Schweizer Medikamente gegen hohen Blutdruck «made in China» © cc

Krebserreger in Blutdrucksenkern Valsartan

Urs P. Gasche / 12. Jul 2018 - Den Wirkstoff Valsartanum lassen Pharmafirmen in China günstig herstellen. Eine Charge mit Krebserregern wird zurückgezogen.

Eine Woche nach den deutschen, britischen und den Behörden vieler andern Ländern hat auch die Schweizer Swissmedic am 11. Juli einige Chargen des Blutdrucksenkers Valsartan aus Arztpraxen und Apotheken zurückrufen lassen. Noch am 12. Juli wussten Ärzte des Medizinischen Zentrums Biel und andere Hausärzte auf Anfrage von Patienten nichts davon.

Die Zeitverzögerung erklärt Swissmedic mit «eigenen toxikologischen Abklärungen».

Krebserreger der Familie der Nitrosamine

Der bei der chinesischen Firma «Zhejiang Huahai Pharmaceutical» eingekaufte Wirkstoff soll mit der krebserregenden Substanz der Gruppe der Nitrosamine, N-Nitrosodimethylamin, verunreinigt sein.

Patientinnen und Patienten sollen die betroffenen Blutdrucksenker nicht absetzen. Denn, so Swissmedic: «Das gesundheitliche Risiko bei einem eigenmächtigen Absetzen der Medikamente liegt um ein Vielfaches höher als das mögliche Risiko durch die gemeldete Verunreinigung.» Kommt dazu: Die Folgen eines viel zu hohen Blutdrucks treten unter Umständen relativ rasch ein, während bis zu einer Krebserkrankung viele Jahre verstreichen können. Allerdings gibt es zu Valsartan viele Alternativen.

Swissmedic schreibt keine Herkunftsdeklaration vor

Was Pharmakonzerne verheimlichen: Viele Wirkstoffe und Hilfsstoffe in Schweizer Arzneimitteln werden in Billigländern produziert. Pharmakonzerne verkaufen ihre aus Billigländern, namentlich China und Indien, importierten Wirk- und Hilfsstoffe zu rekordhohen Schweizer Preisen. Auf den Packungen steht «Sandoz, Steinhausen», «Novartis, Bern» oder «Roche Pharma, Reinach».

Swissmedic erklärt, sie sei laut dem vom Parlament beschlossenen Heilmittelgesetz für die Aufklärung der Konsumenten über die Herkunft der Wirk- und Zusatzstoffe nicht zuständig, sondern nur für die Sicherheit der Arzneimittel. Diese sei auch in China oder Indien gewährleistet, weil «alle Medikamente nach gleichen internationalen GMP-Richtlinien hergestellt werden müssen». Deshalb spiele es für die Patienten keine Rolle, welches Land sie produziert. Anders als bei Lebensmitteln werde das Produktionsland der Wirkstoffe in keinem Land deklariert. «Diese Vorgabe gilt international», erklärt der Swissmedic-Sprecher. Eine solche «Vorgabe» können international wohl nur die Pharmakonzerne durchsetzen. Swissmedic finanziert sich wesentlich von Gebühren der Pharmafirmen.

Swissmedic wollte nicht einmal bekannt geben, wie viele Wirk- und Hilfsstoffe der Schweizer Medikamente insgesamt aus welchen Ländern stammen – ohne Namensnennungen.

Hundert Todesfälle allein in den USA wegen verunreinigtem Heparin

In den letzten Jahren kam es bereits mehrmals zu Rückrufen von Medikamenten, deren Wirk- oder Hilfsstoffe in China oder Indien produziert werden.

Der krasseste Fall: 2007 und 2008 starben in den USA über hundert Menschen, weil sie verunreinigtes Heparin aus China injiziert bekommen hatten. Heparin wird aus dem Darmschleim von Schweinen hergestellt. Dieser Blutverdünner wird gegen Embolien und Thrombosen sowie bei Operationen eingesetzt.

In Europa musste die «European Compliance Academy», eine Stiftung zur Überprüfung der GMP-Richtlinien, im Juli 2012 feststellen, dass «viele Wirkstoffe ausserhalb der EU ohne die nötige GMP-Aufsicht produziert» würden. Man habe keine Lehren aus dem Heparin-Fall gezogen. Viele regionale Behörden in China und Indien würden die GMP-Regeln nicht durchsetzen.

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Vom Rückruf betroffene Chargen Valsartan

Valsartan der Firma Axapharm des Apothekervereins:

Valsartan der Firma Helvepharm des Sanofikonzerns:

Valsartan der Firma Mepha des Teva-Konzerns:

Valsartan der Firma Spirig des Stada-Konzerns:

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Probleme mit «Swiss made»-Medikamenten aus Indien, 16.6.2014

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2 Meinungen

Was ja an sich schon fast nicht zu glauben ist, ist wie viele medizinische Präparate von verschiedensten Herstellern günstig in China produziert werden und teuer in der Schweiz verkauft. Und, falls ich aus welchen Gründen auch immer (z.B. Ferienaufenthalt), nicht sofort einen Arzttermin erhalte, habe ich die Wahl des Risikos zwischen etwas Krebserregendem zu schlucken oder das Medikament abzusetzen und vielleicht in den nächsten Tagen einem Herzinfarkt zu erlegen?!
Romy Paroz, am 12. Juli 2018 um 21:15 Uhr
Immerhin wird jetzt öffentlich, was wir schon seit Jahren wussten. Die Unterdrückung der Angabe des Herkunftslandes scheint übrigens eine schweizerische Spezialität zu sein. In vielen Ländern wurde, wenigstens noch vor kurzem, das Herkunftsland deklariert.

Nur beim Fleisch gilt in der Schweiz die Deklarierung des Herkunftslandes unter allen Umständen. Bei den Medikamenten genügt offenbar der «gute» Name des Wiederverkäufers.

Bis zur Ausgabe 2002 des «Pharmamarkt Schweiz» hat auch die Interpharma die «Nationalität» des Vertreibers mit dem Herkunftsland der Präparate als Synonyme betrachtet. Seither wird die Zuordnung zur Vertreiberfirma stärker betont, die Herkunft der Substanzen aber weiterhin ignoriert.

Vgl. dazu mein Papier «Medikamentenpreise und Medikamentenmarkt in der Schweiz» von 2007, Fussnoten 12 und 24.

https://www.preisueberwacher.admin.ch/dam/pue/de/dokumente/studien/medikamentenpreiseundmedikamentenmarktinderschweiz.pdf.download.pdf/medikamentenpreiseundmedikamentenmarktinderschweiz.pdf
Josef Hunkeler, am 12. Juli 2018 um 22:37 Uhr

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