--- © NZZ am Sonntag
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NZZ a.S. schürt falsche Hoffnung und falsche Angst

Urs P. Gasche / 01. Sep 2015 - Heute leben 50 Prozent mehr Leute mit der Diagnose «Krebs» als im Jahr 2000, verbreitet die NZZ. Grund sei das längere Überleben.

Der Eindruck, den die NZZ a.S. mit ihren Schlagzeilen weckt, ist zu schön, um wahr zu sein: Dank der Medizin leben heute viele Krebskranke so viele Jahre länger, dass die Zahl der Menschen, die mit einer Krebsdiagnose leben, in kurzer Zeit um die Hälfte gestiegen ist.

Das wäre eine gute Nachricht. Es trifft aber eher die schlechte Nachricht zu, dass die Früherkennung vor allem von Prostata- und Brustkrebs enorm viele Frauen und Männer «krebskrank» macht, die früher – ohne Früherkennung – ihr Leben lang nie etwas von diesen Tumoren gespürt hätten.

Die rasante Zunahme der Leute mit Krebsdiagnose verbreitete die NZZ a.S. als gute Nachricht. Die Zunahme war als Erfolg der Medizin zu verstehen: Vor 15 Jahren hätten in der Schweiz erst 200'000 Frauen und Männer mit der Diagnose Krebs gelebt, heute seien es 300'000: «Grund ist die steigende Lebenserwartung bei Krebdiagnose.» So stand es am 30. August 2015 auf der Frontseite.

Auf Nachfrage räumt die NZZ a.S. ein, dies sei nur ein Grund. Doch den vermutlichen Hauptgrund nennt die NZZ a.S. weder auf der Frontseite noch im Grossgedruckten auf der Doppelseite im Innern das Blattes: Die zunehmende und verfeinerte sogenannte Früherkennung von Brustkrebs, Prostatakrebs und Hautkrebs lässt die Krebs-Diagnosen in die Höhe schnellen. Die meisten dieser zusätzlich Diagnostizierten und Behandelten hätten ohne Früherkennung ihr ganzes Leben lang nie etwas von den entdeckten kleinen Krebszellen bemerkt. Kein Wunder also, dass alle diese Männer und Frauen nach der «Krebsdiagnose» noch zwanzig und mehr Jahre leben.

Die Grafik der «NZZ am Sonntag» zeigt ein hohes Überleben besonders nach den Diagnosen Prostatakrebs, Brustkrebs und Melanom.

Dass eine Krebsdiagnose «nicht mehr unweigerlich ein Todesurteil» sei und Patienten nach der ersten Diagnose «Krebs» länger leben würden als früher (so die NZZ a.S.) ist wahrscheinlich in erster Linie auf die vielen Überdiagnosen von Prostata- und Brustkrebs zurückzuführen. Diesen Klartext lässt die NZZ a.S. vermissen.

Die Zahl der Todesfälle wegen Prostata- und Brustkrebs nehmen nicht stärker ab als schon vor der verbreiteten Früherkennung. Aber die jährliche Zahl der Patentinnen und Patienten mit der Diagnose «Krebs» hat wegen der Früherkennung enorm zugenommen («Grafik NZZ am Sonntag», Schriften vergrössert von Infosperber).

Nur bei den Erläuterungen zur Grafik vermerkt die NZZ a.S., dass für die enorme Zunahme der Brustkrebsdiagnosen seit 15 Jahren neben Alkohol, Übergewicht und hormonellen Faktoren «auch die bessere Diagnostik dafür verantwortlich sein könnte» (sic!).

Das Wort «Überdiagnostik» vermeidet die NZZ a.S. auch beim Prostatakrebs, obwohl sie dort klarer vermerkt: «Ursache für die starke Zunahme des Prostatakrebs ist die Früherkennung durch den PSA-Test». Viele dieser Diagnosen seien «nicht lebensbedrohlich». Im Klartext: Ohne Früherkennung hätten diese Männer bis zu ihrem Tod nie etwas von Krebszellen bemerkt.

Gegenüber Infosperber erklärte Professorin Sabine Rohrmann, Epidemiologin an der Universität Zürich, die Zahl der Prostata-Diagnosen habe sich fast ausschliesslich wegen der Früherkennung so stark erhöht. Beim Brustkrebs spiele neben der Früherkennung auch eine Rolle, dass die Frauen häufiger übergewichtig seien als früher.

Medizinische Fortschritte gab es vor allem bei den deutlich weniger verbreiteten Leukämien, Lymphomen und schon vor etlicher Zeit beim Hodenkrebs. Beim Darmkrebs spielen Überdiagnosen infolge Früherkennung neben den besseren Behandlungen ebenfalls eine Rolle. Professorin Sabine Rohrmann legt sich nicht fest, ob für die starke Zunahme der Leute mit Krebsdiagnose vor allem der medizinische Fortschritt oder vor allem die Früherkennung verantwortlich sind.

Ein weiterer Grund für die Zunahme der Menschen mit Krebsdiagnose besteht schlicht darin, dass die Bevölkerung seit 2000 um 15 Prozent zugenommen hat und in der Zusammensetzung etwas älter geworden ist. Mit medizinischem Fortschritt auch dies nichts zu tun.

Sprunghaft mehr «Langzeitüberlebende»

Auffälligerweise hat sich die Zahl der Personen, die nach einer Krebsdiagnose mehr als zwei Jahre überlebten, nur geringfügig erhöht. Wer an einem aggressiven Tumor erkrankt, lebt heute offensichtlich nicht viel länger als vor 15 Jahren. Dagegen leben viel mehr Leute nach ihrer «Krebsdiagnose» noch zehn oder mehr als zwanzig Jahre lang. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass es sich um viele Überdiagnosen infolge Früherkennung handelt – um Leute also, die auch ohne «Krebsdiagnose» und ohne Behandlungen gleich lange gelebt hätten. (Grafik «NZZ a.S.» Woher die Zeitung die genauen Zahlen von 2015 haben will, bleibt auch nach Nachfrage unbeantwortet.)

Auf die Frage, ob die längeren Überlebenszeiten zum grossen Teil nur fiktiv seien, weil erstens die Früherkennung von Prostata-Krebs und Brustkrebs entweder lediglich die Dauer bis zum Tod verlängern kann, ohne dass die PatientInnen länger leben, und zweitens weil die Früherkennung viele Krebszellen findet, welche nie zu Symptomen geführt hätten (Überdiagnosen und Überbehandlungen), antwortete Professorin Sabine Rohrmann: «Beides stimmt, lässt sich aber nicht leicht voneinander trennen. Dies sind wichtige Punkte, die zu diskutieren sind, aber sich aus den Zahlen nicht einfach herauslesen lassen

Bei ihrer Gegenüberstellung des Überlebens vergleicht die NZZ a.S. zudem Äpfel mit Birnen, nämlich das (kürzere) Überleben nach früheren Diagnosen fortgeschrittener Tumore mit dem (längeren) Überleben nach heutigen Diagnosen von Krebsvorstufen.

Das «längere Überleben» nach früher Diagnose kann für viele Patientinnen und Patienten bedeuten, dass sie länger krank und in Behandlung sind, aber keinen Tag länger leben.

Die Öffentlichkeit möchte gerne mehr wissen über den effektiven Nutzen von Früherkennung und von Krebsbehandlungen. Doch in Sachen Krebsstatistik ist die Schweiz noch immer im Rückstand.

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Keine

Weiterführende Informationen

DOSSIER: «Sinn und Unsinn der Früherkennung»

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