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Die groteske Welt der Internet-Hetzer

Christof Moser / 15. Aug 2016 - Das Gewaltdelikt in der Südostbahn bei Salez (SG) offenbart die rechtsextreme Sehnsucht nach islamistischem Terror in der Schweiz.

Die Schweizer Medien haben nach der Gewalttat in einem Schweizer Regionalzug im Kanton St. Gallen bisher einen guten Job gemacht – die Berichterstattung ist zurückhaltend und kommt weitgehend ohne Spekulationen aus. Wobei dies auch schon wieder eine Kritik ist: Man mag sich gar nicht ausmalen, was in den gleichen Medien los gewesen wäre, hätte der Täter nicht wie von der Polizei mitgeteilt einen «typisch schweizerischen Namen» gehabt. Einen kleinen Vorgeschmack, was bei einem islamistisch gelagerten Hintergrund passiert wäre, lieferten die internationalen Medien, die nach dem Axt-Angriff eines Daesh-verführten Asylbewerbers bei Würzburg Mitte Juli die Berichterstattung über Salez zunächst präventiv auf Terror-Modus schalteten.

Die bisherige Bilanz der schrecklichen Tat eines 27-Jährigen, deren Hintergründe nach Angaben der Polizei bisher noch weitgehend im Dunkeln liegen: zwei Tote, darunter der mutmassliche Täter selbst, sowie zwei Frauen und zwei Männer sowie ein Kind mit schweren bis schwersten Verletzungen.

Der Täter wird zum Muslim gemacht

Verstörend ist jedoch nicht nur die Tat selbst, sondern auch die Funktion der sozialen Medien als Plattformen für Gerüchte, Hetze und Verschwörungstheorien. Facebook und Twitter fallen diesmal besonders negativ auf, weil nicht schwerwiegende Schnitzer der traditionellen Medien dieses Phänomen überdecken oder zumindest anfeuern.

Auffällig: Rechtsextreme versuchen seit Samstagabend in den sozialen Medien fast schon verzweifelt, einen islamistischen Hintergrund zu konstruieren – und schrecken dabei auch vor Lügen nicht zurück. So zum Beispiel der seit langem als notorischer Hetzer auffallende Antileksos auf Twitter, der die angeblich «bestätigte» Information verbreitet, der Täter sei Muslim gewesen:

Andere behaupten auf Facebook, es habe sich bei der Tat um einen Ehrenmord gehandelt und der Name des Täters laute entgegen anderslautenden Informationen Mohammed:

Es sind nur zwei Beispiele von Dutzenden – und sie werden wiederum dutzendfach weiterverbreitet.

Auch rechte Medien mischeln mit

Bei dieser offensichtlichen Sehnsucht nach einem religiösen Hintergrund steht selbstverständlich auch die «Weltwoche» nicht abseits, wie dieser Tweet eines Redaktors zeigt:

Kehrseite einer Medaille

Ähnliches war auch nach der Aufklärung des Mehrfachmords von Rupperswil (AG) zu beobachten. Dass der Täter aus dem näheren Umfeld kam, mitten aus der dörflichen Gesellschaft – das konnten und wollten viele nicht wahrhaben.

Es sind Einblicke in die groteske Welt der Internet-Hetzer, die nicht davor zurückschrecken, Fassungslosigkeit und Trauer für ihre politischen Agenden zu missbrauchen und damit nicht zuletzt auch die Opfer verhöhnen. Und es sind anschauliche Beispiele dessen, was sich die Gesellschaft immer wieder in Erinnerung rufen muss: Islamisten und Rechtsextreme sind die Kehrseite derselben Medaille – beide Seiten sind an Hass, Gewalt und Unsicherheit interessiert.

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8 Meinungen

Danke für diesen Beitrag. Ich stimme zu 100% überein.
Ueli Custer, am 15. August 2016 um 11:39 Uhr
Hegel hat mit der Dialektik erklärt, dass wichtige Aussagen erst dann komplett sind, wenn die Verneinung ebenfalls möglich ist. Das klassische Beispiel der Philosophen: Ich habe erstens Milch für den Kaffee, aber ich habe zweitens auch schon keine Milch gehabt. Ich finde, dass ein Drittes dazu gehört: Die terroristisch nihilistische Ablehnung von Milch überhaupt, samt Bauern, Kühen und Denkern.
Ich vermute, dass weltweit die Entfaltung der Menschen ein unstillbares Bedürfnis nach sinnloser Zerstörung mit sich bringt, das sich jeder rationalen und emotionalen Kritik entzieht. Ich bin sicher, dass es einen gab, der den Bau der
Akropolis sabotieren wollte. Leopold Szondi (geb. Leopold Sonnenschein) formulierte dazu die tiefenpsychologische Schicksalsanalyse.
Es gibt die Menschen die für alles eine Bombe wollen, und einige beschaffen und zünden. Die Welt steht dem ratlos gegenüber.
Die Bibel registrierte den allerersten Todesfall als Brudermord. Ein Verteidiger würde sogar auf eine vorangehende Provokation durch Gott selber hinweisen.
Man sagt, dass Ackerbau und Viehzucht territorial immer konfliktgeladen waren.
Und so weiter des Unlösbaren.
Hannes Keller, am 15. August 2016 um 12:22 Uhr
Ich finde die Bemerkungen von Christof Moser zutreffend, die Kritik an Hetzerei und Lob für die nicht-spekulative Berichterstattung teile ich.

Ein Aspekt, den ich nachdenklich gerne noch hinzufüge: stellen wir uns vor, die gleiche Tat wäre von einem Flüchtling allenfalls gar mit islamistischem Hintergrund begangen worden... wie viele PolitikerInnen hätten dann nicht neue «Anti-Terrormassnahmen» gefordert, die Sperrung der Grenze angeregt etc.? Und wie viele der jetzt zu Recht gelobten Medien hätten ihnen dann dafür eine Plattform geboten?

Für die Opfer und deren Familien bleibt eine solche Tat schrecklich - unabhängig der Umstände. Und so oder so kommt auch die berechtigte Frage: hätte man ggf. anders vorbereitet sein können? Und für uns PolitikerInnen ist die Herausforderung die, dass wir nicht auf jeden Einbruch des «Bösen», auf jede Gewalttat, eine präventive Massnahme fordern (seien dies nun von rechts Antiterror- und Überwachungsgesetze oder von links soziale Massnahmen oder von xy dann a oder b oder c) - sondern auch eine (erschreckende) teilweise Ohnmacht gegenüber solchen zum Glück doch seltenen Ereignissen eingestehen.
Balthasar Glättli, am 15. August 2016 um 12:26 Uhr
Einzeltäter egal welcher Nationalität, die Angst, Schmerz und Schrecken in der Bevölkerung verbreiten sind ein Problem, das wir alle gerne zu 100% lösen resp. eliminieren möchten. Das hat weder mit linker noch rechter Politik zu tun, noch mit Ausländern oder Flüchtlingen, bloss mit dem SIcherheitsbedürfnis aller und der Angst, die wir bei solch kriminellen Akten wie in Salez empfinden. Das ist menschlich. Ziel einer echten Zivilisation ist ein möglichst angstarmes, soziales Leben. Leider haben nciht alle das gleiche Ziel, denn wer diese Angst der Bevölkerung zum Politisieren missbraucht, schafft wieder Angst. Und die Bevölkerung müsste sich dagegen wehren. Wann fangen wir also endlich an, die Ausländer-Hetzer-Angstverbreiter als Volksproblem zu erkennen und Massnahmen dagegen zu ergreifen? Da ich eine gewaltfreie Haltung vertrete empfehle ich allen paranoiden Ausländer-Hetzern sich zu fragen, ob der Besuch beim Therapeuten für sie nicht auch Angst befreiend und erlösend sein könnte? Ich empfehle dies als Alternative zur Politik, wo das Thema ebenfalls thematisiert werden muss.
Peter Müller, am 15. August 2016 um 13:57 Uhr
Danke, Christof Moser, für diesen Beitrag. So nach dem Motto «Swiss knifeman was a muslim. Confirmed» tönte es auch bei uns. Als klar war, dass der Täter keiner war mit Migrationshintergrund, kein Muslim, schloss «20min» die Kommentarspalte. «Blick» liess fast als einzige Online-Plattform das Drama von Salez kommentieren. Gierig erkundigten sich die entfesselten Internethooligans nach Abstammung und Religion des Täters – wie gewohnt in fehlerhafter Sprache. Eine schier unfassbare Zusammenballung von Dummheit, Bosheit, Rassismus, rechtspopulistischer Irrlehre und Menschenverachtung. Gestern erfuhr ich von der Wahnsinnstat zufällig durch einen Beitrag der Online-Ausgabe der deutschen «Welt». Der Grundtenor dort: «Nun hat der islamistische Terror auch die Schweiz erreicht. Messerattentat im Zug, mehrere Opfer.» Dann ging’s in der Kommentarspalte so richtig ab. Innert weniger Minuten wurden an die hundert Wortmeldungen aufgeschaltet. Eine schlimmer als die andere. Triefend vor Hass auf diese «islamistischen Extremisten und den mit ihnen befreundeten linken Gutmenschen». Diese total bescheuerte Sehnsucht nach islamistischen Terror. Das lief so weiter, auch nach der Aktualisierung des Artikels, wo schliesslich darauf hingewiesen wurde, der Anschlag habe wohl keinen terroristischen Hintergrund, der Täter sei ein Schweizer. «Immer das gleiche», hiess es, «kleingeredet werde alles durch die linke Presse.»
Peter Beutler, am 15. August 2016 um 17:36 Uhr
Herr Möller, ich reibe mir die Augen. Wer drischt auf wen ein? Ums Himmels willen. Diese perverse Sehnsucht nach einem muslimischen Anschlag ist so offensichtlich. Und nun kommt der Spielverderber, dieser junge Mann aus dem Kanton Schwyz aus einer gut bürgerlichen, eingebetteten Familie. Ein Mensch mit Hass auf Linke und Frauen. Auch das steht nun fest.
http://www.blick.ch/news/schweiz/zug-amok-simon-s-27-tatmotiv-frauenhass-id5382424.html
Eine «linksorientierte» Geschichtslehrerin in einem Schwyzer Gymnasium sei es, die den Bedauernswerten aus der Bahn geworfen habe, kurz vor der Matur. Und jetzt meldet sich einer aus dem grossen Kanton von drüben, mit klammheimlichen Sympathien (?) zu jenen politischen politischen Schutzstaffeln - Pegida und AfD meine ich, die sich gerade anschicken, auch in unserem Land Fuss zu fassen. Das hat uns gerade noch gefehlt. Nicht Christof Moser ist zu tadeln, nein, die Macher unser Boulevardmedien, die sich so kriecherisch, so dämlich in eine verheerende Zeit-Strömung einordnen und mit reisserischen Artikel jenes Segment der Bevölkerung, das zwischen Analphabetentum und Halbgebildetsein mäandert, gegen Andersdenkende und Anders-ethnische aufhetzen.
Peter Beutler, am 16. August 2016 um 11:41 Uhr
@ Christoph Moser
Ihr Titel «Internet-Hetzer» und Ihr Artikel-Inhalt passen nicht zusammen, finde ich.
1) Dass es Hetzer/Mobber/Plagegeister/Sadisten gibt, wissen wir aus dem Alltag längst.
2) Worin die Unterscheidung «WEM glaube ich» liegt, sollten Sie besser in einer Gesamtübersicht inklusive dem Neuschimpf-Wort «Verschwörungstheoretiker» (i.d.R. von Verschwörungspraktikern verwendet) definieren.
Wolfgang Reuss, am 18. August 2016 um 15:45 Uhr
"Die groteske Welt der Internet-Hetzer» ist momantan sehr gut im Forenbereich des Focus-Online zu beobachten. Sobald ein Thema rechtes Interesse weckt - sei es Muslim verhaut Frau, ein Politiker hat irgendetwas linkes geäußert oder der Dauerbrenner Flüchtlingskrise - scheinen in den Kommentaren tatsächlich überwiegend AfD/Pegida-Sympathisanten die Volksmeinung vertreten zu wollen. Ein Kommentar muss menschenverachtend oder gegen linke Gutmenschen sein und jede Partei links der AfD diskreditieren, dann wird er sicher mit 90% ein Like bekommen. Ein Kommentar der zur Vernunft ruft oder mahnt bei den Fakten zu bleiben erntet überwiegend Dislikes.
Man muss vermuten, der Focus sei gekapert wurden. Doch die Moderatoren tun wenig (oder nichts) dem entgegenzutreten. Schlimmer noch: Eine wirkliche Gegenmeinung wird gar nicht erst online geschaltet. Das ist nun schon so auffällig, dass sich auch andere Foren damit beschäftigen.

http://community.sport1.de/de/thema/die-afd-hat-die-luegenpresse-gekapert-,54607562.html

Einfach irgendeinen Artikel im Focus-Online mit Thema Ausländer anklicken und die Kommentare lesen - «grotesk» reicht als Beschreibung nicht mehr aus.
Kay Jäger, am 22. August 2016 um 02:21 Uhr

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