kontertext: Datengetriebene Unternehmenskultur

Mathias Knauer © Barbara Davatz
Mathias Knauer / 11. Dez 2019 - Service Public auf Abwegen: SRG-Websites zwingen die Besucher, ihr Verhalten ausforschen zu lassen.

Im März 1970 hat uns Hans Magnus Enzensberger im Kursbuch 20 auf Brechts Radiotheorie aufmerksam gemacht:

Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen.

(G.W. 18, S.129)

Wir waren in den 1950er Jahren kulturell stark vom Radio geprägt worden – in Biel konnte man den Südwestfunk hören und man pilgerte im Herbst nach Donaueschingen zu den Musiktagen, wo dank dem Südwestfunkorchester und Hans Rosbaud, unter dem Intendanten Friedrich Bischoff und dem Musikchef Heinrich Strobel Musikgeschichte geschrieben wurde. Und wir hegten in den 60er-Jahren grosse Hoffnungen auf das Fernsehen, diesen mit dem Radio vergleichbaren kommunitären Kulturapparat, der uns zum Beispiel das Filmschaffen von manchen ökonomischen Zwängen zu befreien versprach und zur Vielfalt der experimentellen Produktion beitragen könnte.

Wir hörten Brechts utopische Botschaft und lasen Enzensbergers Baukasten zur Medientheorie, die wir damals selber eifrig betrieben haben, waren indessen ratlos, wie das Postulat umzusetzen wäre.

Keiner hat damals sich vorgestellt, dass der Rundfunk dereinst mit der Internetkommunikation Rückkanäle erhalten würde, die künftig die Publika sprechen machen könnten. Aber jene Utopie ist technisch auch heute noch uneingelöst. Denn die antwortenden Botschaften dienen heute – sei's als Hörertelefon, Kommentarabsonderung, neuerdings «user generated content» (der zynische Ausdruck spricht Bände) – fast nur als kostenloses Utensil für die Publikumsbindungs- oder Marketingstrategien der sich hinter Drehkreuzen absondernden Medienfabriken.

Hingegen finden heute Rückmeldungen ganz anderer Art statt. Mit der Verbreitung der Rundfunkangebote per Internet hat sich das Kommunikationsmodell des Rundfunks technisch in einem entscheidenden Punkt verändert. Weil die Ausstrahlung nicht mehr ins Offene, an die Allgemeinheit erfolgt, sondern die Programme in unzähligen, einzeln adressierten Datenpaketen an distinkte Empfänger ausgeliefert werden; weil somit die Empfangsgeräte eine Adresse haben müssen, damit man sie beliefern kann, erlaubt dies dem «Sender» eine ständige Überwachung aller mit ihm kommunizierenden Gegenstellen. Anonymer Empfang ist nicht mehr möglich, man steht als Rezipient in einem – allerdings primitiven, ganz einseitigen, um nicht zu sagen: knechtschaftlichen – Dialog.

Ärgerliche Überraschung

Als ich dieser Tage auf dem Web etwas übers Programm von «Radio SRF Kultur» nachschlagen wollte, erschreckte mich auf dem Bildschirm die folgende Fratze:

Was war da passiert? Ich hatte, wie üblich sicherheitsbedacht, im Browser die Programmfunktionen von JavaScript ausgeschaltet. Im Internet kann bekanntlich ungeschützter Verkehr gefährlich sein – vor allem aber öffnet man mit aktivierten Skriptfunktionen dem Lieferanten alle möglichen Methoden, das Verhalten des Besuchers auszukundschaften, um diesen mit der Messung seiner Vorlieben und mit anderen Verhaltensdaten für das Angebot zahlen zu lassen.

Bei einem Service-Public-Radio bedeutet das, den Gebührenzahler für den Konsum ein zweites Mal zahlen zu lassen – es wäre denn, er hätte zugestimmt, zum Beispiel Angaben zu liefern, um willentlich und transparent bei der Verbesserung des Programms mitzuwirken: damit etwa nervensägende Moderatorinnen oder Moderatoren wegplatziert werden können, wenn bei deren Blödeleien die Leute notorisch den Kanal wechseln.

Autopsie, Pathologie

Ich untersuchte also die zitierte SRF-Kultur-Seite einmal genauer, um die Motive für ihre Verballhornung zu analysieren.

Die Seite liefert nicht nur die nötigen Elemente für ihre Darstellung, also die Texte, Bilder, die Regeln für Typografie und Layout. Sie versucht, im Hintergrund überdies Programme aufzurufen, mit denen sie mich zwingen möchte, bei jedem Seitenaufruf ahnungslos mit Servern verschiedener Agenturen Verbindung aufzunehmen, damit diese kontinuierlich mein Verhalten auskundschaften können:

scorecardresearch.com (Sitz in Reston VA, USA)

chartbeat.com (Sitz in New York)

webtrekk.com (Sitz in Berlin)

wemf.ch (Sitz in Zürich).

Die SRG gibt in ihrer Datenschutzerklärung keine Einzelheiten über die Umtriebe dieser Firmen bekannt, die für sie als «Auftragsbearbeiter» Daten erheben und analysieren, um der «Optimierung des Online-Angebots (bspw. Marktforschung und Reichweitenmessung)» und für einiges andere zu dienen. Die SRG versteht dieses Verfolgen der Nutzer (Tracking) als «Bearbeitung von Personendaten auf der Grundlage unseres berechtigten Interesses»; sie treibt das trübe Geschäft also auch nach dem formellen Rückzug aus der unheiligen Admeira-Allianz.

Den Tracking-Diensten sollen die Besucher im Hintergrund Daten ausliefern. Hat ein Radiohörer es seinem Browser nicht verboten, werden auf seinem Computer oder Smartphone mit jeder Seite mitgeschickte JavaScript-Programme ausgeführt (SRF selber implantiert hier ein eigenes Skript von 900 kB für die Seitendarstellung und für allerlei visuelles Brimborium – und dazu eben verschiedene Skripte, die den Datenverkehr mit den erwähnten fremden Dienste organisieren).

Hat man jedoch seinem Browser JavaScript verboten, so behelfen sich die Webseitenklempner damit, bei den Schnüffeldiensten ansonsten nutzlose, unsichtbare Minibilder (Zählpixel) anzufordern, unter Angabe, von welcher Seite aus dieses Pseudobildchen verlangt worden ist: dabei wird wenigstens mein Besuch auf dieser Seite gezählt, um statistisch Daten zu gewinnen, mit denen der Sender seinen Werbekunden die Beliebtheit der betreffenden Seite nachweisen kann. Dazu verlangt im Beispiel unsere SRF-Kultur-Seite bei der WEMF (AG für Werbemedienforschung) das folgende, 1 Quadratbildpunkt klein gesetzte und ausserhalb des Bildschirms platzierte Pseudo-Bild:

Und mein Browser meldet fromm, welche Seite ich gerade vor mir habe, auch wenn ich sie, wie unser Beispiel zeigt, eventuell gar nicht zu sehen bekam …

Dass das ärgerliche Aussperren der sich schützenden Nutzer beabsichtigt ist und nicht technisch bedingt, beweist, dass beim Klicken auf eine der grauen Phantombildflächen dieser SRF-Kultur-Eingangsseite die verlinkten Artikel rudimentär angezeigt werden. ...

Die Beschattungsstrategien haben eben einen Haken: Die angebotenen Artikel müssen für die Suchmaschinen lesbar bleiben, müssen also zugänglich bleiben ... All diese Praktiken sind, wie soeben auch eine Studie der «Medienwoche» (Benjamin von Wyl, Matthias Eberl) bezüglich der Verbandelung unserer Zeitungen mit Facebook nachweist, allgegenwärtig im heutigen Internet-Medienbetrieb, und das Problem verschärft sich stets noch mit der steigenden wirtschaftlichen Notlage dieser Sparten.

Seriöse Programmierer ohne Maulkorb oder Oktrois ihrer Auftraggeber halten sich an die Regel, dass eine seriöse, archivwürdige Webseite auch ohne Javascript funktionieren muss. Wenn die SRF-Seiten, wie übrigens auch viele Webseiten der offenbar unabänderlich von Provinzkoryphäen beratenen Bundesbehörden, nicht einmal die Suchfunktion ohne Skriptzwang anbieten, nötigen sie uns mit Steuer- und Gebührengeld, die Skriptfunktionen zuzulassen – Service-Public-Angebote zwingen so vorsätzlich die Bevölkerung, sich im Internet den Datenkraken auszuliefern.

Auch das Streamen von Radio und Fernsehen wird verfolgt

Obwohl Videos heute in aktuellen Browsern direkt abgespielt werden können und dabei ja jeder Aufruf eines Inhalts beim Server registriert werden kann – somit Nutzungsfrequenzen, Herkunftsländer und andere statistische Hinweise abgeschöpft werden können, verlangen zusehends mehr Anbieter – zum Beispiel Googles Youtube – das Abspielen mit aufgezwungenen, eigenen Videoplayern, die ihnen allerlei Messungen und komplexere Manipulationen erlauben.

Auch Radiosendungen bei RTS oder SRF sind per Internet nicht mehr ohne Skriptzwang zu empfangen. Der Zugang, der direkte Abruf oder Download wird per Manipulation blockiert. Was direkt durch Klick auf einen simplen Link abgespielt werden könnte (Klaus Huber: Ausschnitt «Intarsi»), wird von oktroyierten Abspielprogrammen wie «Play SRF» mit einem massiven Überbau aufgebläht und zugesperrt. Wer etwa Espace 2 mit abgeschalteten Skripten aufruft, stösst auf einen toten Kanal:

Auch hier zwingt ein fehlgeleiteter Service public seine Empfänger zum ungeschützten Verkehr.

Ökologischer Unfug

Die Unsitte, mit jedem Seitenaufruf im Hintergrund ungehemmt allen möglichen Ballast mitzuschicken, hat aber auch einen anderen Aspekt. Die Verfahren sind riesige Stromfresser, nicht nur auf Serverseite, sondern auch – und dies folgenreich zumal auf batteriebetriebenen Geräten – beim Konsumenten. Videos, Animationen und anderer visueller Firlefanz, die die Geräte heisslaufen lassen, sind Batteriefresser.

Auch der Service Public-Rundfunk wird hierzu bald zur Verantwortung gerufen werden und man wird ihm vorhalten, lang und massenhaft mit fragwürdigen Motiven Energie verschleudert zu haben, wacht nur einmal der Konsumentenschutz auf, der sich heute auffallend wenig um die verdrängten Datenschutz- und anderen Internetsünden kümmert.

Heteronomie

Nun erfolgt zwar das Tracking – das Verfolgen der Datenspur der Empfangenden – anonymisiert: Individuell identifiziert werden kann ein einzelner Empfänger nur, wenn er eine eigene, stets gleichbleibende IP-Adresse hat und wenn er sich nicht gegens Verfolgen schützt. Das sind aber leider die meisten Menschen, die heute sich im Internet umtun. Sie ahnen vielleicht Schlimmes, sind aber bequem oder ihren Apparaturen verfallen, verdrängen die Probleme und lassen es zu, dass sich hinter ihrem Rücken eine unkontrollierte Technokratie gegen ihre Interessen verschwört.

In ihrer Anpreisungsprosa empfiehlt sich die erwähnte Berliner Firma Webtrekk GmbH an als «Ihr Partner für eine datengetriebene Unternehmenskultur», in der englischen Version noch weniger verblümt: «Your Partner in Data-Driven Decisions».

Statt mit jenen, denen sie zu dienen hätten, ins Gespräch zu kommen und Wertentscheidungen zu treffen, lassen sich moderne Unternehmen eben lieber von algorithmischen Zauberformeln leiten. Auch die SRG, die seit dem Direktorat Schürmann unverzagt dummstolz Unternehmerlis spielt, trudelt auf diesem Abweg.

Dass sich die Menschen von den beschriebenen Heteronomien emanzipieren, ist indessen nicht schicksalhaft versperrt. Noch ist die SRG über einen Faden mit ihren fast zur Bedeutungslosigkeit regredierten Trägerschaften verbunden. Die Genossenschaften hätten sich nur einen Ruck zu geben und mit mutigen und kreativen Führungskräften das verständige und politisch verantwortungsvolle Publikum so zu organisieren, dass es laut zu sprechen begänne, dem datengetriebenen Management die Türe weist und wieder Kulturmenschen das Regnum anvertraut.

******************************************************************

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Mathias Knauer ist Musikwissenschafter, Publizist und Filmemacher. Er ist seit Jahren in der Kulturpolitik engagiert. Er war Mitbegründer der Filmcooperative und des Filmkollektivs Zürich. Als Mitglied des Verbands Filmregie und Drehbuch Schweiz war er an der Ausarbeitung des «Pacte de l'audiovisuel» und anderer filmpolitischer Instrumente beteiligt. Er ist Vizepräsident von Suisseculture und Mitbegründer der Schweizer Koalition für die kulturelle Vielfalt, in deren Vorständen er u.a. das Dossier Medienpolitik betreut.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Matthias Zehnder.

Weiterführende Informationen

1 Fratze
2 angezeigt werden
3 toten Kanal
code wemf

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

Eine Meinung

Ich muss zugeben, ich verstehe die Panik nicht. Dass eine Webseite ein anonymes Pixel anfordert um die Anzahl Besuche zu zählen, das bedroht nun wirklich nicht meine individuelle Freiheit. SRF hat zudem nicht einmal Werbung auf ihrer Hauptseite.
Umgekehrt geht der Autor nicht weit genug im Bezug auf Brechts Zitat: ja, der Rundfunk sendet noch immer, aber er ist zunehmend irrelevant. Brechts Vision wo jeder reden kann ist viel mehr auf facebook und twitter Realität geworden, wenn auch weit dystopischer als Brecht das damals erwartete. Brecht meinte wohl, nur die gebildeten würden dann reden. Heute erleben wir, dass es gut war wenn die Gebildeten mehr Kanäle haben als diejenigen, die nicht nachdenken wollen, die von Wissenschaft nichts verstehen, sich von religiösem Fanatismus blenden lassen, die wieder an eine Scheibenerde glauben weil ihnen die komplexe Welt Angst macht. Alle paar Jahrzehnte bis Jahrhunderte verlieren Eliten ihre Legitimität (sowohl in Chinesischer als auch Europäischer Geschichte gut zu sehen). Der aktuelle Versuch die Eliten ganz zu entmachten und alle Macht dem Pöbel zu fordern, erweist sich jedoch immer klarer als ebenfalls gescheitert.
Harald Buchmann, am 13. Dezember 2019 um 04:33 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.