kontertext: Paul Nizon, #Dichterdran, «Gopfverdeckelduseckel»

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Silvia Henke / 15. Okt 2019 - Varianten feministischer Literaturkritik im Herbst 2019

Empörung: Alter weisser Mann «in action»

Vielleicht ist die Zeit der alten Männer und ihrer Geniemythen wirklich vorbei oder aus der Mode gekommen. So jedenfalls kann man die kleinen Aufschreie werten, die auf ein Radio-Interview folgten, das der bald 90-jährige Schriftsteller Paul Nizon im Vorfeld seines Geburtstags der Radiojournalistin Susanne Führer auf Deutschlandfunk gab. Aufmerksam darauf wurde ich durch Kommentare wie: «Hört in dieses Gespräch mit dem Schweizer Schriftsteller Paul Nizon rein, hier könnt ihr einem aussterbenden Exemplar (Künstler)-Mann zuhören. Es wird ihn so nicht mehr geben. » Oder: «Ich habe noch nie ein Buch von ihm gelesen – was haben uns solche megalomanen Typen schon zu erzählen.» Verwechselt wird er mit anderen, ähnlich «kranken» Typen aus der eigenen Biographie der Schreiberinnen: «Das Genie, das ein Monster ist – Hände weg!» Zu solchen Kommentaren auf Social Media sollte man keine autorschaftlichen Zuweisungen machen, sie folgen zu oft einfach einem Reflex. Interessant ist dennoch, dass sie in diesem Fall von explizit feministischen Frauen kamen, die zum Teil ausgewiesene Genderforscherinnen sind. Und es ist nicht wirklich erstaunlich, dass der «Tages-Anzeiger» den Ball sofort aufnahm und nachdoppelte, um den «Prototyp eines alten weissen Mannes in Action» zu rügen und höhnen. Andreas Tobler übernahm den polemischen Ton gerne. Offenbar war es den empörten Hörer*innen nicht möglich, in diesem Interview mit dem alten Nizon die Unsicherheit in der Eitelkeit zu hören, die Ironie in der Selbstüberschätzung. Dass er und Picasso Paris erfunden hätten, kann man nur mit einem Lächeln hören. Wie man auch nur mit genauem Ohr die leise Melancholie eines «Abtretenden» hören kann, der sehr wohl weiss, dass der Boden eines Schreibenden immer dünn und ein Werk nicht unbedingt ewig ist.

Natürlich braucht man weder den Mann noch den Schriftsteller zu mögen, aber Kritik, die auf Totsagen zielt (bei einem 90-jährigen), hat etwas Problematisches. Nizon verlangte nie Zuneigung, sondern Achtung und Interesse. Entsprechend tritt er in öffentlichen Gesprächen und Interviews auch nicht so freundlich auf, wie wir es heute gewohnt sind von den eher smarten Schriftstellern der Gegenwart. Dies hat Felix Schneider in einem Gespräch für SRF 2 auf intelligente Weise klargestellt. Wie dissident und auch einsam Nizon heute tatsächlich ist mit seinem Grössenwahn und seiner Exzentrik, kann man bei ihm nachhören.

Offen bleibt die Frage, ob man als Feministin einen Autor wie Paul Nizon überhaupt noch zur Kenntnis nehmen sollte. Besser dem Abgesang folgen und sagen, diese Spezies und mit ihr ein Frauenbild stirbt nun eben aus? Ich würde hierzu das Interview unbedingt empfehlen, ebenso wie die Bücher «Das Jahr der Liebe» oder «Untertauchen». Sie handeln nicht von Emanzipation, sondern vom Selbstverlust in der Liebe und von der Fremdheit der Geschlechter. Sie sind geschrieben aus der Einsicht, dass sich Männer und Frauen durch ihre Geschlechtlichkeit anziehen und fremd bleiben. Nizon: Es gibt zwischen Männern und Frauen «so viel Unterschied, dass man damit nicht fertig wird». Das ist auf jeden Fall ein Satz, der nicht so schnell aus der Mode kommen sollte (während man das «Frauenbild» bei Nizon wohl als antiquiert taxieren kann, insofern es sich auf eine alte Form von Häterenliebe bezieht). Aber es gab einmal eine feministische Literaturkritik, die solchen Sätzen nachlauschen und sie in Beziehung setzen konnte zu einer Mehrdeutigkeit, mit der man eben nicht so schnell fertig wird.

Ironie: #Dichterdran oder «Hemingways Beine»

Was kaum aus der Mode kommt, ist die Inszenierung und Selbstinszenierung der Schriftsteller*innen auf Fotografien. Sie werden von den Künstler*innen meist selber sorgfältig hergestellt und ausgewählt und von Verlagen gezielt eingesetzt, um auf die Bücher aufmerksam zu machen. Das ist eine alte Geschichte, sie hat mit Baudelaire begonnen, der nicht nur über Fotografie geschrieben hat, sondern sich auch unvergesslich von Félix Nadar ablichten liess. Könnte jemand sagen, dass der eindringlich melancholische Blick des Dichters, die leicht schräge, skeptische Kopfhaltung auf der berühmten Fotografie die Vorstellung des romantischen «Spleens» nicht genährt habe?

Auch die Geschichte des weiblichen Konterfeis als Werbefläche ist so alt wie die Porträtkunst und wie die Fotografie. Mythisch wurde sie eher mit Schauspielerinnen: Das Gesicht der Garbo, so Roland Barthes 1957 in seinen zurecht unvergessenen «Mythen des Alltags», habe die Menschen in grösste Verwirrung gestürzt, da man sich in ihm verlor «wie in einem Liebestrank, da das Gesicht eine Art von absolutem Zustand des Fleischs bildete, den man nicht erreichen und von dem man sich nicht lösen konnte.» Barthes wusste Fotografie zu schätzen und er konnte Gesichter lesen. Er sah, dass es bei Garbo darum ging, aus dem Gesicht ein Objekt zu machen, eine Maske, einen Begriff. Schon mit Audrey Hepburn war das vorbei: mit ihr wurde das Gesicht zum Ereignis, schreibt er am Ende seines Essays über «Die Garbo».

Eine Geschichte hat auch das Bild der Schriftstellerin: Ob Djuna Barnes, Else Lasker-Schüler, Ingeborg Bachmann, Judith Hermann oder aktuell Simone Lappert: Alle wissen und wussten, ihr Gesicht und eine bestimmte Pose einzusetzen, um ihre Texte zu paraphrasieren, zu stärken, zu authentifizieren oder zu verrätseln. Man findet diese Strategie natürlich verstärkt im heutigen Literaturbetrieb durch die grosse Verbreitung von Bildern, aber sie ist nicht neu. Verstärkt wird sie bei jungen Frauen, insofern diese etwas versprechen, was vielleicht niemals einzuholen ist durch ihre Texte. Aber eben das ist strukturell und hat mit dem Rätsel des Gesichts zu tun. Es lässt sich keineswegs übertragen auf Beine, auch nicht, wenn sie von Hemingway stammen. Dass es eine Porträtfotografie der jungen Schriftstellerin Sally Rooney war, die kürzlich Anlass für einen grösseren medialen Wirbel gab, ist deshalb in sich genommen wichtig. Ausschlaggebend war der Kommentar eines Grosskritikers zum Bild, der damit auch ihr schriftstellerisches Können in Zweifel zog. Vielleicht war sein Kommentar auch Kritik an der Marketingstrategie des Verlags, wie Literaturkritiker Hansruedi Kugler in seiner Auseinandersetzung mit der «causa» vermutet. Dass das Bild der irischen Autorin auf dem Cover des «New Yorker» erschien, ist auf jeden Fall Aufforderung, das Gesicht zur Kenntnis zu nehmen und in ihm etwas Grosses zu sehen. Entscheidend ist aber für das Bild der Schriftsteller*innen, dass sie als Autor*innen zwar für einen Moment Objekt der Kamera sind, aber sich dennoch als Subjekt behaupten müssen. Das entspricht ihrem Status als Schreibende. Sieht man in ihnen nur ein kleines erotisches Objekt, ein Tier, ein Mädchen, ein Püppchen, «ein verhühnertes Sex-Reh quasi» (Simone Meier), dann muss dies nachdenklich oder wütend stimmen. Insofern ist der Protest, den der männliche Blick auslöste, mehr als gerechtfertigt. Denn er macht fast nebenbei auf etwas sehr Interessantes aufmerksam: auf den Zusammenhang zwischen männlichem Blick und weiblichem Bild.

Sieht der Kritiker, was die Verlage und die Künstlerinnen selber anpreisen wollen und was die Massen sich vorstellen unter einer Schriftstellerin? Oder sieht er seine eigene Phantasie? Ist das überhaupt entscheidbar?

Weiter wirft die Kampagne und nun auch das Buch die Frage auf, ob es neben dem Mythos des alten einsamen Dichtergenies (Nizon) nicht auch den Mythos der jungen Schriftstellerin gibt, die ihr Äusseres ebenso in die Waagschale wirft wir ihr Inneres? Wer ist verantwortlich für die Mythenbildung des Gesichts? Das Märchen der bösen Medien greift hier wohl zu kurz. Mythen entstehen, weil die Massen sie wollen und weil Einzelne in und mit ihnen aufzutreten verstehen. Marc Reichwein hat über die verschiedenen Versionen visueller Bildpolitik im Literaturbetrieb sehr gründlich nachgedacht und die weibliche Unschuld an dieser Politik zu Recht bei Seite geschoben.

Lust an der Umkehrung

Was also als Twitterkampagne mit dem Hashtag #Dichterdran begann, im internationalen Feuilleton Echo fand und nun auch in einem Buch Niederschlag findet, ist insofern eine ebenso delikate wie aufschlussreiche Geschichte. Die Frage der Autorinnen, was passiert, wenn man die Positionen umkehrt (Frauen beurteilen männliche Konterfeis) ist deshalb spannend, weil man nie weiss, was bei Umkehrungen herauskommt. Denn es gibt selten Symmetrien. Für Frauen hat das Äussere von Männern zwar auch Bedeutung, aber kaum dieselbe wie umgekehrt. Frauen sind weniger gewohnt oder weniger interessiert daran, sich Gesichter als visuelle Objekte einzuverleiben. So fallen bei der Kampagne und ihrer Stossrichtung der «Umkehrung» zwei Dinge auf: Der Blick der weiblichen Autorinnen Nadia Brügger, Simone Meier und Güzin Kar & Co. zielt nur wenig auf das Gesicht: Meist wird gleich auf die ganze Spezies Mann ausgegriffen, so unbekümmert und frech, wie sich dies im Moment kaum ein Mann im Kulturbetrieb trauen kann. Besonders frech die Tweets von Silvia Tschui: «Camenisch, oft mit zerzaustem Haar und roter Mütze unterwegs, stellt seinen Körper gern in knappen Strickpullovern zur Schau. Zudem kultiviert der Bergler mit den sinnlichen Lippen den breitesten Bündner Dialekt. Der einlullenden Stimme zuhören und dabei ins Träumen geraten – das könnten wir ewig.» Besonders böse jene von Sibylle Berg:

«walser, der heute als erfinder der statement-braue bekannt ist, verfasste nach der geburt seiner 5 Kinder erotische Werke, in denen er vornehmlich den Verlust seiner jugendlichen libido betrauerte und mit denen er dem einfachen mann seiner generation eine stimme gab.»

Frauen begnügen sich also nicht mit der herablassenden oder kritischen Taxierung des Schriftstellerbildes: sie zielen aufs Ganze der männlichen Literaturmythen. Das gelingt nicht immer gleich gut: Einen Bert Brecht kann man nicht mit drei Sätzen «fertig» machen, da haben die weibliche Literaturkritik und auch die «Opfer» des Genies selber zu viel Intelligentes geschrieben. Man lese nur einmal den satirischen «Tiefseefisch» einer Marie-Louise Fleisser.

Wirklich interessant sind also jene Tweets, die durch die Lust an der Umkehrung Logiken der Korrektheit ausschalten und sexistische Bedeutungen freisetzen, die wir nicht sofort einholen können, insofern Frauen und Männer einfach nicht aufeinander abbildbar sind. «Gopfverdeckelduseckel» wird, so vermute ich einmal, ein typisch weiblicher Fluch bleiben.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Silvia Henke ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und Publizistin. Sie unterrichtet an der Hochschule Luzern Design & Kunst u.a. Kunst und Politik und visuelle Kultur. Forschungsschwerpunkte sind Kunst & Religion, künstlerisches Denken, transkulturelle Kunstpädagogik. Sie interessiert sich grundsätzlich für die Widersprüche der Gegenwart, wie sie auch in der Medienlandschaft auftauchen, und veröffentlicht regelmässig Texte und Kolumnen in Magazinen und Anthologien.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Robert Ruoff, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Matthias Zehnder.

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