kontertext: Nutzungsforschung – für wen?

Mathias Knauer © Barbara Davatz
Mathias Knauer / 01. Jul 2020 - Die Ausgestaltung der zunehmend dominanten Online-Medien darf nicht der taumelnden Privatwirtschaft überlassen werden.

Die gerade viel diskutierte Covid-19-«Äpp» hat zu einer öffentlich wahrgenommen Datenschutzdebatte geführt. Das hat nicht zuletzt geholfen, dass die Schweizer Applikation in Bezug aufs Verraten persönlicher Daten stubenrein zu sein scheint und auch in Deutschland nun das «dezentrale» Konzept adoptiert worden ist.

Beim Versuch, die «Äpp» zur Untersuchung bei Google herunterzuladen, meint man zunächst, bei IKEA gelandet zu sein:

Der Duzfreund, zu dem uns hier das Bundesamt für Gesundheit (BAG) geschickt hat, verlangt von mir, dass ich mich mit E-Mail oder Telefonnummer bei Google anmelde, bevor ich in den Genuss des seuchenpolitisch verschriebenen Instruments kommen kann.

Warum der Bund nicht selbst die App anbieten oder wenigstens mit einer vertrauenswürdigen Stelle zusammenarbeiten kann, sondern die Nutzer mit US-amerikanischen Datenkonzernen zwangsverkuppelt, wird auf den BAG Seiten nirgends erklärt. Das Datenschutzpapier konzediert, ebenso wie ein Assessment-Bericht, diesen Webfehler, meint aber, an derlei seien die Nutzer ja gewöhnt, das sei alltäglich und doch bei allen Apps sowieso der Fall.

Steigendes Bewusstsein für das Tracking-Wesen

Obwohl viele Zeitgenossen sich der Bequemlichkeit halber daran gewöhnt haben, beim Netzverkehr täglich beobachtet und verfolgt zu werden, scheint die Aufmerksamkeit für Datenschutzfragen, ein Gespür für die zunehmende Heteronomie der Bürger und die Übertölpelung der Politik durch Kapitalinteressen zuzunehmen.

Man braucht als aufgeweckte Konsumentin nicht unbedingt den imposanten, 727-seitigen Wälzer von Shoshana Zuboff (Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, Campus 2018) studiert zu haben, um den aktuellen medialen Entwicklungen mit steigender Skepsis zu begegnen. Die Wirtschaftspublizistin und Harvard-Professorin schildert darin eindrucksvoll und detailreich, wie sich die abgeschöpften Daten der verfolgten Konsumenten zu einer Art neuem Rohstoff des Kapitalprozesses entwickelt haben. Allerdings will Zuboff das Fleisch essen, ohne das Kalb zu schlachten: Statt die widerwärtigen Methoden als solche stoppen zu wollen, betrauert sie nur, dass ein Projekt wie Google von den ursprünglichen, philanthropischen, ja eigentlich Service-public-Motiven abgekommen und zur ubiquitären und arroganten Wirtschaftsmacht gewachsen ist, vor der heute, wie Figura zeigt, selbst Staaten Bücklinge machen müssen.

Tiefer schürft da der Essay des in Chemnitz wirkenden Industrie- und Techniksoziologen G. Günter Voss (Der arbeitende Nutzer – Über den Rohstoff des Überwachungskapitalismus, Campus 2020). Voss radikalisiert sozusagen seine frühere Studie (Der arbeitende Kunde, ibid. 2005) und analysiert die Ausbeutung von Verhaltensdaten ökonomisch als eine «Landnahme», nämlich die unrechtmässige Aneignung eines neuen Rohstoffs durch die neue, noch unregulierte Datenwirtschaft.

Verlust staatlicher Souveränität

Statt dass sich die öffentliche Hand frühzeitig gegen den Abbau des Primats der Politik zur Wehr gesetzt, also zum Beispiel eine europäische, nicht gewinnorientierte Suchmaschine aufgebaut hätte, die interesselos (wie ursprünglich Google mit neutralem Indexieren) und transparent betrieben wird, ist zum Beispiel ein Schweizer Projekt wie culturelinks.ch, das vom BAK, der Pro Helvetia und dem Musikrat initiiert worden war (als bloss «nice to have») beerdigt worden, noch bevor es so weit in Fahrt kam, dass man hätte Schlussfolgerungen ziehen können; die Landesbibliothek durfte nicht einmal beim Erarbeiten eines viersprachigen Kultur-Thesaurus mitwirken.

Ein ähnliches Versagen lässt sich im Bereich der Programm- und Mediennutzungs-Forschung beobachten. Die Kulturschaffenden haben seit Jahren gefordert, dass diese Forschung gemeinwohlorientiert und nach wissenschaftlichen Grundsätzen erfolgen soll, dass sie der Verbesserung der Programme und Dienstleistungen zu dienen habe und keinesfalls als «Werbemittelforschung» zu betreiben sei. Mit dem Radio- und Fernsehgesetz von 2006 (RTVG) wurde dann die Programmforschung von der SRG in die Stiftung Mediapulse ausgelagert, die zwar formaljuristisch unabhängig ist, deren Stiftungsrat und Gremien hingegen, ebenso wie ihre operativ tätige Tochtergesellschaft, von Werbeinteressen beherrscht sind – eine Vertretung der Hörerinnen oder Zuschauer, nicht zu reden des Kulturbereichs, der bei Radio und Fernsehen wie bei der Online-Publizistik in höchsten Masse involviert ist, lässt sich in diesen Gremien nicht entdecken. Drei wissenschaftliche Beiräte prüfen einzig die methodisch korrekte Umsetzung, nicht aber medienpolitisch Sinn und Zweckmässigkeit der durchgeführten Untersuchungen und der Indikatoren.

Die Weichen waren indessen früh schon falsch gestellt worden. Bereits in der Botschaft wurde die vom Gesetzgeber gewollte Stiftung dem Parlament und dem Volke mit einer tendenziösen Begründung plausibel gemacht: «Die Radio- und Fernsehveranstalter sind auf diese Nutzungsdaten angewiesen, damit sie Werbung akquirieren und auf diese Weise ihre wirtschaftliche Existenz sichern können.»

Der bornierte Blick der Bundesverwaltung auf den Nutzen statistischer Daten ist zwar auch in anderen Kulturbereichen zu beklagen, aber im Medienbereich wirkt sich der Mangel an Daten und Erkenntnissen, die dem Kulturleben dienen könnten, statt es utilitaristisch zu drangsalieren («Ihr Film ist gar nicht Prime-time-tauglich», «Musikkritik ist doch für die Jungen passé», und wie die Anpasser bei Print und Funk eben heute so reden), besonders verhängnisvoll aus.

«Neue Schweizer Online-Forschung»

Letzte Woche flatterte nun ein Communiqué unserer «unabhängigen» Stiftung ins Haus, mit der diese vermeldet, die Branche habe sich auf ein neues Konzept der Online-Forschung geeinigt, die künftig auch von Mediapulse betrieben werde. Hier wird Klartext geredet: «Mit Mediapulse Online Data erhalten die Schweizer Onlineanbieter die Möglichkeit, den Traffic und die Nutzerschaft ihrer Websites, Apps und Streams zu quantifizieren und nach inhaltlichen, technischen und personenbezogenen Merkmalen zu strukturieren.»

Kurioses Detail: Der Branchendienst Kleinreport hat den im angloiden Kontext geradezu störend altdeutschen Begriff der Nutzerschaft zu «User» umgedichtet. Genderei oder Anpassung an die Handy-Generation?

Es lohnt sich, jenes Communiqué zu lesen, um die Arroganz zu sehen, mit der sich unser «Schweizer Medienmarkt» in der politikverlassenen Lücke tummelt und dies noch flunkernd als Landesverteidigung anpreist: «Eine gemeinsame Forschung ist der erste Schritt für eine Stärkung des Schweizer Medienmarktes gegenüber internationalen Online-Giganten, die sich bis anhin einem transparenten Marktvergleich verweigern.»

Fehlende Aufsicht

Das RTVG bestimmt im Artikel 78 Absatz 1:

Die Stiftung für Nutzungsforschung sorgt für die Erhebung wissenschaftlicher Daten zur Radio- und Fernsehnutzung in der Schweiz. Sie ist dabei der Wissenschaftlichkeit verpflichtet und von der SRG, von anderen Veranstaltern und der Werbewirtschaft unabhängig. Sie kann die Tätigkeiten ganz oder teilweise auf von ihr beherrschte Tochtergesellschaften übertragen und bei der Datenerhebung unabhängige Sachverständige beiziehen. Die Stiftung untersteht der Aufsicht des UVEK.

Es versteht sich von selbst, dass mit Unabhängigkeit hier gemeint war, dass keine geschäftlichen oder anderen Brancheninteressen die Wissenschaftlichkeit dieser Service-Public-Stiftung korrumpieren sollen.

War unter Leuthard vom Bakom, das hier ordnend einzugreifen hätte, wollte es im Sinne einer medienpolitischen Gesamtkonzeption handeln, nicht viel zu erwarten – für Kulturaspekte und Anliegen der Künste hatte Direktor Metzger weder Zeit noch Gehör –, so möchte man nun hoffen, dass dessen neuer Chef, der zumindest ein Mann des Medienschaffens ist, sich nicht als Liebediener der «Branche» herausstellt, sondern als verantwortungsvoller Mitgestalter unserer künftigen Medienkultur bewährt.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Mathias Knauer ist Musikwissenschafter, Publizist und Filmemacher. Er ist seit Jahren in der Kulturpolitik engagiert. Er war Mitbegründer der Filmcooperative und des Filmkollektivs Zürich. Als Mitglied des Verbands Filmregie und Drehbuch Schweiz war er an der Ausarbeitung des «Pacte de l'audiovisuel» und anderer filmpolitischer Instrumente beteiligt. Er ist Vizepräsident von Suisseculture und Mitbegründer der Schweizer Koalition für die kulturelle Vielfalt, in deren Vorständen er u.a. das Dossier Medienpolitik betreut.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

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Eine Meinung

Als einer, der sich über 30 Jahre mit der Nutzungsforschung der Medien befasst hat, komme ich nicht umhin, meinen Senf dazu zu geben. Die Nutzungsforschung der Medien gibt es schätzungsweise seit rund 60 Jahren. Für die Presse wurde sie mit dem Zweck ins Leben gerufen, der Werbewirtschaft verlässliche Zahlen über die generelle Nutzung der einzelnen Pressetitel zur Verfügung zu stellen. Die redaktionellen Inhalte waren und sind in diesem Zusammenhang kein Thema gewesen.
Bei den elektronischen Medien war dies genau umgekehrt. Denn hier hat Prof. Steinmann (SRG) die Messung der Nutzung von TV vor allem aus der Sicht des Programmangebotes vorangetrieben. Und so nebenbei konnten die Werbetreibenden nach Einführung der TV-Werbung auch noch erfahren, wie viele Leute ihre Werbespots gesehen hatten. Als dann in den Neunzigerjahren die Konkurrenzsituation im TV-Markt massiv verschärft wurde, änderte sich die Lage um 180 Grad, Denn das kommerzielle Fernsehen war auf verlässliche Zahlen ihrer Werbeblöcke zwingend angewiesen während bei den anfangs dominierenden Werbefenstern die redaktionellen Inhalte in keiner Weise interessierten.
Ähnlich war diese beim Radio als die privaten, werbefinanzierten Schweizer Sender auf den Markt kamen. Auch sie mussten wissen, wie gross ihr Publikum war, um Werbung akquirieren zu können. Die Informationen über die Programmnutzung waren mindestens zu Beginn nur ein willkommener Nebeneffekt.
Ueli Custer, am 01. Juli 2020 um 14:45 Uhr

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