kontertext: Basel vor dem Neustart

Guy Krneta © Ayse Yavas
Guy Krneta / 18. Okt 2018 - Die Basler Medienszene organisiert sich neu. Bei drei Zeitungen wird gerade der Reset-Knopf gedrückt.

Mit ihrer Einwilligung zum Kauf der Basler Zeitung durch Tamedia beendet die Wettbewerbskommission eines der düstersten Kapitel der Basler Mediengeschichte. Basel tickt medial nicht mehr anders und teilt ab sofort die Misere der anderen. Das stimmt nicht gerade zuversichtlich, dennoch hat Basel seine schlimmsten medialen Zeiten wohl hinter sich.

Rechter Boulevard wie im Kalten Krieg

Die heimliche Übernahme der BaZ durch Christoph Blocher wurde durch die putschartige Einsetzung Markus Somms als Chefredaktor Ende August 2010 manifest. Tatsächlich hatte zuvor ein interner Machtkampf stattgefunden, der dazu führte, dass Blochers Rolle im November 2010 aufflog. Ab da herrschte in Basel ein medialer Ausnahmezustand.

Die frühere Forumszeitung agierte wie ein rechtes Boulevard-Blatt im Kalten Krieg: Hetze gegen alles, was von der ideologischen Linie abwich, die der Financier im Hintergrund vorgab. Und was den Financier nicht interessierte, wurde zum Feld für marodierende Journis, die angeregt vom neuen Ton ihre eigenen Fehden austrugen.

Doch statt neuer Transparenz im rot-grünen Kanton – die Wirtschaft wurde selbstredend geschont –, entstanden haufenweise Tabuzonen. Wer ausser ein paar einsamen Konvertiten kooperiert schon mit dem politischen Gegner, selbst wenn der im Kostüm einer früheren Zeitung auftritt? Umgekehrt fand jeder Wirrkopf Gehör, der einen Nachbarschaftsstreit auszutragen hatte. Die Herren am Aeschenplatz gaben den aggressiven Ton vor, mit dem Öffentlichkeit und Politik erst einen Umgang finden mussten und der von einzelnen Lokalmedien gar noch kopiert wurde.

Mediales Vakuum

Rund ein Viertel ihrer Abos verlor die BaZ in wenigen Monaten. Viele ZeitungsleserInnen wurden heimatlos und suchten verzweifelt nach Alternativen. Das mediale Vakuum während eines guten Jahres führte zur wohl üppigsten Zeit des politischen Bloggens in der Region. Schliesslich startete Ende Oktober 2011 mit riesigen Erwartungen die TagesWoche – und versagte. Immerhin hatte bereits die Ankündigung des neuen Mediums die AZ Medien motiviert, ihre Tätigkeiten in Basel auszubauen. Zunächst wurde ein Basler Teil im damaligen Sonntag (heute: Schweiz am Wochenende) lanciert. Es folgte ab Februar 2013 die bz Basel, eine partiell auf die Stadt zugeschnittene Ausgabe der Basellandschaftlichen Zeitung, die ihrerseits ein Kopfblatt der Aargauer Zeitung war.

Unter der Chefredaktion von Matthias Zehnder vermochte die bz Basel ihre Auflage auszubauen, allerdings konnte sie nur jedes sechste, siebte oder achte Abo (je nach Auskunftsquelle), das bei der BaZ verloren ging, für sich gewinnen. Den AZ Medien genügte das nicht. Statt der erfolgreichen Zeitung mehr Ressourcen zur Verfügung zu stellen, wurde Zehnder nach nur drei Jahren durch David Sieber ersetzt. Zehnder hatte die bz Basel mit Haltung als glaubwürdige Alternative zur BaZ positioniert. Sieber wiederum fuhr einen Kurs, der die rechts-boulevardige Konkurrenz gelegentlich ein bisschen anrempelte, um im nächsten Moment wieder mit ihr zu wetteifern. Nach zweieinhalb Jahren wird er jetzt durch Patrick Marcolli ersetzt. Der Vorgang kann als eine erste Antwort auf den BaZ-Verkauf gedeutet werden: Marcolli war auch als neuer BaZ-Chefredaktor im Gespräch, was den Wechsel bei der bz Basel beschleunigt haben wird.

Medienvielfalt in Basel?

Zynisch sind jene Stimmen, die behaupten, Blocher habe durch seine Übernahme der früheren Monopolzeitung die Medienvielfalt in Basel belebt. Tatsächlich hat Blocher in erster Linie Tausende frühere ZeitungsleserInnen vergrault, den Medienwandel beschleunigt, Hunderte von Stellen abgebaut und die Glaubwürdigkeit des Journalismus weiter beschädigt. Dass eine Zivilgesellschaft darauf kreativ und politisch unbeirrbar reagiert hat, ist kaum Blochers Verdienst.

Ob die BaZ bald wieder gelesen werden kann, fragen sich heute viele in der Region Basel. Doch Tamedia schweigt, was ihre konkreten Pläne betrifft. Zu erwarten ist, dass die BaZ eine Regionalredaktion erhält in der Grösse zwischen Bund und Berner Zeitung. Doch anders als jene, die funktionierende Redaktionen hatten, die abgebaut wurden, findet sich in Basel derzeit nur noch eine redaktionelle Negativauswahl: Leute, die den Absprung vor, während und nach Somm nicht geschafft haben. Und die sollen jetzt womöglich eine neue Zeitung aufbauen?

Zunächst stellt sich die Frage, ob die BaZ ihre aktuelle rechte und mehrheitlich ländliche AbonnentInnenschaft weiter bedienen oder LeserInnen in der Stadt neu gewinnen will – unter anderem auf Kosten der bz Basel (und, Ironie der Geschichte, des Tages-Anzeigers). Die Wahl des Chefredaktors – warum ist eigentlich nie von einer Chefredaktorin die Rede? – wird eine erste Antwort darauf geben.

Was die BaZ tut, hat auch Folgen für die anderen

Je nach politischer Ausrichtung der BaZ wird sich die bz Basel neu positionieren, zumal sie ihren bisherigen Goodwill-Bonus verloren hat. Doch kämpft die Zeitung als Kopfblatt, ohne eigenständigen Online-Auftritt, die den Ausgleich schaffen muss zwischen Stadt und Land, noch mit ganz anderen grundsätzlichen Problemen. Matthias Zehnder, der frühere Chefredaktor, hat sie kürzlich lesenswert analysiert.

Mit der Bildung von CH Media, dem Joint Venture von AZ Medien und NZZ-Mediengruppe, schliesslich muss sich die bz Basel auch intern neu positionieren. Dass der Superchefredaktor des Konstrukts, Patrik Müller, im Interview von grossen Distanzen zwischen St. Gallen, Luzern und Aarau spricht und die Nordwestschweiz dabei komplett vergisst, stimmt diesbezüglich nicht gerade zuversichtlich.

Zukunft der Kleinen und Neuen?

Dies alles könnte eine zweite grosse Chance für die TagesWoche sein. Als einzige der drei Zeitungen verfügt sie über einen eigenständigen Online-Auftritt und hat eine Basler Redaktion, die ohne Superchefredaktor in Aarau oder Zürich auskommt. Doch auch bei der TagesWoche stehen nächstens grössere Veränderungen an: Die finanzierende Stiftung für Medienvielfalt will ihre Unterstützung pro Jahr auf 1 Million Franken begrenzen. Wollte die TagesWoche damit bestehen, bräuchte sie ein komplett neues Betriebsmodell. Wie wäre es, wenn der Gedanke von mitproduzierenden «Communities» – wie es einige Lokalradios seit langem vormachen – endlich auch bei einem Onlinemedium wie der TagesWoche Einzug hielte?

Auf jeden Fall entstehen, je mächtiger die Verbünde, Mantelkonzepte und zentralen Redaktionen werden, neue Nischen für Online-Plattformen mit Regionaljournalismus vor Ort – wenn sie sich denn finanzieren lassen. Auch hier zeigt die Entwicklung in Basel (die Plattform barfi.ch beispielsweise hat nach drei Jahren Betrieb gerade den Schirm zugemacht): Ohne minimalen Zugang zum Gebührentopf, wie ihn Lokalradios und Lokalfernsehen haben, wird es kaum gelingen, Tragfähiges aufzubauen.

Die Förderung von Online-Plattformen fehlt im Entwurf zum neuen Mediengesetz. Hier läge vermutlich der Schlüssel zu einer neuen regionalen und überregionalen Medienvielfalt.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Guy Krneta, geboren in Bern, lebt als freier Autor in Basel. Er schreibt Theaterstücke und Spoken-Word-Texte. Sein Stück «In Formation» wurde von Dieter Fahrer aufgezeichnet und ist neben Fahrers Film «Die Vierte Gewalt» als DVD erschienen. Krneta ist Mitbegründer von Kunst+Politik und der Aktion Rettet-Basel.

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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Eine Meinung

Die Tageswoche ist keine Zeitung! (Manchmal liest mal dort aber journalistische Kunstwerke)
Resetknopf drücken,ist sicher der richtige Ausdruck für Wanners Umgang mit Chefredaktoren.Aber ob Basler sich den provinziellen Einheitsbrei des Badener Zeitungsfuersten noch lange antun ?
Und die BaZ ? Supino weiss auch nicht weiter. Will er das rechte Schreiberbiotop aus lichten,springt die Hälfte der Leser ab.
Eine neue Zeitungskultur ordnet man weder in Baden noch Zureich an !
Die kann nur langsam wachsen!
Dafür ist dem Print die Zeit davongelaufen.
Andreas Willy Rothenbühler, am 20. Oktober 2018 um 11:13 Uhr

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