Grosse Kantone mit viel Ausländeranteil begrüssen die Zuwanderung © Grandjean

Abschottung, Angst und Unkenntnis als Leitmotiv

Robert Ruoff / 11. Feb 2014 - Die fehlende Erfahrung mit Zuwanderern und die Abschottung gegen das Fremde sind Gründe für das «JA» zur Einwanderungsinitiative.

Der Waadtländer Martin Grandjean ist Forscher in Zeitgeschichte und Informatik-Spezialist in Einem. Auf seinem Blog beschreibt er sich selber mit drei Kennzeichen:

  • Einem USB-Stick: als Informatikspezialist benützt er dieses Werkzeug jeden Tag.
  • Einem SP-Button: seine SP-Mitgliedschaft bedeutet für ihn tägliches Engagement.
  • Einem Hugenotten-Kreuz: die Tradition der protestantischen Einwanderer, die im 17. Jahrhundert vor der Verfolgung aus Frankreich geflohen sind, bedeutet für ihn nicht nur nobles Erbe sondern jeden Tag gelebte Spiritualität.

Grandjeans Grafik misst das Abstimmungsverhalten Zur Einwanderungsinitiative an der Grösse der Kantone und am Anteil der Ausländer an der Bevölkerung. Die Darstellung ist ausgerichtet auf den Mittelwert von 24 Prozent Ausländeranteil in der ganzen Schweiz.

Das Bild zeigt klar, dass die ländlichen Kantone mit einem unter-durchschnittlichen Ausländeranteil mehrheitlich mit «JA» gestimmt haben. (Bevölkerungsstarke) Kantone mit über-durchschnittlichem Ausländeranteil hingegen haben die Initiative abgelehnt. Genf mit rund 40 Prozent Ausländeranteil liegt zusammen mit Basel-Stadt, Waadtland und Neuenburg an der Spitze der «NEIN»-Sagenden.

Abwehr gegen alles Fremde auch das Nachbardorf

Der ETH-Soziologe und Stadtforscher Christian Schmidt erklärt im TA-Newsnetz: «Natürlich ist das fremdenfeindlich, das muss man nicht schönreden (...). Das äussert sich nicht nur gegenüber den Einwanderern, man stellt sich ja oft auch gegen das Nachbardorf, oder einen Nachbarkanton. Abschotten heisst, dass alles Fremde zu einem Problem wird. Vielleicht bringt es Geld, dann ist es halbwegs willkommen, aber man möchte sich nicht wirklich darauf einlassen.» – Die ländlichen Steuerparadiese lassen grüssen.

Zwei Ausnahmen am Rand der Schweiz

Der Vergleich zwischen den beiden Randkantonen Jura und Tessin zeigt aber noch etwas anderes. Da, wo Zuwanderer massiv und ausschliesslich als Arbeitskräfte auftreten, wächst auch der Widerstand massiv. In der Ajoie, dem «Pruntruter Zipfel» des Kanton Jura, war der JA-Anteil wesentlich höher als etwa in den landwirtschaftlichen und klein-industriellen Freibergen rund um Saignelégier. Kenner der Region haben dafür eine ganz einfache Antwort: «Mais an Ajoie, ils vivent en France...!» - in der Ajoie leben sie in Frankreich.

Gemeint sind die Folgen zum Beispiel der Wirtschaftsförderung in Boncourt, wo sich etliche französische Unternehmen auf der Schweizer Seite der Landesgrenze angesiedelt haben, um die vorteilhaften Rahmenbedingungen zu nutzen – mit Arbeitsplätzen für allem für die billigeren Arbeitskräfte aus Frankreich, und das provoziert einen zunehmenden Abwehrreflex. Trotzdem haben alle Regionen im Kanton Jura die Initiative abgelehnt (die Freiberge zwischen 60 und 70 Prozent); der Kanton kennt seit seiner Gründung 1979 auch das aktive Stimm- und Wahlrecht und auf Gemeindeebene auch das passive Wahlrecht für Ausländer. Als «Problem» für Löhne und Arbeitsplätze werden vor allem die nicht integrierten Pendler empfunden

Der Kanton Tessin andererseits mit einem Ausländeranteil von rund 28 Prozent hätte nach der statistischen «Regel» – wegen der überdurchschnittlichen Ausländerdichte – eigentlich «NEIN» stimmen müssen. Die Gründe für das massive «JA» liegen auf der Hand.

Ein grosses Führungsversagen

Integration ist nicht nur eine Aufgabe der Zuwanderer, es ist in hohem Masse eine Aufgabe der politischen und wirtschaftlichen Führungspersonen. Der Blick auf eine ganz einfache Statistik zeigt schlagend das Versagen der Führung in Politik und Wirtschaft. Behörden vom Bund bis in Gemeinden, die es nicht schaffen, Missbrauch von Sozialsystemen konsequent zu bekämpfen, verfehlte Regelungen zu verändern, Mindestlöhne zu sichern, Dumpinglöhne zu unterbinden und im Inland wie gegenüber Nachbarstaaten die Chancengleichheit und Gleichbehandlung schweizerischer Unternehmen und Arbeitnehmer durchzusetzen, tragen eine Hauptverantwortung für den Ausgang der Abstimmung.

Es wird Jahre dauern – und wahrscheinlich einen breiten Personalwechsel brauchen -, um das verlorene Vertrauen wieder aufzubauen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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6 Meinungen

Das konstitutive Moment des Fremdenhasses, die «niederen Instinkte» als Basis der direkten Demokratie (Europarlamentspräsident Schulz) sind endlich nachgewiesen. Dabei wäre «Dorftrottelsyndrom", Abstimmungsverhalten der Landbevölkerung, noch ethnologisch-historisch zu beleuchten. Den Westschweizer Fremdenhass gegenüber den hochqualifizierten Hugenotten habe ich in meiner Biographie über Micheli du Crest dargestellt. Zorn der Einheimischen wurde durch das Hugenottenethos der Verweigerung des Behaltens von Sozialhilfe provoziert: «Lieber hungern, als dir, ehrwürdiges Genf, nicht zurückzuzahlen, und mehr zu geben, als was du gewährt hast."

Herr Grandjean sieht wie Rousseau richtig, dass es im Jura noch eine unaufgeklärte Dorfbevölkerung gibt. Hingegen unterschätzte Rousseau idealistisch den Freiheitswillen der Urschweizer und der Walliser, die er idealisierte. Rousseau, weniger informiert als Herr Grandjean, war im Ernst der Meinung, es habe in der alpinen Schweiz einen widerstandsbereiten Freiheitswillen gegeben. Es waren, wie Max Frisch dann herausfand, eher breitbeinige dickschädlige Dorftrottel. Gegenteiliger Meinung war zwar Gertrud Leutenegger, eine Schwyzerin.
PS. Ich habe in allen Westschweizer Kantonen ganzwöchige Lehrerfortbildungskurse über ländliche Volkskunde gegeben. Die Ajoie ist überall. Für städtische Volkskunde ist wichtig, dass es in Genf traditionell mehr Rechtsextreme gibt als in Deutschschweizer Städten, auch das muss und kann analysiert werden.
Pirmin Meier, am 11. Februar 2014 um 12:58 Uhr
Es muss heissen: «Rousseau überschätzte idealistisch den Freiheitswillen der Urschweizer."
Pirmin Meier, am 11. Februar 2014 um 13:01 Uhr
Ob man 23.2 % Ausländern in der Schweiz von Fremdenhass sprechen kann, scheint mir verfehlt. Die Schweiz ist «europäischer» als manches EU-Land, auch wenn sie nun die Zuwanderung wieder selber steuern und nicht «gesteuert» werden will. Die Analyse von martin Grandjean ist nicht sehr fundiert, da müsste man schon in der Lage sein, nicht von einem Internationalismus infisziert zu sein oder gar besessen zu sein. Es ging mit der Abstimmung kein Vertrauen verloren, im Gegenteil das Schweizer (Selbst)vertrauen wurde endlich gestärkt, gut so. In der Schweiz zu wohnen, ist freiwillig!
Beda Düggelin, am 11. Februar 2014 um 14:37 Uhr
Seit Dekaden mit Problemen der interkulturellen Integration beschäftigt, bedaure ich, dass sich die Rechte und die Linke längst in ideologischen Positionen verstrickt haben. So, wenn nun WissenschafterInnen aus der Volksabstimmung kurzschliessen, die Landbevölkerung sei per se fremdenfeindlicher. Das ist insofern ein Trugschluss als in der Stadt viele weder wissen, wer ihr Wohnungsnachbar ist, noch von welchen Mitteln er lebt. Auf dem Land hingegen ist bekannt, wer von der Sozialhilfe lebt oder keine Arbeit sucht, obwohl er arbeitslos ist. Sogar das Büro Bass kommt zum Schluss, dass z. B. Immigierte aus der Türkei 3mal häufiger eine IV-Rente beziehen wie SchweizerInnen, wenn Alter und Berufsrisiko kontrolliert werden. Postmodern wird das mit „gefühlter“ Krankheit erklärt – was den SchweizerInnen, die das „life“ beobachten, kaum den Ärger nimmt. Und so frage ich: Woher nur nimmt Linksgrün die absurde Vorstellung, dass jemand der z. B. aus Kamerun einwandert, weiss, woher das social money kommt? Oder wie die Arbeitslosenkasse funktioniert? Dort, wo ein wachsender Teil der Armutsimmigration herkommt, fehlen staatliche Solidarinstitutionen oder gelten nur für eine Minderheit. Die Bevölkerungsmehrheit lebt von familialer, verwandtschaftlicher und intergenerationaler Solidarität. Ich meine, Linksgrün sollte genauer hinsehen, wenn künftig eine effektive und glaubhafte Integrationsarbeit geleistet werden soll. Denn Probleme lösen kann nur, wer sie erkennen kann und benennen darf.
Verena Tobler Linder, am 11. Februar 2014 um 19:13 Uhr
Statistiken sind immer mit Vorsicht zu geniessen, denn sie zeigen immer nur, was der Statistiker zeigen will.
Es könnte ja auch sein, dass die Stadtbevölkerung stärker vom einseitigen Wirtschaftswachstum profitiert, das auf Kosten von uns allen angekurbelt wird. Die aus den Städten vertriebenen Wenigverdiener sind halt jetzt auch auf dem Land, resp. in der Agglo ...

Wie Robert Ruoff im Artikel schreibt, hat die Führung auf breiter Front versagt. Die Missstände sind seit langem bekannt, wurden aber nicht wirklich angegangen. Dafür wurde ständig von «Nutzen für alle» geschwafelt, wo in Wirklichkeit immer nur Wenige auf Kosten der Vielen profitierten. Glaubt denn wirklich jemand, daran hätte sich ohne diese Notbremse jemals etwas geändert?
Daniel Nägeli, am 12. Februar 2014 um 21:46 Uhr
Über Sinn und Unsinn vieler Studien lässt sich streiten. Tatsache ist, dass uns Soziologen, Historiker und Informatiker mit ihren gescheiten Studien weismachen wollen, was Sache ist. Städte haben nicht nur im Inland eine Sogwirkung für alle Schichten, aber die weniger gut gestellten suchen vermehrt die Stadtnähe, denn diese verspricht Arbeitsplätze. Die Bessergestellten wandern in die nahe Agglomeration ab, wo niedrigere Steuerfüsse «lauern". Es ist ja offensichtlich, die Regierungen in den Städten, so Zürich, Basel, Bern, Genf sind tendenziell rot-grün gefärbt und nur in Ausnahmefällen wird dies korrigiert (Winterthur). Warum sind denn die Städte rot-grün? Weil eben deren Klientel dort wohnhaft ist. Dies sagt aber rein gar nichts über Fortschrittlichkeit aus. Der Stadt/Land-Graben existiert aufgrund dieser Begebenheit und nicht weil die Landbevölkerung ängstlicher wäre und in Unkenntnis der wahren Begebenheiten abgestimmt hätte. Wenn dies Studien nicht erfassen, sind sie nicht einmal ihr Papier, geschweige denn den Toner für die Druckerschwärze wert! Wer von Abschottung spricht, welche kein Schweizer/keine Schweizerin will, polemisiert und ist unglaubwürdig. Es leben 23.2 % Ausländer in unserem Land und sie sind akzeptiert, sofern sie sich an unsere Spielregeln halten. Spielregeln gelten in jedem Land, auch wenn dort die Ausländerquote bedeutend geringer ist als bei uns!
Beda Düggelin, am 13. Februar 2014 um 00:07 Uhr

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