kontertext: Corona ist kein Gedankenexperiment – oder doch?

Alfred Schlienger © as
Alfred Schlienger / 05. Jun 2020 - Die Gereiztheiten in Corona-Zeiten führen zu allerlei Kapriolen und Exzessen. Ein paar Vorschläge zur Sortierung und Mässigung.

Ärger gehört zum Leben. Manchmal wirkt er wie das Salz in der Suppe. Er lässt uns spüren, was uns wichtig ist – und warum. Über den Artikel «Gott ist tot, es lebe die Gesundheit: Notizen eines alternden Mediziners und Bildungsbürgers zur Corona-Krise» des emeritierten Kardiologen Urs Scherrer habe ich mich bereits geärgert, als er am 15. Mai in der NZZ erschienen ist. Ein massloser Rundumschlag, polemisch, hämisch, unterkomplex und eitel, mit schiefen Vergleichen und falschen Kausalitäten. Aber da passte der Artikel wenigstens ins Umfeld, wo sich seit Wochen Corona-Massnahmen-Rebellen den auf Krawall gebürsteten Stift in die Hand geben.

Klar, über Corona-Massnahmen soll in einer Demokratie diskutiert werden. Und oft steckt auch in Ansichten, die einem nicht passen, mehr als ein Körnchen Wahrheit. Aber gibt es im zivilisierten Umgang mit verschiedenen Meinungen vielleicht doch Grenzen? Der Logik, der Ethik, des Stils?

Und: Kommen wir mit einem rein individualistischen Freiheitsbegriff wirklich aus dieser Krise heraus? Wie viel wilde Verschwörungsphantasien, Häme, Egomanie und masslose Übertreibungen verträgt die Lage? Welches sind die entscheidenden Werte, wenn es um Leben und Tod geht?

Dazu gibt es in der philosophischen Diskussion mannigfache Gedankenexperimente. Mit einigen beschäftige ich mich gegen Schluss dieses Textes (ab 6.). Vielleicht können sie auch in dieser Sache dienlich sein.

1. Geht’s bitte noch etwas schriller?

Zum gut vorgepflügten Scherrer-Boden in seinem Leibblatt ein paar wenige Beispiele: Am 11. April spricht Susanne Gaschke in der NZZ in Bezug auf die deutschen Corona-Massnahmen von «Ermächtigungsgesetz» – und rückt sie so in einen engen Kontext mit der faschistischen Machtergreifung. Und für jene, die es noch nicht begriffen haben, schiebt sie die Begriffe «Kontaktsperren-Totalitarismus» und «Selbstgleichschaltung der Medien» nach.

NZZ-Chefredaktor Eric Gujer wähnt uns alle am 17. April bereits im «Seuchen-Sozialismus» und sieht am 8. Mai – dem 75. Gedenktag zum Ende des 2. Weltkriegs! – nur noch «Gesundheitsminister in Feldherrenpose». Welch eine geschmackssichere Pointe.

Am 28. April behauptet NZZ-Feuilletonchef René Scheu in einem Interview mit dem Philosophen Markus Gabriel zu Corona: «Aber dieser Staat, der jetzt auf einmal Hunderte von Milliarden zur Verfügung hat, hat uns jahrelang 50 Prozent unseres Einkommens weggesteuert.»

Wirklich?

In der Tendenz geht es bei solchen Auslassungen – wie bei Scherrer und anderen – immer darum, die staatlichen Institutionen schlechtzureden, ihnen das Vertrauen zu entziehen, den superschlanken Staat zu predigen, letztlich: den Sozialstaat einzudämmen. Selbstredend, auch das ist in einer Demokratie erlaubt und durch die Meinungsfreiheit voll gedeckt. Man sollte sich nur an die Fakten halten.

In der Schweiz beträgt die Staatsquote aktuell 33 Prozent. (In Deutschland 44, in Italien 50 Prozent.) Und noch ist die NZZ eine Schweizer Zeitung – auch wenn sie publizistisch immer deutlicher auf ihre potenzielle deutsche und AfD-affine Leserschaft schielt.

2. Warum ausgerechnet auf Infosperber?

Das eigentlich Erstaunliche ist ja, warum ein solch faktenarmer, subjektivistischer Aufguss wie der von Emeritus Scherrer gleich am Folgetag aus der nicht gerade schmal gestreuten NZZ übernommen und bei Infosperber aufgeschaltet wird. Verstösst das nicht eklatant gegen das Infosperber-Motto «Sieht, was andere übersehen»? Lockte das offensichtliche Klickpotenzial eines solch aufpeitschenden Artikels? Der Text hält sich jedenfalls seit Wochen tapfer als meistgelesener und meistkommentierter auf Infosperber. Chapeau, Herr Kardiologe. Aber ist das Qualitätskriterium genug? Verfällt man so nicht einem Klick-Fetischismus, der scheinbare Relevanz vorgaukelt?

Zudem: Warum versieht die Infosperber-Redaktion den Text neu mit einem reisserischen, die Tatsachen grob verfälschenden Titel? (Corona: «Die Katastrophenszenarien waren offensichtlich falsch») Und ist der Zusatz «leicht gekürzt» passend, wenn mehr als ein Drittel des Originaltextes wegredigiert wird? Immerhin verdeckt das weitere Häme, Eitel- und Haltlosigkeiten des Autors (u.a. zu Boris Johnson, Sommaruga und Berset).

Jürg Müller-Muralt hat wichtige Qualitätsmängel des Scherrer-Artikels am 23. Mai auf Infosperber elegant und präzise aufgezeigt. Es geht dabei eben nicht nur um «Meinungen», sondern um handwerkliche und intellektuelle Redlichkeit.

Zumindest generiert die Kommentarspalte zum Scherrer-Text bei Infosperber ein Ablehnungs- bzw. Zustimmungsverhältnis von etwa 60:40 Prozent. (In der NZZ selber vom 28. Mai erschienen zum Artikel allerdings ausschliesslich zustimmende Zuschriften; ein Beleg für die kritischere Leserschaft auf Infosperber.) Man könnte die Sache also auf sich beruhen lassen, ginge es dabei nicht noch um Grundsätzlicheres.

3. Die Befeuerung der disparaten Corona-Rebellen

Ein Freund, mit dem ich die Scherrer-Empörung im Kontext der aktuellen gesellschaftlichen Situation diskutiert habe, meinte, was ihn an diesen Polemiken vor allem störe, sei diese Mischung aus Larmoyanz und Infantilität, die in den schlichten populistischen Ruf münde: «Ich will mein Leben zurück!» – Das ist genau der Sound der verwirrlichen Corona-Demos.

Damit man mich nicht falsch verstehe: Natürlich soll man über die Einschränkung der Grundrechte diskutieren und auch dagegen demonstrieren können. Die zu engmaschigen Beschränkungen des Demonstrationsrechts haben zweifellos etwas Absurdes und Weltfremdes.

Aber wenn sich der Medizin-Professor als Superprivilegierter zum trotzigen, anarchischen Helden hochstilisiert, ist das, mit Verlaub, nur noch peinlich: «Ich trotze den Notmassnahmen, verlasse mein quarantänekonformes Domizil, mache mich unmaskiert auf den Weg zur Bootshaab am See. Maskentragende Zombies, so weit das Auge reicht, ausweichend, abweisend, bonjour tristesse!»

Man darf es hier nochmals betonen: Die Massnahmen des Bundesrates für Privatpersonen waren immer nur Empfehlungen, nie absolute Gebote oder Verbote. Sie appellierten immer auch an die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger und waren alles in allem, sehr verhältnismässig. Scherrer tut so, als habe die Schweiz strikte Ausgangssperren verhängt wie in Italien, Frankreich und Spanien. Wozu diese Verzerrung?

Ein Mantra, das viele Corona-Rebellen eint, ist die völlig stupide Behauptung, man wolle mit den Schutzmassnahmen den Tod abschaffen. Ja natürlich, wir sind alle sterblich. Das ist vor, während und nach Corona so. Und beileibe keine philosophische Erkenntnis, sondern eine Banalität, die hier als Desavouierungsmanöver benutzt wird.

4. Wer hat’s erfunden?

Verfolgt man die Corona-Diskussion in verschiedenen deutschsprachigen Medien, stellt man fest, dass der Kardiologe Scherrer mit seiner Empörung anderen Skeptikern und Pseudorebellen hinterherhinkt wie die alte Fasnacht.

Zusätzlich zu den oben bereits zitierten NZZ-Treibern seien hier ein paar ausgewählte Stimmen von ganz unterschiedlicher Qualität und Ernsthaftigkeit genannt:

  • Bereits am 26. März kritisiert der Philosoph Markus Gabriel im NZZ-Feuilleton, alle liberalen Demokratien hätten Ausgangssperren verhängt. Das stimmt so für alle deutschsprachigen Länder nachweislich nicht, macht aber Stimmung.

  • Am 24. April veröffentlicht die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh, gemeinsam mit fünf weiteren Prominenten aus verschiedenen Fachbereichen, im Spiegel einen Appell an die Politik, mit demokratiepolitisch durchaus nachvollziehbaren Argumenten: «Raus aus dem Lockdown – so rasch wie möglich.»

  • Am 26. April äussert sich der deutsche Bundestagpräsident Wolfgang Schäuble in einem Interview mit dem Tagesspiegel folgendermassen: «Aber wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Grundrechte beschränken sich gegenseitig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.» Auf dieses diffizil-differenzierte Wort wird noch zurückzukommen sein.

Am 28. April bemängelt der Theaterregisseur und ehemalige Volksbühnenintendant Frank Castorf im Spiegel-Gespräch die Freiheitsbeschränkung in der Corona-Krise: «Ich möchte mir von Frau Merkel nicht mit einem weinerlichen Gesicht sagen lassen, dass ich mir die Hände waschen muss. Das beleidigt meine bürgerliche Erziehung.» Und als Dreingabe: «Ich stelle mit Erschrecken fest, dass ich plötzlich sogar Trump mag. Weil der aus der Reihe tanzt.»

  • Ebenfalls am 28. April verkündet der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer im Fernsehen auf Sat1: «Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.» Nach geharnischten Protesten meinte er etwas schlicht, er sei bei dieser Aussage – die ja glasklar ist – falsch verstanden worden.

  • Am 3. Mai nimmt Reto Brennwald als Moderator der SRF-Sendung BaZ-Standpunkte den giftigen Palmer-Faden ungerührt auf und stellt die Massnahmen des Bundesrates infrage, da doch die meisten der Toten mehrere Vorerkrankungen gehabt hätten und ohnehin in ein paar Monaten gestorben wären. Über den unethischen Background einer solchen Aussage muss man hier hoffentlich nicht streiten. Grob irreführend ist allein schon die flapsig hingeworfene Bemerkung von den «paar Monaten». Neue Studien zeigen, dass die durchschnittliche Lebenszeit, die Betroffene verlieren, bei Frauen 11 und bei Männern 13 Jahre beträgt.

  • Fast wie eine direkte und notwendige Antwort auf solche Äusserungen wirkt der internationale Appell vom 23. Mai in der F.A.Z. von Prominenten aus Politik, Gesellschaft, Kirche und Wissenschaft wie Jürgen Habermas und Romano Prodi, der sich in diesen Corona-Zeiten eine «moralische Revolte» wünscht: «Der Wert des Lebens muss gleich für alle bleiben. Wer das zerbrechliche und schwache Leben der Älteren abwertet, bereitet einer Entwertung jeden Lebens den Weg.»

  • Muss man noch auf Blocher und Köppel verweisen, die auf all ihren Kanälen regelmässig die «Notrechts-Diktatur» herbeireden bzw. -schreiben?

Auch dies gilt in einer Demokratie: Jede und jeder darf selber entscheiden, in welchem argumentativen Umfeld er sich wohler und aufgehobener fühlt.

5. Die Schweden-Torte

Interessant ist auch, dass genau jene politischen Kreise, die sonst den schwedischen Wohlfahrtsstaat als bemutterndes «Volksheim» verspotten, die schwedische Durchseuchungsstrategie als klügere Alternative anpreisen. Die neuen Zahlen zeigen im Vergleich Schweiz – Schweden allerdings das folgende Bild:

Quelle: Tages-Anzeiger vom 25. Mai 2020

Noch negativer sieht die Bilanz aus, wenn man den schwedischen Sonderweg mit dem seiner direkten Nachbarn Norwegen und Finnland vergleicht, die rund zehnmal weniger Corona-Tote zu beklagen haben.

Wie die Endbilanz, je nach Entstehen und Intensität einer allfälligen zweiten Welle, aussehen wird, weiss im Moment niemand.

6. Freiheit ist rein individualistisch nicht zu haben

Freiheit funktioniert nur reziprok. Meine Freiheit ist immer auch die Freiheit des anderen. Alles andere endet in krudem Sozialdarwinismus, in einer Ellbogengesellschaft, im Recht des Stärkeren. Die ungestümen Lockerungs-Turbos klingen zurzeit oft wie Wiedergänger aus den 80er Jahren: «Freie Fahrt für die gesunden Bürger!» Die gesellschaftlich gesündere Devise würde heissen: mehr Rücksichtnahme, mehr Solidarität, mehr Bescheidenheit.

Wir jammern ja (fast) alle auf allerhöchstem Niveau.

Die Grundrechte auf Freiheit, Gleichheit, Leben, Gerechtigkeit, Sicherheit müssen miteinander in ein Verhältnis gebracht werden, gesellschaftlich und auch privat. Sie können einander in verzwickten Situationen auch entgegenstehen. In der praktischen Philosophie beschäftigt sich die Dilemma-Forschung mit solchen Problemkonstellationen. Es sind höchst unangenehme Gedankenexperimente – weil man, wie immer man sich entscheidet, nicht mit sauberen Händen herauskommt. Der Gewinn dabei: Man kann sich vielleicht etwas klarer werden über seine wichtigsten Werte. Machen wir die Probe aufs Exempel?

Dilemma A: Jim im Urwald

Jim kommt auf seiner botanischen Expedition in Südamerika zufällig in einen kleinen Ort. An einer Hauswand stehen zwanzig verängstigte Indigene, ihnen gegenüber mehrere Bewaffnete in Uniform. Der Offizier erklärt ihm, dass die Indigenen wegen ihrer Proteste gegen die Regierung und zur Abschreckung erschossen werden sollen, und bietet Jim – gleichsam als Gastgeschenk – an, selbst einen der Indigenen zu töten. Falls er einwillige, werden alle andern Indigenen laufen gelassen, andernfalls, wie vorgesehen, erschossen. Jim überlegt, ob er die Soldaten in seine Gewalt bekommen könnte. Das ist offensichtlich aussichtslos. Die Dorfbewohner und die Todgeweihten drängen Jim zur Einwilligung.

Was soll er tun?

Wie würden Sie entscheiden?

Meine Erfahrungen in zahlreichen Philosophiekursen mit Gymnasiast*innen und Studierenden zeigen folgendes (statistisch nicht repräsentative) Bild: Je jünger die Dilemma-Gequälten sind, umso eher entscheiden sie sich für das utilitaristische Kalkül der kleineren Opferzahl und damit fürs Schiessen, und zwar mit Mehrheiten von 80 bis 95 Prozent. Die deontologisch, also kantianisch Argumentierenden (ohne dass sie zu diesem Zeitpunkt diese Begriffe schon kennen), dass ein Mensch nie Mittel zum Zweck sein darf und kein Unschuldiger getötet werden dürfe, bilden immer eine radikale Minderheit von 1 bis 3 Gymnasiast*innen. Selten ist jemand in der anschliessenden Diskussion von seiner Erstentscheidung abgerückt. So tief steckt das utilitaristische Zähl-Prinzip «vom grössten Glück der grössten Zahl» in vielen von uns drin. – Bei Studierenden ist das Bild deutlich ausgeglichener, mit einem leichten Überhang in Richtung kantianischer Entscheidungen.

Weil dies ja nicht das Ende der Fahnenstange beim Entwickeln von Moralvorstellungen sein kann, konfrontiere ich die Gruppen jeweils mit weiteren, nicht weniger unangenehmen Dilemmata.

Dilemma B: Der Fahrer in der Bergbahn

Versetzen wir uns in die Lage des Fahrers einer Bergbahn, die sich auf Talfahrt befindet. Plötzlich tauchen fünf Gestalten im Nebel vor ihm auf; eine Vollbremsung ist zwecklos. Der Fahrer könnte allenfalls auf ein Nebengleis ausweichen, wodurch ein Arbeiter, der dort beschäftigt ist, zu Tode käme.

Hat der Fahrer das Recht, vielleicht sogar die Pflicht, die Gleise zu wechseln?

Wie würden Sie selbst in dieser Situation handeln?

Bei diesem Gedankenexperiment verkleinert sich nach meiner Erfahrung die Fraktion der Utilitaristen meist deutlich, vor allem weil die Schuldfrage ins Blickfeld genommen wird.

Dilemma C: Die Höhlenforscher

Sorry, jetzt wird es etwas unappetitlich.

Neun Höhlenforscher werden in einem inneren Höhlendurchgang blockiert, weil der Dickste der Gruppe im schmalen Loch steckenbleibt und weder vorwärts noch rückwärts bewegt werden kann. Gleichzeitig steigt eindringendes Wasser in dieser Höhlenkammer stark an, so dass schätzungsweise in einer Stunde alle neun Expeditionsteilnehmer ertrinken werden, wenn das Loch verstopft bleibt. Die Gruppe hat Sprengmaterial bei sich.

Darf man den Fettleibigen wegsprengen, um die Übrigen zu retten?

Die «Schuldfrage» stellt sich hier auf eine neue und sehr delikate Weise. Und das utilitaristische Kalkül schmilzt bei der Entscheidungssuche erfahrungsgemäss weiter zusammen.

7. Die Quintessenz

Das sind nur drei von Dutzenden von Beispielen, mit denen man sich gedankenexperimentell über wichtige ethische Fragen den Kopf zerbrechen kann. Utilitaristische Überlegungen (Welches sind die quantifizierbaren Folgen meines Handelns?) können bei zahlreichen Güterabwägungen im praktischen Leben durchaus sinnvoll sein. Für Entscheidungen über Leben und Tod aber ist der Utilitarismus – meines Erachtens – absolut untauglich.

Denn damit liessen sich zentrale Grundwerte unseres Zusammenlebens aushebeln. Zum Beispiel das Folterverbot, um allenfalls durch Foltermassnahmen einen Terroranschlag zu verhindern. Oder alle Formen des Aufrechnens des Werts eines Lebens gegen ein anderes. Dagegen hilft nur, da hat Wolfgang Schäuble recht, das Festhalten an der unantastbaren Würde jedes einzelnen Lebens.

Gerade in diesen Corona-Zeiten sind immer wieder utilitaristische Überlegungen angestellt worden. Welches Leben lohnt es sich bei knappen Mitteln zu retten, das des 28-Jährigen oder das des 77-Jährigen? Wie viel ist überhaupt ein Menschenleben wert? Der Ökonom Dirk Krüger hat es für Amerika berechnet: 11,5 Millionen Dollar. Was das alles mit Corona zu tun hat, konnte man am 10. Mai in der NZZ am Sonntag lesen. Gefallen muss einem das nicht.

Corona ist kein Gedankenexperiment, sondern beinharte Wirklichkeit, die reales, praktisches Handeln erfordert. Oft unter Zeitdruck und mit noch unvollständiger Wissensbasis. Da hilft auch keine vollmundige Besserwisserei. Man kann letztlich nur hoffen, dass die verantwortlichen Entscheidungsträger ethisch richtig verankert sind. Trainings in ethischer Güterabwägung können dafür dienlich sein. Sie können nicht früh und breit genug ansetzen.

Zum Schluss: Es gab in der Zeit des Lockdowns sehr viele lohnende Artikel in verschiedenen Medien, die sich wesentlich besser geeignet hätten für eine ernsthafte Auseinandersetzung als die emotionalisierende Scherrer-Polemik. Hier nur zwei Beispiele:

  • Bereits am 24. März setzte sich der Staatsrechtler Daniel Moeckli in der Republik sehr kritisch und differenziert mit der Beschränkung der Grundrechte durch die Corona-Massnahmen auseinander.

  • Am 2. Mai spricht der Geschichtsprofessor Caspar Hirschi mit der NZZ (Ressort Schweiz) über die Gefahren einer Instrumentalisierung der Wissenschaft, Herdentriebe in der Politik und die Rückkehr des Nationalstaats. Wunderbar lebendig, kritisch und erhellend.

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Der kritisierte Urs Scherrer verzichtet auf eine Replik: «Sie glauben wohl nicht im Ernst, dass dieser hochstehende Kontertext eine Replik verdient.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Alfred Schlienger, Theater- und Filmkritiker, u.a. für die «Republik»; ehem. Prof. für Literatur, Philosophie und Medien an der Pädagogischen Hochschule; Mitbegründer der Bürgerplattform Rettet-Basel!; lebt in Basel.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

Weiterführende Informationen

Vergleich Schweiz Schweden
NZZ 15. Mai 2020

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14 Meinungen

Woow, sprachlich hochstehender Text.
Wobei ich eine einfachere, für Ottonormalbürger verstänlichere schreibweise vorziehe.
Ich finde die schweizer Regierung hat das nicht schlecht gemacht. Das kann ich über die deutsch Regierung nicht sagen. Auch über Corona kann man unterschiedliche Meinungen haben und sollte sie auch öffentlich zur Diskussion stellen - Presse und Meinungsfreiheit. Die scheint mir aber betreffend Corona nicht nur in der Schweiz, mehr noch in Deutschland, leider auch weltweit in den «gängigen» Medien abhanden gekommen zu sein. Prof. Streek bekam mit den «Good News» der Heinsberg Studie nur Rüge anstatt Anerkennung. Genauso wie ein Pathologe aus Hamburg. Die meisten, nicht Mainstream-konforme Meinungen (auch von Topwissenschaftlern) wurden aus Youtube gelöscht...
Ich Frage mich: Wohin führt das?
Peter Gander, am 05. Juni 2020 um 13:36 Uhr
Die Argumentation von Alfred Schlienger ist nicht nachvollziehbar. Er konstruiert erst eine falsche Prämisse, um diese dann zu zerpflücken. Es gab ja nie dieses Entweder-Oder, das da stets als ultimatives Argument angeführt wird: Die Lösung «Lockdown und die Alten bleiben am Leben» oder «Kein Lockdown und die Alten sterben» wurde offiziell als unvermeidbar behauptet. Dabei wurde unterschlagen, dass es vernünftige Alternativen gab. Man hätte sehr wohl Virus-Herde isolieren und die alten Leute besonders schützen können, ohne das gesamte öffentliche Leben auf Eis zu legen. Ob ein Staat unter Ausschluss der Legislative alle Restaurants und Schulen schliesst oder an die Eigenverantwortung seiner Bürgerinnen und Bürger appeliert, ist ein gewaltiger Unterschied.
Hansruedi Müller, am 05. Juni 2020 um 14:08 Uhr
Zitat aus dem Text: «Die Massnahmen des Bundesrates für Privatpersonen waren immer nur Empfehlungen, nie absolute Gebote oder Verbote."

Diese Aussage ist eine offensichtliche Falschaussage. Die 2m Regel wurde mit Busse und Bussandrohung durchgesetzt. Wer so etwas als Eigenverantwortlich bezeichnet, hat offensichtlich keine Probleme mit gravierenden Freiheitseinschränkungen. Denn ich vermute, dass so jemand Freiheit folgendermassen definiert: Die Freiheit zu gehorchen.

Der Vergleich mit Schweden ist unseriös. Wer die Sterblichkeitsrate diverser europäischer Staaten vergleicht sieht, dass es kein homogenes Bild gibt. Die Schweiz hat eine leichte Übersterblichkeit, Deutschland gar keine und Spanien eine extrem starke Übersterblichkeit. Alle Länder trafen Massnahmen zur Eindämmung. Ich kann nun je nach Narrativ das ich verbreiten will, eins dieser Länder rauspicken und mit Schweden vergleichen und so Schweden als positives oder negatives Beispiel hinstellen.

Zum Dilemma A würde ich zum weiter denken einladen. Völlig egal wie sich Jim entscheidet, ist für mich wichtig wie er sich danach verhält. Rechtfertigt er seine Entscheidung mit hanebüchenen Beispielen und Falschaussagen? Lässt er evt sogar unkorrekte Statistiken verbreiten um zu zeigen, dass seine Handlung notwendig und korrekt war? Oder beginnt er zu hinterfragen wie es soweit kommen konnte, dass einzelne Menschen über das Leben von vielen anderen Menschen entscheiden können?
Stöckli Marc, am 05. Juni 2020 um 17:01 Uhr
Zitat: «Man darf es hier nochmals betonen: Die Massnahmen des Bundesrates für Privatpersonen waren immer nur Empfehlungen, nie absolute Gebote oder Verbote."
Und da gabs doch z.B. Bussen für «Abstand nicht einhalten», Verzeigungen und Gewaltanwendung duch die Polizei bei Demonstrationen. Alles basierend auf den VO des Bundesrates. Blöd, wenn man andern fake news vorwirft und selber in die Falle tappt.
Thomas Bänninger, am 05. Juni 2020 um 19:24 Uhr
Alfred Schlienger missbraucht das Covid-19-Thema für einen Rundumschlag gegen seine Lieblingsgegner auf der rechten Seite (NZZ, Blocher, Köppel, Schäuble, etc.). Dabei hat gerade diese Krise gezeigt, dass sich deren Bewältigung nicht nach dem links-rechts Schema beurteilen lässt. Am liberalsten waren die schwedischen Sozialdemokraten, während der rechtsstehende Macron einen der strengsten Lockdowns mit Ausgehverbot dekretierte.
Pedro Reiser, am 05. Juni 2020 um 22:55 Uhr
Herr Schlienger hat sich viel Zeit gelassen um den Verriss des Artikels von Herr Scherrer zu publizieren, dass er dies zu einem Zeitpunkt tut, wo sich das Narrativ des „schlimmsten Virus‘ aller Zeiten“ kaum mehr aufrecht erhalten lässt ist bezeichnend.
Bezeichnend ist auch, dass ein Geisteswissenschafter, der sich Zeit seines Lebens mit Meinungsmache beschäftigte, einem Humanmediziner der sein Leben lang Krankheiten und Leiden verringern half, die Leviten lesen will.
Ich empfand den Essay von Herrn Scherrer seinerzeit als sehr tröstlich, gelassen und mit einem klaren Blick für das Ganze und das Menschliche, persönliche Beobachtungen und Gedanken in einer ausserordentlichen Situation, zudem sprachlich sorgfältig und schön formuliert..
Bereits in der Einleitung diffamiert Herr Schlienger nun diese Gedanken aufs gröbste und wertet sie mit einer Schimpfkanonade ab. Dass er mit dieser Respektlosigkeit eine Diskussion gerade verhindert, diskreditiert ihn.
Bezeichnend ist weiter, dass Herr Schlienger kaum einen Abschnitt fertigbringt, ohne Scherrer zu beschimpfen und zu desavouieren. Dies sagt mehr über ihn als über seinen Kontrahenten aus.
Alles in allem ein wirklich unappetitlicher Text der einzig durch eine grosszügig ausgelegte Meinungsfreiheit gedeckt werden kann. Immerhin zeigt Infosperber damit auf, welche publizistischen Geister sich auch noch in der schweizer Medienlandschaft tummeln.
Propagandisten der neuen Zeit?
Philippe Schaunig, am 06. Juni 2020 um 09:42 Uhr
Die Dilemma Beispiele (wen soll man leben lassen) sind im Vergleich zu Corona doch völlig überspitzt.
Sie dürften zum Ziel haben, Kritiker gegen den Lockdown als Unmenschen oder gar indirekt als Mörder darzustellen und so zum Schweigen zu bringen.

Wenn jemand Corona positiv getestet wird heißt das noch lange nicht, dass er daran auch stirbt, es gibt sehr viele Heilungen, in den USA wurden 700'000 wieder gesund!

https://virusncov.com/covid-statistics/usa

Unweigerlich kam mir das Interview mit Christoph Pfluger (Thema Corona Demos) in den Sinn, wo er durch eine Telefonanruferin während der Sendung gefragt wurde, ob er denn die Verantwortung für den möglichen Tod ihres kranken Schwiegersohnes übernehmen würde wenn dieser an Corona stirbt.

https://www.telebaern.tv/talktaeglich/corona-protest-oder-verschwoerungs-wirrwarr-137858385

Man könnte auch anders herum fragen, wer trägt die Verantwortung für zerstörte Existenzen von selbständig Erwerbenden, für häusliche Gewalt, Gewalt gegen Kinder, Depressionen bis zum Selbstmord, Leute die erwerbslos werden und die an Hunger leiden wegen dem Lockdown und den verhängten Quarantänen?

Es sollte doch auch ein Minimum an Eigenverantwortung übrigleiben. Wenn man schon weiß, dass man zur Risikogruppe gehört sollte man sich (freiwillig) schützen. Es kann nicht sein, dass der Staat die Bürger wie kleine Kinder bevormundet. Zudem gab es auch Bussen.

Schweden hat es trotzdem es besser gemacht:

https://www.youtube.com/watch?v=wL_mpYyLJIE
Paolo Ermotti, am 06. Juni 2020 um 12:26 Uhr
Vorab: dieser Artikel gehört zum Besten, was zum Thema Corona geschrieben wurde. Verstand in den Zeiten der Pandemie (in Abwandlung von Garcia Marquez) ist offenkundig Mangelware. Statt dessen wird eine üble Jauche aus Verschwörungsfetischisten, Faschisten und Ähnlichem hochgespült, sekundiert von verängstigten, aber unwissenden Kleinbürgern, denen der Realitätssinn abhanden gekommen ist. An die Stelle eines kenntnisgeleiteten Diskurses setzen sie auf die Bestätigung ihrer engstirnigen Weltsicht. Und in diesem Fahrwasser segelt Urs Scherrer. In egomanischer Selbstverliebt und mit gehörigem Narzissmus. Dafür bekommt er Applaus von denen, von denen man niemals Applaus erhalten möchte. Wenn man noch bei Verstand ist. Es geht doch bei all den sogenannten Corona Kritikern nirgends um Verteidigung von Grundrechten oder Freiheiten. Denn die sind ja nicht bedroht. Es geht um die Verteidigung ihres rücksichtslosen Egoismus. Danke Alfred Schlienger für den klugen, kenntnisreichen und nachdenklich machenden Aufsatz.
Bernd Zielmann, am 06. Juni 2020 um 20:07 Uhr
Schöngeist vs Mediziner - Wem glaube ich in dieser Sache wohl?

Herr Schliengers Kontertext und Schimpftirade gegen Dr. Scherrer scheint mir - wie schon in den obigen Kommentaren erwähnt wurde, unangebracht und stellenweise unkorrekt. Wer sich z.B. mit Schweden auseinandersetzt, mag folgenden Rubikon-Artikel sehr aufschlussreich finden:

https://www.rubikon.news/rubrik/6/artikel/haltet-den-dieb-3

Im übrigen scheint es mir allzu vereinfachend, wenn man - wie unter Punkt 4 - ein paar umstrittene Kommentare von Kritikern herauspickt, nur um dann die Kritiker der aktuellen Massnahmen als Ganzes herabzusetzen. Der Eindruck wird noch verstärkt durch die ausführlich gestreuten und despektierlichen Etiketten wie z.B. «disparate Corona-Rebellen» oder deren «populistischem» Wunsch nach Rückkehr zur Normalität.

Leider ist auch die Qualität der Kommentare dazu höchst unterschiedlich. Kommentare wie die von Herrn Zielmann begnügen sich leider - analog der öffentlichen-rechtlichen Medien - mit der blossen Etikettierung der Kritiker als Verschwörungsfetischisten, Egoisten und Faschisten, und dies ohne jegliche inhaltliche Auseinandersetzung. Herr Zielmann: Solche Kommentare würgen die dringend benötigte öffentliche Diskussion ab, statt sie zu fördern! Es stehen noch zuviele wichtige Fragen im Raum, als dass man sich auf den Standpunkt stellen könnte, dass die öffentliche Darstellung der Krise und ihren Massnahmen nur von Schwachsinnigen kritisiert werden könnte.
Stefan Ress, am 07. Juni 2020 um 07:36 Uhr
Eine sehr gute Replik auf die naiven Äusserungen die man in diesen Zeit so oft hört und liest, nicht nur die von Urs Scherrer, der darum dazu wohl nichts mehr zu sagen hat, weil er es nicht mehr kann. Und die den Artikel ablehnenden Kommentare hier über diesem, tappen in die selbe naive Argumentationsfalle: man pickt sich eine kleine Ungenauigkeit heraus (Bussen für die Nichteinhaltung der Distanzregeln gab es, doch wenige an der Zahl), um dem gesamten Artikel die Glaubwürdigkeit zu entziehen. Tja, wenn es dem Seelenfrieden der Schreiber dient, dann sei es ihnen belassen. Substanz aber hat es keine.
Wolfgang Schäuble erstaunt mich immer wieder. Lange Jahre habe ich vor allem den Machtmenschen in ihm gesehen, aber er ist nie dem Populismus verfallen.
NZZ, SVP, AFD, WeWo, die Aluhutfraktion (Impfgegner, 5G-Gegner...), Kirche (Chur, Grichting, Sekten), Trump, Bolsonaro, Johnson, Obrador usw. usf. sind genau die, die nach Freiheit rufen, aber nur für sich und ihresgleichen. Wären diese dauerhaft an der Macht oder hätten das Sagen, wäre es um unser aller Freiheit tatsächlich geschehen. Das hat gar nichts mit Corona zu tun, aber Corona hat die Fronten weiter geklärt. Mich wundert nur, dass so viele Menschen auf diese ...(ich verkneife mir hier die Bezeichnung) herein fallen.
Denn eines ist doch nachweisbar und klar ersichtlich: Es wird mehr dort gestorben, wo die Dummköpfe an der Macht sind. Ein Blick auf die Zahlen reicht.
Jan Holler, am 07. Juni 2020 um 08:53 Uhr
Herr Schlienger: «Für Entscheidungen über Leben und Tod aber ist der Utilitarismus – meines Erachtens – absolut untauglich».
Was anderes als Utilitarismus ist denn der staatlich verordnete Lockdown? Es geht ja beim Lockdown gerade darum möglichst viele Leben zu retten und das auf Kosten von möglichen anderen negativen, evtl. tödlichen Folgen wie Zunahme von häuslicher Gewalt, Depressionen, abgesagte Operationen, unterlassene Arztbesuche, etc.
Weiter muss Herr Schlienger keine konstruierten Dilemmas herbeiziehen: Auf der Intensivstation hat es zu wenige Betten. Wer wird zuerst behandelt? Eine Entscheidung die einige Ärzte sich in letzter Zeit tatsächlich stellen mussten und nicht eine anregende Diskussionsrunde unter Mentor und Studenten. Behandeln wir zuerst den 95-Jährigen mit Herzschrittmacher und Diabetes oder den 50-Jährigen Familienvater ohne Vorerkrankungen? Gehe ich richtig in der Annahme, dass Herr Schlienger das Los entscheiden lassen würde?
Den Corona-Rebellen wirft Herr Schlienger unter anderem Egomanie vor. Dabei ist es gerade umgekehrt. Krebs, Autounfälle, Aids oder zig Millionen Hungertote führten noch nie zu einem Lockdown. Weshalb? Es ist nicht ansteckend oder weit weg. Es bedroht mich in meinem Elfenbeinturm hier in der Schweiz nicht. Dieses böse, schlimme Virus aber schon. Das könnte mich oder meine Liebsten treffen also muss alles dagegen unternommen werden. Das ist Egomanie Herr Schlienger!
Martin Okle, am 07. Juni 2020 um 09:15 Uhr
Sie haben aber schon bemerkt, dass die sogenannte Epidemie in der Schweiz nicht stattgefunden hat? Weder die erste Welle die von Gesundheitsdirektorin Rickli am 25.3. prognostiziert wurde, noch die zweite, die sie am 7.5. befürchtete, ist so eingetroffen. Die Spitäler in der Schweiz kamen nie an die Kapazitätsgrenzen, eine Studie der ETH besagt, dass diese Entwicklung nicht direkt mit dem Lockdown zu begründen wäre.
Wenn nun vor diesem Hintergrund jemand wagt, die „offizielle Meinung“ zu hinterfragen, muss er sich also als „Jauche, Faschist, egomanisch, selbstverliebt narzisstisch, engstirnig und ohne Verstand“ beschimpfen lassen? Ist das Ihre Auffassung einer klugen, kenntnisreichen und sachlichen Diskussion? Wenn Sie schon Marquez zitieren, dann sollten Sie zumindest den Titel soweit verstehen, dass es um Menschlichkeit in schwierigen Zeiten geht, Ihre haltlosen Diffamierungen sprechen aber leider eine andere Sprache.
Vielleicht lesen Sie in Ruhe nochmals beide Artikel sowie Ihren Leserbrief durch und fragen sich, weshalb Sie und Herr Schlienger genau das machen, was Sie Herrn Scherrer vorwerfen, ich tippe mal auf Projektion. Es scheint, dass diese Art der Verdrängung um so heftiger wird, je mehr Ihr Standpunkt von der Realität widerlegt wird und sich zeigt, dass Herr Scherrer mit seiner Analyse schon vor Wochen richtig lag.
"Verstand ohne Gefühl ist unmenschlich;
Gefühl ohne Verstand ist Dummheit.» (Egon Bahr)
Philippe Schaunig, am 07. Juni 2020 um 11:37 Uhr
Die zuverlässigste Zahl, die man zum Vergleichen der Anti-Corona-Massnahmen heranziehen kann, ist die Übersterblichkeit im fraglichen Zeitraum. Auf der Site https://www.euromomo.eu/graphs-and-maps/ zeigt eine Zusammenstellung für einige europäische Länder. Es ist sofort ersichtlich:
- Die Länder mit den schärfsten Massnahmen (Quarantäne für alle) sind NICHT diejenigen, welche tiefe Übersterblichkeit ausweisen.
- Viele Ländern zeigen überhaupt keine Übersterblichkeit
- Zwischen der Schweiz und Schweden bestehen kein substantieller Unterschied.
All dies unter der Annahme, dass die betrachteten statistischen Abweichungen auf die Corona-Pandemie zurückzuführen sind (was nahe liegt).
Mir scheint, beide Pole der Diskussion vertreten zu extreme Positionen: Weder war der Lockdown in der Schweiz insgesamt unangemessen, noch bestand zu irgendeiner Zeit eine kritische Situation im Gesundheitswesen oder eine wirkliche Gefahr für die Bevölkerung. Wir sollten uns alle glücklich schätzen, dass es so und nicht anders herausgekommen ist. Dies ist vor allem auch eine Leistung des Bundesrates! Die zugespitzten philosophischen Ausführungen von Herrn Schlienger sind dagegen eher von akademischem Interesse und (zum Glück) für die aktuelle Situation nicht relevant - ebenso wenig wie die früheren Ausführungen von Prof. Scherrer es waren.
Markus Stadler, am 07. Juni 2020 um 20:37 Uhr
Es scheint, als seien wir, zumindest in der Schweiz, bei der Corona-Pandemie noch einmal glimpflich davon gekommen. Die Zahl der Infizierten und Toten ist im weltweiten Vergleich tief, die wirtschaftlichen Einbussen konnten und können dank den zur Verfügung stehenden finanziellen Reserven aufgefangen werden und der Lockdown wurde von der Bevölkerung mit erstaunlichem Augenmass für das unbedingt Notwenige ertragen. Das ist das eine, die positive Seite. Das andere ist nun aber der dumpfe Zynismus, mit dem einige selbsternannte Experten wie z. Bsp. Herr Scherrer im Nachhinein über das medizinisch und politisch verantwortliche Krisenmanagement herfallen. Persönlich spreche ich ihnen das Recht nicht ab, die Sau rauszulassen, bin aber ausserordentlich froh, wenn sich dagegen kritische Gegenstimmen wie die von Alfred Schlienger erheben und die Denk- und Argumentationsmuster dieser arroganten Haudraufs durchleuchten und auseinandernehmen.
Matthias Scheurer, am 09. Juni 2020 um 00:17 Uhr

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