

Es wird eher Zeit, daß sich die schweizer und deutschen Verfassungsschützer einmal mit den Strukturen und Hintergründen von AVAAZ befassen, auch wenn das Ärger bringen wird.
Werner Eisenkopf, am 27. Juli 2018 um 09:09 Uhr
@Gabriel: Zunächst einmal: Vielen Dank für Ihre sehr aufschlussreichen, erhellenden Daten!
So erschreckend und betrüblich Ihre Informationen auch sind, so kann ich mir aber auch nicht helfen, hierzu ambivalente Gefühle zu entwickeln: Soll ich nicht doch etwas froh sein, dass Soros-Gelder teilweise ein Gegengewicht gegen den absolut überwältigenden Juggernaut an Geldern aus (noch) massiv rechtsextremeren/neoliberaleren Quellen (wie Koch-Brüder) bilden? Ich gebe zu: Ein für mich unauflösliches Dilemma zwischen immensen Übeln.

Zeichen des desolaten Zustandes unserer Zeit ist es, dass wir uns schon gar nicht mehr eine Welt/Situation ausserhalb dieses Kräftediagramms vorstellen können/wollen - z.B. ein solches, dass den Namen Demokratie nicht nur anheftet sondern verdient.
Stan Kurz, am 27. Juli 2018 um 11:01 Uhr
Hallo Infosperber, ich finde Ihren Beitrag zu Avaaz gut. Als nächstes wäre Soros noch etwas genauer zu beleuchten. Danke
Carlos Werner Schenkel, am 27. Juli 2018 um 11:12 Uhr
@Herr Kurz

https://www.nachdenkseiten.de/?p=45282#h10

"Steve Bannon, Donald Trumps ehemaliger Chefstratege und Ex-Chef der rechtsextremen Breitbart News, gründet eine paneuropäische Allianz der Rechtspopulisten und Nazis mit Namen The Movement, die in Europa eine Revolution von Rechtsaußen entfachen soll. The Movement soll als europäischer Thinktank und PR-Firma fungieren, unter dessen Banner sich Europas Rechtsaußen vereinen ...
Bannon agiert zwar auch erfolgreich in der Öffentlichkeit, doch glänzt der hochintelligente Multimillionär Bannon eher als Stratege im Hintergrund, als Redenschreiber, als Propagandist, der den Weg vorgibt und die Strippen in Händen hält. …
Bannon ist erzkatholisch, hing in der Vergangenheit verschiedenen religiösen Kulten an und forderte „die Rückkehr zu traditioneller abendländischer Religiosität“. Er ist regelrecht besessen von Endzeitszenarien großer Zivilisationskriege zwischen dem christlich-jüdischen Okzident einerseits und dem islamischen Orient andererseits. Bannon ist Militarist und Kriegstreiber…
Bannon war Navy-Offizier und Investmentbanker bei Goldman Sachs. Er gilt als Ikone der zwei rechtsextremen Tea-Party- und Alt-Right-Bewegungen und wird offen vom Ku-Klux-Klan unterstützt. Bannon war Mitbegründer der rechtsextremen Breitbart News, deren Vorsitz er nach dem Tod von Andrew Breitbart 2012 übernahm….
Quelle: Justice Now"
Dieter Gabriel, am 05. August 2018 um 14:54 Uhr

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