Auch bei der Einnahme von rezeptfreie Schmerzmitteln ist Vorsicht geboten © ARD
«Schmerzmittel-Werbung, die nur das Positive zeigt und Risiken verharmlost, gehört nicht ins Fernsehen» © ARD
«Ich würde die Einnahme von Diclofenac nicht empfehlen» © ARD

Rezeptfreie Schmerzmittel: Unterschätzte Gefahr

Red. / 04. Okt 2017 - Forscher warnen: Vermeintlich harmlose Schmerzmittel können schwere Nebenwirkungen haben. Die Werbung blendet die Risiken aus.

Bei Schmerzen greifen viele zu bekannten Mitteln wie Aspirin, Ibuprofen, Paracetamol und Diclofenac. Die Lösung scheint unkompliziert und sicher, die Tabletten gibts fast an jeder Ecke ohne Rezept. Doch so harmlos, wie viele annehmen, sind die rezeptfreien Schmerzmittel nicht. Man darf sie nicht zu häufig und nicht zu lange einnehmen. Denn die Medikamente haben drastische Nebenwirkungen, die im schlimmsten Fall sogar tödlich enden können, warnen Mediziner im ARD-Magazin «Plusminus».

Risiko für Herzstillstand nimmt drastisch zu

In Dänemark haben Forscher den Zusammenhang zwischen Schmerzmitteln und den gefährlichen Folgen jetzt genauer untersucht. Die Auswertung des Teams um Kathrine Sondergaard vom Copenhagen University Hospital zeigt: Manche Mittel sind hochgefährlich. Bereits nach einer Einnahmedauer von mehr als vier Tagen erhöhen sie das Risiko für einen Herzstillstand dramatisch. Das im «European Heart Journal» veröffentlichte Ergebnis: Bei der Einnahme von Diclofenac stieg die Wahrscheinlichkeit eines Herzstillstands um 50 Prozent im Vergleich zu Patienten, die keine Schmerzmitteln genommen hatten. Bei Ibuprofen lag das Risiko um 31 Prozent höher. Für ihre aktuelle Analyse haben die dänischen Forscher die Daten von rund 29’000 Herzstillstand-Patienten  aus den Jahren 2001 bis 2010 ausgewertet. Knapp 3400 der Patienten hatten bis zu einen Monat vor ihrem Herzstillstand Schmerzmittel genommen.

«Ich würde die Einnahme von Diclofenac nicht empfehlen» (Quelle: ARD)

Das Fazit der Studienleiterin Kathrine Sondergaard: «Ich würde die Einnahme von Diclofenac nicht empfehlen, vor allem, wenn Sie Herzkrankheiten oder mehrere Risikofaktoren für Herzkrankheiten haben. Das gilt aber auch für die Allgemeinbevölkerung.»

Mehr als 2000 Todesfälle jedes Jahr

Die vermeintlich harmlosen Schmerzmittel können auch Magen, Nieren und Leber schwer schädigen. Jedes Jahr werden deshalb mehrere tausend Deutsche ins Spital eingeliefert, schätzt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Die Ärztin Heike Rittner von der Schmerztagesklinik in Würzburg sieht bei ihren Patienten häufig die Folgen: «Es gibt Magenblutungen, es gibt Magendurchbruch, Nieren- und Leberversagen», berichtet sie. Schätzungen zufolge sterben in Deutschland pro Jahr 2000 Menschen an den Nebenwirkungen von Schmerzmitteln. Vermutlich liegt die Zahl sogar noch höher, denn bei Herzinfarkten oder Schlaganfällen denken viele nicht an Schmerzmittel als mögliche Ursache.

Gesundheitsexperten warnen immer wieder vor dem allzu sorglosen Umgang mit Schmerzmitteln. Denn dass sie erhebliche Nebenwirkungen haben können, weiss man schon lange.

  • Paracetamol ist stark leberschädigend und führt bei zu hoher Dosierung zu tödlichem Leberversagen. Deshalb wurden vor einigen Jahren die Packungen verkleinert. Zudem erhöht der Wirkstoff das Risiko für Magengeschwüre, Herzinfarkt und Schlaganfall.
  • Acetylsalicylsäure (ASS), besser bekannt unter dem Handelsnamen Aspirin, kann als Schmerzmittel unerwünschte Nebenwirkungen haben, zum Beispiel Magen-Darm-Blutungen, Hirnblutungen, Atemnot und Nierenversagen.
  • Diclofenac kann unter anderem zu Müdigkeit, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen führen, aber auch zu Magen-Darm-Blutungen und Nieren- und Leberversagen, Herzinfarkt und Schlaganfall.
  • Ibuprofen: Als mögliche Nebenwirkungen gelten unter anderem Magen-Darm-Durchbruch, Asthma-Anfälle und Nierenversagen sowie Herzinfarkt.

Das Risiko für solche Komplikationen nimmt zu, wenn noch andere Medikamente im Spiel sind oder wenn jemand bestimmte Vorerkrankungen hat (z.B. hoher Blutdruck). Umso wichtiger ist eine gute Beratung und Aufklärung in der Apotheke. Allerdings zeigen Stichproben immer wieder: Schmerzmittel wandern meist kommentarlos über den Ladentisch, wenn Kunden danach verlangen.

Die Werbung verharmlost Risiken

Vor den Nebenwirkungen warnen die Hersteller zwar auf dem Beipackzettel, doch die Medikamentenwerbung verharmlost und beschönigt, was das Zeug hält: Frei verkäufliche Schmerzmittel werden als unproblematische Lifestyle-Produkte dargestellt, die rasch wieder fit machen, wenn der Kopf oder die Gelenke schmerzen. Das ärgert den deutschen Pharmakologen und Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske. Er möchte TV-Werbung für Schmerzmittel am liebsten verbieten. «Wenn Werbung so aussieht, dass Risiken nicht auftreten, dass das Positive immer im Vordergrund steht, dass der Missbrauch verharmlost wird, dann gehört die Werbung nicht ins Fernsehen, die muss verboten werden», sagt er im Interview mit «Plusminus». Der Hinweis am Schluss der Werbspots, man solle über die Risiken einen Arzt oder Apotheker konsultieren und den Beipackzettel lesen, werde als Warnung meist nicht ernst genommen.

«Schmerzmittel-Werbung, die nur das Positive zeigt und Risiken verharmlost, gehört nicht ins Fernsehen» (Quelle: ARD)

Die Folge: Viele Menschen unterschätzen die Risiken und schlucken Schmerzmittel auf eigene Faust zu häufig, manche sogar täglich – und das über lange Zeit. Aber: «Ohne Verordnung eines Arztes sollten Schmerzmittel nur zwei bis drei Tage lang eingenommen werden, im Monat nicht mehr als zehn Tabletten», sagt Pharmakologe Gerd Glaeske. Er unterstützt deshalb die Forderung von Experten, in Deutschland die Packungsgrössen von frei verkäuflichen Schmerzmitteln zu begrenzen. Nur noch Kleinpackungen mit Tabletten für maximal vier Tage sollen künftig ohne Rezept erhältlich sein. Laut Glaeske wäre das ein wichtiges Signal für Arzneimittelsicherheit. Denn für Menschen, die bedenkenlos und ohne ärztliche Abklärung Schmerzmittel über längere Zeiträume einnehmen, würde damit eine Hürde aufgebaut.

Ein Experten-Vorschlag für limitierte Packungsgrössen liegt bereits seit Jahren auf dem Tisch. Doch das deutsche Gesundheitsministerium zögert mit der Umsetzung und schiebt die Verantwortung weiter. Die Apotheker müssten eben richtig aufklären. Immerhin sollen in Deutschland die Packungen von Schmerzmitteln ab 2018 mit einem deutlichen Warnhinweis zur Einnahmedauer versehen werden.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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