Nestlé & Co. sprechen von Transparenz – und torpedieren die übersichtliche Nahrungsmittelampel. © cc

Konzerne wollen gesunde Lebensmittel vorgaukeln

Tobias Tscherrig / 17. Jan 2018 - Grosskonzerne der Nahrungsmittelindustrie setzen sich für die Ampel-Deklaration ein. Hinter dem Engagement steckt Kalkül.

Die Weltbevölkerung wird immer dicker. Weltweit sind mehr als zwei Milliarden Menschen übergewichtig oder fettleibig – Tendenz steigend. Schon längst ist Übergewicht zu einem der schwierigsten Gesundheitsprobleme geworden, die Folgen sind gravierend: Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, chronische Nierenerkrankungen und Krebs sind nur einige davon. Daran starben im Jahr 2015 etwa vier Millionen Menschen.

Die Ursachen für Übergewicht und Fettleibigkeit sind vielfältig. Die wichtigsten sind mangelnde körperliche Bewegung und falsche Ernährung. Hohe Fettanteile und kurzkettige Kohlenhydrate sind Feinde unserer Gesundheit, das aggressive Marketing und die rücksichtslose Expansion der grossen Lebensmittelkonzerne helfen bei der Verbreitung.

Lobbying statt Transparenz

Gesundheitspolitiker und Konsumentenschützer weisen seit Langem auf die unzureichenden und unübersichtlichen Informationen auf Lebensmittelverpackungen hin, die den Kunden die Auswahl von gesunden Produkten erschweren. Deshalb forderten sie eine verbindliche Ampel-Kennzeichnung für die EU: Je nach Fett-, Zucker- oder Salzanteil eines Produktes wäre es mit den Farben Grün, Gelb oder Rot gekennzeichnet worden.

Gesundheitsexperten unterstützten das Vorhaben und bezeichneten es als zielführend. Alle, auch wenig Informierte, könnten so direkt erkennen, welche Produkte gesund seien.

Die Lebensmittelbranche befürchtete Umsatzeinbrüche, geisselte die Ampel-Kennzeichnung als plakativ und startete in Brüssel ein umfassendes Lobbying. Das Ampel-System sollte um jeden Preis gekippt werden. Um ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen, sorgten die Konzerne vor und «unterwarfen» sich freiwillig Richtlinien, die sie selber entworfen hatten – und die weit weniger weit gehen als das aus ihrer Sicht drohende Ampel-System. Dann begann der Kampf der Studien: Die Lebensmittelindustrie bezahlte für zahlreiche Publikationen, die belegen sollten, dass die brancheneigenen Richtlinien weit zielführender seien als das Ampel-System. Die Gegenseite antwortete mit weiteren Studien.

Doch die Spiesse waren nicht gleich lang: «Auf einen Ampel-Befürworter kommen etwa 100 Lobbyisten der Industrie», sagte etwa Nina Holland vom Corporate Europe Observatory im Tagesanzeiger. Die Industrie siegte. Die EU-Kommission schlug vor, die freiwilligen Richtlinien der Nahrungsmittelindustrie obligatorisch zu machen.

Schweiz kriecht zu Kreuze

Auch die Schweiz unterwarf sich den Richtlinien der Industrie. Als in einer SP-Interpellation die Frage gestellt wurde, weshalb der Bundesrat gegen die Einführung der Ampelkennzeichnung von Lebensmitteln sei, antwortete er: «Auf eine schweizerische Sonderregelung, wie eine verpflichtende Ampelkennzeichnung, soll verzichtet werden. Diese würde zu einem technischen Handelshemmnis führen. Produkte aus dem Ausland müssten eigens für den Schweizer Markt mit einer spezifischen Etikette versehen werden, was die Importe verteuern würde.»

Ausserdem sei das Ampelsystem aus wissenschaftlicher Sicht kritisch zu hinterfragen. «Es ist kaum möglich, Lebensmittel mit einem so vereinfachten System, wie es das Ampelsystem ist, in die Kategorien ‹gesund› bzw. ‹ungesund› einzuteilen.» Eine Argumentation, die stark derjenigen der Industrie gleicht.

Rechentrick der Industrie

Im März 2017 kündigten Nestlé, Unilever, Mondelez, Coca-Cola und Pepsi plötzlich einen Vorstoss für eine «weiterentwickelte Farbkennzeichnung» an. Freiwillig. Vorbei sind die Zeiten, als sich die Lebensmittelindustrie mit Händen und Füssen gegen die Ampel-Kennzeichnung wehrte. Vergessen sind die zahlreich publizierten Studien, die der Industrie Argumente gegen das Ampelsystem liefern sollten. Stattdessen gibt sich die Industrie kundenfreundlich und will den Konsumenten dabei helfen, sich gesünder zu ernähren. So der Tenor.

Doch der Dienst an der Gesundheit der Konsumenten ist erneut nur Schein. Statt die Angaben transparent und objektiv auf den Verpackungen anzubringen, lässt die Industrie-Ampel die Produkte sogar gesünder aussehen, als sie wirklich sind. «Selbst bei Süssigkeiten wie Nutella und fettig-salzigen Snacks wie Tuc-Crackern würde das Ampel-Modell der Lebensmittellobby nicht auf ‹Rot› springen», schreibt der Verein foodwatch.org, der die Pläne der Lebensmittelindustrie unter die Lupe nahm.

Das erreichen die Lebensmittelkonzerne mit einem Rechen-Trick. Die strengere Original-Ampel berechnet die jeweilige Ampelfarbe auf der Grundlage von 100 Gramm. Nicht so die Industrie-Ampel: Sie berechnet die Farbgebung auf Basis von Portionsgrössen, erklärt foodwatch.org. Das Resultat: «Nutella, das zu fast 90 Prozent aus Zucker und Fett mit einem hohen Anteil gesättigter Fettsäuren besteht, bekäme in der Original-Ampel drei rote Punkte – in der Industrie-Ampel aber keinen einzigen. Ähnlich bei den Nesquik-Frühstücksflocken von Nestlé: Auch hier würde durch das Industrie-Modell die rote Ampel für den hohen Zuckergehalt verschwinden.»

Das ist das eigentliche Ziel der Industrie: Eine Lebensmittelampel einführen, die selten bis nie auf Rot springt.

Lobby-Manöver auf Kosten der Gesundheit

Damit geht die Industrie erneut den Weg, den sie beim drohenden Ampelsystem schon einmal gegangen ist: Statt sich den Vorschlägen von Konsumentenschützern und Politikern zu beugen, werden eigene installiert. Dann folgt das andauernde und kostenintensive Lobbying, bis sich die Politik schliesslich den Nahrungsmittelkonzernen beugt. Proaktives Lobbying heisst das Zauberwort.

Foodwatch.org fasst dieses Lobby-Manöver treffend zusammen: «Mit ihrer neuen Initiative präsentieren sich die Lebensmittelriesen als Teil der Lösung – doch in Wahrheit sind sie Kern des Problems. Denn irreführende Nährwertangaben tragen ihren Teil dazu bei, dass Fehlernährung weit verbreitet ist und mehr als die Hälfte der Erwachsenen sowie etwa jedes fünfte Schulkind in der EU übergewichtig oder sogar fettleibig sind.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

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Eine Meinung

Irgendwelche Ampel-Regelungen zweifle ich für mich persönlich sehr an. Ich esse wann und auf was ich Lust habe - so die Speise vorhanden ist.
Vermutlich würde ich sehr viel «rot» essen, denn ich habe gerne täglich meine Vollrahm-Milch, Butter und liebe das Fett am Fleisch, Schokolade auch, aber da gibt es schnell mal Pickel.
Mit meinen 68kg bei 1.80m und 74 Jahren kann ja nicht mehr viel schief gehen.
Wenn ich über 70kg komme, wird es bergauf anstrengender und ich esse nur noch wenn ich Hunger habe, nicht einfach aus Lust. Dann bin ich innert 1-2 Monaten wieder auf 67kg. Passiert alle 2-3 Jahre mal - klappt wunderbar.
Was bringen mir da die Ampeln?
Heiner Graafhuis, am 17. Januar 2018 um 21:36 Uhr

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