Tamedia-Hauptsitz in Zürich © Wikimedia Commons/CC BY-SA 4.0

Tamedia-Hauptsitz in Zürich

Bei Tamedia herrscht keine Feststimmung

Roman Berger / 15. Apr 2018 - Am 9. Mai wird Tamedia 125-jährig. Doch die Redaktionen des grössten privaten Schweizer Medienkonzerns sind nicht in Feierlaune.

Was zur Zeit in den Newsrooms von Tamedia vor sich geht, ist in der NZZ und in der «NZZ am Sonntag» zu lesen. So berichtete die NZZ (6. April 2018), wie Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino am 9. Mai mit 3400 Tamedia-Mitarbeitern ein grosses Fest feiern wolle. Doch im grössten privaten Medienhaus der Schweiz halte sich die Festlaune in Grenzen.

«Total desillusionierend»

Am meisten für Unruhe sorge, dass die Unternehmensleitung kürzlich angekündigt habe, «auserwählten Journalisten einen Status als 'Experte' zu verleihen». Dies komme einer Selektion vor einer grossen Säuberung gleich. «Das ist total desillusionierend», zitiert die NZZ das «Tagi»-Urgestein Jean-Martin Büttner. Die Sparmassnahmen mit Entlassungen, so vermutet die NZZ, würden wohl erst nach dem grossen Fest am 9. Mai bekannt gegeben.

1993, als der Tages-Anzeiger sein 100-jähriges Bestehen feierte, ging vieles anders über die Bühne. Denn Hans Heinrich Coninx, damals Verwaltungsratspräsident der «Tages-Anzeiger AG», hatte die Unvorsichtigkeit begangen, beim Journalisten Werner Catrina ein Jubiläumsbuch zu bestellen. Der in Zürich lebende Bündner und ehemalige Kommilitone von Coninx verfasste eine nur bedingt festliche Festschrift mit dem Titel: «Medien zwischen Geld und Geist» *. Brisantestes Kernstück des Buches von Catrina war das Kapitel «Kontroversen: Redaktion, Management und Aktionäre, ein Spannungsfeld». Dessen ursprünglicher Titel «Die Entlassung des Chefredaktors» war vom Verwaltungsrat abgelehnt worden. Hier wurde auf über 150 Seiten die oft bewegte und provozierende Geschichte des Hauses Tages-Anzeiger ausgebreitet: Von 1963, als Redaktionschef Walter Stutzer den Übergang vom faden Allerweltsblatt zur politischen Tageszeitung einleitete, über den Rausschmiss des engagierten Gewerkschafters Ronald Kreuzer (Anfang 1989) bis zur Absetzung von Chefredaktor Viktor Schlumpf (1991), weil er sich weigerte, kritische Journalisten zu entlassen.

«Innere Pressefreiheit sträflich missachtet»

Ein anderes Kapitel der Festschrift hatte den Titel: «Die Innere Pressefreiheit wird sträflich missachtet» (Eva Wyss). Hier wird berichtet, wie Verleger sich hinter den Kulissen an Redaktionskonferenzen in die Themenplanung einmischten, wie Verlagsmanager Artikel von Freunden gegen den Willen der Redaktion im Blatt platzierten.

Ausführlich besprochen wird der «Fall Hänny». Die Geschäftsleitung hatte 1980 der Redaktion des Tages-Anzeiger Magazin die Publikation eines Artikels untersagt, in welchem der Schriftsteller Reto Hänny im Zusammenhang mit den Jugendunruhen seine Erlebnisse in Polizeigewahrsam schilderte. Die innere Pressefreiheit funktionierte, als Peter Frey in seiner Funktion als Stellvertretender Chefredaktor, in einem Kommentar das Schreibverbot der Verlagsleitung gegen den Journalisten Niklaus Meienberg scharf kritisierte.

Letzter Medienredaktor des Tages-Anzeigers spricht Klartext

Christian Rentsch war bis zur Abschaffung des Medienbundes Leiter der Medienredaktion beim Tages-Anzeiger. In einem WoZ-Artikel (11. August 2013) sprach Rentsch Klartext, wie es zur Auflösung seines Postens gekommen war: «Kein Medienunternehmer liest gern Kritisches über seine eigene Firma. Sicher kam es der Tamedia-Geschäftsleitung daher nicht ungelegen, als die verängstigte Chefredaktion 2003 das Medienressort auflöste. Es hatte immer wieder für Ärger gesorgt, weil es ab und zu auch kritische Artikel über das eigene Haus publizieren wollte.» Geradezu aktuell wirkt die Analyse von Rentsch, wenn er meint: «Erst recht schwierig wird es, wenn man über Sparübungen im eigenen Haus berichten und darlegen will, wie viele Millionen dabei anfallen und wohin diese fliessen.»

Nach aussen jammert Tamedia regelmässig über die «wegbrechenden Werbeeinnahmen», die Sparprogramme und Entlassungen «notwendig» machten. In Wirklichkeit macht der gleiche, weiterhin sehr profitable Medienkonzern fast eine Milliarde Umsatz. Davon sind rund 170 Millionen Reingewinn, wovon 148 Millionen an die Aktionäre ausgeschüttet werden.

Angst der Journalisten und Journalistinnen, entlassen zu werden

Natürlich tragen auch die Journalisten und Journalistinnen selber zu dieser höchst unbefriedigenden Situation bei. Sie haben Angst, sich zu exponieren, weil sie nicht wollen, dass sie bei der nächsten Entlassungswelle auf die Strasse gestellt werden. Keine Angst haben muss der Journalist Jean-Martin Büttner. Er beschreibt in einer TA-Kolumne («Tatort Zürich», 6.April 2018), wie sich die Zentralisierung und Kommerzialisierung der Medien am Beispiel des Tages Anzeigers journalistisch ausgewirkt habe.

«Helikopter-Journalismus»

Als er beim Tages Anzeiger Mitte der 1980er-Jahre begonnen habe, so erinnert sich Büttner, habe es noch rund 300 Zeitungen und Zeitschriften gegeben. Seine Zeitung habe im Inland Korrespondenten und Korrespondentinnen in Basel, Genf, Luzern, St.Gallen, Chur, Lugano und Lausanne stationiert gehabt. Heute habe die Schweiz noch 100 Titel, der TA eine Bundeshausredaktion und einen Korrespondenten in Lausanne. Büttners Kritik: «Wir treiben einen Helikopterjournalismus, fallen bei Wahlen oder für eine Reportage in Städten und Kantonen ein, fragen, reden, schreiben – und kehren wieder in die Zürcher Zentrale zurück.» Mit anderen Worten: «Wenn die grossen Zeitungen keine Korrespondenten mehr beschäftigen, nehmen sie den lokalen Alltag nicht mehr wahr, die kulturellen Differenzen. Stattdessen werden die Skandale gefeiert. Der Thurgau wird zum Gequälten-Ross-Kanton, Zug zur Affäre Spiess-Hegglin, das Bündnerland zum Valser Dorfstreit. Damit geht vergessen, was die Schweiz zwar kompliziert macht, was sie aber auszeichnet: der Respekt für das Kleine und Nahe. Das Wort dafür heisst Föderalismus.» (Büttner)

Übrigens: Der heutige Verwaltungsratspräsident von Tamedia, Pietro Supino, hat in weiser Voraussicht den Fehler seines Onkels Hans Heinrich Coninx nicht begangen, zum 125. Geburtstag eine Festschrift zu bestellen. Offenbar ist sich Supino bewusst, dass auf den Redaktionen seines Medienimperiums keine Feststimmung herrscht.

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*«Medien zwischen Geld und Geist». 1893 – 1993. 100 Jahres Tages-Anzeiger. Konzept: Werner Catrina, Roger Blum, Toni Lienhard. 1993 Tages-Anzeiger AG

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor war von 1968 bis 2001 Mitarbeiter des Tages-Anzeigers

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DOSSIER: Medien unter Druck

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3 Meinungen

Den ersten Artikel von Roman Berger habe ich in der Zeitschrift des katholischen Schweizerischen Studentenvereins, «Civitas», im September 1966 gelesen. Er hat schon ziemlich frisch und kritisch geschrieben. Roman Berger, ehemaliger Stiftsschüler von Engelberg, heute u.a. Mitherausgeber der von mir abonnierten links-christlichen Zeitschrift «Neue Wege», gehört gemäss dem Historiker Josef Lang zu der Generation von Kollegi-Schülern, die der CVP bzw. der katholischen Kirche um 1968 angeblich verloren gegangen sind. Das wäre keine Karriere für Berger gewesen. Dem Tages-Anzeiger ging er als einer der profiliertesten Korrespondenten, u.a. im Osten, nicht verloren und er engagiert sich offenbar noch heute. Dabei gibt es für Kritik am Tagi vielleicht noch wichtigere Themen als die Polizei, sage ich als einer, der vor bald 50 Jahren auch schon mal schikanös und eigentlich grundlos durch eine medienpolitisch motivierte Haussuchung belästigt wurde, Christian Müller kennt die Hintergründe. Wie auch immer, es bleibt über diese kleine Kritik hinaus mehr als angemessen, dass sich Roman Berger zum Tagi seine Gedanken macht. Solange dort Michael Meier eher als Aussenseiter über Religion schreibt, und zwar besser als irgendwer in der NZZ oder in der Zentralschweizer oder gar Walliser Presse, sind Stimmen eines wirklich freien Geistes, was pressehistorisch keineswegs mit «links» zu identifizieren ist, vgl. Dürrenmatts Grossvater Uli von der «Buchsi-Zitig», gottseidank nicht ausgestorben.
Pirmin Meier, am 15. April 2018 um 12:50 Uhr
Den ersten Artikel von Roman Berger habe ich in der Zeitschrift des katholischen Schweizerischen Studentenvereins, «Civitas», im September 1966 gelesen. Er hat schon ziemlich frisch und kritisch geschrieben. Roman Berger, ehemaliger Stiftsschüler von Engelberg, heute u.a. Mitherausgeber der von mir abonnierten links-christlichen Zeitschrift «Neue Wege», gehört gemäss dem Historiker Josef Lang zu der Generation von Kollegi-Schülern, die der CVP bzw. der katholischen Kirche um 1968 angeblich verloren gegangen sind. Das wäre keine Karriere für Berger gewesen. Dem Tages-Anzeiger ging er als einer der profiliertesten Korrespondenten, u.a. im Osten, nicht verloren und er engagiert sich offenbar noch heute. Dabei gibt es für Kritik am Tagi vielleicht noch wichtigere Themen als die Polizei, sage ich als einer, der vor bald 50 Jahren auch schon mal schikanös und eigentlich grundlos durch eine medienpolitisch motivierte Haussuchung belästigt wurde, Christian Müller kennt die Hintergründe. Wie auch immer, es bleibt über diese kleine Kritik hinaus mehr als angemessen, dass sich Roman Berger zum Tagi seine Gedanken macht. Solange dort Michael Meier eher als Aussenseiter über Religion schreibt, und zwar besser als irgendwer in der NZZ oder in der Zentralschweizer oder gar Walliser Presse, sind Stimmen eines wirklich freien Geistes, was pressehistorisch keineswegs mit «links» zu identifizieren ist, vgl. Dürrenmatts Grossvater Uli von der «Buchsi-Zitig», gottseidank nicht ausgestorben.
Pirmin Meier, am 15. April 2018 um 12:50 Uhr
Sehr, sehr schade um die ganze, verlorene Informationskultur. Und die schlechter werdende Reflexionskultur. Mehr und mehr kommt Infotainment, und dort, wo früher mal Inhalt war, liegen fette und unerwünschte Werbebünde.
Diese Zeitung hat mich - seit ich lesen kann! - begleitet und erstaunt mich heute mit dem deutlich erkennbaren Anspruch, mich auf immer leichtere Kost und auf elektronische Lektüre zu bringen. Und die wahrzunehmende Informations-Leistung nimmt ab, interessanter Weise fast umgekehrt proportional zum steigenden Abopreis, was die Abo-Erneuerung mittlerweile jährlich zu einer Art von Gretchenfrage steigert: glaube ich noch daran?

Dieser Prozess kann, ja muss aufgehalten werden, nichts ist daran fremdbestimmt oder Not-Wendig; zumal wir auch anderswo (beliebig, beliebige?) Informationen erhalten können. Ich werde den TA auch wirklich nie auf einem Handy lesen, dazu habe ich keinen Bock.
Vielleicht ist es am Ende ja nur das mickrige Bildschirmformat, dass die Strategen zur entsprechenden, ultimativen Reduktion bringt?

Hansueli Stettler
Hansueli Stettler, am 15. April 2018 um 17:04 Uhr

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