kontertext: Kunstfreiheit, Klimakrise und Weihnachtsmärkte

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Silvia Henke / 17. Dez 2019 - Dezember ist auch ein Monat der Jahresbilanz und Zeit für die Frage, was zählt.

Im Lead zu einem längeren Artikel, der die Frage der Kunstfreiheit aufwirft, bleibe ich an einem Satz hängen. «Ob ein Bild jemanden diskriminiert, wird gegenwärtig fast so heftig diskutiert wie der Klimawandel.»

Die Autorin des Artikels hat sich mehrfach sehr differenziert in dieser Diskussion geäussert, ihre Ansichten bezüglich kritischer Reflexion der Bildbestände von Museen sind fundiert und seriös. Ihr Kommentar gilt einem expressionistischen Bild von Otto Müller (1927), das politisch unkorrekt mit «Zwei Zigeunerinnen mit Katze « betitelt ist und zwei halbnackte Frauen zeigt. Nun soll die Frage, ob ein solches Bild noch unkommentiert im Museum hängen darf, so heftig diskutiert werden wie die Tatsache, dass unser ganzes Ökosystem vor dem Kollaps steht und bis in 10 Jahren ganze Küstenstriche und Hafenstädte geflutet sein werden? Man kann die Diskussionen um Kunstfreiheit problemlos auf hitzige Fragen in der Literatur übertragen: Aufschrei und Proteste, Transparente und Märsche, um zu markieren, dass nicht mehr alles gesagt oder geschrieben werden darf von Künstlern. Aber worin besteht die Äquivalenz zwischen Kunst- und Klimaprotesten – ausser in der Heftigkeit?

Gleichwertigkeit von Konflikten?

Ich mache kurz eine Probe zu besagter Gleichwertigkeit der Debatten in den Basler Zeitungen am Wochenende vom 7./8. Dezember: Die Frage, ob ein reicher «Playboy» eine Nietzsche-Ausstellung im Historischen Museum in Basel finanzieren und ein Symposium mit eigenen Männerphantasien ausschmücken darf, wird tatsächlich heftig diskutiert. Auf jeden Fall erreicht sie mehr Aufmerksamkeit als die vermutlich ausbleibenden Ergebnisse der Klimakonferenz von Madrid. Darf ein Symposium, das im Titel eine missliche Deutung von Nietzsches Verständnis vom Kampf der Geschlechter vornimmt, öffentlich, das heisst: an der Universität Basel stattfinden? Nein, sagen linke Politiker und PolitikerInnen in Basel und fordern sogar ein Verbot der Veranstaltung. Eine Gruppe sehr heftig Empörter stürmt die Veranstaltung mit Transparenten. Und am 10. Dezember – es ist der Tag der Menschenrechte – ziehen ganze Massen gegen die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke durch Stockholm.

Was aber besagt die Heftigkeit der Diskussionen und Aktionen? Gibt es tatsächlich eine Äquivalenz bezüglich Normen in der Kultur und Forderungen für die Umwelt? Wen interessiert Nietzsches Frauenbild, wenn ganze Regierungen weltweit versagen? Was haben Handkes Äusserungen zu Serbien für ein Gewicht, wenn man an die täglich neuen Opfer kriegerischer Konflikte denkt? Das seltsame Gefühl, dass es sich irgendwie um Stellvertreterdebatten handelt, will nicht weichen. Natürlich geht es immer um Gerechtigkeit, gegen Ungleichheit und gegen eine bestimmte (männliche) Arroganz. Adressiert werden aber nicht die Politiker und PolitikerInnen, sondern die Künstler, seltener Künstlerinnen. Wenn die Äquivalenz von Klimakrise und Kampf für oder gegen Kunstfreiheit wirklich interessant ist, dann wohl deshalb, weil es auf den ersten Blick in beiden Feldern um Bereinigungen und Verbote geht. Es geht in vehementem und neuem Sinn um Moral und damit auch um die Grenzen der Freiheit. So lese ich den Artikel zur Kunstfreiheit nochmals, parallel zur Beilage der NZZ vom Vortag, in welchem sorgfältig (auf zwei Seiten!) vorgeführt wird, wie man «klimafreundlich» Spaghetti Bolognese kochen kann. Ohne Fleisch, ohne Käse, ohne Wein, mit Tomaten, die nicht weit gereist sind. Beide Artikel sind richtig und gut gemeint. Sie stellen klar, sie rechnen vor, sie haben erzieherische Funktion. Kunst ohne Diskriminierung, Essen ohne Co2-Abdruck. Beides erfordert Kontrolle, Beschränkung und Triebverzicht. Umdenken wird es auch genannt. In beiden geht es um Normen und Moral. Sind sie deshalb vergleichbar?

Es geht nicht um Moral, es geht um Gesetze

Die Frage der Wiederkehr der Moral in Kultur, Sprache und Politik ist am Sonntag 8. Dezember auch Thema der «Sternstunde» auf SRF mit Hans-Ulrich Gumbrecht und der Wiener Philosophin Lisz Hirn. Die beiden sind sich einig: Wir leben in einem Zeitalter neuer Normierungen und moralischer Forderungen. Politisch korrekte Kunst, politisch korrekte Sprache, Richtigstellungen und Normierungen, die vor allem aus dem linken und feministischen Spektrum kommen. Interessanterweise aber diskutieren die beiden unter der Leitung von Wolfram Ellenberger fünfzig Minuten über die Wiederkehr der Moral in der Sprache und in der Kunst, aber nur sieben Minuten über den Fluchtpunkt der ökologischen Moral, die den Klimakollaps verhindern könnte.

Mein Verdacht, dass die Beschäftigung mit neuer Moral in der Kunst eine Verschiebung für ein grösseres moralisches Dilemma ist, bleibt bestehen. Sowohl Antidiskriminierung wie Klimabewegung kommen aus langen politischen Kämpfen und markieren aktuell ein Ende der Geduld. Hier aber wäre auch schon das Ende der Äquivalenz erreicht. Was im Fall der Erde (der Natur) immer eindeutiger wird und nach neuen Lebensgewohnheiten verlangt, muss auf der Ebene der Kultur nicht zwangsläufig zu Bereinigungen führen. In der Kultur braucht es Debatten, für die Umwelt aber ist die Zeit der Debatten seit Paris 2015 vorbei: Es braucht neue Gesetze und grosse Antiwachstumsvisionen. Deshalb macht es keinen Sinn, wie die «Sternstunde» suggeriert, Zensuren in der Kunst und im Klimakampf mit der gleichen «Doppelmoral» zu behaften. Die Kunst muss frei bleiben, um der Moral zu entkommen, das war schon immer ihr Sinn. Sie kann sich nur freiwillig der Moral stellen. Das Klima und die Co2-Konzentration in der Atmosphäre aber ist unsere Lebensbedingung, Freiheit besagt hier etwas anderes.

Verlust an Mehrdeutigkeit

Vertieft man sich in Klimafragen, gäbe es eine ganz andere Annäherung zwischen Natur und Kultur als jene über die Kritik an den «MoralistInnen». Wenn man davon ausgeht, dass Natur wie auch Kultur durch Rationalisierung und Ausbeutung ihrer Vielfalt beraubt wurden, so könnte man – wie es der Philosoph Thomas Bauer tut – zum Beispiel den Schwund der Vielfalt in der Welt der Insekten und Vögel mit dem Schwund an Vielfalt in den Fernsehprogrammen in Verbindung bringen. Bauer zeigt in seinem kleinen Büchlein «Die Vereindeutigung der Welt», wo und wie Vielfalt und damit Mehrdeutigkeit verschwinden. Ganz ohne Moral, nur durch die Durchsetzung von Technologie und kapitalistischer Logik.

Plötzlich könnte man also einsehen, dass es in der neuen ökologischen Moral nicht so sehr um die Reduktion von Komplexität und Vorschriften geht, sondern um den Einzug einer Vernunft der Vielfalt, die sowohl alt wie neu ist. Der Fluchtpunkt ökologischer Moral ist diese Vernunft der Vielfalt (inklusive der Spezies Mensch) – einerseits. Andrerseits liegt er in der Anerkennung der Grenzen unserer Optimierung und Freiheit. Das ist kompliziert, aber kein Problem von Moral und Debatten, sondern in erster Linie eine Frage von Klimagesetzen, die neuen Produktions- und Lebensformen zur Durchsetzung verhelfen könnten. Ob die Kohle- und Öllobby weiterhin die Agenda bestimmt, ist keine Frage der Moral: Es ist schlicht katastrophal im ursprünglichen Sinn des Wortes. Insofern war auch die «Sternstunde» leider eine Scheindebatte.

Weihnachtsmarkt oder Weihnachten?

Epilog: Auch über Weihnachtsmärkte wurde zwischendurch heftig gestritten. Es gab Redaktoren, die ihnen gar den Krieg erklärten. Ausgerechnet die Märkte, die doch die grösste Vielfalt, nämlich jene des Konsums, versprechen. Über Weihnachten im komplizierten und durchaus mehrdeutigen Sinn des Festes wird kaum gesprochen. Es geht um Familie, ja irgendwie – und da wird auch viel gestritten, manchmal auch gelitten.

Ein Freund erzählt, dass sein Sohn zum zweiten Mal Vater wird; die Schwiegertochter muss schon liegen, weil der Muttermund geöffnet ist. Ich frage, wie sie Weihnachten feiern werden. Ich stelle mir vor, dass die Familie anreisen und ein wenig um das junge Paar herumstehen wird, das da «in der Hoffnung» ist. Wir werden plötzlich für einen Moment sehr nachdenklich. Es gibt nicht nur eine Klimajugend, es gibt Klimaeltern und Grosseltern. Ein Kind, das 2020 auf die Welt kommt, stellt ihnen, uns die Frage, wie es 2050 erleben wird, wenn die Klimaziele nicht erreicht werden. Vielleicht ist das genau der Sinn von Weihnachten. Natale! Das Fest konfrontiert uns mit dem Prinzip der Gebürtigkeit, mit Hannah Arendt: mit dem Prinzip der Natalität, diesem inkommensurablen ‘Auf- die-Welt-kommen’ als Akt der Freiheit und einer offenen Zukunft. Für einen Moment war damit klar, was zählt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Silvia Henke ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und Publizistin. Sie unterrichtet an der Hochschule Luzern Design & Kunst u.a. Kunst und Politik und visuelle Kultur. Forschungsschwerpunkte sind Kunst & Religion, künstlerisches Denken, transkulturelle Kunstpädagogik. Sie interessiert sich grundsätzlich für die Widersprüche der Gegenwart, wie sie auch in der Medienlandschaft auftauchen, und veröffentlicht regelmässig Texte und Kolumnen in Magazinen und Anthologien.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Robert Ruoff, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Matthias Zehnder.

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2 Meinungen

Hannah Arendt schrieb auch: «Nicht ist lächerlicher als der Versuch, den Dichtern Moral zu predigen oder ihnen Vorschriften zu machen, wiewohl dies seit Plato immer wieder vesucht worden ist. Zum Glück für uns und für die Dichtung ist dies auch ganz überflüssig, da wir es ruhig wagen können, in diesem Fall unsere alltäglichen Urteilsmasstäbe in moralischen Fragen, die ja ohnehin alles andere als gesichert sind, zu suspendieren.» (H. Arendt: Bertolt Brecht)
Beat Eberle, am 17. Dezember 2019 um 11:50 Uhr
Ein tiefsinniger Artikel zum Jahresanfang. Danke. Konzentrieren wir uns im 2020 auf das Wesentliche!
Fritz Gysin, am 25. Dezember 2019 um 08:54 Uhr

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