Presserat: Trotz des Titels links habe die rechte Seite nichts mit der linken zu tun © tamedia

Presserat: Sonntags-Zeitung durfte Daniele Ganser so behandeln

Urs P. Gasche / 15. Okt 2018 - Die SoZ habe «handwerklich nicht gut gearbeitet», doch müsse sich Ganser gemäss Presserat-Richtlinien die Kritik gefallen lassen.

Ob Medien fair und sachgerecht informieren, zeigt sich besonders dann, wenn es um autoritäre Regimes wie Russland oder den Iran geht, oder um Politikerinnen und Politiker der extremen Rechten oder Linken, oder um religiöse Fanatiker oder Einzelpersonen, die bei einer breiten Leserschaft auf Ablehnung oder sogar Hass stossen.

Eine dieser Einzelpersonen ist der umstrittene Daniele Ganser. Im vergangenen März hatte ihn die Sonntags-Zeitung auf einer Doppelseite gleich 13 Mal als «Verschwörungstheoretiker» tituliert und ihn in die Nähe von Leugnern der Mondlandung oder von Spinnern gestellt, die Kondensationsstreifen von Düsenjets für gefährliche Giftspritzen halten.

Auf Infosperber hatte ich die «Sonntags-Zeitung» scharf kritisiert, weil sie Ganser quasi als Freiwild behandle. Die Zeitung habe in die Schublade des faktenfreien Beschimpfens und Diskreditierens gegriffen. Auch wenn man völlig anderer Meinung sei wie Ganser, dürfe man solche Methoden nicht dulden: «Gegen eine derartige Verluderung des Journalimus in grossen Verlagshäusern müssten Journalistenverbände und Presserat lautstark protestieren.»

Presserat weist Beschwerde ab

Jetzt hat der Presserat reagiert und die Beschwerde eines SoZ-Lesers abgewiesen, der sich unter anderem auf den Infosperber-Bericht gestützt hatte*. Die «Sonntags-Zeitung» habe zwar «handwerklich nicht gut gearbeitet» und «machte es sich einfach», indem sie sich auf Einschätzungen eines einzigen Experten stützte [Professor Michael Butter], stellt der Presserat fest. Doch erkennt er keine Verletzung der journalistischen Berufsregeln.

Zu folgenden Diskreditierungsmethoden, zu denen die Sonntags-Zeitung meiner Ansicht nach gegriffen und die der Beschwerdeführer zitiert hat, nimmt der Presserat wie folgt Stellung:

  1. Man setze neben den Artikel emotionalisierende Bilder, die falsche Assoziationen wecken.
    Im konkreten Fall waren es Bilder von der Mondlandung (Legende: «Die Landung auf dem Mond, ein Fake»), von Jet-Kondensationsstreifen (Legende: «Die Kondensstreifen stammen gar nicht vom Jet», «Flieger als Giftspritzen»), von 9/11 (Legende: «Ein Werk amerikanischer Geheimdienste»). Damit rückte die SoZ Daniele Ganser bewusst ins Umfeld von Deppen, welche solche Behauptungen verbreiten.

    Dazu der Presserat: Die Artikel auf den beiden Zeitungsseiten (siehe oben) seien «optisch klar voneinander getrennt». Für das Publikum sei «klar ersichtlich, dass kein direkter Zusammenhang zwischen Ganser und den Kondensationsstreifen oder der Mondlandung» bestehe.
  2. Man hänge jemandem eine negative Etikette an und wiederhole sie so oft, dass die Leserschaft geneigt ist, die Etikette zu übernehmen.
    Im konkreten Fall wurde Ganser als «Schweizer Superstar der Verschwörungstheoretiker» eingeführt. Im ganzen Artikel tauchte das Wort «Verschwörungstheoretiker» nicht weniger als 13 Mal auf.
    Dazu der Presserat: Bei der Aussage, Ganser sei ein Verschwörungstheoretiker, stütze sich die SoZ auf den Experten Michael Butter. Weil sich Ganser in seinen Büchern und Vorträgen mit echten und angeblichen Verschwörungen befasse, «kann man ihn im neutralen Sinn des Wortes als Verschwörungstheoretiker bezeichnen». Allerdings sei der SoZ die «diffamierende Bedeutung» des Begriffs offensichtlich klar gewesen, denn der Rechtsdienst der Tamedia habe diese Bedeutung nicht in Frage gestellt.
    Doch hält der Presserat die Titulierung «Verschwörungstheoretiker» für «keinen schweren Vorwurf», weshalb ein Anhören Gansers dazu «nicht obligatorisch» gewesen sei. [Zu schweren Vorwürfen müssen die Betroffenen Stellung nehmen können.]
    Tamedia behaupte zwar, die SoZ habe Ganser zu den Vorwürfen mehrere Fragen gestellt. Doch der Rechtsdienst konnte oder wollte dem Presserat weder mitteilen, welche Fragen es waren, noch wie viel Zeit die SoZ Ganser dazu gegeben hatte.
    Präzisierung des Presserats: Dem «Klein Report» fiel das Argument des Presserats auf, dass Ganser «im neutralen Sinn des Wortes» als «Verschwörungstheoretiker» bezeichnet werden dürfe, weil er sich mit angeblichen oder echten Verschwörungen befasse. Deshalb fragte «Klein Report» den Presserat: «Wenn sich ein Experte in seinen Vorträgen ... mit Kinderpornografie auseinandersetzt, könnte man ihn als ‹Superstar der Kinderpornografie› bezeichnen»? Der Presserat antwortete, der Vorwurf der Kinderpornografie sei «wesentlich gravierender», weil dies ein Straftatbestand sei. «Sich mit echten oder angeblichen Verschwörungen zu befassen, ist nicht verboten.»
    Aus dem Presserats-Entscheid geht indessen hervor, dass die Medien auch Professor Michael Butter oder Roger Schawinski als «Verschwörungstheoretiker» bezeichnen dürfen, denn diese haben beide Bücher über Verschwörungstheorien veröffentlicht und sich mit Verschwörungstheorien auseinandergesetzt.
  3. Man schiebe dem zu Kritisierenden Aussagen in den Mund, welche dieser nie gemacht hat.
    Die SoZ hat Aussagen Gansers nie wörtlich zitiert, sondern nur in indirekter Rede:
    a) Laut Ganser gebe es «ein Komplott, das es zu entlarven gilt». Doch von einem solchen Komplott hatte Ganser an der Veranstaltung, über welche die SoZ berichtete, nie gesprochen.
    b) Die SoZ unterschob Ganser die Aussage, die Nato bzw. der US-Imperialismus bzw. eine «zentrale Macht» habe «am 11. September die Türme in New York einstürzen lassen».
    c) Die SoZ stellte die Aussage als Gansers Behauptung dar, dass die Nato bzw. der US-Imperialismus «für alle Terroranschläge und Kriege der letzten Jahre verantwortlich sei».
    Dazu der Presserat: Die SoZ habe diese Aussagen «zwar nicht klar zugeordnet, aber sie wurden nicht Ganser in den Mund gelegt». Es seien Aussagen von unbestimmten Teilnehmenden der Veranstaltung gewesen. Deshalb seien keine Tatsachen [Aussagen] entstellt worden.

Mit seinem Entscheid entfernt sich der Presserat von der gängigen Gerichtspraxis, wonach es bei der Beurteilung, ob ein Text ehrverletzend ist oder falsche Tatsachen enthält, nicht auf die grammatikalische Auslegung des Textes ankommt, sondern auf das, wie die Mehrheit der Lesenden einen Artikel höchstwahrscheinlich versteht.

Ich nehme zur Kenntnis, dass die «Sonntags-Zeitung» nach Ansicht des Presserats zwar «handwerklich nicht gut gearbeitet» hat, ich jedoch der Sonntags-Zeitung zu Unrecht «miesen Journalismus» vorgeworfen und die angewandten Diskriminierungsmethoden zu Unrecht angeprangert hatte.

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*Der Entscheid fiel in der 3. Kammer des Presserats durch Max Trossmann (Präsident), Annika Bangerter, Marianne Biber, Jan Grüebler, Barbara Hintermann und Markus Locher.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor hatte den Artikel auf Infosperber verfasst, der die Sonntags-Zeitung kritisiert.

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10 Meinungen

Die Mitglieder des Presserates Max Trossmann, Annika Bangerter, Marianne Biber, Jan Grüebler, Barbara Hintermann und Markus Locher haben handwerklich schludrig gearbeitet und mit ihrer katastrophalen Entscheidung dem miesem Journalismus weiter Tür und Tor geöffnet.
Andreas Zumach
Andreas Zumach, Genf, am 15. Oktober 2018 um 12:01 Uhr
Ein Überaus enttäuschender Artikel. Der Presserat lässt offensichtliche Rufschädigung durchgehen und der IS nimmt sich dies anscheinend auch noch zum Vorbild. Wem ist eigentlich geholfen wenn man Leute, egal wie falsch Sie mit Ihren Ansichten liegen mögen, pauschal als Spinner und Deppen tituliert? Wo führt solch eine Sprach hin, wenn sich die angegriffenen mit eben diesen Ausdrücken wehren würden?

Auch wenn jemand noch so einen Stuss erzählt, helfen Beleidigung nicht weiter, ausser man sucht die Konfrontation und/oder Denunziation. Im direkten Gespräch können die Sicherungen ja mal durchgehen und man sagt schnell etwas unüberlegtes, aber beim Schreiben könnte man sich Zeit nehmen.

Zu guter letzt: So mancher Spinner hatte im Nachhinein doch recht ;-). Es gibt einfach zu viele Beispiele als das man sich seines aktuellen Weltbildes so sicher sein kann um andere als Deppen/Spinner hinzustellen. Etwas, das ich selber lernen musste und immer noch muss.
Stöckli Marc, am 15. Oktober 2018 um 12:48 Uhr
Dieser Presserat scheint mir ein zahnloses Nagetierchen zu sein!
Entweder sollten die Richtlinien geändert oder der «Alibiverein» aufgelöst werden.
Christian WALTER, am 15. Oktober 2018 um 12:53 Uhr
Ich bin begeistert: Jetzt wimmelt es geradezu von Verschwörungstheoretikern: Neben Herrn Schawinski und Michael Butter, natürlich auch der Presserat: Max Trossmann (Präsident), Annika Bangerter, Marianne Biber, Jan Grüebler, Barbara Hintermann und Markus Locher und Herr Gasche und natürlich auch ich und jeder der dazu etwas schreibt ....
Markus Ursprung, am 15. Oktober 2018 um 13:51 Uhr
Gern lasse ich mich aus Sympathie auch als 'Verschwörungstheoretiker' bezeichnen. Denn Daniele Ganser zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass er Stereotypien der westlichen Propaganda hinterfragt, nicht darauf reinfällt.

Dieser Presserat diskreditiert sich immer mehr. Ich kenne die Einseitigkeit der Fall-Bearbeitung aus eigener Erfahrung.
- 'Die liberale NZZ' liess mich 2016 'ad personam' (also ohne Bezug auf ein Netiquette-Problem) vom eKommentaredienst ausschliessen.
-- Ursache waren meine sachlichen eKommentare zur 'zunehmend neo-liberalen Wirtschaftspolitik' der FDP.
-- Die Sperre erfolgt unter dem neuen Chef-Redaktor Gujer.
- Zuvor hatte ich in Facebook 10 typische Fälle 'zunehmend neo-liberaler Wirtschaftspolitik' wohl dokumentiert, was die FDP-Leitung so erzürnte, dass sie mich bei ihren Parlamentariern zur 'persona non grata' erklärte.
-- Sozusagen als Reaktion liess der damalige FDP-Präsident Müller in der NZZ 10 eigene Thesen zur politischen Ausrichtung der FDP im Kontext der 'teilweisen Schulterschluss-Allianz' einrücken.
-- Natürlich entstand so eine völlig einseitige Sicht, nachdem die NZZ mich zuvor vom eKommentaredienst ausgeschlossen hatte ...

Ich zeigte den Ausschluss beim Presserat an.
- Eine NZZ-Anwältin legte 'Sachverhalt' vor, der meines Erachtens nicht zutraf.
- Ich durfte beim Presserat nicht auf darauf antworten. Der Presserat war auch nicht bereit, die Nachweise für meine Anzeige im NZZ-Archiv zu sichten ...

Braucht es diesen Presserat noch?
Konrad Staudacher, am 15. Oktober 2018 um 14:05 Uhr
Wes Brot ich ess, des Lied ich sing!
Christian WALTER, am 15. Oktober 2018 um 21:26 Uhr
Die «SonntagsZeitung» habe zwar «handwerklich nicht gut gearbeitet», eine Beschwerde wurde aber abgelehnt.

Ich habe auch schon erlebt, dass Medien meiner Meinung nach nicht gut gearbeitet haben. Am 10. September 2016 führten die Architects & Engineers for 911 Truth in Bern anlässlich des 15. Jahrestages der Terroranschläge vom 11. September 2001, eine Veranstaltung durch. Ein Vertreter des Radios, von SRF verfolgte die Vorträge. In Bern referierten unter anderem Architekten und Ingenieure, ein Professor einer Hochschule, eine Journalistin, Personen aus der Deutsch- und der Westschweiz. Im Echo der Zeit wurde dann über die Veranstaltung einseitig und abwertend berichtet, ohne auf die Referate einzugehen, die vorgetragen wurden.

Wie es scheint, tun sich die Qualitätsmedien in der Schweiz schwer oder haben vielleicht sogar Angst das Thema 11. September 2001 zu behandeln. Das erklärt vielleicht auch, dass über die Vorträge von Professor Dr. Marc Chesney der Uni Zürich und dem Architekten Richard Gage aus San Francisco. am 16. Mai 2018 an der Universität Zürich in den Medien nicht berichtet wurde. Chesney referierte über die Finanzgeschäfte, die vor dem 11. September 2001 getätigt wurden und Richard Gage über den Einsturz des dritten Wolkenkratzers des World Trade Center in New York der nicht von einem Flugzeug getroffen wurde.
Siehe auch: https://www.ae911truth.org/ - Architects & Engineers for 911 Truth - Internationale Website und und http://www.ae911truth.ch/
Heinrich Frei, am 16. Oktober 2018 um 09:38 Uhr
Da die bösen Kommunisten verschwunden sind und nicht mehr als Feindbild taugen, suchen Medien (wohl auch gewisse Politiker) krampfhaft nach neuen Feindbildern. Da bieten sich Andersdenkende, Medienkritiker und antiliberale Politiker geradezu an. Pressefreiheit heisst Freiheit für Verleger und nicht Freiheit für Leserbrief- und Kommentar-Schreiber. Mich hat Tamedia auch für Internetkommentare gesperrt. Ich fasse das als Kompliment auf.
Bernhard Ramp, am 16. Oktober 2018 um 11:43 Uhr
Erwiderungen zu den Falschbehauptungen des Presserates:
1) Für den Leser wird der Eindruck eines Zusammenhang durch die Art der Bildzusammenstellung insinuiert.
2) Der Presserat ignoriert, dass in der Medienlandschaft und im allgemeinen Sprachgebrauch der Begriff „Verschwörungstheortiker“ alles andere als neutral benutzt wird, sondern als diffamierender Kampfbegriff, bei dem implizit „Spinner“ mitschwingt.
3) Wie unzuteffend die Definition des Presserates von „VT“ ist, zeigt die treffende Feststellung, dass dann auch Butter und Schawinski „Verschwörungstheoretiker“ sind.
4) Im Artikel werden unzutreffende Aussagen Dritter über Ganser unberichtigt wiedergegeben. Das dürfte bei vielen unwissenden Lesern den Eindruck erwecken, Ganser habe das tatsächlich gesagt.

Mit dieser unfassbaren Pseudoargumentation hat sich der Presserat selbst diskreditiert. Damit stellt sich folgende Frage: Wenn Ganser tatsächlich nur der Spinner wäre, als der er hingestellt wird, warum wird darüber nicht mit einem Schulterzucken hinweggegangen, sondern dieser öffentlich dermaßen diffamiert? Könnte an Gansers Darstellungen womöglich weit mehr dran sein, als eine gewisse mediale Meinungsdiktatorenschaft bereit ist einzugestehen?
Timm Herbst, am 17. Oktober 2018 um 13:49 Uhr
Sehr geehrter Herr Gasche,

vielen Dank für diesen Artikel, ich habe das sonst nirgendwo gelesen.
Auch Ihre Haltung, Ganser trotz der Kritik an Ihm vor solchen Anwürfen in Schutz zu nehmen, zolle ich hohen Respekt.
Wie unabhängig ist der Presserat?

mit freundlichen Grüssen
Katja Rauschenberg
Katja Rauschenberg, am 18. Oktober 2018 um 10:38 Uhr

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