Das AKW Beznau steht auf einer Insel Beznau mitten in der Aare. © axpo
Im Wasserschloss des Kantons Aargau fliesst das Wasser aus einem Drittel der Schweiz zusammen. Mitten in der Aare (roter Punkt) steht das AKW Beznau. © Scherrer AG
Das Moldau- und Elbehochwasser von 2002 überschritt die durchschnittlichen jährlichen Hochwasser der Moldau bei Prag um das 7-fache. © chmu
Hochwasserstatistik des BAFU für den Standort Stilli/Untersiggenthal: Aare 4 km oberhalb Beznau, nach dem Zusammenfluss von Aare, Reuss und Limmat. Die vertikalen Balken zeigen das jeweils höchste Wasseraufkommen jedes Jahres. Die Daten ab 1935 bis 2009 (75 Jahre) bilden die Basis für die Hochwasserwahrscheinlichkeiten. © BAFU

AKW Beznau: Flut-Risiko wird massiv unterschätzt

Kurt Marti / 22. Mär 2012 - Während die Axpo das Flut-Risiko für das AKW Beznau kleinrechnet, sucht eine Arbeitsgruppe des Bundes nach der richtigen Methode.

Ein Jahr nach Fukushima fordern Atom-Kritiker die sofortige Abschaltung des AKW Beznau. Sie befürchten, dass ein Extrem-Hochwasser zum Super-GAU führen könnte und zur Umsiedlung von einer Millionen Menschen. Denn im Wasserschloss bei Brugg im Kanton Aargau treffen die Aare, die Reuss und die Limmat aufeinander. Hier fliesst das Wasser aus einem Drittel der Landesoberfläche zusammen (siehe Karte). Mitten in der Aare nach dem Zusammenfluss liegt die Insel Beznau und darauf stehen die zwei ältesten Atomreaktoren der Welt.

«Maximale Höhe eines Extremhochwassers wird deutlich unterschätzt»

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) kommt in seinem Fukushima-Bericht zum Schluss: «Erdbeben- und Tsunamirisiko wurden offensichtlich unterschätzt. Auch die maximale Höhe eines Tsunamis wurde für die betroffenen Standorte deutlich unterschätzt.» Der Energie-Ingenieur Heini Glauser ist überzeugt, «dass genau eine solche Unterschätzung der Hochwassergefahren in Beznau geschieht.»

Glauser ist Mitorganisator der Mahnwache vor dem ENSI-Gebäude in Brugg. Er hat die Hochwasserberichte der Beznau-Betreiberin AXPO genau studiert und kam zu einem «erschütternden und bedrückenden Fazit», wie er in einem Artikel für den atomkritischen Energie-Express schreibt (siehe unten). Laut Glauser kann die ENSI-Erkenntnis zu Fukushima eins zu eins auf Beznau übertragen werden: «Die maximale Höhe eines Extremhochwassers wird für den Standort Beznau deutlich unterschätzt!»

Nuklearsicherheitsinspektorat erstellt einen Persilschein

Nach der Atomkatastrophe von Fukushima mussten die Schweizer AKW-Betreiber zusätzliche Sicherheitsberichte bei der Atomaufsichtsbehörde ENSI einreichen, insbesondere zur Gefährdung durch extreme Hochwasser. Aufgrund dieser Berichte erklärte ENSI-Direktor Hans Wanner: «Alle Schweizerischen Kernkraftwerke beherrschen auch ein extremes Hochwasser, wie es durchschnittlich alle 10 000 Jahre einmal vorkommen kann.» Für den EU-Stresstest verlangte das ENSI zusätzliche Expertisen und erteilte erneut einen Persilschein: «Das 10 000-jährliche Hochwasser wird auf Basis dieser neuen Gefährdung auslegungsgemäss beherrscht.»

Laut BAFU genügt die 75-Jahr-Statistik nicht

Erstaunlicherweise stützen sich die 10 000-jährigen Prognosen der Axpo hauptsächlich auf die 75-jährige Hochwasserstatistik des Bundesamtes für Umwelt (BAFU). Laut BAFU-Mediensprecherin Elisabeth Maret ist die 75-Jahr-Statistik «nur ein Element, um ein 10 000-jähriges Hochwasser abzuschätzen» und sie ist der Meinung: «Das genügt nicht.»

Wie Recherchen von Infosperber zeigen, ist zur Zeit eine Arbeitsgruppe des Bundes unter der Federführung des ENSI daran, einheitliche Regeln und Modelle für die Berechnung von Extrem-Hochwasser zu erarbeiten. Ein Jahr nach Fukushima sucht also eine offizielle Arbeitsgruppe immer noch nach einheitlichen Methoden, die Axpo liefert Expertisen mit ungenügenden Grundlagen und die Atomaufsicht ENSI gibt trotzdem den Segen.

Pikantes Detail: BAFU-Sprecherin Maret äussert sich nach Rücksprache mit Martin Barben, Vize-Chef der Sektion Hydrologische Analysen, gegenüber Infosperber zu dieser bisher unbekannten Arbeitsgruppe. Doch als sie die Zitate bestätigen soll, zieht sie diese mit Verweis auf ein Telefonat mit dem ENSI plötzlich wieder zurück. ENSI-Mediensprecher Sebastian Hueber seinerseits vertröstete Infosperber «auf Grund von Abwesenheiten» auf später.

Das Moldau-Elbe-Hochwasser wurde für unmöglich gehalten

Die Axpo-Berechnungen gehen von einem 10 000-jährigen Hochwasser aus, welches in der Aare beim AKW Beznau 4 200 m3/s Wasser führen würde. Das ist bloss die 2,5-fache Menge eines durchschnittlichen jährlichen Hochwassers von rund 1 600 m3/s. Zum Vergleich: Das Moldau- und Elbehochwasser von 2002 überschritt die durchschnittlichen jährlichen Hochwasser der Moldau bei Prag um das 7-fache (siehe Grafik). Die Ursache davon lag in einer B5-Tiefdrucklage, dem sogenannten Genuatief, welches auch für die Hochwasser in Brig (1993) und Gondo (2000) verantwortlich war. Das Elbe-Hochwasser gilt als Jahrtausend-Hochwasser. Ein solcher Pegelstand wurde von den Experten für unmöglich gehalten und im Elbetal vorher nie erreicht.

Mit haarsträubenden Tricks die maximale Wassermenge reduziert

Glauser zieht in seinem Artikel auch die prognostizierte Wassermenge von 4 200 m3/s in Zweifel: Bei durchschnittlich 10 cm Niederschlag pro m2 im gesamten Einzugsgebiet der Aare oberhalb Beznau resultiert eine Wassermenge von 1,76 Milliarden m3 (Einzugsgebiet 17 601 km2 x 10 cm). Wenn diese Wassermenge wegen gesättigter Böden innerhalb dreier Tage konstant abfliessen würde, ergäbe dies bei Beznau eine Wassermenge von 6 790 m3/s während 72 Stunden, also 60 Prozent mehr als von der Axpo berechnet.

Es ist geradezu haarsträubend, mit welchen Tricks die Axpo-Experten die maximale Wassermenge auf ein vermeintlich unschädliches Mass reduzieren. Laut Hochwassergutachten der Axpo ist es nämlich «sehr unwahrscheinlich, dass bei einem extremen Hochwasser das Gesamteinzugsgebiet der Aare bei Untersiggenthal von ca. 17 600 km2 gleichermassen überregnet wird». Deshalb teilen die Experten das gesamte Gebiet kurzerhand in zwei Teilgebiete «West» und «Ost» und lassen es wunschgemäss einmal im Westen und einmal im Osten regnen. Als ob sich der Wettergott an diese Vorgaben halten würde.

Axpo-Daumenregel: Nach vier Hochwasser «müsste eine ruhigere Phase folgen»

Doch damit nicht genug. In ähnlicher Weise setzt sich der Expertenbericht der Axpo auch mit der Klimaveränderung auseinander und fragt, «wie sich Klimaänderungen auf das Hochwassergeschehen der Zukunft auswirken werden». Die saloppe Antwort lautet: «Falls an der Aare die in den letzten Jahren beobachtete Häufung grosser Hochwasser (1994, 1999, 2005 und 2007) einer zyklischen Häufung entspricht, müsste eine ruhigere Phase folgen». Mit dieser Daumenregel versuchen die Experten offenbar das Genua-Tief zu bannen. Dabei sind sich fast alle Experten einig: Die Klimaveränderung wird zu mehr Unwettern und zu verheerenderen Überschwemmungen führen.

Schlussendlich ziehen die Axpo-Experten ihre Analyse gleich selbst in Zweifel: «Wie stark die Häufung der letzten Jahre durch Klimaänderungen erzeugt respektive verschärft wurde, und wie sich diese in Zukunft auswirken, lässt sich aufgrund der hydrologischen Daten nicht voraussagen». Damit gestehen die Experten indirekt ein, dass die Zähmung des 10 000-jährigen Hochwassers mittels Tricksereien endgültig misslungen ist.

Beznau stilllegen, «bevor das Glück eine Pause macht»

Angesichts solcher Stümpereien und Tricksereien fordern der Atomkritiker Glauser und seine Mitstreiter der Mahnwache die sofortige Stilllegung der beiden Beznau-Reaktoren, «bevor das Glück eine Pause macht». Ein Expertenteam der EU kommt Ende März in die Schweiz. Dann wird sich zeigen, ob das AKW Beznau den EU-Stresstest besteht.

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Der Energie-Express kann bezogen werden unter: info@gak.ch

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