Warnung in der New York Times: Atomwaffen in Pakistan könnten in die Hände von Terroristen gelangen. © nyt

Atomgefahr aus Pakistan grösser als aus Nordkorea

Red. / 20. Jul 2017 - Es bestehe ein hohes Risiko, dass Terroristen zu pakistanischen Atomwaffen kommen, sagt ein Ex-Geheimdienstchef aus Afghanistan.

«Ich habe allen Grund daran zu zweifeln, dass die pakistanische Regierung in der Lage bleibt, ihre Atomwaffen von Terroristen fernzuhalten», erklärt Rahmatullah Nabil, der bis 2015 dem afghanischen Geheimdienst vorstand. Er appelliert an die USA, die Internationale Atomenergieagentur sowie an den UN-Sicherheitsrat, in Pakistan zu intervenieren. «Die Welt muss Pakistans Atomwaffen schützen», appellierte Nabil die Weltöffentlichkeit in einem Aufruf in der New York Times vom 20. April 2017. Grosse Schweizer Medien haben bisher nicht darüber informiert.

Eine tickende Zeitbombe

Der Ex-Chef des afghanischen Geheimdienstes warnt, dass gerade jene pakistanischen Beamten, die am besten über das Nuklearprogramm Bescheid wissen, zum Kreis der Personen gehören, denen die Lage am meisten Besorgnis bereitet. Pakistan sei nicht nur einer der neun Staaten, die Atomwaffen besitzen (und steht dabei punkto Grösse des Atomwaffenarsenals mutmasslich vor Grossbritannien an fünfter Stelle), sondern gelte auch als Brutstätte und Zufluchtsort für Jihadisten und andere Terroristen, deren Netzwerke vom Militär zur Verfolgung eigener Zielsetzungen in der Region benutzt werden.

Brief sollte unter Verschluss bleiben

Am 16. Dezember 2014 hatten die Taliban einen tödlichen Angriff auf eine Armeeschule in Peshawar geführt. Darauf sandte die pakistanische Atomenergie-Kommission einen «Urgent Letter» an den obersten Chef der Behörde, die für die Sicherheit von Pakistans Atomwaffen verantwortlich ist. Der Brief drückte eine grosse Sorge um die Sicherheit aus und schlug das Aufstocken des Sicherheitspersonals vor. Er machte darauf aufmerksam, dass sich Terroristen in die Armee, den Geheimdienst und in einflussreiche Familienclans eingenistet hätten.

Dieser Brief sollte unter Verschluss bleiben. Er zeige, wie besorgt hohe pakistanische Beamte sind, auch wenn sie nach aussen beteuerten, alles unter Kontrolle zu haben.

Terrorbekämpfung nur zum Schein?

Die Regierung habe zwar mit einem nationalen Aktionsplan (NAP) zur Terrorismusbekämpfung reagiert. Kenner der Szene sähen darin allerdings eher ein Ablenkungsmanöver. Nabil hält zudem Berichte für vertrauenswürdig, wonach Pakistan als Nukleartechnologielieferant für Staaten wie Iran und Nordkorea zu gelten habe.

Auch aus Angst, in ähnlicher Weise wie der Iran zum Abbau ihres Atomwaffenarsenals und zur Offenlegung ihrer Nuklearwaffenstrategien aufgefordert und gezwungen zu werden, versichere die Regierung in der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten mit grosser Regelmässigkeit, die nukleartechnischen Anlagen seien professionell gesichert und die Integrität des Personal werde streng überwacht. Dabei sollte die Regierung schon längst und dringend notwendige Hilfe der internationalen Gemeinschaft anfordern und annehmen.

Eindringlicher Appell

Nabil fordert die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO, die UNO und namentlich den UN-Sicherheitsrat eindringlich dazu auf, Massnahmen zu ergreifen, bevor es zu spät ist. Da die Administration Trump gerade dabei sei, neue Regelungen im Zusammenhang mit Pakistan sowie zur Nichtweitergabe von Atomwaffen und Atomwaffentechnologien zu erarbeiten, fordert Nabil diese ausdrücklich dazu auf, Pakistan zur höchsten Dringlichkeitsstufe zu erklären.

  • Erstens müsse Pakistan dazu gezwungen werden aufzuhören, ein doppeltes Spiel zu spielen, in dem zugleich extremistische Gruppierungen unterstützt und öffentliche Kampagnen gegen Terrorismus inszeniert werden.
  • Zweitens soll die Regierung in Islamabad Hilfe der IAEO annehmen, um ihre nuklearen Anlagen zu schützen.

Interessenbindungen nicht nur Richtung Westen

In Europa mag man sich fragen, weshalb Nabils Aufruf gerade jetzt erfolgt und insbesondere gerade jetzt auch an die Administration Trump gerichtet wird. Wie Anfang dieses Jahres bekannt wurde, haben nicht nur Pakistan und Russland eine stärkere militärische Zusammenarbeit vereinbart. Auch die Türkei hat mit der Atommacht Pakistan eine engere militärische Zusammenarbeit beschlossen sowie Interesse an vermehrter Zusammenarbeit mit Russland signalisiert.

Nabils wiederholt seinen Aufruf: «Regierungsbeamte in Pakistan haben zugegeben, dass das pakistanische Nukleararsenal nicht mehr sicher ist. Deshalb muss der Rest der Welt diese Waffen vor Terroristen schützen, bevor es zu spät ist.» Soweit die Warnung des langjährigen Geheimdienstchefs in Afghanistan.

Falls auch nur kleine oder halbfertige Atombomben in die Hände von Terroristen gelangen, ist die Gefahr eines Einsatzes dieser Massenvernichtungswaffen gross. Denn die religiös Irregeleiteten haben es auf möglichst viele zivile Opfer abgesehen und nehmen eine Selbstzerstörung gerne in Kauf.

Im Gegensatz dazu wird sich der Regierungsclan um Kim Jong-un in Nordkorea den Einsatz von Atombomben dreimal überlegen, wenn damit der eigene Untergang besiegelt ist.

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Übersetzung aus dem Englischen von Corinne Duc.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Rahmatullah Nabil war in den Jahren 2010-2012 und 2013-2015 Chef des afghanischen Inlandsgeheimdienstes National Directorate of Security (NDS).

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