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Alfred Schlienger © as
Alfred Schlienger / 16. Jan 2020 - Wie wird in unseren Medien über Ausländer berichtet? Und wo beginnt Diskriminierung? Medienforscher schenken klaren Wein ein.

«Früher war ich wegen meines Nachnamens ein Jugo;
heute bin ich wegen meines Vornamens ein Muslim.»

Es sollte inzwischen ein Gemeinplatz sein: Medien bilden nicht einfach die Wirklichkeit ab; sie folgen vielmehr eigenen Medienlogiken, geben ihren Geschichten einen spezifischen Spin, prägen durch Auswahl, Intensität, Gewichtung und Tonalität unsere Wahrnehmung der Welt massgeblich mit. Die Problematisierung des Fremden ist dabei seit langem ein beliebter Topos.

Auf Einladung von Fairmedia, der Beratungsstelle für fairen Journalismus, stellte der Zürcher Medienforscher Patrik Ettinger kürzlich in Basel seine Studie zur «Qualität der Berichterstattung über Muslime in der Schweiz» vor. Anhand repräsentativer Stichproben, erhoben von 2009 bis 2017 aus 1488 Artikeln in 18 Printmedientiteln (und den zugehörigen Newssites) in allen Landesteilen, kommt er zu so trockenen wie erhellenden Einordnungen und Befunden, an die man sich als Medienschaffender und auch als kritischer Medienkonsument halten kann – oder könnte, wenn man wollte. Hier eine Auswahl:

Gefordert sind Vielfalt und Rationalität

  • Die Qualität der Berichterstattung bemisst sich an ihrer Vielfalt (bezüglich thematischer Aspekte, Akteuren und Argumenten sowie der Vermeidung von Pauschalisierungen) und an ihrer Rationalität (sachlicher Stil und Vermittlung von Hintergrundinformationen).
  • Die Intensität der Berichterstattung wird einerseits durch Terroranschläge im europäischen Ausland beeinflusst; nach solchen Anschlägen wird mehr als doppelt so häufig über Muslime in der Schweiz berichtet. Wenn in den untersuchten Schweizer Printmedien über Muslime berichtet wird, so betrifft das zu rund vier Fünftel Muslime im Ausland. Andererseits können politische Akteure durch Kampagnen im Vorfeld von Volksinitiativen regelmässig eine Intensivierung der Berichterstattung herbeiführen.
  • Seit 2015 zeigt sich eine zunehmende Konzentration auf die Themen «Radikalisierung» und «Terror» (2014: 37 Prozent; 2017: bereits 54 Prozent). Dagegen bleiben die Themen «gelingende Integration» (2 Prozent) und «Alltag» (2 Prozent), die die Lebenswelt der Mehrheit der Musliminnen und Muslime in der Schweiz spiegeln, in der Berichterstattung marginal.
  • Der Anteil der Beiträge, deren Tonalität Distanz gegenüber muslimischen Akteuren in der Schweiz erzeugt, wächst kontinuierlich zwischen 2009 und 2017 von 22 Prozent auf 69 Prozent. Dies erklärt sich teilweise mit der erwähnten Verschiebung der Aufmerksamkeit auf Themen wie «Radikalisierung», «Terror» und «gefährdete Integration». Allerdings zeigen sich im Vergleich der Medientitel deutliche Unterschiede, die auf unterschiedliche redaktionelle Strategien zurückzuführen sind und Handlungsspielräume im Umgang mit dem Thema aufzeigen: In der «Weltwoche» weisen – so erschreckend wie wenig überraschend – satte 84 Prozent der Beiträge einen Distanz erzeugenden Tenor auf; in Boulevardzeitungen wie «SonntagsBlick» und «Blick» 63 Prozent resp. 59 Prozent und in Abonnementszeitungen wie «NZZ» und «Le Temps» 31 Prozent.

Die giftige Mischung: Distanz erzeugend und pauschalisierend

  • Eine Distanz erzeugende Berichterstattung ist dort problematisch, wo sie mit Pauschalisierungen verknüpft wird. Denn Pauschalisierungen negieren die Pluralität der muslimischen Minderheit in der Schweiz und konstruieren stattdessen eine homogene Gruppe. Damit werden alle Muslime in der Schweiz für das Verhalten Einzelner verantwortlich gemacht. Solche pauschalisierenden Verknüpfungen finden sich in 8 Prozent der Beiträge – und auch hier weisen «Weltwoche» (48 Prozent) und die Boulevardzeitungen «SonntagsBlick» (24 Prozent) und «Blick» (11 Prozent) überdurchschnittlich hohe Werte auf.
  • Die Vielfalt der Akteure und Argumente wurde anhand der drei Fallstudien «Verhüllungsverbot im Tessin», «Handschlagaffäre Therwil» und «An’Nur-Moschee» untersucht. Insgesamt ist die Verteilung der Akteurskategorien relativ vielfältig. Neben den Medien (27,5 Prozent der erfassten Argumente) kommen muslimische Akteure (24 Prozent) sowie politische Akteure der Exekutive (12,1 Prozent) und der Legislative resp. Parteien (14,9 Prozent) prominent zu Wort. Und auch Vertreter der Zivilgesellschaft (9 Prozent) und Experten (9,5 Prozent) können ihren Argumenten in der Berichterstattung Gehör verschaffen.
  • In der Berichterstattung über Muslime in der Schweiz bleiben die Betroffenen, d.h. muslimische Akteure, überwiegend Berichterstattungsobjekte. In 55 Prozent der Beiträge wird über sie geschrieben, ohne dass sie selbst zu Wort kommen, in weiteren 25 Prozent kommen sie nur am Rande des Beitrags zu Wort. In nur gerade 7 Prozent der Artikel in den drei Kommunikationsereignissen sind Muslime ausschliesslich oder mehrheitlich Subjekt, d.h. können ihre Deutung der Ereignisse dominant vertreten.
  • Dort wo Muslime zu Wort kommen, geschieht dies häufig in einem polarisierenden Setting. Hohe Resonanz erzielen wenige Exponenten der An’Nur-Moschee und des IZRS einerseits und anderseits Saïda Keller-Messahli, die sich als Kritikerin der muslimischen Dachverbände in der Schweiz etabliert. Vertreter dieser Dachverbände kommen dagegen eher selten zu Wort.

Episodisch oder in Hintergründe einordnend?

  • Die Berichterstattung über Muslime in der Schweiz ist überwiegend durch ein episodisches Framing gekennzeichnet (84 Prozent); eine Einordnung, die im Sinne eines thematischen Framings Hintergründe vermittelt und Ursachen-Wirkungs-zusammenhänge diskutiert, findet sich nur in 16 Prozent der Beiträge.
  • Differenziert man die Anteile einer Hintergründe vermittelnden Berichterstattung nach der Tonalität (Distanz vs. Empathie), so zeigt sich, dass die Beiträge mit einer Distanz erzeugenden Tonalität unterdurchschnittlich häufig auch ein thematisches Framing aufweisen (13 Prozent), während die Beiträge mit einer Empathie erzeugenden Tonalität deutlich überdurchschnittlich einordnend sind (29 Prozent). Vor dem Hintergrund der Erwartung, dass Kritik an Minderheiten begründet werden soll, ist dieser Befund bedenklich.
  • Die Vermittlung von Hintergrundinformationen bedeutet jedoch noch nicht, dass damit auch die Vielfalt der durch einen Medientitel vermittelten Argumente erhöht wird. Dies zeigt sich deutlich im Vergleich von «Weltwoche» und «Le Temps», die beide eine ausgeprägt thematische Berichterstattung pflegen. Während unter den 40 Prozent thematischen Beiträgen in der «Weltwoche» 38 Prozent monokausal sind, d.h. die Hintergrundinformationen auf einen einzigen Argumentationsstrang resp. eine These hin orientieren, sind die Hälfte der insgesamt 32 Prozent Beiträge in «Le Temps», die Hintergrundinformationen vermitteln, polikausal, d.h. in ihnen werden divergierende Argumente diskutiert und unterschiedliche Ursachen für Problemlagen eruiert.

Im Fazit hebt die Studie diese drei Bereiche als besonders problematisch heraus:

  1. Die starke Konzentration auf die Themen Radikalisierung und Terror seit 2015. Hier scheint bei einigen Zeitungen eine durch die Aufmerksamkeitsökonomie getriebene Verengung der Berichterstattungsfoki vorzuliegen.
  2. Die starke Zunahme der Distanz erzeugenden Berichterstattung. Eine überwiegend oder fast ausschliesslich negative Aspekte betonende und Distanz gegenüber den Muslimen in der Schweiz erzeugende Berichterstattung ist der vielfältigen Lebenswirklichkeit von Musliminnen und Muslime in der Schweiz nicht angemessen.
  3. Die Distanz erzeugende Berichterstattung, wenn sie mit Pauschalisierungen verbunden wird, d.h. wenn negative Typisierungen undifferenziert auf alle Muslime in der Schweiz bezogen werden. Diese Form der Berichterstattung ist – auch nach den Standesregeln der Journalistinnen und Journalisten selbst – als diskriminierend zu bezeichnen.

Der Gender-Gap auf dem Podium

An das Referat von Patrik Ettinger schloss sich in Basel eine lebhafte, von Jessica King, Geschäftsführerin von Fairmedia, geleitete Podiumsdiskussion an mit den journalistischen Profis Nina Fargahi, Chefredaktorin des Medienmagazins «Edito», Stefan Hohler, langjähriger Polizeireporter beim «Tages-Anzeiger», Min Li Marti, Verlegerin und Chefredaktorin der Wochenzeitung «P.S.» und SP-Nationalrätin, sowie Balz Rigendinger, Leiter Swissinfo.ch.

Die Diskussion drehte sich anhand aktueller Beispiele zentral um die Frage: Wie sinnvoll bzw. notwendig ist die Nennung der Nationalität bei Verbrechensmeldungen? Auffällig war die Geschlechterkluft auf dem Podium bei der Beantwortung dieser Frage. Die wichtigsten Punkte:

Ausländerkriminalität – ein Schichtenproblem

  • Die beiden Männer vertreten entschieden die Meinung, man müsse eben die Fakten bringen, man wolle keine Zensur und keine Schere im Kopf; Geschlecht, Nationalität, Alter seien zentrale Indikatoren bei der Berichterstattung über Verbrechen. Kriminalität sei nun mal zu grossen Teilen ein Ausländerphänomen, und das müssten die Medien abbilden. Rigendinger: «Medien bilden das Gleiche ab, das in den Köpfen der Konsumenten abgeht.»
  • Das schien den beiden Frauen dann doch etwas zu schlicht gedacht. Sie finden, die Nationalität werde oft sehr isoliert ins Spiel gebracht und aufgebauscht. Das schüre Ressentiments und schaffe einen Generalverdacht. Es fehle eine ganzheitliche Betrachtung. Es gehe auch nicht nur um Fakten, sondern um Relevanz. Die Schuhgrösse sei auch ein Faktum, aber eben nicht relevant. Medienschaffende müssten sich zuerst genauer Gedanken machen, ob die Herkunft direkt etwas mit der Tat oder dem Tatverdacht zu tun habe.
  • Zudem: Statistisch seien vor allem junge Männer kriminell. Wenn man die Risikofaktoren für Kriminalität betrachte, sei klar erkennbar, dass sie im Kern ein Schichtenproblem sei. Sobald man die entsprechenden Indikatoren einbeziehe, verschwänden die Unterschiede zwischen Ausländern und Schweizern bezüglich Kriminalität weitgehend. Aber durch die entsprechende Berichterstattung der Medien würde der Anteil der Ausländerkriminalität von der Bevölkerung massiv überschätzt.
  • Ein interaktiver Link des «Tages-Anzeigers» zeigt: Die durchschnittliche Leserschätzung der Kriminalitätsrate von Ausländern ist fast 12 mal höher als in Wirklichkeit (Ausländerkriminalität geschätzt: 25,6 Prozent / real 2,2 Prozent). (Siehe Link unten sowie auch die Studie von Prof. Ben Jann, Uni Bern, und die weiteren Artikel-Links am Schluss dieses Textes.)
  • Balz Rigendinger: Menschen bildeten ihre Identität über ein Differenzbewusstsein. Ausgrenzungsverhalten sei also quasi ein Naturgesetz: «So funktioniert der Mensch.» Dass aber Klickzahlen durch reisserische Schlagzeilen auf Kosten von Ausländern hochgepusht würden, das kenne er nicht. «Wenn das der Fall wäre, dann wäre es Hetze.»

Wie weit ist es her mit der Selbstreflexion der Medien?

Nina Fargahi weist darauf hin, dass heute in der Schweiz 37 Prozent Ausländer leben, aber nur etwa 3 bis 5 Prozent der Journalistinnen und Journalisten einen Migrationshintergrund haben. Hier wäre mehr Diversität dringend geboten, um in den Medien ein ausgewogeneres Bild der Gesellschaft zu repräsentieren.

Gegen Schluss schaltet sich auch der Referent Patrik Ettinger nochmals in die Debatte ein. Ob die Medien die Realität abbilden oder selber schaffen, sei die falsche Frage. Es gehe schlicht darum, dass Medienschaffende sich vermehrt und immer wieder fragen: Welchen Teil der Wirklichkeit bilde ich hier ab? Mit welcher Brille (weltanschaulich, biografisch etc.) betrachte ich diese Realität? Welche Voraussetzungen und Ressourcen (Zeitmangel, Kompetenzen zur Einordnung) stehen mir zur Verfügung? Es gehe ganz wesentlich um diese ständige, auch medienethische Selbstreflexion des eigenen Tuns.

Die Fairmedia-Veranstaltung bot genau dafür eine kompetente und spannende Plattform. Soweit ich es überblicke, hat bis heute kein einziger Journalist und kein Medium darüber berichtet. Medienforscher werden oft als Störenfriede und Nestbeschmutzer betrachtet. Das ist mehr als töricht. Kompetente Qualitätskontrolle sollte zu den ureigensten Interessen der aktuell von so vielen Seiten bedrängten Medienbranche gehören.

Wer noch ein paar Zahlen und Einblicke mehr zu dieser Thematik verträgt, dem seien die folgenden Links empfohlen:

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Alfred Schlienger, Theater- und Filmkritiker, u.a. für die «Republik»; ehem. Prof. für Literatur, Philosophie und Medien an der Pädagogischen Hochschule; Mitbegründer der Bürgerplattform Rettet-Basel!; lebt in Basel.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

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2 Meinungen

Beim Anschlag auf Charlie Hebdo sprach niemand von einer “gezielten Tötung“, dafür wurde von allen Muslimen gefordert, dass sie sich von der Tat distanzierten, bei einem weiteren Anschlag wurde von der Welt gefordert, für Paris zu beten. Haben sich denn jetzt alle Christen vom Mordanschlag an General Sulemani distanziert? Beten wir für Bagdad?
Harald Buchmann, am 16. Januar 2020 um 12:18 Uhr
@Buchmann
Der Vergleich ist schon etwas schief. Die Macher von Charly Hebdo hatten keine Kampfhandlungen geplant und auch niemanden umgebracht. Suleimani hingegen schon. Ich will den Anschlag der USA nicht völkerrechtlich weisswaschen. Aber dass einer, der an einem unerklärten Krieg gegen die USA mitwirkt, selbst Opfer von Gewalt werden kann, ist zumindest nicht völlig überraschend.
Daniel Heierli, am 26. Januar 2020 um 21:43 Uhr

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