kontertext: In der Krise beginnt die Zukunft

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Martina Süess / 12. Mai 2020 - Medien lieben Krisengeschichten. Warum wir uns davor fürchten sollten.

«Aus einer Krise geht man nicht gestärkt hervor. Aus einer Krise kriecht man an auf allen vieren» sagte der deutsche Schriftsteller und Kabarettist Torsten Sträter, als er einst in einer Talkshow über seine Depressionen sprach. Wer schon einmal eine Krise erlebt hat – sei es in einer «Krisenregion» oder in der privaten Biografie – wird ihm zustimmen. Es braucht meistens viel Zeit und sehr viele Ressourcen, bis überhaupt ein Zustand erreicht ist, in dem man wieder aktiv gestalten kann. Geht man «gestärkt» aus etwas hervor, dann war das wahrscheinlich keine Krise, sondern ein Powernap.

Trotzdem hält sich das Klischee von der «Krise als Chance» hartnäckig. Neben den Hollywood-Blockbustern sind es vor allem die Medien, die dieses Klischee gern bedienen. In der Berichterstattung der Massenmedien hat die Krise immer Hochkonjunktur. Seit einigen Wochen aber werden wir von Krisengeschichten richtiggehend überschwemmt, wobei das Spektrum von rhetorisch versiertem Journalismus bis zu sehr freier Sprachkunst reicht. Ein idealer Zeitpunkt also, sich diese Krisengeschichten etwas genauer anzuschauen, um zu verstehen, warum sie in den Medien so beliebt sind. Und warum wir uns vor ihnen fürchten sollten.

Das Einzige, was uns jetzt hilft

Krisengeschichten müssen nicht bedrohlich sein, sie können auch erheitern. Im Newsletter der Republik zum Beispiel beschrieb kürzlich eine Journalistin ihre Gedanken und Gefühle über ein Leben in der Krise mit originellen Metaphern: «Die Verletzlichkeit, die sich aus meinem Innersten herausschält, ermutigt durch die Verletzlichkeit der Welt. Diese Ehrlichkeit und Demut, die sich über uns legt. […] Und dann denke ich, fühle ich plötzlich, dass diese Zeit uns eben auch eine Lehre sein kann, uns einen Moment der Besinnung bringt, Leere, die sich über uns legt wie frischer Schnee über ein karges Feld, sodass alles ruhig wird, und in uns drin alles wach.» Poesie? Journalismus? Satire? Man weiss es nicht.

Ermutigt fühlte sich auch ein Schweizer Schriftsteller. Kaum war die Corona-Krise in Sichtweite, hatte er schon die erste Offenbarung. Am 9. März erklärte er der Schweiz im Blick: «Die Corona-Krise führt uns eindrücklich vor Augen, wie wichtig ein mächtiger Staat ist und wie nebensächlich das jahrzehntelang gepredigte Ideal der Wettbewerbsfähigkeit. Das Einzige, was uns jetzt hilft, ist Kooperation.» Ausführen, erläutern oder gar belegen muss er seine Behauptung nicht, denn, wie gesagt: Corona führt es «uns» ja «eindrücklich vor Augen». Da darf dann schon mal gesagt werden, was einfach gesagt werden muss: «Nun wissen wir also. Die Macht des Staates ist absolut. Er besitzt das Primat.»

Die Welt ist mit Leuchtstift markiert

Diese zwei Texte sind sicher herausragend, was die Verwandlung von subjektiven Eindrücken in allgemeingültige Gesellschaftsdiagnosen angeht. Sie sind aber symptomatisch dafür, wie die Erzählung von der Krise funktioniert: Die Krise wird phantasiert als jenes Moment im Verlauf der Geschichte, in dem sich die Wahrheit unverhüllt und unvermittelt zeigt. Wenn die Normalität aussetzt, erkennt ein mysteriöses «Wir», was wirklich wichtig ist, was «uns» tatsächlich zusammenhält und welche Mächte und Kräfte im Innersten (des Menschen, der Gesellschaft, der Politik) am Werk sind. Im Hollywood-Blockbuster erkennt der notorische Bindungsvermeider zum Beispiel nach einer Invasion aus dem All ganz plötzlich, dass er zu seiner Kleinfamilie zurückkehren möchte, von der er sich aus Gründen, die ihm nun unwichtig und dumm erscheinen – Geld, Ruhm, Sex, Freiheit – dereinst getrennt hatte.

Für den Journalismus ist diese Vorlage natürlich attraktiv: Mit dem Verweis auf die enthüllende Kraft der Krise kann die Beschreibung der gesellschaftlichen Situation – die de facto immer subjektiv und durch Sprache vermittelt, also gestaltet ist – als neutrale Beobachtung inszeniert werden. Die Journalistin weist dann nur auf das Offensichtliche hin. Eleganter formuliert: «Die Welt ist immer noch dieselbe. Sie ist jetzt einfach mit Leuchtstift markiert.» (WOZ)

Kampf der Erzählungen

Tatsächlich leuchtet es derzeit überall, die Einsichten, Lehren und Erkenntnisse scheinen nur so aus der Krise herauszuquellen. Besonders beliebt ist die Krise in den Kommentarspalten. In der FAZ zum Beispiel sieht ein Gastkommentator die Krise als «Chance zum Umdenken» und fragt: Ist es vielleicht «ein Moment des Aufwachens? Des Bewusstwerdens? Der Demut? Der gesellschaftlichen Solidarität, der Kreativität und der Hilfe?» Krise sei Dank liegen die Antworten offen zutage, der Autor muss sie nur benennen: «Bei allem Leid, das Corona bringt, zeigt uns Corona immerhin, wie schnell Gesellschaften in der Lage sind, scheinbar unumstössliche Dogmen in Frage zu stellen. Der Glaube an die unsichtbare seligmachende Hand des Marktes ist erschüttert.»

Ist er das? Bestimmt nicht in der Wirtschaftsredaktion derselben Zeitung. Hier offenbart sich in der Krise gerade die Notwendigkeit des freien Marktes. Unter dem Titel «Technologie macht robust» heisst es: «Der Kitt, der während der Pandemie nicht nur dieses Land zusammenhält, besteht aus dem Vertrauen in die Verantwortlichen und Mitmenschen und der digitalen Infrastruktur.» Die wichtigste «Lehre aus der Corona-Krise» bestehe darin, dass die deutsche IT-Branche auf den «Weltmärkten» vorne mitspielen und sich schleunigst mit digitalen Innovationen profilieren müsse. Sollte das gelingen, wäre das die Rettung der Menschheit schlechthin, denn Durchbrüche in der Informatik seien die Grundlage, um diverse Probleme wie «Krebs», «gesunde Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung» und «den Klimawandel zu bewältigen». Möglich sei diese notwendige Entwicklung allerdings nur unter den Bedingungen des freien Marktes, «grün angehauchte Naturromantik» hingegen sei nicht dazu geeignet, «echte und breit akzeptierte Fortschritte zu erzielen. Verbote übrigens ebenfalls nicht.»

Die Krise als Wendepunkt

Was aus diesen Texten ersichtlich wird: Krisengeschichten weisen immer auch über die Krise hinaus. Es gibt immer ein Danach. Die Krise wird nicht als Endpunkt dargestellt, sondern als Wendepunkt. Sie markiert das Ende der Welt, wie wir sie kennen, den Umschlag von der Gegenwart in die Zukunft. Deshalb ist die Inszenierung der Krise als Offenbarung auch für politische Akteure interessant: Wer die Deutungshoheit über die Krise gewinnt, der wird auch darüber bestimmen dürfen, wohin die Geschichte in der Zukunft führt.

Wer in der Krise erkennt, dass die freie Marktwirtschaft am Ende ist, hat vermutlich eine Alternative im Angebot. «Green Recovery ist das Gebot der Stunde», schreibt der Gastkommentator der FAZ und ergänzt: «Hierzu muss man sich eine andere Welt – und einen anderen Generationenvertrag – neu vorstellen können.» Wer hingegen die heilende Kraft in der freien Marktwirtschaft entdeckt, fordert «Unternehmergeist», was verklausuliert bedeutet: staatliche Strukturen, die das Unternehmertum fördern.

Unschlagbar, aber problematisch

Die Vielfalt der Offenbarungen, die sich derzeit in den Medien ereignen, macht deutlich: Weder Meinungsvielfalt noch Meinungsfreiheit sind in Gefahr. Auch in der Krise herrscht wenig Konsens darüber, welches Bild die Gesellschaft in ihrer aktuellen Lage am besten repräsentiert und welche Weichen gestellt werden müssen. Als rhetorisches Mittel ist die Krisenerzählung unschlagbar. Und sie ist selbstverständlich Teil der öffentlichen Debatte, die immer auch ein Prozess des Aushandelns von Normen und Werten ist.

Aber sie ist auch problematisch, weil sie dazu neigt, gerade das, was politisch ausgehandelt werden muss – Fragen der Gerechtigkeit, der Güterverteilung, der demokratischen Grundrechte – als nicht verhandelbar darzustellen. Zum einen scheint Debattieren in der Krise nicht mehr nötig, weil sich die Realität ja «an sich» zeigt, es folglich auch keine divergierenden Standpunkte mehr geben kann. Zum anderen verlangt der Ernst der Lage bestimmte Massnahmen so dringend, dass sie ebenfalls keiner Diskussion bedürfen, sondern autoritär verordnet werden müssen.

Vielleicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Die Gefahren der Krisenerzählung liegen deshalb weniger in ihren unterschiedlichen Inhalten als in ihrer performativen Wirkung: Sie schafft Notwendigkeit, wo es Möglichkeiten gäbe. Sie verhindert Kreativität und Dialog, weil sie kaum Widerspruch duldet. Sie setzt, im Extremfall, gerade dort die demokratischen Verfahren ausser Kraft, wo es um eminent politische Entscheidungen geht, und vertuscht die eigene Agenda, indem sie Sachzwänge, Dringlichkeit und Handlungsnot geltend macht.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Die Journalistin der Republik zum Beispiel entdeckt in der Krise ganz neue Möglichkeiten, nämlich die Gefühle für ihren Nachbarn: «Wie heisst du eigentlich, verrückt, keine Ahnung, wer du bist, wie konnte ich dich nur so liegen lassen über all die Zeit, entschuldige, ich war irgendwie woanders, aber jetzt bin ich da, und jetzt gerade reicht das völlig aus.» Ob uns der Newsletter der Republik über die Zukunft, die sich hier ankündigt, auf dem Laufenden halten wird?

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Martina Süess ist Literaturwissenschaftlerin und Autorin des Buches „Führernatur und Fiktion. Charismatische Herrschaft als Phantasie einer Epoche". Sie arbeitet als Dozentin, Journalistin und Radiomacherin.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

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3 Meinungen

Ein sehr guter Beitrag der zum Nachdenken anregt. Danke!
Christian Schneider, am 12. Mai 2020 um 15:06 Uhr
Ich möchte mich Herrn Schneider anschliessen: Exzellenter, auf sehr gekonnte Art und Weise zum Nachdenken anregender Artikel! Auch stilistisch erste Sahne. Herzlichen Dank.
Stephan Kühne, am 17. Mai 2020 um 11:40 Uhr
Danke für den guten Artikel!
Was mir auffällt: In der Krise trennt sich Spreu vom Weizen in der schreibenden Zunft.
Stefan Forster, am 19. Mai 2020 um 16:38 Uhr

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