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Die grobe Verteilung der Schiiten, Sunniten und Kurden im Irak © cia

Ulrich Tilgner kritisiert Berichte als «Quatsch»

Urs P. Gasche / 25. Jun 2014 - Der Nahost-Spezialist ärgert sich über die «Zuspitzung und Überzeichnung zwecks Sensation» in Schweizer Medien.

Vor zwei Wochen weckten Schweizer Medien den Eindruck, «islamisch-fundamentalistische Gotteskrieger» würden «auf Bagdad vorrücken».

Auf die verwunderte Frage, wie denn einige Tausend bewaffnete Isis-Anhäger im Nu zahlreiche Städte und Landstriche erobern konnten, hiess es lediglich, von den USA hoch gerüstete Armeeeinheiten hätten feige die Flucht ergriffen.

«Von einem Sturm auf Bagdad oder Kerbala zu sprechen, ist schlicht Unsinn», erklärt Ulrich Tilgner in einem wenig beachteten grossen Interview von Bernhard Ott im Berner «Bund» vom 21.6.2014. Er habe den «Quatsch in den Zeitungen über die Entwicklung der letzten Wochen» gelesen. Über diese massive Kritik des bekannten Irak-Korrespondenten hat keine andere Zeitung informiert.

Tatsächlich herrsche im Nordwesten des Landes schon lange ein Krieg. Bereits vor einem halben Jahr hätte ein Aufstand der unterdrückten Sunniten begonnen. Die sunnitische Bewegung würde von den sunnitischen Saudis, also Verbündeten der USA, unterstützt, während Malikis Schiiten-Gruppen unter dem Einfluss des Irans stünden.

Die Isis habe in den sunnitischen Landesteilen nur deshalb Erfolg, weil die Sunniten die Verwaltung der Städte übernehmen würden.

Deshalb war zum vornherein klar, dass die Isis-Kämpfer nie ins mehrheitlich schiitische Bagdad vordringen können, geschweige denn Bagdad einnehmen werden. Die Hauptstadt war nie bedroht.

«Sunniten von korrupter Regierung verfolgt»

Westliche Medien verbreiteten den Verdacht, im Nordwesten würden frühere Militärführer Saddam Husseins wieder eine wichtige Rolle spielen, was die irakische Opposition in ein schlechtes Lichts stellen sollte.

Auffallend wenig las man über das Regime in Bagdad. Ulrich Tilgner nennt Malikis Herrschaft «brutal». Er «verfolgt die Sunniten» und «kontrolliert grosse Teile der Presse, die Justiz und die Sicherheitsapparate». Die Regierung in Bagdad sei eine «Regierung von Korrupten». Die Leute um Maliki hätten die «Öleinnahmen veruntreut».

Bei den letzten Wahlen im März hatte die Partei Malikis die Mehrheit klar verfehlt. Doch bis heute verbietet Maliki dem neuen Parlament, die Arbeit aufzunehmen.

Die Opposition gegen das Maliki-Regime sei nicht von einer brutalen Isis dominiert, die jeden Andersdenkenden vor die Wand stelle. Tatsächlich fänden die Aufstände der Sunniten und die Gebietseroberungen der Kurden breite Unterstützung in deren Bevölkerung.

Damit ist klar, dass die Simplifizierung, eine unmenschliche, terroristische Isis kämpfe gegen eine gewählte Regierung in Bagdad, ein völlig verzerrtes Bild der Lage im Irak vermittelt.

Unterdessen sollen sich laut einem NZZ-Korrespondentenbericht die Stimmen mehren, welche der Obama-Administration raten, «Maliki fallenzulassen». Offensichtlich sind es die USA, die bestimmen können, wer in Bagdad mit welcher Regierung herrscht. Daran scheint sich bei uns niemand zu stören. Ganz anders, wenn zum Beispiel der Iran seine Interessen in der Region geltend macht.

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Grobe Verteilung der Schiiten, Sunniten und Kurden im Irak

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

«Was die USA schützen, ist mehr als eine Botschaft» vom 24.6.2014
Erich Gysling: «Seit dem US-Krieg eine Verhängnis-Spirale» vom 12.6.2014

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