Die Tagesschau findet es «nicht gut», wenn die Geniesser des Sommers das Wirtschaftswachstum bremsen © srf

Badefreuden: Ein Horrorszenario der Schweizer Tagesschau

Urs P. Gasche / 01. Dez 2018 - Die Tagesschau verbreitet es als Hiobsbotschaft, wenn mehr Badefreuden genossen und weniger konsumiert wird – wie in diesem Sommer.

Für Moderator Florian Inhauser war es «nicht gut», dass das Wirtschaftswachstum in den Sommermonaten Juli, August und September um 0,2 Prozent im Minus lag. Die Konjunktur sei «geradezu eingebrochen». Als Gründe nannte Redaktor Fabian von Allmen u.a. einen Rückgang der Exporte und damit des Konsums von Schweizer Gütern im Ausland. Von Allmen fuhr fort: «Aber auch der heisse Sommer hat zur Talfahrt der Konjunktur beigetragen. Die Schweizer gingen lieber in die Badi als zum Einkaufen – der Konsum stagnierte.».

Am Schluss seines Beitrags schöpfte von Allmen wieder etwas Hoffnung: «Der Konsum dürfte in der kommenden Weihnachtszeit wieder anziehen.»

Kern der Tagesschau-Botschaft

Der inhaltliche Schluss dieser Botschaft ist simpel: Je mehr Geld die Leute zum Konsumieren ausgeben, je mehr sie damit den Energieverbrauch erhöhen und zur Erwärmung des Klimas beitragen, je mehr Abfälle sie verursachen, desto besser ist es für uns alle.

Denn sonst bricht die heilige Konjunktur ein, und es ist «nicht gut», wenn sich zum Beispiel im Sommer zufriedene Menschen häufiger und länger beim Baden vergnügen statt auf Einkaufstour sind, oder wenn sie in den Bergen wandern anstatt Städteflüge buchen, oder wenn sie zwei Jahre später ein neues Auto kaufen, als die Verkäufer es gerne hätten.

Die NZZ bringt Trost

Wer glaubt, unser aller Glück hänge davon ab, dass die bereits satten Schweizerinnen und Schweizer – vor allem die bereits Reichen – jedes Jahr zu wenigstens zwei Prozent mehr Konsumausgaben beitragen und dazu, dass sich die Konsumausgaben damit in 35 Jahren verdoppeln, muss noch nicht aufgeben. Denn für die minus 0,2 Prozent Wachstum im dritten Quartal macht die NZZ auch rein statistische Gründe aus: Sportkonzerne wie die Fifa hätten diesen Sommer keine milliardenschweren Einahmen mit internationalen Grossanlässen verbuchen können. Und der trockene Sommer habe zu Produktionsausfällen bei Wasserkraftwerken geführt. Das alles bringe Statistiken durcheinander. Netto seien auch weniger Menschen zugewandert, was das Wachstum ebenfalls schmälere. Alles in allem sei die Bremsung der Konjunktur noch «kein Drama».

Ein Horrorszenario für die Tagesschau

Während die Tagesschau zwei Minuten lang larmoyant über kaum relevante BIP-Quartalszahlen informiert und dabei den Zuschauenden den sommerlichen Badegenuss noch madig macht, kann man sich ausmalen, was für die Tagesschau-Redaktion ein absolutes Horrorszenario wäre:

Wenn viele Leute ihr Arbeitspensum auf 80 Prozent reduzierten, entsprechend weniger konsumierten, dafür aber mehr Zeit im Sommer in der Badi oder am See verbrächten.

«Gar nicht gut» fände das die Tagesschau.

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Keine

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13 Meinungen

Nun gut, mit etwas gutem Willen kann man fast alles skandalisieren. Jedoch in diesem Tagesschau-Text kann ich mit besten Willen keine besonderen Absichten herauslesen. Das «nicht gut» ergibt sich halt einfach aus der Meldung. In Bezug auf die Wirtschaftsdaten stimmt das ja auch. Dies ist jedoch keine Meinung oder gar Aufforderung zu mehr Konsum.
Urs E. Bolliger, am 01. Dezember 2018 um 13:51 Uhr
Delle im BIP: Mehr Freizeit erhöht die Lebensqualität!

Mehr Freizeit ist heute für viele Leute mehr wert als mehr Einkommen. Das erklärt auch die relativ vielen freiwilligen Frühpensionierungen. Null-Wachstum des BIP/Kopf ist sicher kein eigenständiges Ziel, aber möglicherweise das Ergebnis einer menschlich und umweltmässig vernünftigen Lebensweise, bei der auf „Immer-mehr-Konsum“ verzichtet wird. Mit Romantik hat das gar nichts zu tun, sondern mit Vernunft und Lebensweisheit.
Selbstverständlich nehmen die Verteilungs- und Sozialversicherungsschwierigkeiten mit sinkendem Wirtschaftswachstum zu. Da Änderungen der Lebensmuster aber über mehrere Jahrzehnte und nicht schlagartig verlaufen, sind die nötigen wirtschaftlichen und politischen Anpassungen verkraftbar.
Alex Schneider, am 01. Dezember 2018 um 16:07 Uhr
Natürlich ein guter Artikel, der es auf den Punkt bringt: «Konsum» ist DIE heilige Kuh unserer Gesellschaft. Der Grund dafür ist bekannt: Die industrielle Zivilisation ( = die Arbeitskraft der Menschen wird seit 150 Jahren durch Maschinen und jetzt Informatik und ihre Anwendungen ersetzt ) braucht unabdingbar einen steigenden Konsum um die Arbeitsstellen zu erhalten. Blind ist wer die in beiden Richtungen gehende Wechselwirkung zwischen dem technologischen «Fortschritt» und der Notwendigkeit eines permanenten wirtschaftlichen «Wachstums» nicht erkennt.
bernhard sartorius, am 01. Dezember 2018 um 18:04 Uhr
@Sartorius. Man braucht keinen steigenden Konsum, um Arbeitsplätze zu erhalten. Ein Beispiel: Wer zehn Prozent weniger Geld ausgibt zum Konsumieren, braucht zehn Prozent weniger Geld, kann also seine Arbeitszeit um 10 Prozent reduzieren. Auch für den technologischen Fortschritt braucht es kein BIP-Wachstum. Ein Beispiel: Dank technologischem Fortschritt kann man einen Computer mit mehr Leistung und längerer Betriebsdauer produzieren, ohne dass er teurer wird. Dank technischem Fortschritt werden Solarzelle effizienter und sogar günstiger.
Urs P. Gasche, am 01. Dezember 2018 um 18:41 Uhr
Gemeinhin gilt SRF ja als eher «links», aber es ist nicht das erste Mal, dass seine Redaktoren einer engstirnigen, wachstumsfixierten Mainstream-Ökonomie anhängen.

Die NZZ hebt sich für einmal wohltuend ab. Der zitierte Kommentar (30.11., S. 11) rät nicht nur in der Überschrift zu Gelassenheit. Es finden sich darin auch beachtenswerte Sätze wie:

"Die Schweiz steht an einem konjunkturellen Wendepunkt. Das Land muss sich an ein tieferes Wachstum gewöhnen."

Ich hoffe, dass sich diese Erkenntnis weiter verbreitet!
Daniel Heierli, am 01. Dezember 2018 um 22:14 Uhr
SRF eher links, das jammert die SVP. Aber schauen Sie einmal während Abstimmungs- und Wahlkommentaren auf die Uhr. Verliert die SVP, wie neulich, werden besonders lange die armen SVP-Strategen interviewt. Gewinnen die Grünen Sitze auf Kosten der SVP, wird das zwar erwähnt, aber ausgiebig erklären darf das wieder die SVP. Die Redezeit ist immer wieder schwer rechtslastig. Und das Allerheilmittel Wirtschaftswachstum wird da unwidersprochen gepredigt.
Maja Beutler-Vatter, am 02. Dezember 2018 um 16:52 Uhr
Wachstum ist nur möglich, wenn wir weiterhin die Ressourcen der Umwelt rauben, ohne an das Morgen zu denken. Denn ökologisches Wirtschaftswachstum ist nicht möglich. Wenn das Wachstum in absoluten Zahlen höher sein muss als im Vorjahr, funktioniert logisch nicht einmal Ubranminig als Lösung. Man kann ja nicht mehr rezyklieren als man vorher aufgewendet hat.
Dass das Wirtschaftswachstum exponentiell steigen muss, hat seinen Ursprung in der exponentiellen Zinsformel. Weder historisch noch naturwissenschaftlich gibt es irgend ein Beispiel, wo ein exponentielles Wachstum bestand hat. Der Zusammenbruch eines solchen Systems ist vorprogrammiert und das vorhersagen von Crashs deshalb nicht prophetisch, sondern logisch. Aktuell sind wir einmal mehr an einem Punkt angekommen, wo kein Experte wirklich weiter weiss. Die Nullzinspolitik hat ein wenig Zeit verschafft, mit dem Nachteil, den Crash dafür zu verstärken.

Zeit, um mal Vorurteilsfrei den Ideen anderer Zuzuhören. Der Kapitalismus ist kein Naturgesetz sondern eine Ideologie vom Menschen gemacht, die durch eine andere Ideologie ersetz werden könnte. Welches die Richtige ist, sollte öffentlich diskutiert werden, z.b. in der Tagesschau (würde sie wohl auch, wenn sie denn demokratisch wäre). Denkansätze bieten z.b. diese zwei Vorträge mit unterschiedlichen Vorschlägen. Ideal für kalte Winterabende.

https://www.youtube.com/watch?v=PBxKPAu8lvA

https://www.youtube.com/watch?v=kcA3D5Zg2sg
Stöckli Marc, am 03. Dezember 2018 um 09:36 Uhr
Konsum hin oder her. Die meisten Schweizerinnen und Schweizer haben die Badefreuden und die langen lauen Sommerabende genossen. Zwischendurch hat man etwas gestöhnt über die Hitze und hat die Abkühlung in Flüssen und Seen genossen.
Ruth Obrist, am 03. Dezember 2018 um 15:52 Uhr
Antwort auf Herrn Gasche's Kommentar meines Kommentars: Meine Hypothese ist, dass die Entwicklung der Technologie unweigerlich unzählige Produkte entstehen lässt, deren wachsende Anzahl dem technologischen Fortschritt und seinen Anwendungen entsprechend produziert und vermarktet werden (müssen). Diese Multiplizierung der Produkte - die meisten nicht lebensnotwendig …- an sich verlangt ein permanentes Wirtschaftswachstum auf Kosten der Umwelt. Diesem sich immer vergrösserndem «Golem» - bitte Googeln ! - gegenüber, sind «billiger» werdende Öko-Produkte ein Tropfen auf einen -sehr - heissen Stein...
bernhard sartorius, am 03. Dezember 2018 um 23:10 Uhr
In Deutschland ist es genau dasselbe, die Wirtschafts-Berichterstattung in meinem öffentlich-rechtlichen Sender tönt wie FDP, während das Sendegebiet rot-rot-grün regiert wird. Heute ging es um die mangelnde Weihnachtskauflaune der Leute, die scheinbar das Abendland in seinem Innersten bedroht. Gestern wurde mit der Regierung über die alsbald zu erwartende Quasi-Vollbeschäftigung gejubelt, ohne auch nur einmal zu fragen, was das denn eigentlich für Arbeits-Verhältnisse sind.
Göran Herbst, am 04. Dezember 2018 um 04:26 Uhr
Am Beitrag von Herrn Gasche muss schon etwas dran sein.
In der Tagesschau vom 3.12.2018 wurde erneut breit dargelegt, dass die Proteste der Gelbwesten in Frankreich vor allem deshalb ein Problem seien, weil sie das Weihnachtsgeschäft ruinierten … das System braucht vor allem eines: Umsatz und Wachstum.
So ist es denn naheliegend, dass wir alle durch Konsumverzicht unseren Beitrag für ein besseres und nachhaltigeres System leisten können.
Eine besinnliche und vor allem verbindende Adventszeit.
https://www.friedenskraft.ch/
Paul Steinmann, am 04. Dezember 2018 um 07:52 Uhr
Urs P.Gasche schreibt: «Wer zehn Prozent weniger Geld ausgibt zum Konsumieren, braucht zehn Prozent weniger Geld, kann also seine Arbeitszeit um 10 Prozent reduzieren.» Das bedarf einer Korrektur: Angesichts der progressiven Steuerbelastung reduzieren sich die Steuern bei einer Reduktion des Arbeitspensums überproportional. Ich habe also eine geringere finanzielle Einbusse als 10 Prozent. Die Steuerprogression bewirkt bei hohen Löhnen, dass bei einem 50%-Arbeitspensum dem Arbeitnehmer bis 70% des Vollzeit-Lohnes verbleibt, die finanzielle Einbusse bei einem 50% Pensum also lediglich gut 30% beträgt.
Arnold Fröhlich, am 05. Dezember 2018 um 11:25 Uhr
Wenn Sie Florian Inhauser genauer kennen würden und ihm beim Verkünden der Nachricht zugeschaut hätten, wüssten Sie, dass es sicher nicht seine eigene Meinung ist, die er da kundgetan hat...
Stefan Reusser, am 07. Dezember 2018 um 17:30 Uhr

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