Atomare Meinung aus dem Wohlstand

Monique Ryser © Infosperber
Monique Ryser / 10. Aug 2020 - Die NZZ plädiert für Atomwaffen – am Jahrestag von Hiroshima.

Das muss man erst mal wagen: Ausgerechnet am Jahrestag 75 Jahre nach den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki plädiert der NZZ-Chefredaktor für atomare Aufrüstung. Unter dem Titel «Ohne Sicherheit kein Wohlstand» leitartikelt sich Chefredaktor Eric Gujer durch die Nato, die Gefahren aus Peking und Russland, beklagt, dass Deutschland von der militärischen Bedrohung zur «pazifistischen Herausforderung» mutiert sei, und bedauert, dass Grossbritannien und Frankreich zwar Atomwaffen besitzen, diese aber «nur zur Verteidigung des eigenen Landes» einsetzen wollen. Dabei seien doch Atomwaffen «der ultimative Garant jeder militärischen Sicherheit.»

Nun, Herr Gujer muss sich keine Sorgen machen: «Wir begehen den 75. Jahrestag der Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki in einer Zeit, in der die Gefahr eines Einsatzes von Atomwaffen so hoch ist wie nie zuvor seit dem Ende des Kalten Krieges. Immer häufiger kommt es zu militärischen Zwischenfällen, an denen Kernwaffenstaaten und ihre Verbündeten beteiligt sind, und Nuklearstaaten drohen ausdrücklich mit dem Einsatz von Atomwaffen» schreibt das Internationale Komitee vom Roten Kreuz IKRK. Und dessen Präsident Peter Maurer sagt: «Der Horror einer atomaren Explosion mag sich wie längst vergangene Geschichte anfühlen. Und doch ist heute die Gefahr eines Kernwaffeneinsatzes wieder sehr gross. Verträge über den Abbau nuklearer Arsenale werden nicht mehr eingehalten, neue Atomwaffen werden hergestellt, ernst zu nehmende Drohungen sind zu hören. Das ist ein Wettrüsten, und es ist furchterregend.» Das IKRK, das immer dann zur Stelle ist, wenn irgendwelche Verrückten einen Krieg vom Zaun reissen, Menschen töten, Waffen ausprobieren, dieses IKRK kommt zu einem ganz anderen Schluss als die Schreibtischtäter: «Wir müssen alle Staaten dringend auffordern, Atomwaffen zu verbieten, und wir müssen die Atommächte dringend auffordern, nach dem Grundsatz von Treu und Glauben über Schritte zur Beseitigung dieser Waffen zu verhandeln», so Peter Maurer. Das IKRK ruft die Staaten dazu auf, den Kernwaffenverbotsvertrag (TPNW) zu ratifizieren. Der Vertrag verbietet die Entwicklung, die Herstellung, die Lagerung, die Stationierung, die Weitergabe, den Einsatz, die Androhung des Einsatzes sowie Tests von Kernwaffen. Für Kernwaffenstaaten, die dem TPNW beitreten, sieht der Vertrag Fristen für einen verifizierten Rückbau ihres Atomwaffenprogramms vor. Für das Inkrafttreten des Vertrags sind 50 Ratifikationen erforderlich; bislang ist er von 40 Staaten ratifiziert worden.

Die Schweiz gehört übrigens nicht dazu, das Abseitsstehen überwiege die Chancen des Beitritts, glaubt der Bundesrat. Humanitäre, völkerrechtliche und friedenspolitische Gründe würden zwar für einen Beitritt der Schweiz zum TPNW sprechen. Aber: Der Bundesrat «ist jedoch der Ansicht, dass der TPNW im gegenwärtigen internationalen Kontext Risiken birgt für das weitere Voranbringen der Abrüstungsdiplomatie und die sicherheitspolitischen Interessen der Schweiz.»

Wem also soll man eher glauben? Einem Chefredaktor, der Kriege als militärische Planspiele ansieht, einem Bundesrat, der das Abseitsstehen als gescheite Politik betrachtet, oder denen, die nach Kriegen aufräumen und versuchen, ein Minimum an Humanität zu bewahren? Hier geht‘s zur Unterstützung der IKRK-Initiative zum Verbot von Atomwaffen.

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Weitere Infosperber-Artikel zum Thema:

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Die Schweiz drückt sich um eine Stellungnahme

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Die technischen Details und die Folgen der beiden Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki, hier anklicken.

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Keine

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8 Meinungen

Die NZZ ist fest in den «Atlantiker-Club» eingebunden. Deshalb kann von diesem einst vertrauenswürdigen Blatt leider keine objektive Berichterstattung mehr erwartet werden.
Pedro Reiser, am 10. August 2020 um 12:00 Uhr
Sehr geehrte Frau Ryser, Sie fragen: Wem soll man mehr vertrauen? Schwachsinn muss, wenn ich richtig informiert bin, zwei Jahre gedauert haben, wenn er rechtlich ins Gewicht fallen soll. Atombomben und Sicherheit ist purer Schwachsinn, der bei der NZZ schon eine Weile andauert. Diese Bomben helfen ja so trefflich gegen Corona und beseitigen gleich noch den menschlichen Schwachsinn, auch den vermuteten bei der NZZ.
Walter Schenk, am 10. August 2020 um 12:15 Uhr
Ihre Meinung, wonach ein Verzicht auf Atomwaffen die Gefahr eines Atomkrieges generell verringere, beruht leider auf einem populistischen Kurzschluss. Bisher war es das Gleichgewicht des Schreckens, das uns nicht nur vor einem Atomkrieg, sondern auch vor konventionellen Kriegen bewahrte. Abrüstung funktioniert nur, wenn alle mitmachen. Leider gibt es zu viele Länder (Russland, China, Nordkorea, Iran, Pakistan etc.) die keinerlei Interesse an einer Abrüstung zeigen. Einseitige Abrüstung erhöht die Gefahr eines Krieges bzw. einer Katastrophe. Empfehle dazu die Lektüre meines Buches «Der Fluch des Guten», Kapitel 2 (das atomare Paradox)
Alexander Baur, am 10. August 2020 um 14:23 Uhr
Ja, das habt Ihr davon, Ihr Internationalisten. Wer immer meint, er müsse dazu gehören, landet zum Schluss in schlechter Gesellschaft!
Werner Furrer, am 10. August 2020 um 15:36 Uhr
Danke, Frau Ryser, für den Hinweis auf den Artikel.
Man sollte nicht vergessen, dass die NZZ das Sprachrohr von Kapitalisten und Imperialisten ist. «Nie wieder Krieg!», so tönt der fromme Wunsch wieder am 1. September, am Antikriegstag in Erinnerung an das mörderische Tun der Faschisten. Wehrmacht und Grosskapital hats gefreut, sie haben begeistert mitgemacht. Wenn die Maximalprofite im «normalen» Konkurrenzkampf nicht mehr erzielt werden können, dann kommt der Krieg mit allen zur Verfügung stehenden Waffen ins politische «Spiel». Es ist das eherne Gesetzt des Kapitalismus im höchsten Stadium, dem Imperialismus. Sie haben Recht, Frau Ryser, die Lage war schon lange nicht mehr so ernst wie heute. Es herrscht ein Hauen und Stechen unter den grossen (USA/China), den mittleren und kleinen imperialistischen Staaten (Russland, die EU + GB, Iran, Saudiarabien, Türkei, Israel, Indien, Pakistan...) Und die Schweizer Bourgeoisie will natürlich nicht abseits stehen, wenn es nach der NZZ geht.
Paul Jud, am 10. August 2020 um 15:52 Uhr
Der NZZ-Chefredaktor plädiert für die atomare Aufrüstung. Banken, Versicherungen und Pensionskassen investieren sogar in Unternehmen, die an der Produktion von Atombomben beteiligt sind. Meine Pensionskasse, der SBB AG, investiert auch in Rüstungskonzerne, die an der Herstellung von nuklearen Waffen beteiligt sind. Die SBB Pensionskasse schrieb mir dazu:

«Die Politik hält auch fest, dass die erwartete Rendite des Anlageportfolios durch entsprechende Einschränkungen nicht geschmälert werden darf, da das finanzielle Ziel gute und nachhaltige Renditen zu erwirtschaften, vorgängig ist.» «Zurzeit ist die Pensionskasse SBB in die von Ihnen genannten Firmen investiert. »

Meine Gewerkschaft der SEV, (Verkehrspersonalverband) druckt in der Gewerkschaftszeitung keine Leserbriefe zu diesem Thema ab auch nicht zu Fragen des Kriegsmaterialexportes.

Laut ICAN der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomaffen investierte die Schweizerische Nationalbank, die UBS, die Credit Suisse und andere Institutionen 2018 8,984 Milliarden US-Dollar in Unternehmen, die an der Produktion von Atomwaffen beteiligt sind, mit dem stillen Einverständnis von Bern. Die direkte und indirekte Finanzierung der Entwicklung, der Herstellung oder des Erwerbs von verbotenem Kriegsmaterial ist klar verboten, und das sind auch Atomwaffen, laut dem Bundesgesetz über das Kriegsmaterial, 2. Kapitel: Verbotenes Kriegsmaterial. Das Bundesgericht hat dazu nichts zu sagen. Es ist kein Verfassungsgericht.
Heinrich Frei, am 10. August 2020 um 16:46 Uhr
In aller Sachlichkeit: Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat im Zeitraum von nur zwei einzelnen Tagen ein Massenmord derartigen Ausmasses stattgefunden. Truman, der damalige US-Präsident, Nachfolger des verstorbenen Roosevelt, hat die Kriegsdoktrin geprägt, die dafür steht, um eigene Verluste zu reduzieren, nicht in erster Linie gegnerische Truppen anzugreifen, sondern, die Zivilbevölkerung des Gegners zu bombardieren um dem feindlichen Regime das Hinterland zu zerstören. Nur insofern hat Gujer recht, hätte der Iran die Atomwaffe, hätten Donald Trump und sein saudiarabischer Kumpel Salman ibn Saud ein Problem im geopolitischen Kampf um imperialen Einfluss.
Hanspeter Gysin, am 10. August 2020 um 20:37 Uhr
Immer schön differenzieren, auch bei atomarer Aufrüstung.
Diesmal sollen 'Mini-Nukes? auf stark verbesserte Trägerraketen montiert werden.
In der Kriegs-Spieltheorie fragen sich die Strategen in den Generalstäben, ab welcher Zahl von explodierten Mini-Nukes beim Feind, kleiner Erstschlag, wird dieser mit den ganz gewaltigen Fusionsbomben (vulgo Wasserstoffbomben) zurückschlagen.
Wer wird schon mit einem grossen 2. Schlag reagieren, in Erwartung eines grossen 3. Gegenschlags ?
Dann gibt es noch das Phänomen des sogenannten «Nuklearen Winters». Der ist auszulösen, wenn irgendwo auf der Erde etwa 100 Fusions-Sprengköpfe viel Staub ganz hoch in die Atmosphäre schleudern. Das ist zwar eine Form hoher Selbstschädigung, aber doch mit relativ wenig Sprengköpfen, die kaum abgewehrt werden können, doch hoch abschreckend sind.
Deshalb ist das Abschreckungspotential von der VR China und Frankreich (EU) mit jeweils nur 300 Sprengkörpern recht hoch.
Die Wüste Sahara oder die Wüste Gobi wären als unbewohnte Zielgebiete geeignet. Wieviele Menschen und wo werden wohl 10 Jahre Eiszeit u. 100 Jahre Erwärmung auf heutiges Niveau überleben ?
Ludwig Pirkl, am 10. August 2020 um 23:14 Uhr

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