Ärzte-Weiterbildung: 1000 Quadratmeter Wellness im 5-Sterne Hotel Grand Elisée © cc

«Sollen sich Ärzte etwa in Jugendherbergen fortbilden?»

Bernd Hontschik / 25. Mär 2019 - Empört reagierten etliche Ärzte in Deutschland, weil Pharmafirmen ihre Weiterbildungs-Seminare weniger beeinflussen dürfen.

Red. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist in Frankfurt am Main.

Überraschend gab OmniaMed, eine Anbieterin für ärztliche Fortbildungen, ihre Tätigkeit in Deutschland Anfang Februar komplett auf. Was war geschehen?

Im Jahr 2004 wurde in Deutschland gesetzlich geregelt, dass Ärzt*innen ihre erforderlichen Fortbildungsaktivitäten nachweisen müssen. Das geschieht mit Hilfe von sogenannten CME-Punkten («Continuing Medical Education»), die man beim Besuch einer Fortbildungsveranstaltung erwerben kann. Innerhalb von fünf Jahren müssen mindestens 250 CME-Punkte erworben werden.

So entstand ein neuer Markt, Anbieter von Fortbildungsveranstaltungen schossen wie Pilze aus dem Boden, einer von ihnen war OmniaMed mit zuletzt 28 Mitarbeiter*innen und einem Jahresumsatz von über acht Millionen Euro. OmniMed profitierte von den über 200 Millionen Euro, welche die Pharmaindustrie jährlich in die ärztliche Fortbildung investiert.

So seifen Pharmakonzerne Ärzte ein

Eine «Weiterbildung» der Veranstalterin OmniaMedia in einem Hamburger 5-Sterne-Hotel entpuppte sich als Werbung für den x-fach teureren, neuen aber fragwürdigen Blutverdünner Pradaxa. Für die eintägige Versammlung zahlten sieben Pharmafirmen im Jahr 2015 fast eine Viertel Million Euro. Das entsprach rund 1250 Euro pro Kopf der knapp 200 angereisten Hausärzte und Internisten aus Norddeutschland. Lesen Sie den ausführlichen Bericht auf Infosperber.

Ärzt*innen haben dadurch zwar den schönen Vorteil, dass sie für solche Fortbildungen nur geringe oder keine Gebühren bezahlen müssen. Sie können reichlich Punkte sammeln, aber die Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Information ist dahin.

Pharmawerbung als Fortbildung zu verkaufen, das ist vielleicht ein Geschäftsmodell, aber gekaufte Referent*innen halten einseitige Vorträge – sonst bräuchte man sie ja nicht zu kaufen. Solche Veranstaltungen kann man nicht als Fortbildungen bezeichnen. Das sind Werbeveranstaltungen. Das Verordnungsverhalten von Ärzt*innen wird auf diese Weise massiv im Sinne der Sponsor*innen beeinflusst.

Ein kleines freches Ärztegrüppchen namens MEZIS («Mein Essen zahl’ ich selbst») hatte bei der Landesärztekammer Baden-Württemberg interveniert, weil ärztliche Fortbildungen der Firma OmniaMed nicht den Kriterien der Unabhängigkeit entsprächen. MEZIS fand heraus, dass zwischen den Sponsorfirmen aus der Pharmaindustrie und den hochbezahlten Referent*innen enge und hochdotierte finanzielle Beziehungen bestanden.

Ärztliche Fortbildungen müssen aber laut deutschem Gesetz «frei von wirtschaftlichen Interessen» sein. Die Landesärztekammer musste OmniaMed deswegen das Recht entziehen, Fortbildungspunkte zu vergeben. Da war das schöne Fortbildungs-Win-Win- Modell erstmal futsch.

Es geht auch ohne Pharma-Sponsoren

Womit allerdings niemand gerechnet hatte, das war der komplette Rückzug von OmniaMed aus dem deutschen Fortbildungsmarkt. MEZIS behauptet, dass immer noch mehr als 80 Prozent der ärztlichen Fortbildung in Deutschland von der Pharmaindustrie organisiert oder stark beeinflusst wird. Ohne Geld der Pharmaindustrie läuft das Weiterbildungsgeschäft offensichtlich nicht. Deshalb wohl der völlige Rückzug von OmniaMed.

Wirklich schlimm ist die Lücke aber nicht, welche OmniaMed hinterlässt. Schon rücken neue Anbieter nach, an vorderster Stelle das internationale Unternehmen Esanum. MEZIS wird also nicht arbeitslos, denn auch diese Firmen werden ihre Unabhängigkeit von wirtschaftlichen Interessen wenigstens in Deutschland nachweisen müssen.

Als Vorbilder können die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft dienen, die bei ihren Veranstaltungen längst ganz ohne Industrie-Sponsoring auskommen.

Empörte Reaktionen aus der Ärzteschaft

Wirklich schlimm hingegen ist die Reaktion eines Teils der Ärzteschaft auf den Rückzug von OmniaMed. Da ist kaum Zustimmung und Erleichterung zu hören, endlich von den Manipulationen der medizinischen Wissenschaft durch die Pharmaindustrie befreit zu sein.

Im Gegenteil. MEZIS wird im Internet, auf Seiten des Deutschen Ärzteblattes und des Ärzte- Nachrichtendienstes beschimpft:

«Für wie blöd hält MEZIS uns eigentlich?»
«Ich kann zur Zeit keinem mehr empfehlen, hier in diesem Land Arzt zu werden.»
«Sollen sich niedergelassene Ärzte jetzt etwa in Jugendherbergen fortbilden?»
«Wenigstens mein Essen zahlt hoffentlich die Pharmaindustrie weiter.»
«MEZIS gefährdet den medizinischen Fortschritt!»
«Ich hasse diese bigotten Typen von MEZIS.»
«Es ist unerträglich, jeden Referenten wegen Bestechlichkeit vorzuverurteilen.»

Und zu guter Letzt:

«Kauft nicht bei Juden! Esst nicht bei forschenden Pharmaunternehmen! Kann mir bitte jemand den Unterschied erklären?»

Wie bitte? Zuerst dachte ich, ich hätte mich verlesen. Aber nein. Solche abscheulichen Äusserungen kann man fast nur im Internet finden. Ärztliche Foren machen leider keine Ausnahme.

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NACHTRAG:

Am 24. März gab Jan Scholz, Chefredakteur des «Ärztenachrichtendienstes» bekannt, den Meinungseintrag, der den Vergleich mit einer antisemitischen Hetzparole machte, gelöscht zu haben.

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Dieser Artikel erschien in der «Frankfurter Rundschau».

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Chirurg Bernd Hontschik ist u.a. Mitglied bei der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin AIM, bei MEZIS und bei der Ärzte für eine Verhütung eines Atomkriegs IPPNW, ist im Beirat der Akademie Menschenmedizin AMM und im wissenschaftlichen Beirat der Fachzeitschrift «Chirurgische Praxis». Kolumnen von Hontschik erscheinen regelmässig in der Frankfurter Rundschau.

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3 Meinungen

Die Verbandelung von Pharmaindustrie und Ärzten gibt es weltweit. Beispiele findet man im sehr informativen Buch «Die Diktatur der Konzerne» von Thilo Bode. Er schreibt: «Wohin es führen kann, wenn unabhängige Wissenschaftler bedrängt und bezahlt werden, wenn Universitäten auf Millionen aus Konzernkassen angewiesen sind, zeigt die Tragödie, die sich seit einigen Jahren in den USA abspielt. Die Hauptschuld schreiben Experten dem Pharmaunternehmen Purdue und dessen Schmerzmittel OxyContin zu. Sein Wirkstoff ist ein Verwandter von Heroin und bis zu zweimal so stark wie Morphin. Dennoch drückte das Pharmaunternehmen Purdue das gefährliche Produkt mit aggressivem Marketing, Anreizen für Ärzte und bezahlten Studien auf den Markt, so dass es auch Millionen von Menschen verschrieben bekamen, bei denen es nicht angezeigt war. (...) Purdues Verkäufer vermarkteten das Medikament zeitweise als «to start with and to stay with»... (...) Nach offiziellen Angaben starteten vier von fünf Heroinkonsumenten ihre Suchtkarriere mit verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln wie OxyContin."
Bleibt zu hoffen, dass europäische Ärzte mehr Verantwortungsbewusstsein haben. Nur: Wo Geld im Spiel, hat die Verantwortung kurze Beine. So gesehen, wäre es vielleicht besser, die Ärzte würden sich in Jugendherbergen weiterbilden. Oder in den Hörsälen der Universitäten. Da gehörte die Bildung eigentlich hin. Aber viele derer Säle gehören auch der Pharma. Da sieht man schön, für wen die Politik Politik macht.
Ruedi Beglinger, am 25. März 2019 um 12:37 Uhr
Vor Jahren habe ich einmal einen Artikel zum Thema in einer Fachzeitschrift für Werbetreibende gelesen (wenn ich mich richtig erinnere eine Amerikanische), dort wurden die Zahlen, der weltweit agierenden Pharmaunternehmen aufgeschlüsselt, Verwaltung, Forschung, Marketing, usw. Die Ausgaben für Marketing/Kundenbindung waren bei weitem am höchsten (damals ein vielfaches der Forschung).
Als gutes Beispiel, da interessant für Werbetreibende, wurde ein Kongress zu einem neuen Medikament angeführt. Dieser wurde in Las Vegas, in einem Luxushotel (inkl. Spielgeld für die «verdienten» Teilnehmer aus aller Welt) durchgeführt. Die Ärzteschaft musste zwar einen Teil der Flugkosten übernehmen, der Rest des Wochenendes aber war bezahlt, der Vortrag selber dauerte gerademal 2 Stunden. Eine Belohnung für deren Einsatz, versteckt als Weiterbildung, alles legal.

Der Artikel fällt mir seither immer ein, wenn mal wieder die hohen Forschungskosten der Pharmaindustrie, für die steigenden Medikamentenpreise angeführt werden. Die harrschen Reaktionen der Ärzteschaft (einmal abgesehen von der unverdaulichen) erstaunen mich somit nicht.
Alex Bötschi, am 25. März 2019 um 15:18 Uhr
Da kommt davon, wenn möglichst viel und immer mehr Geld machen,
immer weiter vor Mitmenschlichkeit steht. Spezialisten für Sprache empfehlen denn Frame «Monetarisierung» für den Sachverhalt.
Woran ist ein vertrauenswürdiger Arzt zu erkennen ? - Na ...
Er bestätigt diese Zustände und die Monetarisierung im kranken Krankheitswesen.

Glaube bloss keiner, dass in der schönen neuen Datenwelt die Pharmafirmen nicht genau wissen, welcher Arzt welche Pharmaprodunkte wie oft verschreibt.
Die Ärzte werden dann darin fortgebildet, dass es sich für sie nicht lohnt, bewährte Generika mit langfristig gebildeten Erfahrungswerten bezüglich Nebenwirkungen zu verschreiben.
Paul Meyer, am 26. März 2019 um 13:27 Uhr

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