Peter Wanner: «Lasst um Gottes Willen Wettbewerb zu!» © Emanuel Freudiger/AZ Medien

Peter Wanner: «Lasst um Gottes Willen Wettbewerb zu!»

Service public ist öffentlich und privat

Robert Ruoff / 12. Dez 2015 - «Das duale Modell mit Gebühren für die öffentlichen und Werbung für die privaten Medien bringt Wettbewerb und Qualität für alle»

Das Interview mit dem AZ-Verleger Peter Wanner ist das Fünfte in der Reihe zum Service public in den Medien. Bereits erschienen sind die Gespräche mit dem Historiker Jakob Tanner, dem Mitglied der SRG-Geschäftsleitung Ladina Heimgartner, dem Filmemacher Samir und dem Medienjournalisten und Werbungsexperten Ueli Custer.

Die heisse medienpolitische Diskussion dreht sich um den Service public der SRG. In Wirklichkeit geht es um das Gleichgewicht zwischen öffentlichen und privaten Medienhäusern. Und um die Zukunft der gesamten Medienszene Schweiz.

Peter Wanner, was ist für einen Verleger wie Sie der Service Public?

Ich ziehe die Bezeichnung öffentlicher Rundfunk vor. Ganz grundsätzlich finde ich: Auch Private erbringen mit den Medien einen Service Public.

Und wenn Sie Service Public definieren müssten?

Service Public im engeren Sinn, mit Leistungsauftrag und Konzession, würde heissen: Bürgerinnen und Bürger in allen Landesteilen mit Information versorgen, damit sie teilhaben können an der Meinungs- und Willensbildung in der direkten Demokratie. Das ist der Kernauftrag. Service Public leisten aber auch Private, als Zeitung etwa die NZZ.

Also braucht es gar keine SRG?

Das sage ich nicht. Aber ich sage: Lasst um Himmels Willen Wettbewerb zu! Die Schweiz scheut den Wettbewerb.

Es gibt doch Raum für die Privaten?

Dominik Kaiser mit seiner 3+-Gruppe oder wir, die AZ Medien mit den Lokalsendern in Bern, Aarau und vor allem mit TeleZüri und TV 24 zeigen, wie man in der Schweiz privates Fernsehen machen kann. Aber in diesem Markt sitzt die SRG mit einer monopolähnlichen Stellung für sprachnationales Radio und Fernsehen. Sie hat nicht nur die Gebühren. Sie hat auch die Werbung. Und sie hat über Jahrzehnte hinweg ihre starke Stellung im Radio- und Fernsehmarkt ausgebaut.

Sie können also zur SRG gar nicht ernsthaft in Wettbewerb treten?

Doch, aber dieser Wettbewerb wird enorm erschwert. Wenn man wirklich Vielfalt will in Radio, Fernsehen und Online, dann muss man die Rahmenbedingungen für den Wettbewerb ändern. Die Spiesse sind ungleich lang.

Nun gibt es ja Gründe für das SRG-Monopol.

Es gab sie: zu wenig Frequenzen und zu hohe Produktions- und Kapitalkosten beim Fernsehen. Heute erlaubt die Technik sehr viele Anbieter. Und die Kosten sinken massiv. Die Schwelle für den Eintritt zum Markt ist sehr viel niedriger: Man kann via Internet aus dem Wohnzimmer Fernsehen machen.

Neue Wettbewerbsbedingungen für SRG und Private: wie soll das aussehen?

Das eine Modell wäre: Man könnte neben der SRG einem Privaten einen Leistungsauftrag erteilen, wie in Dänemark. Dieser Auftrag könnte kleiner sein, schwergewichtig für Information oder Wirtschaft, in allen Landesteilen oder nur in der Deutschschweiz, wo der Markt grösser ist.

Da runzeln die Welschen und Tessiner die Stirn.

Das ist schon möglich. Die andere Lösung wäre, bei der SRG die Werbung abzubauen oder ganz abzuschaffen. Das wäre das «duale Modell», wie man es in Grossbritannien und in allen skandinavischen Ländern kennt. Die Werbung bleibt dort ganz bei den Privaten, und der Wettbewerb zwischen den öffentlichen gebührenfinanzierten und privaten werbefinanzierten Anbietern führt zu innovativen Programmen.

Damit verliert die SRG einen Viertel ihrer Einnahmen und das Publikum ziemlich viel Programm.

Das muss nicht sein. Man muss die Werbung ja nicht von einem Tag auf den anderen streichen. Das kann schrittweise geschehen, denn die Privaten müssen ihre Programme auch schrittweise aufbauen. Vernünftig wäre wohl ein Vorgehen mit Werbebeschränkungen, wie man es z.B. in unseren Nachbarländern Deutschland und Frankreich kennt. Dort dürfen die öffentlich-rechtlichen Sender ab 20 00 Uhr keine Werbung mehr ausstrahlen. Man könnte auch die stündliche Werbezeit einschränken.

Dann müssten die Gebühren in die Höhe gehen?

Nicht unbedingt. Wichtig ist, dass die SRG genug Gebühren erhält für ihren Leistungsauftrag. Modellrechnungen sagen: Es gibt eine wachsende Anzahl von Haushalten, die Gebühren zahlen. Es gibt im neuen Gebührenmodell keine Schwarzhörer und Schwarzseher mehr. Es gibt mehr Unternehmen, die gebührenpflichtig werden. Die Gebühreneinnahmen werden also trotz der beschlossenen Gebührensenkung stetig wachsen und bis in fünf Jahren durchaus auf 1.4 Milliarden steigen. Heute hat die SRG Gesamteinnahmen von knapp 1.6 Milliarden (1.2 Milliarden Gebühren, 3.7 Millionen Werbung). Wenn sie noch ein wenig mehr spart, kann die SRG mit anderthalb Milliarden Franken ein sehr anständiges Service-Public Programm machen, für alle Landesteile.

Manche nennen dieses Modell einer SRG ohne Werbung wirtschaftsfeindlich.

Das ist Bullshit. Es muss ja nicht gleich ein Werbeverzicht sein, denkbar ist auch eine Werbebeschränkung. Und weil die Privaten wachsen, wird die Werbung bei Privaten mehr Möglichkeiten finden, auch online.

Und die Werbung wandert dann zu den deutschen Werbefenstern von RTL oder ProSiebenSat1?

Das ist eine Schutzbehauptung der SRG. Die deutschen Werbefenster sind schon proppenvoll, und sie verkaufen die Werbeplätze zu Tiefstpreisen, weil niemand mehr ihre überlangen Werbefenster schauen will. Nein, die Werbung sucht das Umfeld von schweizerischen Programminhalten.

Sie rechnen mit mehr Privatsendern?

Sie schiessen jetzt schon wie Pilze aus dem Boden, weil sie die Möglichkeit sehen, an die Schweizer Werbung heran zu kommen. Schon im kommenden Jahr dürfte es neue Schweizer Privatsender geben.

Und dann machen Sie noch mehr Programm nach dem Motto «Bauer, ledig, sucht»?

Warum nicht? Mit mehr Geld würden auch wir in mehr Eigenproduktionen investieren, in Informationssendungen, Diskussionen, auch als Alternative zu manchen Programmen der SRG. Wie beim erfolgreichen «SonnTalk» von TeleZüri. Wir könnten in teurere Filme investieren.

Und das geht in Konkurrenz zur SRG?

Neue Rahmenbedingungen heisst auch: Die SRG muss sich auf ihren Auftrag konzentrieren. Man muss fragen: Muss sie in Zukunft noch so viele Radioprogramme machen? Braucht es SRF Virus, SwissPop, Swiss Rock, Swiss Jazz? Ist das noch Service Public? Soll sie ihr zweites Fernsehprogramm mit Filmen und Serien füllen? Soll sie zusätzliche Filme einkaufen oder produzieren, die sie nur online ausstrahlt? Ist «Online only» noch Service Public?

Das Online-Angebot der SRG macht den Verlegern sowieso Sorgen?

Für Online gilt ganz klar: Keine Werbung. Ausser für Sendungen, die die SRG linear ausstrahlt, also in der bekannten festen Programmabfolge. Weiter gilt: Keine Video-Werbung. Keine Online-Zeitung. Das sollte die SRG den privaten Medien überlassen. Es käme ja auch niemand umgekehrt auf die Idee, mit Gebühren eine gedruckte Zeitung zu machen. Fernseh- und Radiosendungen gehören zur Kernkompetenz der SRG; das muss sie selbstverständlich online zugänglich machen. Aber je mehr sie sich darüber hinaus online ausbreiten will, desto mehr kommt sie privaten Anbietern in die Quere.

Das heisst: Sie wollen die SRG überall ein bisschen amputieren?

Das sagen andere. Ich finde, man sollte ihr wie bei einem Baum die überlangen Äste schneiden, dann gedeiht er kräftiger. Würde man die kommerziellen Einnahmen mehrheitlich den Privaten überlassen, den Leistungsauftrag genauer fassen und unabhängig von Staat und Politik kontrollieren, und würde man die Gebühreneinnahmen auf einer Höhe von, sagen wir, 1.4 bis 1.5 Milliarden begrenzen, dann könnte die SRG in diesem Rahmen einen wunderbaren Service Public gestalten.

Nun gibt es aber bei Verlegern und in der Politik, bei SVP, FDP, Gewerbeverband, starke Strömungen, die die SRG-Gebühren massiv kürzen wollen.

Ich warne vehement vor diesem Weg. Das wäre gefährlich für das ganze Mediensystem. Man muss die Finanzierung der öffentlichen und privaten Medien als Ganzes sehen. Wenn man der SRG die Gebühren kürzt, kürzt man die Mittel für die Medien insgesamt. Und man provoziert zwischen SRG und Privaten einen umso härteren Kampf um die Werbung.

Nun ist ja ein knallharter Kampf angesagt: Mit der geplanten Werbeplattform von Swisscom, SRG und Ringier?

Das halte ich für problematisch. Die SRG-Gebühren sind nicht dafür gedacht, einem Privaten wie Ringier Marktvorteile zuzuschanzen. Und die Daten der mehrheitlich staatlichen Swisscom müssten allen Medienhäusern ohne Benachteiligung frei zugänglich gemacht werden. Sonst geht das nicht.

Aber sie sind selber offen für eine Zusammenarbeit mit der SRG?

Wenn Sie damit so etwas meinen wie Presse TV, wo private Anbieter ihre Sendungen auf einem SRG-Kanal platzieren, dann sage ich klar: Nein. Wir sollten mehr publizistischen Wettbewerb wagen, denn Wettbewerb, das ist meine tiefe Überzeugung, führt zu mehr Vielfalt und zu mehr Qualität.

Also haben Sie kein Interesse an den Vorschlägen der SRG?

Ich kann mir die Übernahme von News- oder Sport-Beiträgen sehr gut vorstellen, auch die Übernahme von Filmen und Sendungen aus dem riesigen SRG-Archiv. Ich kann mir die Kooperation bei Senderechten vorstellen, etwa bei Spielfilmen oder Serien oder bei einzelnen Fussballspielen. Wünschenswert wäre, wenn eine kooperativere SRG darauf verzichtet, Private zu überbieten, etwa bei Spielfilmen oder bei der Übertragung eines Schwingfestes. Alles, was Private machen können, sollten die Privaten machen.

Was heisst das für die Schweizer Medienlandschaft?

Ich halte den Leistungsauftrag der SRG für wichtig in unserem kleinen, vielsprachigen Land. Früher hatten wir ein gesundes Gleichgewicht zwischen einer starken Presse und einer starken SRG. Heute fehlt dieses Gleichgewicht. Die Presse leidet. Die SRG darf deshalb nicht übermächtig werden und die privaten Anbieter an die Wand drücken. Mit ordnungspolitischen Massnahmen müssen wir einen Medienmarkt schaffen, in dem neben der SRG private schweizerische Anbieter eine Chance haben, sich zu behaupten. Nur so kriegen wir die gesunde Medienvielfalt hin, die für die Meinungs- und Willensbildung in der direkten Demokratie von grosser Bedeutung ist.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.Der Autor des Interviews, Robert Ruoff, war bis 2004 Mitarbeiter der SRG. Er hat sich mit der Privatisierung von Radio und Fernsehen seit dem Sturm auf das Radio-Fernsehmonopol in den 1970er Jahren journalistisch beschäftigt. Er hält den Service public der SRG für einen wichtigen Teil der Schweizer Medienszene, in ruhigen und in Krisenzeiten. Und er wünscht sich gute Bedingungen für eine starke, private Konkurrenz, die die SRG mit Qualität, Vielfalt und Innovationskraft herausfordert. – Das Interview mit Peter Wanner ist am 12. Dezember in der «Südostschweiz» und am 10. Dezember in der «AZ Nordwestschweiz» erschienen.

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3 Meinungen

«Das duale Modell mit Gebühren für die öffentlichen und Werbung für die privaten Medien bringt Wettbewerb und Qualität für alle»

So spricht Einer, der vom Staat über Zwanfsgebühren mitfinanziert wird, und sich trotzdem privater Unternehmer schimpft. Gemischtwirtschaftliches Konzept, in der bewährten freund-eidgenössischen Art und Weise.

Zugegeben, wäre ich ein Herr Wanner, ich würde es vielleicht auch so machen, denn schliesslich wurden ja auch früher schon die Medien subventioniert, schon die PTT hatte eigene Gebühren, damit die armen Zeitungsverleger ihre Thesen (und Werbung) an den Mann bringen konnten, für ihn ist das daher gelebte Kunst, und eine schon immer gewohnte Selbstverständlichkeit dazu.

Ich bin fast schon glücklich darüber, dass die BILLAG Initiative es schaffte, dass das Thema dem Volk zur Entscheidungsfindung vorgelegt werden muss.

Es kann doch nicht angehen, sich PRIVAT zu nennen, und von Staat das Geld zu erhalten, um Relais-Stationen des Zueri-TV bis nach Bern zu unterhalten.

Es kann auch nicht angehen, dass bestehende Gesetze geändert werden, nur, damit Herr Wanner einen Relais-Sender mehr besitzen darf als eigentlich zulässig. Und damit er es kann, will er auch noch Geld, ganz abgesehen davon, dass eine mögliche privatwirtschaftliche Konkurrenz, schon aufgrund des Frequenzmangels, von Vornherein nie mehr stattfinden kann.

Man schuf neue Monopole.

Die Billag Initiative ist die wohl einzige Möglichkeit, dem echten Markt eine neue Chance zu geben.
Ernst Jacob, am 16. Dezember 2015 um 03:21 Uhr
»...denn Wettbewerb, das ist meine tiefe Überzeugung, führt zu mehr Vielfalt und zu mehr Qualität» sagt Wanner. Denke ich: aha! Und «Alles, was Private machen können, sollten die Privaten machen», meint er zudem. So,so.
Tia, da muss ich erst mal leer Schlucken. Man sage mir nur ein Beispiel wo durch Privatisierung die Qualität verbessert wurde, Branche egal. Das gibt es nicht. Noch jedes mal, wenn die innovativen Quellen ausgeschöpft sind, wollen die Eigentümer immer noch Profit erzielen und das ist in einem kleinen Markt wie es die Schweiz ist, ab einem gewissen Zeitpunkt nur mit Kostensenkungen möglich und das bedeutet unabdingbar QUALITÄTSVERLUST.
Und dann wollen Sie auch noch alles machen, was Sie denken, ebenfalls produzieren zu können. Aber warum soll den Tele Züri oder oder irgendein Privat-Sender das Schwingfest übertragen? Oder überhaupt irgendein Thema? Filme, Doks, Shows. Sollen doch die Veranstalter entscheiden, wem sie die Rechte geben. Herr Wanner kann jederzeit irgendwo mitbieten und versuchen, sich Übertragungsrechte zu sichern. Märkte analysieren und entsprechend entscheiden, dass sollte sein und nicht in den Medien herum lavieren.
Ueli Signer, am 21. Dezember 2015 um 17:53 Uhr
Aber es ist doch ganz genau diese KULTUR, mit den Schwingfesten, den Alpaufzügen, Jodelchören, und Bauernzmorgen, und Trachtenchören, da, wo die Schweizer Fahnen geschwungen werden, und die Stumpen geraucht, das Bier gesoffen und Schwein gefressen, genau das also, was die gesammelte Front gegen die NATIONALEN im Land doch immer nur bekämpft.

Das ist SVP und Nationalisten Theater, rechts-extrem und fremmdenfeindlich, und jetzt plötzlich, wo die Rechten im Land mit der BILLAG Initiative, die zufälligerweise grad zur Hand war, das ganze erst mal ermöglichte, jetzt kommen ALLE die Grünen, und Roten, und Schwarzen, und Blauen, und schorren einen daher über Kultur, und Pflege der Tradition.

Zudem, ein Schwingfest ist eine Riesen Sache, da geht es um Millionen. Und Tele Zueri wäre wohl sofort bereit, so Etwas zu übertragen, denn das brächte Kohle, sehr viel sogar.

Hätte wir heute noch die PTT, es gäbe noch gar keine Smartphones in unserem Land. Und wäre es nach der PTT gegangen, hätten das das Radio in der Schweiz schon gar nie erst aufkommen lassen. (Dokumentiert!)

Ich würde einfach einmal vergleichend vergleichen, andere Sender, mit ähnlichem Auftrag, mit unserer SRG vergleichen. Um zu vergleichen, ob sich überhaupt irgend etwas vergleichen liesse, kostenmässig, zumindest.

Aber statt zu vergleichen, vergleicht man Frau RICKLi mit dem Problem, und findet es auch, natürlich bei Frau Rickli. Sie ist SCHULD, ganz allein, wenn die SRG stirbt.

So einfach ist es doch.Oder nicht?
Ernst Jacob, am 21. Dezember 2015 um 20:30 Uhr

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