Albrecht Müller erklärt 17 Methoden zur politischen Manipulation © Westend
Albrecht Müller: Glaube wenig, Hinterfrage alles, Denke selbst © WESTEND

So durchschaut man politische Manipulationen

Christian Müller / 08. Okt 2019 - Das neue Buch von Albrecht Müller ist gerade auch für Nicht-Politiker lesenswert – jetzt vor den Wahlen auch in der Schweiz.

«Glaube wenig» – «Hinterfrage alles» – «Denke selbst». So lautet der Titel eines Buches von Albrecht Müller, das vor wenigen Tagen im deutschen Westend Verlag erschienen ist. Und der Untertitel lautet: «Wie man Manipulationen durchschaut».

Es geht dabei, im ersten Drittel des Buches, ganz konkret um die Methoden, wie heute politische Parteien, Wirtschafts-Interessengruppen oder auch staatliche Mächte in politischen Auseinandersetzungen – nicht zuletzt eben auch vor Wahlen – die Meinungen der Stimmberechtigten zu beeinflussen versuchen.

Das kennt man ja alles schon? Nicht wirklich. Albrecht Müller, selber auf SPD-Seite jahrzehntelang im politischen Kampf um Stimmen involviert und engagiert, heute der wichtigste Kopf der Online-Plattform NachDenkSeiten, identifiziert und beschreibt 17 verschiedene Manipulationsmethoden. Mit vielen Beispielen. Da gehen auch dem langjährigen Polit-Beobachter manche Lichter auf.

Müller identifiziert und separiert folgende 17 Methoden:

1. Sprachregelung
2. Manipulation mithilfe von ständig gebrauchten und mit einer Bewertung versehenen Begriffe
3. Geschichten verkürzt erzählen
4. Verschweigen
5. Wiederholen – Steter Tropfen höhlt den Stein
6. Übertreiben – Es wird schon was hängen bleiben
7. Die gleiche Botschaft aus verschiedenen Ecken aussenden
8. Alle in der Runde sind der gleichen Meinung. Dann muss es ja richtig sein.
9. Der Wippschaukeleffekt
10. Umfragen zu nutzen, um Meinung zu machen
11. B sagen und A meinen
12. NGOs gründen oder benutzen
13. Ein Sammelsurium von Andeutungen macht in der Summe die Halbwahrheiten zur Wahrheit
14. Experten helfen – zu manipulieren
15. Namen verknüpfen und damit Einzelne bewerten
16. Gezielter Einsatz von Emotionen
17. Konflikte nutzen und inszenieren, um Meinung zu machen.

Ein paar Beispiele

B sagen, aber A meinen. Albrecht Müller: «Das eine sagen, aber das andere meinen. Diese Methode wird unentwegt angewendet. So ist der Niedergang der SPD des Öfteren mit der Behauptung begleitet worden, die SPD verkaufe sich schlecht ( = B). Damit transportiert aber wurde die Botschaft, ihre Politik sei eigentlich gut gewesen ( = A). Auf allen Ebenen der SPD spukt derweil dieses Gespenst herum: Wir sind eigentlich gut, aber wir verkaufen uns schlecht.»

«Auch die Agenda 2010 wurde und wird uns immer wieder auf diese Weise nahegebracht: Bundeskanzler Schröder habe sich, seine Kanzlerschaft und seine Partei geopfert, um das Land voranzubringen ( = B). Damit wird die Botschaft transportiert, die Agenda 2010 sei notwendig gewesen und nützlich.»

Wiederholen – Steter Tropfen höhlt den Stein. Ein Zitat aus dem Buch von Albrecht Müller: «Wiederholungen werden zum Beispiel massiv beim Umgang mit Russland eingesetzt. Russland verhalte sich aggressiv und expansiv. Da muss man sich zwar die Augen reiben, wenn man bedenkt, wie viele Kriege der Westen führt und wie viele Milliarden Dollar die USA (2018: 643,3 Milliarden US-Dollar) im Vergleich zu Russland (63,1 Milliarden) ausgeben. Extrem unterschiedlich ist auch die Zahl der Militärbasen, die einerseits die USA und andererseits Russland in der Welt unterhalten. Da ist das Verhältnis etwa 1000 zu 20. Aber die Wiederholung des Vorwurfs, Russland sei aggressiv und expansiv, zeitigt Erfolge. George Orwell dazu in 1984: ‹Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glauben – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.›»

Namen verknüpfen und damit Einzelne bewerten. Albrecht Müller zitiert in seinem Buch ein Dutzend Artikel aus deutschsprachigen Medien, inklusive öffentlich-rechtliche, wo mehrere Polit-Köpfe als Paket behandelt werden. Zum Beispiel die Hamburger Morgenpost: «‹Starke Kerle›, die keine Widerworte dulden und in ihren Ländern aufräumen wollen: Viktor Orban, Matteo Salvini, Donald Trump, Rodrigo Duterte, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan.» Und Müller zeigt auf, wie solche Namenpakete, mit denen einzelne Politiker falsch bewertet werden, gerne auch von anderen Medien abgeschrieben und übernommen werden.

Und wie läuft es in der Schweiz?

Albrecht Müller war ein deutscher Politiker und ist jetzt als Kopf der NachDenkSeiten ein deutscher Journalist. Es ist deshalb naheliegend, dass seine Beispiele fast alle aus der deutschen Polit-Landschaft stammen. Nichtsdestotrotz ist das Buch auch für Schweizer Leser interessant und informativ, um in Anbetracht der politischen Auseinandersetzungen – nicht zuletzt im Vorfeld von Wahlen, wie gerade jetzt – aufmerksamer und kritischer zu werden. Denn die von Müller beschriebenen Techniken kommen naturgemäss auch in der Schweiz zur Anwendung.

Auch da, wo es – speziell in der zweiten Hälfte des Buches – um die Schilderung wichtiger gegenwärtiger Polit-Themen geht, die zu diskutieren sind, kann man als Leserin oder Leser nur profitieren.

«Glaube wenig» – «Hinterfrage alles» – «Denke selbst», so der Titel des Buches, schafft es, dass einem in vielen Punkten die Augen aufgehen. Offene Augen aber sind die Bedingung für eine aktive Beteiligung an der öffentlichen Meinungsbildung. Ohne offene Augen überlassen wir, Demokratie hin, Demokratie her, unsere Zukunft jenen, die sie zu ihrem persönlichen Vorteil und nicht zugunsten der Allgemeinheit manipulieren können.

  • Zur Bestellung des Buches in der Schweiz (CHF 22.90)

  • Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

    Zum Autor. Es gibt keine Interessenkollisionen.

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    2 Meinungen

    Natürlich sind die Fälle von Meinungsmache im Buch auf Deutschland bezogen. Es fällt aber nicht schwer, ein Beispiel für massive Meinungsmache aus der Schweiz zu nennen.
    Eine unheilige Allianz aus Linken und Neoliberalen – beide aus unterschiedlichen Motiven – verbreiten seit Jahren die Mär, dass die Personenfreizügigkeit zum Vorteil der Schweizer sei. Stichhaltige Argumente dafür wurden noch keine gebracht, sie wird einfach dauernd wiederholt . Methode Nr. 5: Wiederholen – Steter Tropfen höhlt den Stein. Dass die PF den meisten Schweizern keine Vorteile bringt, wird verschweigen. Da nützt es auch nichts, dass sogar ein neoliberaler Ökonom wie Reiner Eichenberger klar sagt, dass die Schweizer hauptsächlich Nachteile von der Personenfreizügigkeit haben. Methode Nr. 4: Verschweigen. Zum Zuge kommt auch die Methode Nr. 7: Die gleiche Botschaft aus verschiedenen Ecken aussenden. Sowohl Linke wie Neoliberale verbreiten die Botschaft. Nimmt man noch dazu, dass die gesamte linksneoliberale Mainstream-Presse dieselbe Botschaft verkündet, sind wir bei Methode Nr. 8: Alle in der Runde sind der gleichen Meinung. Linke, Neoliberale und die Mainstream-Presse bedienen sich noch einer Methode, die Müller leider nicht erwähnt: Die Diskreditierung der Andersdenkenden. Die Öffentlichkeit soll von den Vorteilen der PF überzeugt werden, indem man deren Gegner als Abschotter, Ewiggestrige, Hinterwäldler, Reaktionäre, Nationalisten, Chauvinisten, Faschisten usw. in die rechte Ecke stellt.
    Martin Sauser, am 09. Oktober 2019 um 01:19 Uhr
    Der «linksneoliberale Mainstream», hoppla, da haben wir aber eine interessante, politische Neukreation entdeckt.
    Hanspeter Gysin, am 09. Oktober 2019 um 17:59 Uhr

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