kontertext: Das Jahr 0 der «Republik»

Ariane Tanner © cc
Ariane Tanner / 12. Jan 2018 - Ab 15.1.2018 gibt es das digitale Magazin «Republik». Eine Rückschau auf die vorausgegangenen Newsletter, auf Metaphern und Pathos.

Futur II ist eine lustige Zeitform der deutschen Sprache. Sie nimmt in der Gegenwart vergangene Zukunft vorweg: Am nächsten Montag, Punkt 7 Uhr, wird die «Republik» als ein «schlankes, schlagkräftiges Magazin im Netz» ihren Betrieb aufgenommen haben. Oder in der metapherfreudigen, nautisch inspirierten Diktion der InitiantInnen wird sie vom Stapel gelassen worden sein: «von der Werft auf hohe See». Das digitale Bezahl-Magazin ohne Werbung ist «das erste Projekt von Project R», dieser seit 2017 von Zürich aus agierenden gemeinnützigen Genossenschaft, welche die «Demokratie fördert, indem sie den Journalismus als vierte Gewalt stärkt». Der Aufbau wurde durch Investoren unterstützt, das Zustandekommen der «Republik» aber an ein Crowdfunding gebunden, das bei Erfolg weitere Investorengelder in Aussicht stellte.

Durchs Jahr 0 mit Newslettern

Endlich. Am nächsten Montag werden einige einen grossen Seufzer der Erleichterung ausstossen. Während zwölf Monaten baute das «Project R» einen Spannungsbogen mittels elf Newslettern auf, die in einem Word-Dokument circa 70 Seiten füllen, worin so ziemlich alles erklärt wurde, was auf dem Weg zum journalistischen Ziel «Republik» bedacht, erledigt, diskutiert, verworfen, implementiert und kommuniziert werden musste. Ehe es wirklich losgeht, lohnt sich eine Rückschau. (Für alle nachfolgend genannten Newsletter, kurz: NL, vgl. https://project-r.construction/news)

Schnell war klar, dass es bei der «Republik» nicht bloss um den publizistischen Ehrgeiz von ein paar unternehmerischen Geistern geht, die nach einer Plattform suchen, auf der sie profund und elegant schreiben können, sondern darum, in Zeiten erodierender Werbeeinnahmen und zu Internethandelshäusern mutierender Verlage den Journalismus mit einem funktionierenden Geschäftsmodell ins 21. Jahrhundert zu retten (NL vom 10.1.2017 und 15.3.2017). Und damit auch die Freiheit. Denn, so das zeitlose Manifest der «Republik»: «Ohne Journalismus keine Demokratie. Und ohne Demokratie keine Freiheit. Wenn der Journalismus stirbt, stirbt auch die offene Gesellschaft, das freie Wort, der Wettbewerb der besten Argumente.»

Mit den Newslettern des «Project R» konnten wir den InitiantInnen und der wachsenden Belegschaft für Geschäft, IT, Redaktion, Kommunikation, Finanzen und Recherche auf dem Weg zu ihrem Ziel zusehen, haben gelernt, dass es dazu in erster Linie eine Rechtsform und verdammt viel Programmiererei braucht. Wir haben uns bei Bekanntgabe des Namens «Republik» in einer historischen Tiefenschau in Erinnerung rufen lassen, worauf die Helvetische Republik beruhte und was die res publica der Antike meinte (NL 12.4.2017). Bei der Schilderung des quasi-komplett-Absturzes während des 1. Tages des Crowdfundings am 26. April und der darauffolgenden nächtlichen Datensicherungsaktion eines durch Erschöpfung halb-komatösen Kodierers vergossen wir sogar als Aussenstehende ein paar virtuelle Schweisstropfen (NL vom 13.9.2017). Als IT-Unbedarfte haben wir mit Respekt quittiert, dass ein erstes Versprechen – das Zur-Verfügung-Stellen des gesamten Codes plus Tipps für Menschen mit ähnlichen Ansinnen – umgehend eingelöst wurde (NL vom 13.9.2017). Wir haben die ausführlichen, zugegebenermassen liebevoll verfassten Lebensläufe der personellen Neuankömmlinge gelesen, vor denen sich jede durchschnittliche Biographie als eine Aneinanderreihung von absehbaren Langweiligkeiten ausnimmt (NL vom 10.1.2017, 4.8.2017 und 31.10.2017). Die Lektüre der langen Erläuterungen zum so genannten «Mutter-Kind-Modell» zwischen «Project R» und «Republik» als Kombination von Genossenschaft und Aktiengesellschaft mit prozentualen Verteilungen von Geld, Macht, Aktienstimmrechten und Ähnlichem verlegten wir der Komplexität halber auf einen späteren Moment, verstanden aber die Geste der Transparenz (NL vom 22.11. 2017). Wir haben auch bei anderen Gelegenheiten beobachtet, dass Metaphern rund um die Geburt für Sich Anbahnendes immer wieder angesagt sind. Vom catchy Ausspruch «Wir wollen unser Baby wach, intelligent, ohne Bullshit» als Vorankündigung im Oktober 2016 über «das Wickelkind der Schweizer Presse» (NL 10.1.2017) bis hin zur «Nabelschnur» als geld- und schutzbringende Verbindung im «Mutter-Kind-Modell» (NL vom 15.3.2017). Und wir haben das sprachliche Pathos derjenigen über uns ergehen lassen, die so Grosses vorhaben, dass das potentielle Scheitern daran rhetorisch das Ausmass des ursprünglichen Planes fast übertrifft: «Verlieren wir es (das Crowdfunding), ist das Projekt anfangs Sommer tot. Und wir müssen entehrt das Land verlassen.» (NL vom 10.1.2017)

Aber auch die Interessierten wurden sogleich in die Pflicht genommen. Schnell merkten wir, dass uns die «Crew» der «Republik» nicht etwa spasseshalber mit «Welcome Aboard» bei Bestellen des Newsletters begrüsste, sondern uns gleich zu den Kohleschauflern im Schiffsrumpf ernannte: «Wir legen unser Schicksal in Ihre Hand. Wir werden Ihre Kühnheit, Ihr Vertrauen und nicht zuletzt etwas Geld von Ihnen brauchen.» (NL vom 15.3.2017) Die Rolle der Fortuna war aber nicht genug, fanden wir uns doch unmittelbar darauf sogar verantwortlich für die leibliche Unversehrtheit der InitiantInnen: «Unser Crowdfunding gleicht einem Sprung von der Klippe», der «nicht ohne Schaudern» gewagt werde: «Denn ob wir lebendig landen, ist Ihre Entscheidung.» (NL vom 26.4.2017)

«Wir», die Crowd

Wo potentiell gestorben wird, ist natürlich auch etwas los. So wurde, wer 240 CHF für ein Jahresabonnement in spe zahlte, sofort zum Mitstreiter im viel beschworenen «Abenteuer». Zwar ging unser Risiko gegen Null (bei Nichtgelingen des Crowdfundings hätte man den Betrag zurückerhalten), aber dennoch liessen wir uns mitreissen von der präventiv gelebten Romantik einer grossangekündigten Expedition. Dass wir «kühn» seien, nahmen wir gerne entgegen, sonnten uns ein wenig im «Risiko», das zwar andere für uns nahmen, von dessen Geschmack wir in unseren geordneten Leben aber doch ein bisschen kosten wollten. Hunderte verfolgten den live-Ticker der während den ersten Tagen des Crowdfunding minütlich um mehrere Zähler steigenden Abonnentenzahlen und fühlten sich für einen kleinen Moment nicht nur als Geldgeber für ein unbekanntes Produkt, sondern als Teil einer, naja, grosses Wort, politischen Bewegung. Oder: falls daraus eine werden sollte, wollte man wenigstens beim Beginn dabei gewesen sein. Die Werbephase brachte ein Kabarettist ungefähr so auf den Punkt: «Die ‘Republik’ versprach Journalismus ohne Werbung. Bislang ist sie Werbung ohne Journalismus.»

Nach fünf Wochen des Geldsammelns mit zahllosen flankierenden Veranstaltungen hatten 13‘845 Menschen ein Jahresabonnement für die auf Anfang 2018 angekündigte «Republik» gekauft (NL 31.5.2017). So viele Leute in so kurzer Zeit für ein Projekt zu begeistern, ist phänomenal und Resultat einer zweifellos optimal konzertierten Kampagne. Dennoch ist das Pochen auf dem «Crowdfunding-Weltrekord für Medien» (NL 13.9.2017 und 31.10.2017) in Relation zu setzen: Denn dieser Geldsegen ist nicht zuletzt einem hohen durchschnittlichen Lebensstandard in der Schweiz geschuldet, von dem beispielsweise Berliner Freunde, denen 240 CHF das monetäre Genick für einen Monat brechen würden, nur träumen könnten. Die «Republik»-MacherInnen stellten nach der Werbekampagne fest: «Was im Voraus wie ein Sprung über die Klippe ausgesehen hatte, entpuppte sich im Nachhinein als Gang über die Türschwelle.» (NL vom 22.11.2017)

Nachdem wir die Metaphernstürme überstanden und die pathetisch vorgetragenen Versprechen eines virtuellen Abenteuers, das zwischen äusserster Entschlossenheit und der Beschwörung der Absturzgefahr changierte, ertragen haben, soll «das Expeditionsteam in die Wirklichkeit» (NL 26.4.2017 und 31.10.2017) mal aufbrechen. Denn wir bleiben zu Hause und warten auf die reiche Fracht der Rückkehrer. Was vielleicht der Punkt ist, an dem die Schiffsmetapher ein für allemal verabschiedet werden muss: Denn auf dem Ozean ist es über weite Strecken sehr einsam und das WLAN funktioniert nicht überall. Und Schiffscrews sind extrem hierarchisch organisiert, was die «Republik» ja gerade nicht sein will. Deshalb gibt es auch – auf Probe – eine rochierende «Jahreszeitenchefredaktion» (NL 15.12.2017).

«Es ist Zeit»

Dieses Mantra zog sich durchs ganze letzte Jahr und ist auch Titel des Videos auf der Homepage. Die Dringlichkeit für das Projekt «Republik» ergibt sich für die MacherInnen aus aktuellen politischen und medienpolitischen Entwicklungen, die viele andere auch diagnostizieren. Zum einen ist es der international zu beobachtende «Aufmarsch der Autoritären», der demokratische Errungenschaften mit Füssen tritt. Zum andern die – gerade auch in der Schweiz – stattfindende Medienkonzentration unter Vernachlässigung der Publizistik sowie die politische wie finanzielle Käuflichkeit von Medien (NL vom 15.2.2017 und 12.4.2017). «Plötzlich waren Selbstverständlichkeiten nicht mehr selbstverständlich: Dinge wie der Rechtsstaat, die Gewaltenteilung, die Demokratie und die Freiheit der Presse.» (NL 13.9.2017) Dieser beunruhigende Eindruck wird von vielen geteilt und auch durch jüngste Artikel über die USA bestätigt: Donald Trump arbeite an der Abschaffung der Demokratie und pflegt seit jeher eine Rhetorik der Verunglimpfung, gerade gegen die Journalisten; eine Rhetorik, die auch die Schwelle zur Gewalt senke (Tages-Anzeiger: Gespräche zum Jahreswechsel mit Susan Benesch und Timothy Snyder vom 3. und 4.1.2018).

Um die Tragweite dieser Entwicklungen zu unterstreichen, deutete die «Republik» einen grossen historischen Vergleich an: «Nicht, dass wir uns freuten, dass das so war: Eine Zeit lang fragten wir uns, ob es nicht übertrieben sei, dass die Welt ein Replay der 30er-Jahre androhte – nur dazu, dass wir ein Onlinemagazin zum Fliegen bringen konnten.» (NL vom 13.9.2017) In der Geschichte gibt es keine Replays. Aber die Demokratie ist heute Bedrohungen ausgesetzt, worauf Projekte wie die «Republik» eine gute Antwort sind, besonders in einer sich komplett umwälzenden Medienlandschaft und auch mit neuen Informationsgewohnheiten im Netz. Die «Kritik der Macht», welche die «Republik» als zentrale Aufgabe des Journalismus nennt, ist wieder ganz dringlich. Für diesen Journalismus braucht es vor allem eines: Zeit. Dies ist vermutlich das grösste Versprechen der «Republik»: Eine Senkung der vorherrschenden Berichterstattungskadenz zugunsten von aufwändig recherchierten Artikeln. Die MacherInnen haben «den Verzicht auf Hektik» zugesichert und wollen «mit der Gelassenheit eines Lords, mit der Zurückgelehntheit einer Lady schreiben» (NL vom 15.12.2017).

Wawrinka und die Rakete

«Bescheidenheit gehörte nicht zu unseren besten Verkaufsargumenten.» (NL vom 22.11.2017) Nun aber, da es ums Konkrete geht, wird der Schweizer Tennisspieler Stansilas Wawrinka als Vergleich herbeigezogen. Nicht etwa als «Marathon-Man», was vielleicht passender wäre, sondern als Träger des Tattoos «Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.» Analog dazu kündigte die vorläufig komplette Redaktion an: «Wir werden im Januar ähnlich agieren: ‘Versucht. Gescheitert. Egal. Erneut versuchen. Erneut scheitern. Besser scheitern.’» (NL vom 15.12.2017) Plötzlich verwandeln sich die hochfliegenden Pläne in eine irdische Abfolge des Probierens und Missglückens und besser Probierens. Ob das «egal» sein wird, entscheiden allerdings die LeserInnen bzw. AbonenntInnen nach einem Jahr, wenn es darum geht, fürs nächste Jahr einzuzahlen.

Gegen völlig überzogene Erwartungen will man sich aber schon etwas absichern. In diesem Zusammenhang wird im letzten Newsletter von 2017 die «Rakete» als Metapher eingeführt, um den Start der «Republik», der «in Stufen erfolgen» werde, zu versinnbildlichen: «Wir beginnen mit dem Notwendigen und schalten dann Funktion um Funktion, Kolumne um Kolumne, Erweiterung um Erweiterung auf. Nicht Perfektion ist das Ziel bei unserem Start, sondern Perfektionierbarkeit.» (NL vom 15.12.2017) So schön Countdowns sind, das Bild der Rakete für die Erweiterbarkeit der «Republik» will nicht recht passen. Und dies nicht in erster Linie deshalb, weil im All meist die Freunde fehlen. Vielmehr deshalb, weil Raketen mit jeder Stufe kleiner werden, und weil kumulierte Fehler beim Start einer Rakete unverzeihlich wären, was man spätestens nach dem Erstflug von «Ariane 5» und ihrer Notsprengung nach weniger als einer Minute weiss.

Indes, die Belegschaft bleibt fröhlich. Zumindest blickt uns nichts Anderes als gute Stimmung und kollektives Lachen aus den immer wieder mal eingestreuten schwarz-weiss Fotos der Beteiligten entgegen. Bei so viel Vergnügen zwischen dem Schuften nimmt man ihnen sogar ab, dass sie sich selbst genügen könnten. Im Oktober 2017 schrieben sie an uns «Verleger und Verlegerinnen» gerichtet, dass sie mit der Begründung des Unternehmens «wunschlos ausgelastet» sind und es gar «reizvoll» wäre, eine voll funktionierende Firma ohne Produkt zu sein – was sie selbstverständlich nicht im Sinn hätten (NL vom 31.10.2017). Und so rufen sie uns fürs 2018 munter zu: «Wir wünschen Ihnen ein Jahr, in dem Ihre Erwartungen auf das Erfreulichste enttäuscht werden.» (NL vom 1.1.2018)

Also los, Jahr 1!

Irgendwann hat das «Project R» in Hinblick auf die «Republik» aufgehört, seine Newsletter zu nummerieren. Es war eine nicht enden wollende Packungsbeilage, in der alle möglichen Risiken und (Neben)wirkungen genannt wurden, wobei man zwischen den Zeilen ergebnislos nach den konkreten Inhaltsstoffen und den Angaben zur Dosierung suchte. Am 1.1. 2018 erschien der letzte und elfte Newsletter mit Informationen an alle Besorgten, die an eben diesem Tag mit dem Beginn der «Republik» und dementsprechend ihren Jahresabos gerechnet hatten und nun fürchteten, um zwei Wochen beschissen zu werden. Das aber hätten sie, die ein Jahr lang in Newslettern mit «Ladies and Gentlemen» angesprochen wurden, besser wissen sollen.

Nachdem auch das nun geklärt wäre, scheint ja der Sache nichts mehr im Wege zu stehen. Und wir vermelden in aller Banalität: Wir sind gespannt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Ariane Tanner ist Historikerin und Texterin aus Zürich.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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