kontertext: Die Rassentheorie wird wieder salonfähig

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Rudolf Walther / 29. Mai 2018 - Wie das «neue» NZZ-Feuilleton nach rechts ins Trübe abbiegt

Der Wiener Kultursoziologe Friedrich Herz täuschte sich, als er 1915, nach gründlichen und kritischen Forschungsarbeiten an Rassentheorien, feststellte: «Für die Wissenschaft sind die Rassentheorien im Sinne Gobineaus und Chamberlains heute erledigt.» Dafür, dass sie zwar erledigt, aber in weichgespülter wie in radikalisierter Form am Leben blieben, sorgten nicht die fortschreitende Wissenschaft, sondern Politik, Propaganda und das wohlfeile mediale Meinungsgewerbe. Ein exemplarischer Fall ist der in Harvard lehrende Genetiker David Reich, der sich immer wieder und gern mit Bestsellern und Meinungsbeiträgen an das große Publikum wendet und so seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in verdünnter Form verbreitet – zuletzt in einem Artikel in der New York Times (NYT) vom 23. März 2018 unter dem Titel «How Genetics is Changing our Understandig of ». Reich ist kein Hasardeur und setzt das Wort «race» fast immer in Anführungszeichen, denn es geht ihm nicht um den Nachweis der Existenz von «Rassen», sondern um den Wandel und die Entwicklung des Verständnisses von «races» – also um die Darstellung eines unabgeschlossenen Forschungs- und Erkenntnisprozesses mit nicht vorhersehbaren Resultaten. Im Feuilleton der NZZ (20. April 2018) hält man Vorsicht in Sachen «Rasse» offensichtlich bereits für «politisch korrekt», also eine linke Marotte und klotzt kräftig dagegen mit dem Titel: «Intellektuellen-Streit über Erbgut und Rassen». Im Vorspann zum Artikel von Markus Schär erscheint der Begriff «Rasse» dann zwar in Anführungszeichen, aber der Tenor des Artikels weist in eine andere Richtung. Geradewegs ins Trübe.

Das Gerede von «Rasse» ist «unwissenschaftlich und unverantwortlich»

Auf Reichs Artikel in der NYT antworteten zwölf Rechts-, Sozial- und Naturwissenschaftler aus England, den Niederlanden und Deutschland mit einem ausführlichen Artikel in der Süddeutschen Zeitung (SZ) vom 18.Mai 2018. Mit aller gebotenen Sorgfalt und Differenzierung weisen sie die in der NZZ evozierte rechte Botschaft, «Rassen» oder «Ethnien» seien «eine biologische Realität», als «unwissenschaftlich und unverantwortlich» zurück.

Reich referiert die Lehrmeinung der «Orthodoxie» folgendermassen: Genetische Unterschiede zwischen Menschen sind nur marginal mit biologisch bedeutsamen Merkmalen zu fassen; sie sind so marginal, dass man sie ignorieren kann. Seine Gegenthese lautet, dass durchschnittliche genetische Unterschiede zwischen «races» nicht länger zu ignorieren seien, vermeidet es aber mit sehr guten Gründen, auch nur anzudeuten, was «races» meint, was aber die NZZ zu wissen vorgibt.

Für seinen Artikel und seine vage Diktion erntete Reich, wie die Intervention der zwölf Wissenschaftler in der SZ betont, ein gespaltenes Echo: Die einen kritisierten, dass er an einem als biologistisch, deterministisch, essenzialistisch und letztlich rassistisch konnotierten Begriff festhalte. Reich selbst warnte schon öfter vor der Gefahr des Missbrauchs genetischer Befunde zur Rechtfertigung von Rassismus. Andere stimmten Reich zu, wenn er genetisch bestimmte, biologische Unterschiede zwischen «races» zumindest für möglich – wenn auch nicht für nachgewiesen – hält.

«Race» und «Rasse» sind nicht dasselbe

Die zwölf Wissenschaftler verweisen in ihrer Stellungnahme auf den unterschiedlichen Gebrauch der Worte «race» und «Rasse» im Alltag in den USA und im deutschen Sprachraum sowie auf historisch-semantische, also begriffsgeschichtliche Entwicklungen, die in den beiden Begriffen sedimentiert sind. Im US-Alltag, etwa bei Umfragen oder beim US-Zensus, sind «racial terms» bzw. die Frage nach der «ethnicity» gang und gäbe. Eine kausale Beziehung von genetischen Fakten und äusseren Merkmalen wird in diesem alltäglichen Sprachgebrauch in der Regel nicht unterstellt. Der Begriff «race» ist im angelsächsischen Alltagssprachgebrauch seit der Gründung der USA immer auch positiv akzentuiert als Kampfbegriff gegen rassistische Diskriminierung sowie soziale, politische und ökonomische Ungleichheit. «Today’s racial terms» (Reich) sind US-Amerikanern geläufig und werden problemlos als Selbstbezeichnung oder zu Selbstdefinitionen verwendet.

Historisch-semantische Präzision und rechtspopulistische Propaganda

Im Deutschen ist «Rasse» ein ethnisierendes Stereotyp und obendrein untrennbar verbunden mit nationalsozialistischen Verbrechen im «Rassenkampf» und «Rassenkrieg». Insofern kann es nur politisch-instrumentell motiviert sein, wenn Markus Schär in der NZZ von einem «Dogma» bzw. «Tabu» und der Evolutionsbiologe Axel Meyer von einer «unbequemen Wahrheit» sprechen, denn auch in der Schweiz und in Deutschland hat sich herumgesprochen, dass sich naturbedingt erscheinende Zuordnungen von Menschen zu «Rassen» als fragwürdig erwiesen haben. Derlei als unterdrückte Wahrheit oder als Dogma zu bezeichnen, verdankt sich rechtspopulistischer Polemik und Propaganda gegen vermeintliche Gebote «politischer Korrektheit». Markus Schär unterstellt seinerseits sogar «genetische Unterschiede zwischen Nationen(!)» und passt sich der neuerdings im NZZ-Feuilleton vorherrschenden – vorerst noch vornehmen – rechten Tonlage an, der verfettete nationale Gesänge nicht mehr fremd sind, wenn es gegen Flüchtlinge oder «Brüssel» geht.

Wo der Genetiker Reich vorsichtig von seiner «Sorge» spricht, «wohlmeinende Leute» könnten sich «dem Ansturm der Wissenschaft» widersetzen – für den Fall, dass diese dereinst haltbare neue Erkenntnisse präsentieren sollte –, setzt Schär in der landläufigen Manier rechtspopulistischer Demagogen ein «Skandalon» in die Welt, in der angeblich «das Dogma» bereits herrscht. Wer nach herrschenden Dogmen sucht, muss nur das stramm rechts gestriegelte NZZ-Feuilleton oder die Meinungsseiten konsultieren.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Rudolf Walther: Historiker, freier Journalist für deutsche und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften, wohnhaft in Bad Soden a.T. in der Nähe von Frankfurt.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion und Koordination), Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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4 Meinungen

Bezüglich Rasse bzw. Ethnie gib es ein interessantes Beispiel aus der Medizin. Leute mit dunkler (v.a. schwarzer) Hautfarbe haben, wenn sie in der nördlichen Hemisphäre leben, eher Vitamin D Mangel, als solche mit weisser Haut. Vor einiger Zeit gab es in den USA eine Diskussion darüber, ob die empfohlene Tagesmenge für Vitamin D reduziert werden solle. Was nie zur Sprache kam, war die Tatsache, dass man eigentlich unterschiedliche RDAs, je nach Hautfarbe, angeben sollte.

Political Correctness würde natürlich verlangen, dass keine unterschiedlichen Angaben gemacht werden. Aber mal ehrlich, wem nützt das? Sicher nicht den Farbigen, sondern den vornehmlich von Weissen dominierten (reichen) Pharmafirmen, die dann später teure Osteoporose-Medikemente an die (mehrheitlich armen) Farbigen verkaufen kann.
Elisabeth Heer, am 29. Mai 2018 um 13:48 Uhr
Das Ding mit der Rasse.

In den USA habe ich auf einem Polizeiposten erfahren, dass ich «Kaukasier» sei. Das war absolut neu für mich, da ich glaubte eventuell alpin-verbrämter alemannischer Abstammung zu sein.

Mittlerweile hat man erfahren, dass es in Obwalden mehr Neanderthalgene, im Nidwalden dafür mehr Homo-Sapiensgene gäbe, oder umgekehrt.

In Afrika war ich immer der Musungu, die lokalen Leute aber unterschieden sehr fein zw. «normalen» Leuten und sog. «roten», d.h. Schwarzen mit ein paar Tropfen Blut von Basungus (Mehrheit von Musungu).

Wie dem auch sei, Rassismus ist seit Jahren ein wohl veraltetes Konzept, dass nur noch der Volksverhetzung, wenn überhaupt, dienen kann.

Bei uns gab es früher noch die Unterscheidung zw. Katholiken und Protestanten. Offenbar hat das nichts mit dem Begriff «Rasse» zu run. Jedenfalls kann ich mich noch gut daran erinnern, dass ich zw. den Leuten keinen Unterschied feststellen konnte, egal ob ein Kreuz oder ein Hahn den Kirchturm zierte. Meine Eltern konnten mich darüber auch nicht «aufklären» obwohl einer meiner Onkel noch sehr genau wusste, wer richtig und wer falsch läge.

Aber die Zeiten ändern sich. Bei der beschleunigten Globalisierung ist der Begriff der Rasse und v.a. der Begriff der Reinrassigkeit ein Anachronismus epischer Grösse.

... und plötzlich zeigt sich in der Vererbung, was noch alles an genetischem Erbe in dir steckt. Das war doch die Geschichte mit den Blumen des Herr Mendel, oder so.
Josef Hunkeler, am 29. Mai 2018 um 14:14 Uhr
Mir wird nicht ganz klar, was Herr Walther mit diesem Artikel will. Das Wort Rasse ist im Deutschen vorbelastet, klar. Aber will er daraus folgern, dass es keine genetischen Unterschiede zwischen beispielsweise einer afrikanischen und einer europäischen Bevölkerung gebe? Bloss, warum fällt dann ein Norweger, auch wenn er sich afrikanisch kleidet, in einer westafrikanischen Provinzstadt auf wie ein bunter Hund? Warum hat Ex-Präsident Obama eine dunklere Hautfarbe als z.B. sein Amtsnachfolger? Hat das nichts mit Genetik und Vererbung zu tun? War etwa die dümmliche Bemerkung von Berlusconi, Obama sei «gut gebräunt», gar nicht so falsch?

Klar, die Theorien, die irgendwelche Zusammenhänge zwischen Rassen und beispielsweise Intelligenz herstellen wollen, sind übel. Sie sind nicht nur verwerflich, sondern auch wissenschaftlich unhaltbar. Wenn man die verfügbaren Intelligenztests anschaut, dann ist die Behauptung, diese seien kulturunabhängig, einfach nur lächerlich.

Wer aber, um solche rassistischen Theorien zu bekämpfen, jegliche genetischen Unterschiede leugnet, macht sich unglaubwürdig. Diese Unterschiede sind zwar klein und betreffen eher unbedeutende Äusserlichkeiten, und sie haben rein gar nichts mit dem «Wert» oder der Würde eines Menschen zu tun. Aber einige Unterschiede sind auf den ersten Blick sichtbar. Und wie Elisabeth Heer richtig bemerkt, gibt es in gewissen Situationen ganz praktische Probleme, wenn wir sie ignorieren.
Daniel Heierli, am 03. Juni 2018 um 22:23 Uhr
Woher auch nur diese Obsession mit «Rasse», mit der Frage, ob da nicht doch noch wichtige Unterschiede zwischen Menschen mit Genen für dunkle und Menschen mit solchen für helle Hautfarbe zu finden wären? Welch insgeheime und sicherlich auch verlautbarte Freude ("hab' ich's nicht immer gesagt"), wenn sich noch so einiges finden liesse (wie bzgl. Vitamin D).
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ... also an einen Menschen denkt (und ihn «Rassist» nennt), der bemüht ist, einen Mitmenschen als «anders/fremd/nicht-gleich-wie-ich» klassifizieren zu können, so dass die Diskriminierung und Ausbeutung 'leicht von der Hand geht' (bzw. vom «Gewissen» akzeptiert wird).
Warum, so fragt sich, sind 'diese' Menschen so zwanghaft «interessiert» an Hautfarbe-Genen, haben jedoch kein Interesse daran, die feine Unterschiede/(gesundheitliche, kognitive) Details bezüglich der Blutgruppen-Gene (oder Kurzfinger-, Bauchfett- usw. Gene) auszumachen? Könnte es etwa sein, weil sich damit keine Vorurteile (weiter) «spinnen» lassen? ... Neinnein, es geht ihnen doch nur um die gute Gesundheit ihrer Mitmenschen mit anderer Hautfarbe. Haha. Es wäre lustig, wenn's nicht so traurig wäre.
Stan Kurz, am 05. Juni 2018 um 01:17 Uhr

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